Es
beginnt, wie man sich solche Anfänge vorstellt:
Gabrielle ist am Telefon, man hat Monate nichts mehr von
einnander gehört, nun ruft sie an: "Tom. I'm positive.
You'd better get a test." Dann zerbricht die den Hörer.
Unter dem Text stehen zwei Links zur Wahl:
Gabrielle
und
Phone Infirmary. Wer erst mehr über
Gabrielle erfahren will - 8.51 Uhr -, ist danach wieder vor
die Wahl gestellt:
Phone Infirmary /
Don't.
Klickt man letzteres, liest man unter 9.30 Uhr: "It's better
not to know. Because in a way, knowing you have a terminal
disease is like already being dead. Your imagination is
limited by your knowledge of the future..."
Von dieser Seite geht kein
Link mehr aus, die Geschichte ist am Ende angekommen, und
diese Pointe macht schon einmal reichlich Gebrauch von der
Freiheit des Lesers, den Gang durch die Geschichte selbst zu
bestimmen. Wer lieber nicht wissen will, wer der Mörder
ist - bzw. ob ein Mord geschehen ist, denn der Mörder
steht ja schon fest -, der verlässt tatsächlich
noch vor dem Test den Text. Dies wäre der Situation
vergleichbar, da man nur den Klappentext eines Buches liest,
dieses selbst aber nie in die Hände bekommt. Das Thema
ist aufgeworfen, alles andere der eigenen Phantasie
überlassen, der Leser eingeladen, das Bekenntnis Toms
zum Nichtwissen als Freiraum für die eigene Imagination
zu übernehmen. Und dieser leicht durchschaubare Effekt
hat durchaus einen philosophischen Hintersinn, den
Bücher und Filme nutzen, wenn sie ihr Publikum nicht
durch ein klares Ende der Geschichte erlösen. Aber wer
wird dieser Einladung wirklich folgen! Obwohl alles nur eine
Geschichte ist, man will wissen, wie sie ausgeht.
Der Phone Infirmary-Link -
9.02 Uhr - führt zu einem Termin um 9.45 und zur
Alternative Go / Don't Go. Letzteres
führt zu jenem Ende, das wir schon kennen. Nach dem
Test hat Tom Zeit bis vier Uhr Nachmittags, er bzw. der
Leser muss entscheiden, ob er zur Arbeit geht oder nicht.
Geht er, stehen Lunch with workmates / Lunch
alone zur Auswahl, geht er nicht, ist die Frage
Museum oder Pub. Die Alternativen verzweigen
sich weiter - Ground floor oder Upstairs im
Museum etwa - und kreuzen sich zuweilen: Man kommt vom
Museum, vom Pub und von der Arbeitsstelle zum gleichen
Lunch-Platz mit dem gleichen alten Mann als Tischnachbar.
Von hier geht es weiter zu Work oder Princess
Street Gardens. Viele Links sind nur Umwege, die an der
Begegnung im Lunch-Restaurant vorbeiführen oder den
Gang zu Jills Haus und schließlich die Rückkehr
zum Krankenhaus etwas verzögern. Dorthin aber
führen schließlich alle Wege, zum letzte Klick,
der Result heisst und die Nachbildung eines
offiziellen Testdokuments zeigt, durch dessen Angaben man
sich erst mühsam durchlesen muss, bis man -
alternativlos - auf "Negativ" stößt. Ende der
Links, Ende der Geschichte.
Dies Struktur ist - trotz
der Überschneidungen - im Grunde recht simpel und
erinnert an die einfachen Choose your own
adventure-Geschichten, wobei hier die
Handlungsstränge immer wieder zusammenkommen, um zum
gleichen Ende zu führen. Eine Grafik von Marie-Laure
Ryan kann die Struktur veranschaulichen (vgl. die anderen
Struktur-Images im Interview
mit Ryan). Ryan nennt diese Variante Flowchart und
kennzeichnet es als: "directed network, precludes loops,
allows convergence of paths, retains authorial control".
Auf die vorliegende Thematik
angewandt, entwickelt die Struktur insofern ihren Reiz, als
sie konsequent mit den kontroversen Entscheidungen und
Verhaltensweisen arbeitet, die sich in einer solchen
Situation ergeben, und zugleich den Leser in den getroffenen
Entscheidungen verstrickt, als solle er schon einmal
durchspielen, wie er sich in einer solchen Lage verhalten
würde. Andererseits ist auch klar, dass es für
Tom keine wirkliche Wahl mehr gibt. Er kann nur noch
entscheiden, wie und wo er auf das Ergebnis warten will, das
sein weiteres Leben bestimmen wird. Insofern die
Navigationsalternativen die Möglichkeit der Wahl
betonen und beim vorliegenden Thema unterschwellig den
Slogan "Es liegt in deiner Hand. Gib AIDS keine Chance"
assoziieren, erhält die Geschichte durch die
Hypertext-Struktur natürlich einen stark didaktischen
Zug. Die Links sind die Fortführung der Story mit
wortlosen Mitteln, sie verbinden nicht nur Text, sie sind
Text.
