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Lance Shields' "Tele-phony"
Nie war Telefonieren so schwer

Roberto Simanowski

Das Versprechen des Untertitels von Tele-phony lautet: "An adventure over great distance using high technology!" Dies steht auf einem kleinen JavaFenster, das über dem leeren Browserfenster liegt und in dem sich der Start-Button befindet. Nach dem Klick erscheint im JavaFenster eine transparente Wahltastatur und das unscharfe Foto einer Person als Hintergrundbild, während im großen Fenster von oben nach untern Namen und zugehörige Telefonnummern ablaufen.



Wer sich eine schnell merken kann, kommt trotzdem nicht zum Wählen. Denn klickt man im kleinen Fenster auf die Wahltastatur - die sich hin und und her bewegt, so dass man kaum die gewünschte Ziffer trifft -, dann ändert sich sofort der Inhalt des großen und kleinen Fensters. Da ist zum Beispiel (bei Klick auf die 0) das unscharfe Bild eines Mannes im Kimono (die ganze Sache ist im asiatischen Raum angesiedelt), der gleich darauf auch als Hintergrundbild im kleinen Fenster erscheint. Das Bild ist wieder unscharf, so wie alle weiteren Bilder unscharf sein werden, als handle es sich um einen schlechten Fernsehempfang. Zum Bild spricht eine Männerstimme, wobei die Worte zugleich im kleinen Fenster als Text erscheinen: "Wait for you to make contact with her". Dann kommen neue Worte hinzu - "Highest Probabilty for Success" - und bilden mit den ersteren ein heilloses Durcheinander. Diese Voraussetzung des Erfolgs - Verstehen und sich verständlich Machen - ist also schon mal nicht gegeben. Und das Problem beginnt noch vor dem Anruf: Der Klick auf Taste 1 zeigt die eingangs ablaufenden Telefonnummern erneut, und wieder laufen sie durchs Bild, aber diesmal so unleserlich über- und untereinandergeschrieben, dass sich kaum noch etwas erkennen lässt. Welche Botschaft verbirgt sich hinter den anderen Ziffern?

 

Klickt man auf Taste 4 erscheint im kleinen Fenster in drei Bildern eine Frau mit Telefon, die in einer Animationsschleife immer wieder kurz die Hand auf den Hörer legt, um jemandem im gleichen Raum etwas zuzurufen. Ja, auch das erlaubt moderne Technologie, das Doppelgespräch bzw. zwei mit halbem Ohr. Die Frau im Hintergrund (wahrscheinlich die Mutter) fragt immer wieder besorgt: "Honey, are you ok.?" Die Antwort ist kurz und unwillig: "I am fine!" Aber wenn man mit dem Kursor über die Wahltasten streift, werden weitere Tonschleifen aktiviert: "Hallo? Hallo?", und die andere Stimme zugleich: "Help me! Help me!" Bewegt man den Kursor sehr schnell hin und her, entsteht ein regelrechtes Stimmengewirr.

Taste 6 zeigt einen Mann mit einem Taktstock wie ein Verrückter hin und her durchs Bild laufen. Aus dem Off hört man den bekannten Ton für die Falschwahl mit dem Hinweis: "We are sorry, your call can not be completed as dialed", woraus mit der Zeit ein erschreckendes Durcheinander wird: "your call your call can not we sorry dialed dialed ..." Taste 7 ergibt das Gesicht eines alten Mannes mit dem Text: "Reach out and touch someone", wobei das rein- und rauszoomende Bild diesen Slogan von AT&T aus den 80ern wörtlich nimmt und parodiert, denn es wird klar, dass man die Sache durchaus nicht fassen und halten kann - man kann durch die sich entziehende Wahltastatur ja kaum die gewünschte Taste drücken.

Bei der Sternchen-Taste erscheint im kleinen Fenster eine Wahltastatur als Hintergrund. Klickt man auf diese - und nicht auf die bewegliche transparente Wahltastatur -, ändert sich das Hintergrundbild: die Wahltastatur wechselt die Farbe oder wird größer und größer, bis eine Taste das ganze Fenster ausfüllt. Auch dies ein Zeichen für die Unmöglichkeit des Telefonierens.

