www.dichtung-digital.com/2002/01/21-Simanowski

Zeitgenossen: "Yatoo"
Audio-visueller Hypertext
als Rollover-Lovepoem

von Roberto Simanowski

Yatoo (go oberste Kapsel) ist eines jener Werke, denen man im Netz begegnen möchte. Ein Vertreter der 'Audio-Kontakt-Kunst', die ihren Text erst bei Mausover-Kontakt als gesprochene Sprache preisgibt (wie zum Beispiel Wolf Kahlens NetSoundArt-Stücke, wo man blind den richtigen Pfad unter der Oberfläche des Bildschirms ertasten muss, den entlang Worte der Weltliteratur angeordent sind). Bei Yatoo (You Are The Only One) von den Zeitgenossen (Ursula Hentschläger und Zelko Wiener) erfolgt die Soundaktivierung zugleich als visuelles Ereignis und beides spielt so gut ineinanander, dass auch Skeptiker ihre Freude am semantischen Mehrwert der Effekte haben dürften.


Das Eingangsbild ist ein fünfeckiger Stern. Jede Ecke ist zweigeteilt und wie bei Mauskontakt klar wird, spricht bei der einen Hälfte eine Frau, bei der andere ein Mann. Die fünf 'Frauenecken' ergeben (und zwar ganz gleich in welche Richtung man geht und mit welcher Ecke man beginnt) folgendes Bekenntis: I / love / you / so / much. Der Stern hat durch den Kontakt seine Form verändert, die Frauenhälften haben sich verschoben (yatoo2).

Klickt man weiter auf diese, heisst es: I won't leave you alone. Die Grafik entwickelt eine neue Harmonie, wobei die folgenden Worte auch schon Disharmonisches andeuten: I will suffer from you.

Und weiter, als Rettung: I want you to escape. Dann heisst es aber: I feel close to you; you are the only one; you ain't got no fear; you can't solve my problems; you will come with me; we will survive this moment. In diesem Moment hat sich der Stern erneuert, der Text ist durch, die Frauenecken beginnen von vorn. Wechseln wir also zum Mann:

You are the only one
You ain't got no fear
You can't solve my problems
You will come with me
We will survive this moment
I love you so much
I won't leave you alone
I will suffer from you
I want you to escape
I feel close to you

Nach dem Ablauf dieser Verse, die mit denen der Frau identisch sind, ist auch von der Männerseite her der Stern wieder geschlossen.

Hier könnte das Gedicht enden; und wäre damit ein beeindruckendes Stück audio-visueller Poesie, in dem der Text in einen Dialog mit den grafischen Gebilden tritt, dessen Aussage nicht ganz klar wird. Man kann Vermutungen anstellen. Wenn zum Beispiel er sagt: We will survive this moment, dann deutet das entstehende kompakte Gebilde möglicherweise an, wie Überleben für ihn aussieht: die fest als Umgrenzung ausgelegten männlichen Teile, die die weiblichen Teile schützend umschließen, aber ihnen auch den Weg nach außen abschneiden.

Es ist klar, dass sein Konzept sich von ihrem unterscheidet, denn wenn sie vom Überleben spricht, nimmt der Stern wieder seine Ausgangslage an, stehen beide Teile also gleichberechtigt und frei nebeneinander. Wenn sie hingegen sagt: I will suffer from you, legen sich ihre Teile unter seine, als sei es genau dieses Überdecken, diese Beschränkung, was sie meint.

Im anschließenden I want you to escape breiten sich ihre Teile aus, wie um dem Fortgeschickten ein breites Bett zu sein.

Die gleiche Aussage aus seinem Mund führt dazu, dass sich seine Teile schwer und unausweichlich auf ihre legen.

Dass die Interaktion zwischen Sound und Bild so intendiert ist, dass die Vordergund/Hintergrundlage wirklich bedeutungsvoll ist, dass die Bewegung der Grafik tatsächlich eine Geschlechtsspezifik enthält, die als Aussage den Text ergänzt, ist nicht gewiss. Aber so könnte es aussehen, wenn man darauf aus ist.

