www.dichtung-digital.com/2002/01-30-Simanowski.htm

Fotograf ohne Kamera Netzpornographie als Kunst
bei Thomas Ruff

von Roberto Simanowski

Pornographische Ready-mades aus dem Internet, manipuliert mit Bildeditoren, ausgestellt in Kunstgalerien: Mit seiner Serie "Nudes" bestimmt Thomas Ruff Aktfotografie neu, indem er das Fotografieren gleich doppelt ans digitale Medium bindet. Das Endprodukt trägt die getilgte Vergangenheit seines Originals unübersehbar in sich und lebt von der Spannung des Zeigens und Verbergens. Zugleich ändert sich die Hierarchie der Blicke: Der nackte Körper beobachtet nicht mehr den Voyeur und dieser wird schließlich selbst zum Objekt der Betrachtung.



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Bildmedien und Computer

Die Stichworte Computer und Bild haben inzwischen eine längere gemeinsame Geschichte, die das Endprodukt mit einigen neuen Aspekten verbindet. 1. Der 'hausgemachte Pointillismus' der Pixelstruktur, zu der sich jeder verhalten muss - indem er sie beizubehalten oder zu überwinden sucht. 2. Die Immaterialität des Bildes, die im Falle des Ausdruckens kein Original, sondern schon die Kopie ergibt, in der die Spuren des Arbeitsprozesses - Übermalungen, Farbänderung - getilgt sind (während sie in einer zugrundeliegenden PSD-Datei an den verschiedenen Layern und der History der Arbeitsschritte nachvollziehbar bleiben). 3. Bei der digitale Fotografie kommt die entscheidende Frage der manipulierten Realität hinzu, die der Fotografie endgültig den Anschein der objektiven Dokumentation nimmt und die kreative Rolle des Fotografen im Produktionsprozess betont. (Siehe die ausführliche Einführung von Anne Morgan Spalter: "The Computer in the Visual Arts", 1999.)

Die Perspektive der Realitätsverzerrung setzt freilich voraus, dass Realität zunächst fotografiert wird, bevor man sie mit entsprechenden Computerprogrammen viel leichter manipuliert, als es bei der analogen Fotografie möglich ist. Was aber geschieht, wenn das Bild sich nicht nur auf den Computer, sondern auch auf die Vernetzung der Computer einlässt? Pedro Meyer, der Pionier der digitalen Fotografie antwortet auf die Frage, wie er das Internet im Hinblick auf die Entwicklung der digitalen Fotografie betrachtet: "It will be an intrinsic part of the medium of photography. A platform for delivery with whole new opportunities for publishing and sharing images." (Interview in dichtung-digital) Damit benennt Meyer sehr genau, was das Internet in den letzten Jahren für die Rolle des Bildes in der Öffentlichkeit getan hat. Es offerierte einen Publikationsort, zu dem faktisch jeder Zugang hat, der über Zugang zu einem vernetzten Computer verfügt. Und natürlich können so auch die Maler und Fotografen ihre Bilder ausstellen. Aber eben nicht nur sie. Private Urlaubsfotos sind ebenfalls zu finden, genauso wie - denn das steht immer früh auf, wenn ein neues Medium sich etabliert - pornografische Bilder, professionelle und Amateurfotos. Und das Entscheidende: Was man sehen kann, kann man auch besitzen, indem man das Image direkt runterlädt oder indem man einen Screenshot macht. Was hat dies mit Kunst zu tun?

Es ist eine der Richtungen, in die Meyers Antwort auch hätte gehen können: Die künstlerische Arbeit mit dem zirkulierenden Bildmaterial. Die computerunterstützte Arbeit nicht am zuvor digital erstellten Bild der Realität, sondern an den Bildern der Realität, wie sie im Internet - als einem neuen Teil dieser Realität - vorliegen. Die Manipulation fotografischer Ready-mades in der Tradition eines John Baldessari. Thomas Ruff ist der Fotograf, der auf diese Antwort gekommen ist.


John Baldessari, 1958/1992
Invasion of the Body Snatchers, Piazza S. Gaetano, Naples
(vgl. auch Balsessaris "
The Overlap Series" von 2001)  


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