www.dichtung-digital.de/2001/Simanowski-26-Feb


Geoff Ryman U-Bahn-Roman "253"
Seven Cars, a Crash und ein halber Hypertext

Roberto Simanowksi

Auf der Suche nach Hypertexten im Netz stieß ich auf 253. A novel for the Internet about London Underground in seven cars and a crash. Ein Text von Geoff Ryman, der Hyperlinks einsetzt, um zwischen 253 verschiedenen Passagieren eines U-Bahn-Zuges in sieben verschiedenen Wagen zu linken, wo immer eine Verbindung sich ergibt. So geht vom einarmigen weißhäutigen Mr Milton Richards, der die Passagiernummer 73 trägt und sich in Wagen eins befindet, ein Link zur schwarzhäutigen Ms Eveleen Doyce, seine Stieftochter, die er aus rassistischen Gründen umbringen will und die er durch die Glastür in Wagen zwei entdeckt hat (oder ist er ihr gefolgt?). Ein anderer Link führt von Miss Estelle Irtin (Passagier 169, Wagen fünf), die sich 1991 durch ein Foto im "Saterday Independent" in Sadam Hussein verliebte, zu Mr Martin Belcher (49/2), der gerade im aktuellen "Independent" liest, dass Manchester United 7 Millionen für Andy Cole zahlt. Ein weiterer Link führt von Mrs Marianne de Vendeuse (111/4), zu Mrs Beverly Tompset (198/6). Die Verbindung hier beruht auf Englisch als Fremdsprache. Als die arbeitssuchende Mrs de Vendeuse sich beklagt, dass sie Französisch zwar besser spreche als jede Akademikerin, es ohne Zeugniss in London aber nicht unterrichten dürfe, entgegnet ihr Sohn: "You could get one of these teaching English qualifications". Die unterstrichenen Wörter linken zur Soziologie-Lehrerin Mrs Beverly Tompset, von der es heisst: "Her foreign students tend to speak textbook English"; sie sucht, so erfährt man weiter, noch immer ein Buch, das den Unterschied von "to beat" und "to beat up" erklärt.

Ob Mrs Marianne de Vendeuse ihr das Buch schreiben wird, erfährt man nicht, denn der Text ist durch seine Anlage eine Momentaufnahme, in der Möglichkeiten nur angedeutet, nicht aber ausgeführt werden können. Es gibt in diesem "U-Bahn-Roman", so der deutsche Untertitel, praktisch keinen Zeitfaktor. Alle Passagiere werden im Grunde 'fotografiert', was sich in den jeweils eingesetzten Beschreibungsrubriken ausdrückt: Outward appearance, Inside information und What he/she is doing or thinking. Vielleicht hätte daraus ein Werk wie Robert Altmanns "Shortcuts" werden können, das über die eingesetzten Querverbindungen nicht nur strukturiert ist, sondern auch zusätzlich Bedeutung gewinnt - das Prinzip der Hypertextstruktur weist eigentlich genau in diese Richtung. "253" baut allerdings nicht wirklich darauf auf und scheint Links nur aus Spaß am Verlinken einzusetzen.

Das wird besonders deutlich bei Passagier 96, Mr Geoff Ryman selbst, der sich aus Versehen erst einer fremden Frau und dann seinem Freund Ben auf den Schoß setzt, worüber ein anderer Passagier in Lachen ausbricht. Die Links zu Mrs Doris McPherson, Ben und Mr Rafael da Cunha sind so naheliegend wie banal, zumal es sich hier um Passagiere im gleichen Waggon handelt, auf deren Steckbrief und inneren Kommentar zum Geschehen man ohnehin im unmittelbaren Umfeld des Ausgangstextes trifft. Der instantane Link zu ihnen wirkt, als misstraue Ryman dem Kurzzeitgedächtnis seiner Leser. Und genau darauf spielt er im "advertisment" auch selbst an: "253 nutzt die Wunder der modernen Computertechnologie, um sicherzustellen, daß Sie Themen und Leitmotive des Textes mühelos verfolgen können, ohne sich auch nur die Personen merken zu müssen!" Die Abschlussbemerkung in vorliegender Anzeige unterstreicht denn auch, dass Ryman im Grunde nur den aktuellen Hype um den Hypertext nutzt, um seinem Text ein größeres Publikum zu verschaffen: "Stellen Sie sich mal das Gesicht Ihres Chefs vor, wenn Sie ganz beiläufig sagen: 'Ich lese gerade 253, den Internet-Roman.' Er wird Sie mit ganz anderen Augen ansehen. Und Ihre Partnerin auch."

