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Ob Mrs
Marianne de Vendeuse ihr das Buch schreiben wird,
erfährt man nicht, denn der Text ist durch seine Anlage
eine Momentaufnahme, in der Möglichkeiten nur
angedeutet, nicht aber ausgeführt werden können.
Es gibt in diesem "U-Bahn-Roman", so der deutsche
Untertitel, praktisch keinen Zeitfaktor. Alle Passagiere
werden im Grunde 'fotografiert', was sich in den jeweils
eingesetzten Beschreibungsrubriken ausdrückt:
Outward appearance, Inside information und
What he/she is doing or thinking. Vielleicht
hätte daraus ein Werk wie Robert Altmanns "Shortcuts"
werden können, das über die eingesetzten
Querverbindungen nicht nur strukturiert ist, sondern auch
zusätzlich Bedeutung gewinnt - das Prinzip der
Hypertextstruktur weist eigentlich genau in diese Richtung.
"253" baut allerdings nicht wirklich darauf auf und scheint
Links nur aus Spaß am Verlinken einzusetzen.
Das wird besonders deutlich
bei Passagier 96, Mr Geoff Ryman selbst, der sich aus
Versehen erst einer fremden Frau und dann seinem Freund Ben
auf den Schoß setzt, worüber ein anderer
Passagier in Lachen ausbricht. Die Links zu Mrs Doris
McPherson, Ben und Mr Rafael da Cunha sind so naheliegend
wie banal, zumal es sich hier um Passagiere im gleichen
Waggon handelt, auf deren Steckbrief und inneren Kommentar
zum Geschehen man ohnehin im unmittelbaren Umfeld des
Ausgangstextes trifft. Der instantane Link zu ihnen wirkt,
als misstraue Ryman dem Kurzzeitgedächtnis seiner
Leser. Und genau darauf spielt er im "advertisment" auch
selbst an: "253 nutzt die Wunder der modernen
Computertechnologie, um sicherzustellen, daß Sie
Themen und Leitmotive des Textes mühelos verfolgen
können, ohne sich auch nur die Personen merken zu
müssen!" Die Abschlussbemerkung in vorliegender Anzeige
unterstreicht denn auch, dass Ryman im Grunde nur den
aktuellen Hype um den Hypertext nutzt, um seinem Text ein
größeres Publikum zu verschaffen: "Stellen Sie
sich mal das Gesicht Ihres Chefs vor, wenn Sie ganz
beiläufig sagen: 'Ich lese gerade 253, den
Internet-Roman.' Er wird Sie mit ganz anderen Augen ansehen.
Und Ihre Partnerin auch."
Und weil es weder auf
Internet noch auf Links ankommt, muss die Buchausgabe sich
auch gar nicht erst die Mühe machen, die
Querverbindungen in Form von eingebrachten Seitenverweisen
nachzustellen. Ja, das Ganze gibt es seit 1996 auch als
Buch, und seit 2000 sogar in einer deutschen
Übersetzung beim DTV. Und die Printfassung entlarvt,
wenn man so will, die digitale. "253" hätte eine
Hyperfiction werden können oder - wenn jeder Passagier
durch einen jeweils anderen Beobachter oder auch jeweils
durch sich selbst beschrieben worden wäre - ein
interessantes kollaboratives Schreibprojekt. Es hat beides
ausgeschlagen und ist ein normales Buch geworden, das die
etwas angestaubte Tradition der Dokumentarliteratur in
'Kurzstreckenform' wieder belebt und dabei das spannende
Puzzlebild einer Großstadt entstehen
lässt.
Der Begriff
'Kurzstreckenform' steht zum einen für den Umstand,
dass jede der 253 Personen auf genau einer Seite vorgestellt
wird, und zwar mit jeweils genau 253 Worten. Zum andern
steht er dafür, dass die 'Handlung' den Zeitrahmen
einer Kurzsztrecke einnimmt, nämlich genau drei
Stationen bzw. siebeneinhalb Minuten. Dieser
'Dokumentarroman' erzählt - das ist sein raffinierter
Kunstgriff - auf ein Ende hin: nicht weil die letze Station
die Endstation ist, sondern weil der Fahrer auf diesem drei
Minuten langen letzten Abschnitt eingeschlafen ist und
deswegen der Zug nicht an der Endstation hält, sondern
gegen die Tunnelwand rast.