 

Taste 2 liefert denn das Stichwort: "Bringing cyberspace to your doorstep" liest man im großen Fenster, während im kleinen abwechselnd ein Mann und eine Frau am Mikrofon zu sehen sind. Damit sind alle elektronischen Medien in einem Setting eingefangen: Cyberspace, Rundfunk, Telefon. Und die Rautetaste macht die Kritik explizit; zu einem angeblichen "Official Multi-Tone Displayer Testing in Progress" erscheint jeweils auf Klick folgender Text:

-Please wait while we test the color quality of your viewing experience.
-Judging by the fine showing of color bars, we'd like to commend you on a good purchase.
-In case auf nausea please refrain from looking at the screen for more than 10 hours at a time.
-Do you remember waiting for Saterday cartoons as a kid and having to watch these color bars?
-What's your favorite color anyway? My favorite color is: [aber der Eintrag spielt keine Rolle, niemand will es wirklich wissen]
-In our modern times, people spend more time looking at visual elements than reading.
-Our color display test is now complete. Please continue enjoying this interactive art web site.
 

Was wir erleben ist ein "Abenteuer der Nutzung von High-Tech" im wahrsten Sinne des Wortes. Denn liest man Ad-venture in der lateinischen Urbedeutung, dann kommt hier wirklich etwas auf einen zu, das man weder kalkulieren, noch beherrschen kann. Die Nichvoraussehbarkeit ist Grundbedingung, damit etwas Abenteuer heißen kann, die Beherrschung der Situation meist das Ziel, um das es geht. Im vorliegenden Falle bleibt nur Verzweiflung. Selbst wenn man die Algorithmen allmählich durchschaut und zumindest hier ahnt, was kommt, das Gefühl der Herrschaft stellt sich nicht ein.

Die Botschaft liegt auf der Hand. All die künstlich schlecht gemachten Bilder, all das Durcheinander der Botschaften, die sich entziehende Wahltastatur, die performativen Selbstdekonstruktionen und nicht zuletzt der zitierte Text: Es geht um Technologie- und Medienkritik. Und zwar ironischerweise gerade mit Flash, der Technologie, in der das Spektakel des Visuellen so oft sich selbst feiert. Dem User wird das verweigert, was er mittlerweile im neuen Medium erwartet: Das visuelle Erlebnis, spektakultär, aber beherrschbar. Statt dessen erhält er ein visuelles Durcheinander und die Belehrung, lieber wieder einmal ein Buch zu lesen.

Einziges Problem der implizierten Ausgangsbehauptung über das Abenteuer der Technik: Es fehlt der Fehler. Die Intention des künstlichen Durcheinanders ist so perfekt umgesetzt, die Choreografie von Sound und Image ist so faszinierend, dass das Werk eigentlich das Gegenteil von dem vermittelt, was es sagt: Das Gefühl, dass die Beherrschung von high technology over great distance - das Internet bringt dieses Werk ja über große Entfernungen bis in mein Haus - tatsächlich möglich ist. Lance Shields befindet sich hier in einer Falle, der er kaum entkommen kann. Je besser er seine Botschaft technisch umsetzt, um so mehr verliert sie an Wert. Der Programmierer in ihm arbeitet gegen den Medienkritiker. Hätte er Fehler einbauen sollen? Die hätte man natürlich nicht als intendierte Fehler erkennen dürfen; und also hätte man es dem Künstler angerechnet. Macht ein Programmierer-Ego sowas mit?

 

Wer das Werk aufmerksam liest, findet den Fehler. Er ist in Taste 2 versteckt, und man entdeckt ihn, wenn man von Netscape zum Internet Explorer wechselt, wo folgendes passiert: Während alle anderen Tasten auf den Klick hin immer wieder in beiden Fenstern die zugehörigen Dateien aufrufen, erhält man bei Taste 2 die entsprechende Datei nur noch im kleinen Fenster, während im großen das Bild der vorherigen Taste stehenbleibt. Wie sich zeigt ist Cyberspace nicht zuverlässig; der andere Browser stellt die Dinge anders dar - und solche Übertragungsungenauigkeiten sind in der Tat keine gute Ausgangslage für eine sichere Kommunikation. Glück gehabt, möchte man dem Autor zurufen, der allerdings, wie die Nachfrage (am 5.7.2001) ergab, den Fehler nicht bemerkt hatte, sich umgehend für den Hinweis bedankte und den plattformbedingten Bug beseitigte. Ein Zeichen für den Einfluss der Kritik auf den künstlerischen Gegenstand, leider aber auch ein Zeichen für die konzeptionelle Schwäche des Künstlers zugunsten einer Korrektheit des Programmierers, die im vorliegenden Fall eher von Nachteil ist. 


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