Und weil es weder auf Internet noch auf Links ankommt, muss die Buchausgabe sich auch gar nicht erst die Mühe machen, die Querverbindungen in Form von eingebrachten Seitenverweisen nachzustellen. Ja, das Ganze gibt es seit 1996 auch als Buch, und seit 2000 sogar in einer deutschen Übersetzung beim DTV. Und die Printfassung entlarvt, wenn man so will, die digitale. "253" hätte eine Hyperfiction werden können oder - wenn jeder Passagier durch einen jeweils anderen Beobachter oder auch jeweils durch sich selbst beschrieben worden wäre - ein interessantes kollaboratives Schreibprojekt. Es hat beides ausgeschlagen und ist ein normales Buch geworden, das die etwas angestaubte Tradition der Dokumentarliteratur in 'Kurzstreckenform' wieder belebt und dabei das spannende Puzzlebild einer Großstadt entstehen lässt.

Der Begriff 'Kurzstreckenform' steht zum einen für den Umstand, dass jede der 253 Personen auf genau einer Seite vorgestellt wird, und zwar mit jeweils genau 253 Worten. Zum andern steht er dafür, dass die 'Handlung' den Zeitrahmen einer Kurzsztrecke einnimmt, nämlich genau drei Stationen bzw. siebeneinhalb Minuten. Dieser 'Dokumentarroman' erzählt - das ist sein raffinierter Kunstgriff - auf ein Ende hin: nicht weil die letze Station die Endstation ist, sondern weil der Fahrer auf diesem drei Minuten langen letzten Abschnitt eingeschlafen ist und deswegen der Zug nicht an der Endstation hält, sondern gegen die Tunnelwand rast.

Zum Abschluss des Romans gibt es demzufolge sieben Seiten "Sensation and violence at last. Discover the horrible end of the carriage of your choice", in der deutschen Fassung wie folgt eingeläutet: "Endlich Gewalt, Sensationen und Katastrophen! Auf den nächsten sieben Seiten finden Sie das gräßliche Ende Ihres Lieblingswaggons!" Die mitschwingende Ironie passt nicht ganz zur lebhaften Beschreibung des Schreckensmoments, da Mr Milton Richards gerade mit dem Messer auf Ms Eveleen Doyce zuging und nun von der Wucht des Aufpralls in den Wagen zwei zurückgeschleudert wird oder da Yoshi, die durch den Heroingenuss fortwährend in einer Traumwelt lebt, plötzlich "eine Faust aus Stahl auf sich zukommen sieht". Überhaupt ist der Einsatz der Ironie in diesem Buch nicht immer stimmig. Wenn Ryman im zitierten "advertisment" die Verlinkung zwischen den Themen und Leitmotiven des Textes ironisiert, ist hinzuzusetzen: Aber es gibt auch keine Leitmotive! Es gibt nur Links zwischen Signalwörtern, wie The Independent und Englisch, die weder weiter thematisiert, noch zu einem Motiv aufgebaut werden.

Das einizige Leitmotiv des Romans ist seine Anlage: die 253 Personen auf 253 Seiten mit jeweils 253 Wörtern. Neben diesem eher technischen Motiv der numerischen Kongruenz gibt es das der Unvorhersehbarkeit: 253 Mal wird ein Leben umrissen, das man durch den gleich eingangs angekündigten Unfall als eines kurz vor seinem Ende wahrnimmt - denn man erfährt ja nicht, ob diese Person noch vor dem Unfall den Zug verlassen wird. Diese Anlage gibt den auch ohnehin recht interessanten und lesbaren Texten eine zusätzliche Spannung. Schade, dass Ryman diese Spannung nicht über das Buchende hinaus hält. Man wünscht sich, er hätte die Reise durch den Zug nicht im ersten Wagen beginnen, sondern dort enden lassen, genau vor der Fahrerkabine. Und man wünscht sich, der Fahrer wäre nicht als Passagier eins im Buch vorgestellt worden, sondern dem Leser so unbekannt geblieben wie den Reisenden ihr unausweichliches Schicksal. Denn der Fahrer ist durch seine Position, der man sich beim Besteigen eines U-Bahn-Zuges unterstellt, ohnehin in jedem der erzählten Momente anwesend. Wenn Ryman eingangs erklärt, dass das Zahlenspiel dazu dient, "die Illusion eines geordneten Universums" zu wahren, so wäre die Bewegung nach vorn, zum namen- und gesichtslosen Fahrer, der für seine Passagiere die Fäden des Universums in der Hand hält und schließlich zerschneidet, die angemessenere Richtung gewesen. Der Fahrer als Gott oder Teufel, von dem man sich kein Bildnis machen kann. Die Geschichte des Fahrers - What he/she is doing or thinking - wird erzählt durch jene sieben Seiten des Schreckens; da wirkt es pedantisch, ihn zuvor als unrasierten türkischen Politikwissenschaftler Gestalt annehmen zu lassen, der heut so müde ist, weil er gestern so lang über den islamischen Fundamentalismus gestritten hat; zumal ja auch der weder Thema noch Leitmotiv des Buches ist.

