Als das
Tagbuchschreiben ins Internet trat, beging es zwei
Paradoxien: erstens vollzog es sein Tagwerk, Gewesenes als
Gegenwart zu bewahren, im flüchtigsten aller Medien und
zweitens, schlimmer noch, tat es dies im Licht der
Öffentlichkeit. Damit änderte sich das Prinzip des
Tagebuchschreibens, wie wir alle es aus unserer Jugend
kennen. Man schrieb nicht mehr für niemand bzw. nur
für sich, sondern formulierte gleich forsch und
unberufen für die ganze Welt. Statt stiller
Verarbeitung lautstarke Verankerung - gewiss ein Signum
unserer Zeit.
Und so wurde auch das
Tagebuch zum Mitschreibprojekt. Man nehme den
Tagebau,
wo jeder seine Erlebnisse oder Gefühle am aktuellen Tag
niederlegen kann und der veröffentlichte Liebeskummer
mitunter noch vor dem Schlafengehen auf Trost
stößt. Eine andere Netz-Adaption ist der
Tagebuch-Webring,
die Vereinigung der Tagebuchschreiber, die sich mit
konzentrierten Lies-mich-Beschreibungen der gelisteten
Webdiaries ihren Kunden stellt. Wenn diese Webringe auch
noch Dear Diary heißen, wird die vorliegende Paradoxie
schon in der Öffentlichkeit der intimen Anrede deutlich
- und schön ist natürlich auch eine Bemerkung wie:
"wegen Urlaub geschlossen"!
Dichter im
Netz
Wenn ein doppelter Doktor
und bekannter Schriftsteller Tagebuch schreibt, verhält
es sich mit dem Veröffentlichen schon anders. Da wird
ein Name eingebracht, der für Qualität bürgt:
vielleicht auch der Erlebnisse, zumindest aber der
Niederschrift. Was ersteres angeht, so ist ein bisschen
Yellow-Press schon dabei, wenn Goetz auf Partys mit anderen
bekannten Namen zusammentrifft. Ansonsten bleibt Alltag
Alltag. Man begegnet allen möglichen Verrichtungen des
Tages, und da ein Schriftsteller schreibt, gehört dazu
auch die Schriftstellerei, über die Goetz ja ohnehin am
liebsten schreibt. Und weil die Medien unseren Alltag
bestimmen, und den von Goetz insbesondere, sind auch sie
reichlich vertreten, allen voran "big Mama TV". Und so
erfährt man immer, was im Fernsehen so lief:
Günter Jauch bei Harald Schmidt, aus der Blechdose
Hundefutter naschend, der nekrophile Pathologiestudent bei
Domian, Joschka Fischer bei Biolek. Dazu Goetz Kommentare,
mehr oder weniger ausführlich, mehr oder weniger
ergiebig.
Die Eintragungen können
so banal und harmlos werden wie in Thomas Manns
Tagebüchern: "1857 eingekauft / und Nachrichten
gekuckt" oder "1915 Anruf / von Claudius. Nochmal über
die gestrige Arbeit". Es wird auch nicht immer klar, worum es
eigentlich geht: "1234 Kaffee / ist aus - Tee gekocht -
Perversion / Verhakungsprobleme - das sowieso Erbe gedacht -
/ dann: a ja! - DAS sollte doch das Motto werden, morgens,
gestern, für den zweiten Tag - in der FAZ, im Monika
Maron Bericht gelesen - bloß wo ist der jetzt?!"
Dazwischen schöne Kommentare zu bekannten Büchern.
Oder Goetz Meinung über Redakteure, die ausdauernd
seine Werke verreißen. Und Theaterbesuch und Techno
und die Neueröffnung in der Linienstraße 155:
"Noch so ein toller renovierter Innenhof mit alter
Kastanie". Anders als bei Thomas Mann erfuhr man es hier
aber immer gleich, denn der Tag stand noch zur Nacht im
Netz. Die Leser saßen dem Autor praktisch im Nacken.
Die Öffentlichkeit war sofort und
uneingeschränkt.
Dichter an sich
Während Goetz
öffentlich Tagebuch schrieb, las er die
öffentlichen Tagebücher anderer: Ernst
Jünger, Peter Rühmkopf, Helmut Krausser. Nun gibt
es also auch sein Tagbuch als Buch. Die Printausgabe
korrigiert das eine Paradox des Tagebuchs im Internet - Buch
ist Dauer - und schaffte ein neues: sie darf sich nicht von
der digitalen Fassung unterscheiden. Das würde sehr
schnell auffallen, denn man hatte vorher ja auf Goetz
Homepage einen Zeitbaum entlang zu allen bisherigen Tagen
navigieren und die abgelegten Texte zum Offline-Lesen
runterladen können. Das Projekt endet mit der absoluten
Identität des Tagebuchschreibers mit sich
selbst.
Diese Identität ist
freilich bei jedem Tagebuch groß. Denn anders als z.B.
bei der Autobiographie schreibt nicht der 60jährige
über das Ich, das er vor 20, 30, 40 Jahren war, sondern
schreibendes und beschriebenes Ich liegen auf einer
Zeitebene. Aber immer gab es die Stunde der Druckfahnen,
immer gab es den späteren Blick auf das einst
Geschriebene und die Chance zu Änderungen. Im
vorliegenden Fall fehlt diese Stunde. Was im Augenblick
online gestellt wurde, muss nun auch aufs Papier. Das Buch
gehorcht letztlich den Regeln des Netzes. Wie schrieb doch
Arno Schmidt in Sachen Tagebuchschreiben: "Einzig bei Dem,
den vor seinen eigenen Eintragungen, etwa 1 Jahr
später, Ekel überkommt: bei Dem ist durchaus noch
Hoffnung!" Zu spät!
Rainald Goetz, Abfall
für alle. Roman eines Jahres, 864 S., Suhrkamp,
Frankfurt am Main 1999
Ihr
Kommentar

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