"Der
einst erhoffte freie Fluß der Information wird mehr
und mehr kanalisiert und überlagert durch die
Verwandlung der Information in eine Ware. Übrig bleibt
der freie Fluß des Geldes." Die einleitenden Worter
der Herausgeber markieren einen bitteren Verlust in der
fortschreitenden Aneignung des Mediums, aus dem die Utopien
der 90er Jahre gemacht waren. Das unübersichtliche,
interaktive Pull-Medium (man zieht sich das, was man
braucht) ist ein geordnetes uni-direktionales Push-Medium
(man wird mit Daten bombardiert) geworden.
Trends
Neben der Wandlung von Pull
zu Push stellen die Herausgeber die Ökonomisierung des
Netzes fest und damit die Ausbreitung von Markt und
Wettbewerb in allen sozialen Systemen, einschließlich
Erziehung, Kunst und Religion. Ebenso wird die Besitzschere
über die Aneignung und Verfügung von Wissen
zunehmen, wobei das Medium vor allem den Bindungslosen und
Risikobereiten entgegenkommt, die sich bereitwillig auf die
ganz anderen Nachbarschaftskonstellationen,
Identitätsbildungsprozesse und Fernnah-Beziehungen
einlassen.
Enttäuschungen
Die der Einleitung folgenden
13 Beiträge bestätigen diese Trends, erklären
sie oder schreiben gegen sie an. So verweist Florian
Rötzer auf die Renationalisierung des "Globalen Dorfes"
durch Filterprogramme ("geographic intelligence"), sei es im
Interesse des Kommerz (Regionalcode bei DVDs) oder der
Abwehr verfassungsfeindlicher Äußerungen
(Datenzugang nach IP-Adresse des Users). Gundolf S.
Freyermuth sieht in der Digitalisierung der Kunst den Tod
des Schauspielers und verkündet den Siegeszug der
Immersionsästhetik
Hoffnungen
Andere heften ihre Utopien
ans Internet. So sieht Ivo Skoric, der die Rolle des
Internet in Serbien während des Krieges beschreibt, im
Netz die Garantie von Öffentlichkeit für Rebellen,
Revolutionäre und Regimekritiker. So feiert Richard
Barbrook die Geburt des Cyberkommunismus aus der Geburt
einer Technologie des kalten Krieges. Man kann sich leicht
vorstellen, wie diese Pointe dem Artikel voranging; man wird
schon mehr Mühe haben, im entwickelten Szenario der
Geschenkökonomie die unverhoffte Beseitigung der
Marktwirtschaft zu erkennen. Hier liegt ein Daten-Hype vor,
als wäre alles nur noch Information und ließe
sich im Modell des Naturalhandels untereinander ganz ohne
Geld tauschen. Mein Bäcker und auch mein
Internetprovider teilen diese Meinung jedenfalls nicht.
Pierre Lévy erörtert die Sinnkrise im Gefolge
von Internet, Migration und Globalisierung und apostrophiert
im Verlust der regionalen, nationalen, kulturellen
Bezüge die große Chance der Post-Kultur: als
"Kultur des Kontakts und der wechselseitigen Umfassung, die
auf den Kontakt der Kulturen folgt"
Adoleszensen
In einem sind sich alle
einig: Das Medium ist seinen Kinderschuhen entwachsen.
Zeichen dafür ist nicht nur der Zugriff Wirtschaft,
sondern auch die Etablierung von Selbststeuerungs-, genauer:
Marionetteninstitutionen wie der ICANN, deren Geschichte
Christian Ahlert skizziert. Das Internet hat, wie Skoric es
formuliert, seinen College-Abschluß gemacht, nimmt die
Piercings aus der Nase, läßt die
Menschheitserrettungsutopien sein und sucht nach einem gut
bezahlten Job. Einige werden Kaufleute, einige
Rechtsanwälte, einige Intelligent
Agents.
Cyberhypes.
Möglichkeiten und Grenzen des Internet
hg. v. Rudolf Maresch und Florian Rötzer
272 S., 21,90 DM, Frankfurt am Main: Suhrkamp
2001
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