Der Autor dieses raffiniert angelegten, wenn auch etwas verschenkten Romans hat sein Standbein in beiden Feldern: er hat vor "253" mehrere Romane, zumeist Science Fiction, veröffentlicht, und arbeitet als New Media Manager. Mit "253" hat er keinen Hypertext vorgelegt und auch keinen "Internet-Roman", wie in Anzeige 1 suggeriert wird. Er spielt jedoch deutlich mit dem kombinatorischen Aspekt digitaler, aber auch experimenteller analoger Dichtung. Und er lädt die Leser ein, dies fortzuführen. In Anzeige 2 heisst es: "Jeder Passagier hat eine Nummer, die nur ihm gehört. Und jedes Kapitel hat 253 Wörter. Das bedeutet: Jeder Passagier hat in jedem Kapitel sein eigenes Wort. Setzen Sie alle diese Wörter zusammen - und Sie haben Ihrer 253-Lieblingsfigur ein Denkmal gesetzt." Das Beispiel, das Ryman vorführt (es handelt sich um Mr. Keith Olewaio, Passagier 9, die gesammelten Wörter dürfen frei kombiniert werden), ist poetisch durchaus so originell, dass man weitere testen will: "Gesicht mit einem schwarzen Anzug, Brille, Haarspange, T-Shirt, Falten und einem organgenfarbenen Dauerlächeln erzählt Nachbarn Haar für Haar meherer Sommersprossen." Ein anderes Experiment schlägt Ryman in der Onlinefassung vor, und diesmal geht es um 'echte Netzliteratur': "Populate Internet with people you imagine. Click here to email your 300-word contribution to Another One Along in a Minute. What will your characters do in that five minutes? Talk to neighbours? Read their papers? Complete their crosswords? Imagine that there has been a nuclear attack?" Ob das Mitschreibprojekt zustande kam, ist nicht zu erfahren. Der angebotene Link zu Ryman funktioniert jedenfalls nicht und die Suche nach einer Geschichte dieses Namens im Netz bleibt erfolglos.

Der Unfall selbst ist eine Erfindung. Am 11. Januar 1995 um 20.42 Uhr hat es keinen U-Bahn-Unfall in London gegeben. Das Datum ist dennoch ein tödliches. Es ist der Tag, an dem Ryman erfährt, dass sein bester Freund Aids hat und Tage später sterben werde. Dieses Vorwort unterlegt dem Ganzen noch einmal eine tiefere Bedeutung, denn der Text nimmt damit den Bezug zu einem Phänomen auf, das die Frage der Verantwortlichkeit, Kalkulierbarkeit und Schicksalshaftigkeit mit ähnlichen und zugleich deutlich anderen Parametern durchspielt. Zwar bleibt dem einzelnen hier mehr Handlungsspielraum als den Passagieren einer U-Bahn, aber wie die Fälle der Virusübertragungen durch Blutransfusion zeigen, ist man letztlich auch in hier der Vorsicht anderer ausgeliefert. Indem Ryman auf der Ebene der Londoner Öffentlichkeit - der Öffentlichkeit seiner Leser und Rezensenten - ein festes Datum für einen fiktiven U-Bahn-Unfall an einem nicht-fiktiven Ort setzt und dieses Datum an ein nicht-fiktives Ereignis auf privater Ebene koppelt, besetzt er dieses Datum letztlich öffentlich mit dem privaten, nicht beschriebenen Fall. Der Zug ist steckengeblieben im Tunnel, wie so viele von uns im Leben, sagt Ryman in einem der Paratexte. Die fiktive Katastrophe der vielen steht für die reale des einen. Ryman hat sein Ziel erreicht, wenn seine Leser immer dann, wenn der Zug in die Endstation Elephant & Castle einfährt und - stoppt, an das von ihm beschriebene Unglück denken, und wenn sie es in vielen Fällen schließlich wie A-I-D-S buchstabieren.


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