Und doch verfehlt das Werk
die Anforderungen eines literarischen Hypertextes. Das
Problem liegt darin, dass die Alternativen keinen wirklichen
Unterschied machen. Schickt man den Erzähler z.B. nach
dem Test statt ins Museum in den Pub und lässt ihn dort
fünf Pints Bier trinken, so fühlt er sich dann
zwar reichlich betrunken, aber das hat letzlich keine Folgen
für seine Handlungen und Gedanken. Auch jetzt gibt es
noch einen Link zu Jills Haus, und dieser Link ruft durchaus
eine andere Datei als beim ersten Anlauf hervor, aber nur
mit einer anderen Uhrzeit - es ist nun eine halbe Stunde
später -, nicht auch mit einem veränderten Text.
Lässt man den Erzähler indes weitertrinken und
nach sieben Pint Bier nicht mehr zu Jill, sondern direkt ins
Krankenhaus gehen, zeigt die Datei jetzt zwar 5.01 Uhr an,
aber es ist der gleiche Text wie zuvor, als er um 4.14 Uhr
der Ärztin gegenübersaß und das Testergebnis
erfuhr. Riecht sie, fragt man sich da, denn seine Fahne
nicht!
Gavin Inglis versucht
durchaus, den bisherigen Lese- bzw. Handlungsgang in
Rechnung zu stellen. Wer Tom zum Beispiel nach sieben Bier
nicht direkt ins Krankenhaus gehen lässt, sondern auf
Not yet klickt und erst dann auf den alternativlosen
Link zum Krankenhaus, der wird mit ihm schließlich um
6.35 Uhr vor verschlossener Tür stehen. "There's none
of them here now. You're too late. Come back in the
morning", lautet die Auskunft des Wachmanns. Eine andere
Reaktion auf den zunehmenden Alkoholkonsum liegt darin, dass
nach dem siebten Bier der Link zum Hospital einmal
Hostipal und einmal Hopsital heisst, womit
dieser Text also zu einer Art inneren Rede des
Erzählers wird, der sich selbst die weiteren
Handlungsalternativen vor Augen führt und dabei eben
Formulierungssicherheit an den Allkohol verliert.
Die passende Pointe des
Zuspätkommens befriedigt allerdings nur auf der
Oberfläche, zumal sie nicht in einen neuen,
retardierenden Handlungsstrang führt, sondern das
Erzählen einfach beendet. Damit ist der Leser - der ja
am nächsten Tag keine andere Geschichte vorfände -
faktisch gezwungen, über die Back-Funktion einige
Dateien zurückzugehen, um doch noch pünktlich der
Ärztin gegenüberzusitzen und das Ergebnis zu
erfahren. Die Simulation der erzählten Situation in der
Lektüre bricht hier abrupt ab.
Die entscheidende Frage ist
jedoch, warum sich der gewählte Lese- bzw.
Handlungsgang nur in einer veränderten Uhrzeit
niederschlägt. Wenn schon jeweils eine neue Datei mit
einer dem bisherigen Lese- bzw. Handlungsgang entsprechenden
Uhrzeit aufgerufen wird, dann hätte doch auch der
angezeigte Text jeweils diesem Gang angepasst werden
können. Und nach allen Regeln menschlicher Psychologie:
Der Erzähler hätte nach so vielem Bier vor dem
Haus seiner anderen Ex-Freundin nun andere Gedanken und
Gefühle haben müssen, und auch wenn er nach dem
Lunch entweder zur Arbeit zurückkehrt oder
überhaupt erst dort erscheint - weil er vor dem Lunch
im Museum war -, wünscht man sich Anschlusstexte, denen
man diesen unteschiedlichen Hergang anmerkt.
Wir sind beim Hauptproblem
jeder Hyperfiction: Wie organisiert man, dass der andere
Kontext aufgrund anderer Navigation auch Folgen hat? Die
vorliegende Struktur des Flowcharts und die
Kürze des Ganzen bewahrt Gavin Inglis durchaus
genügend Kontrolle über die Navigation seiner
Leser, was man bei komplexeren Hypertexten wie
"Afternoon. A Story" oder Raymond Queneaus "Cent mille
milliards de poèmes" ja nicht gerade sagen
kann. Und Inglis hat der überschaubaren
Navigationsstruktur auf der Dateieneben durchaus Rechnung
getragen. Die Dateien spiegeln die alternative Navigation
jedoch immer nur in einer anderen Uhrzeit - als vergehe nur
mehr Zeit, wenn man drei oder vier Bier mehr trinkt. Bier -
in solchen Mengen - hat Folgen, und zwar nicht nur am Ort
des Konsums (im Pub spiegelt der Text durchaus Toms
veränderten inneren Zustand). Man ist auch noch
betrunken, wenn man die Kneipe verlässt - eine
Geschichte, die das nicht in Rechnung stellt, ist nicht
avantgardistisch, sondern einfach schlecht
recherchiert.
Kommentar
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