Taste 6
zeigt einen Mann mit einem Taktstock wie ein Verrückter
hin und her durchs Bild laufen. Aus dem Off hört man
den bekannten Ton für die Falschwahl mit dem Hinweis:
"We are sorry, your call can not be completed as dialed",
woraus mit der Zeit ein erschreckendes Durcheinander wird:
"your call your call can not we sorry dialed dialed ..."
Taste 7 ergibt das Gesicht eines alten Mannes mit dem Text:
"Reach out and touch someone", wobei das rein- und
rauszoomende Bild diesen Slogan von AT&T aus den 80ern
wörtlich nimmt und parodiert, denn es wird klar, dass
man die Sache durchaus nicht fassen und halten kann - man
kann durch die sich entziehende Wahltastatur ja kaum die
gewünschte Taste drücken.
Bei der Sternchen-Taste
erscheint im kleinen Fenster eine Wahltastatur als
Hintergrund. Klickt man auf diese - und nicht auf die
bewegliche transparente Wahltastatur -, ändert sich das
Hintergrundbild: die Wahltastatur wechselt die Farbe oder
wird größer und größer, bis eine Taste
das ganze Fenster ausfüllt. Auch dies ein Zeichen
für die Unmöglichkeit des
Telefonierens.
Taste 2 liefert denn das
Stichwort: "Bringing cyberspace to your doorstep" liest man
im großen Fenster, während im kleinen abwechselnd
ein Mann und eine Frau am Mikrofon zu sehen sind. Damit sind
alle elektronischen Medien in einem Setting eingefangen:
Cyberspace, Rundfunk, Telefon. Und die Rautetaste macht die
Kritik explizit; zu einem angeblichen "Official
Multi-Tone Displayer Testing in Progress" erscheint jeweils
auf Klick folgender Text:
-Please wait while
we test the color quality of your viewing experience.
-Judging by the fine showing of color bars, we'd like to
commend you on a good purchase.
-In case auf nausea please refrain from looking at the
screen for more than 10 hours at a time.
-Do you remember waiting for Saterday cartoons as a kid
and having to watch these color bars?
-What's your favorite color anyway? My favorite color is:
[aber der Eintrag spielt keine Rolle, niemand will es
wirklich wissen]
-In our modern times, people spend more time looking at
visual elements than reading.
-Our color display test is now complete. Please continue
enjoying this interactive art web site.
Was wir erleben ist ein
"Abenteuer der Nutzung von High-Tech" im wahrsten Sinne des
Wortes. Denn liest man Ad-venture in der lateinischen
Urbedeutung, dann kommt hier wirklich etwas auf einen zu,
das man weder kalkulieren, noch beherrschen kann. Die
Nichvoraussehbarkeit ist Grundbedingung, damit etwas
Abenteuer heißen kann, die Beherrschung der Situation
meist das Ziel, um das es geht. Im vorliegenden Falle bleibt
nur Verzweiflung. Selbst wenn man die Algorithmen
allmählich durchschaut und zumindest hier ahnt, was
kommt, das Gefühl der Herrschaft stellt sich nicht ein.
Die Botschaft liegt auf der
Hand. All die künstlich schlecht gemachten Bilder, all
das Durcheinander der Botschaften, die sich entziehende
Wahltastatur, die performativen Selbstdekonstruktionen und
nicht zuletzt der zitierte Text: Es geht um Technologie- und
Medienkritik. Und zwar ironischerweise gerade mit Flash, der
Technologie, in der das Spektakel des Visuellen so oft sich
selbst feiert. Dem User wird das verweigert, was er
mittlerweile im neuen Medium erwartet: Das visuelle
Erlebnis, spektakultär, aber beherrschbar. Statt dessen
erhält er ein visuelles Durcheinander und die
Belehrung, lieber wieder einmal ein Buch zu
lesen.
Einziges Problem der
implizierten Ausgangsbehauptung über das Abenteuer der
Technik: Es fehlt der Fehler. Die Intention des
künstlichen Durcheinanders ist so perfekt umgesetzt,
die Choreografie von Sound und Image ist so faszinierend,
dass das Werk eigentlich das Gegenteil von dem vermittelt,
was es sagt: Das Gefühl, dass die Beherrschung von high
technology over great distance - das Internet bringt dieses
Werk ja über große Entfernungen bis in mein Haus
- tatsächlich möglich ist. Lance Shields befindet
sich hier in einer Falle, der er kaum entkommen kann. Je
besser er seine Botschaft technisch umsetzt, um so mehr
verliert sie an Wert. Der Programmierer in ihm arbeitet
gegen den Medienkritiker. Hätte er Fehler einbauen
sollen? Die hätte man natürlich nicht als
intendierte Fehler erkennen dürfen; und also hätte
man es dem Künstler angerechnet. Macht ein
Programmierer-Ego sowas mit?
Wer das Werk aufmerksam
liest, findet den Fehler. Er ist in Taste 2 versteckt, und
man entdeckt ihn, wenn man von Netscape zum Internet
Explorer wechselt, wo folgendes passiert: Während alle
anderen Tasten auf den Klick hin immer wieder in beiden
Fenstern die zugehörigen Dateien aufrufen, erhält
man bei Taste 2 die entsprechende Datei nur noch im kleinen
Fenster, während im großen das Bild der
vorherigen Taste stehenbleibt. Wie sich zeigt ist Cyberspace
nicht zuverlässig; der andere Browser stellt die Dinge
anders dar - und solche Übertragungsungenauigkeiten
sind in der Tat keine gute Ausgangslage für eine
sichere Kommunikation. Glück gehabt, möchte man
dem Autor zurufen, der allerdings, wie die Nachfrage (am
5.7.2001) ergab, den Fehler nicht bemerkt hatte, sich
umgehend für den Hinweis bedankte und den
plattformbedingten Bug beseitigte. Ein Zeichen für den
Einfluss der Kritik auf den künstlerischen Gegenstand,
leider aber auch ein Zeichen für die konzeptionelle
Schwäche des Künstlers zugunsten einer Korrektheit
des Programmierers, die im vorliegenden Fall eher von
Nachteil ist.
Ihr
Kommentar
Leserkommentare
[1]

home