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7 Bier und keine Folgen
"Same Day Test" von Gavin Inglis

von Roberto Simanowski

Eigentlich hätte Same Day Test ein idealer Hypertext werden können: die Wahl als Struktur-Modell für wenn es eigentlich schon zu spät ist; das Ganze nicht zu komplex und noch beherrschbar durch den Autor. Da führt jede Navigationsentscheidung zu ihrer eigenen Datei. Warum hat Inglis dann nur die Uhrzeit geändert - als hätten drei, vier Bier mehr keine anderen Folgen als Zeitverzug!



Es beginnt, wie man sich solche Anfänge vorstellt: Gabrielle ist am Telefon, man hat Monate nichts mehr von einnander gehört, nun ruft sie an: "Tom. I'm positive. You'd better get a test." Dann zerbricht die den Hörer. Unter dem Text stehen zwei Links zur Wahl: Gabrielle und Phone Infirmary. Wer erst mehr über Gabrielle erfahren will - 8.51 Uhr -, ist danach wieder vor die Wahl gestellt: Phone Infirmary / Don't. Klickt man letzteres, liest man unter 9.30 Uhr: "It's better not to know. Because in a way, knowing you have a terminal disease is like already being dead. Your imagination is limited by your knowledge of the future..."

Von dieser Seite geht kein Link mehr aus, die Geschichte ist am Ende angekommen, und diese Pointe macht schon einmal reichlich Gebrauch von der Freiheit des Lesers, den Gang durch die Geschichte selbst zu bestimmen. Wer lieber nicht wissen will, wer der Mörder ist - bzw. ob ein Mord geschehen ist, denn der Mörder steht ja schon fest -, der verlässt tatsächlich noch vor dem Test den Text. Dies wäre der Situation vergleichbar, da man nur den Klappentext eines Buches liest, dieses selbst aber nie in die Hände bekommt. Das Thema ist aufgeworfen, alles andere der eigenen Phantasie überlassen, der Leser eingeladen, das Bekenntnis Toms zum Nichtwissen als Freiraum für die eigene Imagination zu übernehmen. Und dieser leicht durchschaubare Effekt hat durchaus einen philosophischen Hintersinn, den Bücher und Filme nutzen, wenn sie ihr Publikum nicht durch ein klares Ende der Geschichte erlösen. Aber wer wird dieser Einladung wirklich folgen! Obwohl alles nur eine Geschichte ist, man will wissen, wie sie ausgeht.

Der Phone Infirmary-Link - 9.02 Uhr - führt zu einem Termin um 9.45 und zur Alternative Go / Don't Go. Letzteres führt zu jenem Ende, das wir schon kennen. Nach dem Test hat Tom Zeit bis vier Uhr Nachmittags, er bzw. der Leser muss entscheiden, ob er zur Arbeit geht oder nicht. Geht er, stehen Lunch with workmates / Lunch alone zur Auswahl, geht er nicht, ist die Frage Museum oder Pub. Die Alternativen verzweigen sich weiter - Ground floor oder Upstairs im Museum etwa - und kreuzen sich zuweilen: Man kommt vom Museum, vom Pub und von der Arbeitsstelle zum gleichen Lunch-Platz mit dem gleichen alten Mann als Tischnachbar. Von hier geht es weiter zu Work oder Princess Street Gardens. Viele Links sind nur Umwege, die an der Begegnung im Lunch-Restaurant vorbeiführen oder den Gang zu Jills Haus und schließlich die Rückkehr zum Krankenhaus etwas verzögern. Dorthin aber führen schließlich alle Wege, zum letzte Klick, der Result heisst und die Nachbildung eines offiziellen Testdokuments zeigt, durch dessen Angaben man sich erst mühsam durchlesen muss, bis man - alternativlos - auf "Negativ" stößt. Ende der Links, Ende der Geschichte.

Dies Struktur ist - trotz der Überschneidungen - im Grunde recht simpel und erinnert an die einfachen Choose your own adventure-Geschichten, wobei hier die Handlungsstränge immer wieder zusammenkommen, um zum gleichen Ende zu führen. Eine Grafik von Marie-Laure Ryan kann die Struktur veranschaulichen (vgl. die anderen Struktur-Images im Interview mit Ryan). Ryan nennt diese Variante Flowchart und kennzeichnet es als: "directed network, precludes loops, allows convergence of paths, retains authorial control".

Auf die vorliegende Thematik angewandt, entwickelt die Struktur insofern ihren Reiz, als sie konsequent mit den kontroversen Entscheidungen und Verhaltensweisen arbeitet, die sich in einer solchen Situation ergeben, und zugleich den Leser in den getroffenen Entscheidungen verstrickt, als solle er schon einmal durchspielen, wie er sich in einer solchen Lage verhalten würde. Andererseits ist auch klar, dass es für Tom keine wirkliche Wahl mehr gibt. Er kann nur noch entscheiden, wie und wo er auf das Ergebnis warten will, das sein weiteres Leben bestimmen wird. Insofern die Navigationsalternativen die Möglichkeit der Wahl betonen und beim vorliegenden Thema unterschwellig den Slogan "Es liegt in deiner Hand. Gib AIDS keine Chance" assoziieren, erhält die Geschichte durch die Hypertext-Struktur natürlich einen stark didaktischen Zug. Die Links sind die Fortführung der Story mit wortlosen Mitteln, sie verbinden nicht nur Text, sie sind Text.