Zum Abschluss des Romans
gibt es demzufolge sieben Seiten "Sensation and violence at
last. Discover the horrible end of the carriage of your
choice", in der deutschen Fassung wie folgt
eingeläutet: "Endlich Gewalt, Sensationen und
Katastrophen! Auf den nächsten sieben Seiten finden Sie
das gräßliche Ende Ihres Lieblingswaggons!" Die
mitschwingende Ironie passt nicht ganz zur lebhaften
Beschreibung des Schreckensmoments, da Mr Milton Richards
gerade mit dem Messer auf Ms Eveleen Doyce zuging und nun
von der Wucht des Aufpralls in den Wagen zwei
zurückgeschleudert wird oder da Yoshi, die durch den
Heroingenuss fortwährend in einer Traumwelt lebt,
plötzlich "eine Faust aus Stahl auf sich zukommen
sieht". Überhaupt ist der Einsatz der Ironie in diesem
Buch nicht immer stimmig. Wenn Ryman im zitierten
"advertisment" die Verlinkung zwischen den Themen und
Leitmotiven des Textes ironisiert, ist hinzuzusetzen: Aber
es gibt auch keine Leitmotive! Es gibt nur Links zwischen
Signalwörtern, wie The Independent und
Englisch, die weder weiter thematisiert, noch zu
einem Motiv aufgebaut werden.
Das einizige Leitmotiv des
Romans ist seine Anlage: die 253 Personen auf 253 Seiten mit
jeweils 253 Wörtern. Neben diesem eher technischen
Motiv der numerischen Kongruenz gibt es das der
Unvorhersehbarkeit: 253 Mal wird ein Leben umrissen, das man
durch den gleich eingangs angekündigten Unfall als
eines kurz vor seinem Ende wahrnimmt - denn man erfährt
ja nicht, ob diese Person noch vor dem Unfall den Zug
verlassen wird. Diese Anlage gibt den auch ohnehin recht
interessanten und lesbaren Texten eine zusätzliche
Spannung. Schade, dass Ryman diese Spannung nicht über
das Buchende hinaus hält. Man wünscht sich, er
hätte die Reise durch den Zug nicht im ersten Wagen
beginnen, sondern dort enden lassen, genau vor der
Fahrerkabine. Und man wünscht sich, der Fahrer
wäre nicht als Passagier eins im Buch vorgestellt
worden, sondern dem Leser so unbekannt geblieben wie den
Reisenden ihr unausweichliches Schicksal. Denn der Fahrer
ist durch seine Position, der man sich beim Besteigen eines
U-Bahn-Zuges unterstellt, ohnehin in jedem der
erzählten Momente anwesend. Wenn Ryman eingangs
erklärt, dass das Zahlenspiel dazu dient, "die Illusion
eines geordneten Universums" zu wahren, so wäre die
Bewegung nach vorn, zum namen- und gesichtslosen Fahrer, der
für seine Passagiere die Fäden des Universums in
der Hand hält und schließlich zerschneidet, die
angemessenere Richtung gewesen. Der Fahrer als Gott oder
Teufel, von dem man sich kein Bildnis machen kann. Die
Geschichte des Fahrers - What he/she is doing or thinking -
wird erzählt durch jene sieben Seiten des Schreckens;
da wirkt es pedantisch, ihn zuvor als unrasierten
türkischen Politikwissenschaftler Gestalt annehmen zu
lassen, der heut so müde ist, weil er gestern so lang
über den islamischen Fundamentalismus gestritten hat;
zumal ja auch der weder Thema noch Leitmotiv des Buches
ist.
