Klickt
man weiter auf diese, heisst es:
I won't leave you
alone. Die Grafik entwickelt eine neue Harmonie, wobei
die folgenden Worte auch schon Disharmonisches andeuten:
I will suffer from you.
Und weiter, als Rettung:
I want you to escape. Dann heisst es aber: I feel
close to you; you are the only one; you ain't got no fear;
you can't solve my problems; you will come with me; we will
survive this moment. In diesem Moment hat sich der Stern
erneuert, der Text ist durch, die Frauenecken beginnen von
vorn. Wechseln wir also zum Mann:
You
are the only one
You ain't got no fear
You can't solve my problems
You will come with me
We will survive this moment
I love you so much
I won't leave you alone
I will suffer from you
I want you to escape
I feel close to you
Nach dem Ablauf dieser
Verse, die mit denen der Frau identisch sind, ist auch von
der Männerseite her der Stern wieder geschlossen.
Hier könnte das Gedicht
enden; und wäre damit ein beeindruckendes Stück
audio-visueller Poesie, in dem der Text in einen Dialog mit
den grafischen Gebilden tritt, dessen Aussage nicht ganz
klar wird. Man kann Vermutungen anstellen. Wenn zum Beispiel
er sagt: We will survive this moment, dann deutet das
entstehende kompakte Gebilde möglicherweise an, wie
Überleben für ihn aussieht: die fest als
Umgrenzung ausgelegten männlichen Teile, die die
weiblichen Teile schützend umschließen, aber
ihnen auch den Weg nach außen abschneiden.
Es ist klar, dass sein
Konzept sich von ihrem unterscheidet, denn wenn sie vom
Überleben spricht, nimmt der Stern wieder seine
Ausgangslage an, stehen beide Teile also gleichberechtigt
und frei nebeneinander. Wenn sie hingegen sagt: I will
suffer from you, legen sich ihre Teile unter seine, als
sei es genau dieses Überdecken, diese
Beschränkung, was sie meint.
Im anschließenden I
want you to escape breiten sich ihre Teile aus, wie um
dem Fortgeschickten ein breites Bett zu sein.
Die gleiche Aussage aus
seinem Mund führt dazu, dass sich seine Teile
schwer und unausweichlich auf ihre legen.
Dass die Interaktion
zwischen Sound und Bild so intendiert ist, dass die
Vordergund/Hintergrundlage wirklich bedeutungsvoll ist, dass
die Bewegung der Grafik tatsächlich eine
Geschlechtsspezifik enthält, die als Aussage den Text
ergänzt, ist nicht gewiss. Aber so könnte es
aussehen, wenn man darauf aus ist.
Und die Texte selbst?
Welchen Sinn ergeben sie? Sind sie mehr als vage,
widersprüchliche (und auch ein wenig kokette) Losungen
aus dem Erklärungs- und Beschwörungsvorrat
romantisch Verliebter? Zunächst einmal stehen sie im
Zeichen der Constraint-Poetik. Sie unterliegen strukturellen
Zwängen, so wie im Falle des Palindroms, wo sich ein
Ausdruck in der gleichen Weise vor- und rückwärts
lesen lässt, oder des Lipograms, wo auf bestimmte
Buchstaben, Worte, Phoneme verzichtet wird, oder das
Tautograms, wo alle Wörter mit demselben Buchstaben
beginnen. Im vorliegenden Falle liegt die Beschränkung
in der Wortzahl (und nicht in der Silbenzahl wie bei streng
rhythmischen Versen): Jeder der 2x10 Verse muss seine
Aussage in genau 5 Wörtern vermitteln.
Die Constraint-Poetik - und
das ist neu - weitet sich hier allerdings auf die
Reproduktion aus: Wenn die Rezipienten eine gewisse
Geschicklichkeit im Anklicken der entsprechenden Teile bei
gleichzeitigem Vermeiden von Berührungen der anderen
Teile vermissen lassen, gerät alles sehr schnell
ziehmlich ducheinander. Denn durch die Überlagerungen
der Grafiken ergibt sich keineswegs ein Dialog zwischen Frau
und Mann, sondern, weil manche Grafiken zweimal
hintereinander aktiviert werden, eine unkalkulierbare
Abfolge auf unterschiedlichen Versebenen: You (Mann)
- I (Frau) - You (Mann) - I (Frau) -
are (Mann) - and (Mann) usw. Der gleiche
Effekt tritt ein, wenn man den Cursor einfach auf dem
Bildschirm ruhen und - der Stern dreht sich langsam im
Uhrzeigersinn - von selbst die Soundfiles aktivieren
lässt.
Genau um dieses
Durcheinander geht es. Mann und Frau sprechen
unabhängig voneinander, jeder seinen eigenen Text, und
dieser Text gerät schließlich ganz aus den Fugen:
Die Überlagerung der Soundfiles, die eingetretene
Unkalkulierbarkeit wirkt wie ein Kommentar zur
Unbedingtheitserklärung des Titels. Ein Beleg der
Skepsis vielleicht, zumindest ein Hinweis, dass
Verständigung auf Dauer nur unter bestimmten
Bedingungen - hier: denen der genauen Navigation -
funktioniert. Der Constraint-Aspekt wird Teil selbst der
Botschaft.
Und insofern die
Kommunikation nur gelingt, wenn ein bestimmter Weg
eingehalten wird, liegt auch ein poetologischer Kommentar
zum Hypertext vor: Die Freiheit des Klicks ist keine des
Sinns, sie führt nur zu einem unkontrollierten Amalgam
an Textfetzen und visuellen Modulen. In dieser Botschaft
liegt wiederum der tiefere Sinn dieses Hypertexts.
Das Prinzip des Ertastens
der gesprochenen Worte ist bei Yatoo und in Kahlens
NetSoundArt-Stücken das gleiche, und in beiden
Fällen führt dies leicht zu einem Chaos der
ertönenden, nachtönenden, sich überlagernden
Worte, wenn man nicht mit der gebotenen Langsamkeit genau
den Pfad entlangfährt, der den Usern entweder
unsichtbar oder mit sichtbaren Hürden gelegt wurde. Das
Lesen, das zum Hören wird, ist ein Ertasten oder
erzeugt, wem die Geduld fehlt, ein Spektakel ungeordnet
aufklingender Satzteile. Bei Yatoo kann man diesen
Effekt auf den Rezeptionsprozess im allgemeinen und auf den
Text im einzelnen anwenden. Dies macht das Werk komplex und
gelungen nicht nur im Hinblick auf Design und
Programmierung, sondern auch konzeptionell. Man darf
gespannt sein auf weitere Werke unter dieser
Adresse.
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