Und doch verfehlt das Werk die Anforderungen eines literarischen Hypertextes. Das Problem liegt darin, dass die Alternativen keinen wirklichen Unterschied machen. Schickt man den Erzähler z.B. nach dem Test statt ins Museum in den Pub und lässt ihn dort fünf Pints Bier trinken, so fühlt er sich dann zwar reichlich betrunken, aber das hat letzlich keine Folgen für seine Handlungen und Gedanken. Auch jetzt gibt es noch einen Link zu Jills Haus, und dieser Link ruft durchaus eine andere Datei als beim ersten Anlauf hervor, aber nur mit einer anderen Uhrzeit - es ist nun eine halbe Stunde später -, nicht auch mit einem veränderten Text. Lässt man den Erzähler indes weitertrinken und nach sieben Pint Bier nicht mehr zu Jill, sondern direkt ins Krankenhaus gehen, zeigt die Datei jetzt zwar 5.01 Uhr an, aber es ist der gleiche Text wie zuvor, als er um 4.14 Uhr der Ärztin gegenübersaß und das Testergebnis erfuhr. Riecht sie, fragt man sich da, denn seine Fahne nicht!

Gavin Inglis versucht durchaus, den bisherigen Lese- bzw. Handlungsgang in Rechnung zu stellen. Wer Tom zum Beispiel nach sieben Bier nicht direkt ins Krankenhaus gehen lässt, sondern auf Not yet klickt und erst dann auf den alternativlosen Link zum Krankenhaus, der wird mit ihm schließlich um 6.35 Uhr vor verschlossener Tür stehen. "There's none of them here now. You're too late. Come back in the morning", lautet die Auskunft des Wachmanns. Eine andere Reaktion auf den zunehmenden Alkoholkonsum liegt darin, dass nach dem siebten Bier der Link zum Hospital einmal Hostipal und einmal Hopsital heisst, womit dieser Text also zu einer Art inneren Rede des Erzählers wird, der sich selbst die weiteren Handlungsalternativen vor Augen führt und dabei eben Formulierungssicherheit an den Allkohol verliert.

Die passende Pointe des Zuspätkommens befriedigt allerdings nur auf der Oberfläche, zumal sie nicht in einen neuen, retardierenden Handlungsstrang führt, sondern das Erzählen einfach beendet. Damit ist der Leser - der ja am nächsten Tag keine andere Geschichte vorfände - faktisch gezwungen, über die Back-Funktion einige Dateien zurückzugehen, um doch noch pünktlich der Ärztin gegenüberzusitzen und das Ergebnis zu erfahren. Die Simulation der erzählten Situation in der Lektüre bricht hier abrupt ab.

Die entscheidende Frage ist jedoch, warum sich der gewählte Lese- bzw. Handlungsgang nur in einer veränderten Uhrzeit niederschlägt. Wenn schon jeweils eine neue Datei mit einer dem bisherigen Lese- bzw. Handlungsgang entsprechenden Uhrzeit aufgerufen wird, dann hätte doch auch der angezeigte Text jeweils diesem Gang angepasst werden können. Und nach allen Regeln menschlicher Psychologie: Der Erzähler hätte nach so vielem Bier vor dem Haus seiner anderen Ex-Freundin nun andere Gedanken und Gefühle haben müssen, und auch wenn er nach dem Lunch entweder zur Arbeit zurückkehrt oder überhaupt erst dort erscheint - weil er vor dem Lunch im Museum war -, wünscht man sich Anschlusstexte, denen man diesen unteschiedlichen Hergang anmerkt.

Wir sind beim Hauptproblem jeder Hyperfiction: Wie organisiert man, dass der andere Kontext aufgrund anderer Navigation auch Folgen hat? Die vorliegende Struktur des Flowcharts und die Kürze des Ganzen bewahrt Gavin Inglis durchaus genügend Kontrolle über die Navigation seiner Leser, was man bei komplexeren Hypertexten wie "Afternoon. A Story" oder Raymond Queneaus "Cent mille milliards de poèmes" ja nicht gerade sagen kann. Und Inglis hat der überschaubaren Navigationsstruktur auf der Dateieneben durchaus Rechnung getragen. Die Dateien spiegeln die alternative Navigation jedoch immer nur in einer anderen Uhrzeit - als vergehe nur mehr Zeit, wenn man drei oder vier Bier mehr trinkt. Bier - in solchen Mengen - hat Folgen, und zwar nicht nur am Ort des Konsums (im Pub spiegelt der Text durchaus Toms veränderten inneren Zustand). Man ist auch noch betrunken, wenn man die Kneipe verlässt - eine Geschichte, die das nicht in Rechnung stellt, ist nicht avantgardistisch, sondern einfach schlecht recherchiert.


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