Der Autor dieses raffiniert
angelegten, wenn auch etwas verschenkten Romans hat sein
Standbein in beiden Feldern: er hat vor "253" mehrere
Romane, zumeist Science Fiction, veröffentlicht, und
arbeitet als New Media Manager. Mit "253" hat er keinen
Hypertext vorgelegt und auch keinen "Internet-Roman", wie in
Anzeige
1 suggeriert wird.
Er spielt jedoch deutlich mit dem kombinatorischen Aspekt
digitaler, aber auch experimenteller analoger Dichtung. Und
er lädt die Leser ein, dies fortzuführen. In
Anzeige 2 heisst es: "Jeder Passagier hat eine Nummer, die
nur ihm gehört. Und jedes Kapitel hat 253 Wörter.
Das bedeutet: Jeder Passagier hat in jedem Kapitel sein
eigenes Wort. Setzen Sie alle diese Wörter zusammen -
und Sie haben Ihrer 253-Lieblingsfigur ein Denkmal gesetzt."
Das Beispiel, das Ryman vorführt (es handelt sich um
Mr. Keith Olewaio, Passagier 9, die gesammelten Wörter
dürfen frei kombiniert werden), ist poetisch durchaus
so originell, dass man weitere testen will: "Gesicht mit
einem schwarzen Anzug, Brille, Haarspange, T-Shirt, Falten
und einem organgenfarbenen Dauerlächeln erzählt
Nachbarn Haar für Haar meherer Sommersprossen." Ein
anderes Experiment schlägt Ryman in der Onlinefassung
vor, und diesmal geht es um 'echte Netzliteratur': "Populate
Internet with people you imagine. Click here to email your
300-word contribution to Another One Along in a Minute. What
will your characters do in that five minutes? Talk to
neighbours? Read their papers? Complete their crosswords?
Imagine that there has been a nuclear attack?" Ob das
Mitschreibprojekt zustande kam, ist nicht zu erfahren. Der
angebotene Link zu Ryman funktioniert jedenfalls nicht und
die Suche nach einer Geschichte dieses Namens im Netz bleibt
erfolglos.
Der Unfall selbst ist eine
Erfindung. Am 11. Januar 1995 um 20.42 Uhr hat es keinen
U-Bahn-Unfall in London gegeben. Das Datum ist dennoch ein
tödliches. Es ist der Tag, an dem Ryman erfährt,
dass sein bester Freund Aids hat und Tage später
sterben werde. Dieses Vorwort unterlegt dem Ganzen noch
einmal eine tiefere Bedeutung, denn der Text nimmt damit den
Bezug zu einem Phänomen auf, das die Frage der
Verantwortlichkeit, Kalkulierbarkeit und
Schicksalshaftigkeit mit ähnlichen und zugleich
deutlich anderen Parametern durchspielt. Zwar bleibt dem
einzelnen hier mehr Handlungsspielraum als den Passagieren
einer U-Bahn, aber wie die Fälle der
Virusübertragungen durch Blutransfusion zeigen, ist man
letztlich auch in hier der Vorsicht anderer ausgeliefert.
Indem Ryman auf der Ebene der Londoner Öffentlichkeit -
der Öffentlichkeit seiner Leser und Rezensenten - ein
festes Datum für einen fiktiven U-Bahn-Unfall an einem
nicht-fiktiven Ort setzt und dieses Datum an ein
nicht-fiktives Ereignis auf privater Ebene koppelt, besetzt
er dieses Datum letztlich öffentlich mit dem privaten,
nicht beschriebenen Fall. Der Zug ist steckengeblieben im
Tunnel, wie so viele von uns im Leben, sagt Ryman in einem
der Paratexte.
Die fiktive Katastrophe der vielen steht für die reale
des einen. Ryman hat sein Ziel erreicht, wenn seine Leser
immer dann, wenn der Zug in die Endstation Elephant &
Castle einfährt und - stoppt, an das von ihm
beschriebene Unglück denken, und wenn sie es in vielen
Fällen schließlich wie A-I-D-S
buchstabieren.
Ihr
Kommentar

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