Mythen
sind Geschichten, mit denen Menschen sich unerklärliche
und beängstigende Phänomene erzählen. So
heisst es im Vorwort, und mit Mythenforscher Roland Barthes
könnte man kurz und tief hinzufügen: der Mythos
ist eine "von der Geschichte gewählte Aussage". Die
Einheit der Geschichte ist freilich selbst wieder ein
Mythos, wie der vorliegende Fall zeigt, denn manche sagen
nur Gutes, manche nur Schlechtes über das Internet.
Zwischen diesen beiden Polen zu vermitteln ist das
Versprechen des Bandes.
Der erste Mythos, dem man
dabei begegnet, ist der über den Mythos Internet. Die
Bucheinteilung in vier verschiedene Kapitel (Bausteine der
Netztheorie; Die Idee virtueller Gemeinschaften; Digitale
Märkte; Netzkultur) rekurriert auf eine Ordnung der
Gesellschaft, die schon vor dem Internet so gar nicht mehr
gegeben war: Ökonomische, soziale und kulturelle
Kriterien lassen sich nicht so trennscharf behandeln wie
hier suggeriert. Diese Suggestion folgt freilich dem
Begehren, das Fremde, Beängstigende mit bekannter
Personage zu erzählen, weswegen dies auch nicht als
Hypertext passiert, sondern in strenger Linearität, die
nicht einmal durch ein Register gefährdet wird. Das
muss wohl so sein, will man denen Orientierung geben, die
sich bisher nur durch Tageszeitungen zum Thema haben
informieren lassen. Worum also geht es?
Zum Beispiel um die
Veränderung des realen Raumes durch den virtuellen, von
William J. Mitchel so anschaulich erklärt: Die Pizzaria
braucht die Hauptstraße und umgekehrt; wechseln immer
mehr Leute zur Online-Pizza, verliert erstere ihre Bedeutung
als sozialer Treffpunkt und letztere ihre hohen
Immobilienpreise. Ein anderes Beispiel ist die
Veränderung des Individuums durch die Veränderung
seiner Medien: Ist das Subjekt oraler Kulturen
dialogorientiert und konsensbedürftig und ist das
"gedruckte Selbst" eine "recht stabile Figur", so entspricht
dem Hypertext eine fragmentierte, instabile bzw. flexible
Identität. Was David J. Bolter mediengeschichtlich
entwickelt und implizite zu einer Neuformulierung der 6.
Feuerbachthese von Marx führt - das Individuum als
Summe seiner Links -, bringt Mark Poster kurzerhand auf die
Formel: Das Internet ähnelt eher Deutschland als einem
Hammer. Die Idee ist die gleiche: Das Medium ist nicht nur
ein Mittel, dessen wir uns zur Erreichung bestimmter Ziele
(Nägel einschlagen, Informationssuche) bedienen,
sondern es bestimmt unser Selbst- und Weltverständnis,
so wie das Land, in dem wir sozialisiert wurden.
Ein anderes Phänomen
ist die Öffentlichkeit im Netz, die immer wieder gern
als elektronische Agora apostrophiert wird. Sowohl Rudolf
Maresch wie Sasksi Sassen sehen darin ein Phantasma und
verweisen auf die neuen Ausgrenzungsweisen (Zugang zu und
Beherrschung der zugrundeliegenden Technologie) sowie auf
neue Monopolisierungsvorgänge nach einer kurzen Zeit
der Anarchie und des globalen Wettbewerbs. Mit
ähnlichem Zungenschlag betont Florian Rötzer, dass
der Cyberspace mit seiner Utopie der delokalisierten
Vernetzung letztlich auch einen Rückzug des Individuums
und des Staates aus seiner sozialen Verantwortung bedeutet.
Die "Anmerkungen zur Netzkritik" von Geert Lovink und Pit
Schulz sind eher ein diffuses Stakkato bedeutsam klingender
Worte, allerdings mit dem Lichtblick eines fulminanten
argumentum ad hominem gegen den Romantiker und
selbsternannten Präsidenten des Netzes John Perry
Barlow, der trotz seiner berühmten
Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace als
Mitglied des Global Business Network schließlich sogar
als Feind der Freiheit des Netzes dasteht.
Das Phänomen des
Hypertextes wird unter Netzkultur verbucht. Uwe Wirth
diskutiert mit dem bösen Titel "Literatur im Internet.
Oder: Wen kümmert's, wer liest" die zentrifugale
Wirkung des Links und die Rolle des Lesers als abduzierender
Detektiv, der den plausiblen Zusammenhängen der
verschiedenen Textfragmente hinterher ist - und
spätestens, wenn er sich vom letzten Trivialsatz zu
Goethes "Faust" geleitet sieht, einsieht, dass die
universelle Anschließbarkeit alle pragmatischen
Relevanzsysteme karnevalisiert und Kohärenzbeziehungen
bzw. Intertextualität via Link zur Farce werden
lässt.
Und der Mythos? Der spielte
im Laufe des Buches keine große Rolle mehr. Die
Beiträge berichten recht allgemein von Phänomenen
im Netz, hier und da mit einem Schlenker auf Vorurteile,
aber insgesamt nicht dem Phänomen der Mythenbildung
selbst auf der Spur. Aber das ist durchaus ein Vorteil -
ebenso wie die Tatsache, dass manche Beiträge des
Buches nur die übersetzte Neuauflage längst
bekannter amerikanischer Texte sind -, nämlich dann,
wenn man diesen Band als das versteht, was er eigentlich
sein will: Einführung eines unbedarften Publikum in ein
unbekanntes Reich.
Mythos
Internet
hg. v. Stefan Münker und Alexander Roesler
394 S., 27,80 DM, Frankfurt am Main: Suhrkamp
1997
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