Und die Texte selbst? Welchen Sinn ergeben sie? Sind sie mehr als vage, widersprüchliche (und auch ein wenig kokette) Losungen aus dem Erklärungs- und Beschwörungsvorrat romantisch Verliebter? Zunächst einmal stehen sie im Zeichen der Constraint-Poetik. Sie unterliegen strukturellen Zwängen, so wie im Falle des Palindroms, wo sich ein Ausdruck in der gleichen Weise vor- und rückwärts lesen lässt, oder des Lipograms, wo auf bestimmte Buchstaben, Worte, Phoneme verzichtet wird, oder das Tautograms, wo alle Wörter mit demselben Buchstaben beginnen. Im vorliegenden Falle liegt die Beschränkung in der Wortzahl (und nicht in der Silbenzahl wie bei streng rhythmischen Versen): Jeder der 2x10 Verse muss seine Aussage in genau 5 Wörtern vermitteln.

Die Constraint-Poetik - und das ist neu - weitet sich hier allerdings auf die Reproduktion aus: Wenn die Rezipienten eine gewisse Geschicklichkeit im Anklicken der entsprechenden Teile bei gleichzeitigem Vermeiden von Berührungen der anderen Teile vermissen lassen, gerät alles sehr schnell ziehmlich ducheinander. Denn durch die Überlagerungen der Grafiken ergibt sich keineswegs ein Dialog zwischen Frau und Mann, sondern, weil manche Grafiken zweimal hintereinander aktiviert werden, eine unkalkulierbare Abfolge auf unterschiedlichen Versebenen: You (Mann) - I (Frau) - You (Mann) - I (Frau) - are (Mann) - and (Mann) usw. Der gleiche Effekt tritt ein, wenn man den Cursor einfach auf dem Bildschirm ruhen und - der Stern dreht sich langsam im Uhrzeigersinn - von selbst die Soundfiles aktivieren lässt.

Genau um dieses Durcheinander geht es. Mann und Frau sprechen unabhängig voneinander, jeder seinen eigenen Text, und dieser Text gerät schließlich ganz aus den Fugen: Die Überlagerung der Soundfiles, die eingetretene Unkalkulierbarkeit wirkt wie ein Kommentar zur Unbedingtheitserklärung des Titels. Ein Beleg der Skepsis vielleicht, zumindest ein Hinweis, dass Verständigung auf Dauer nur unter bestimmten Bedingungen - hier: denen der genauen Navigation - funktioniert. Der Constraint-Aspekt wird Teil selbst der Botschaft.  

Und insofern die Kommunikation nur gelingt, wenn ein bestimmter Weg eingehalten wird, liegt auch ein poetologischer Kommentar zum Hypertext vor: Die Freiheit des Klicks ist keine des Sinns, sie führt nur zu einem unkontrollierten Amalgam an Textfetzen und visuellen Modulen. In dieser Botschaft liegt wiederum der tiefere Sinn dieses Hypertexts.  

Das Prinzip des Ertastens der gesprochenen Worte ist bei Yatoo und in Kahlens NetSoundArt-Stücken das gleiche, und in beiden Fällen führt dies leicht zu einem Chaos der ertönenden, nachtönenden, sich überlagernden Worte, wenn man nicht mit der gebotenen Langsamkeit genau den Pfad entlangfährt, der den Usern entweder unsichtbar oder mit sichtbaren Hürden gelegt wurde. Das Lesen, das zum Hören wird, ist ein Ertasten oder erzeugt, wem die Geduld fehlt, ein Spektakel ungeordnet aufklingender Satzteile. Bei Yatoo kann man diesen Effekt auf den Rezeptionsprozess im allgemeinen und auf den Text im einzelnen anwenden. Dies macht das Werk komplex und gelungen nicht nur im Hinblick auf Design und Programmierung, sondern auch konzeptionell. Man darf gespannt sein auf weitere Werke unter dieser Adresse.

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