www.dichtung-digital.com/2002/01-30-Simanowski.htm

Fotograf ohne Kamera
von Roberto Simanowski
1 - 2 - 3 - 4 - 5


Ready-mades Online

Thomas Ruff (Jg. 1958), der bei Bernd und Hilla Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie Fotografie studierte und heute zu den weltweit bedeutenden Fotografiekünstlern gehört, hatte mit seinen übergroßen, recht sachlichen und zugleich sehr direkten Portraits in den späten 80ern dem Genre der Portraitfotografie eine zeitgemäße Form gegeben. Mit seiner Serie "Nudes" (2000) bestimmt er Aktfotografie neu, indem er das Fotografieren gleich doppelt ans digitale Medium bindet: Zum einen erstellt er seine Fotos nicht selbst, sondern entnimmt sie dem Internet, zum andern manipuliert er diese digitalen Ready-mades mit Bildberabeitungsprogrammen, bis aus ihnen Kunst geworden ist.

Über sein Vorgehen befragt, erklärt Thomas Ruff in einem Interview mit Susanne Leeb: "Finde ich Bilder, die mir vom Bildaufbau oder von der Farbigkeit gut gefallen, mache ich ein Bildschirmfoto. Dieses Bild bearbeite ich dann, gebe ihm zum Teil eine neue Struktur oder eine leichte Bewegungsunschärfe, verändere partiell die Farben." (Texte zur Kunst Nr. 36, Dezember 1999, S. 71-75, hier: 74) Durch Schaffung von Unschärfen, Vergrößerung der Pixelanzahl und des ursprünglichen Aufnahmeformats und durch die Unterdrückung störender Details produziert Ruff Bilder, die ihre pornographische, zum Teil recht stümperhafte Vorlage zumeist noch in sich tragen, durch die Bearbeitung aber zuweilen eine visuelle Qualität annehmen, die eher an David Hamilton gemahnt als an die Nacktheit der Hardcore-Pornographie - und in manchen Fällen völlig die eigentliche Herkunft verdeckt.


nudes hk29 (Image-Quelle)

Auf die Frage, wie wichtig ihm sei, zu zeigen, dass es sich um Netzbilder handelt, antwortet Ruff im gleichen Interview: "Wenn ich mit einem bestimmten Medium arbeite, dann will ich dieses Medium auch im Bild reflektieren. Das habe ich bei allen meinen Serien bisher gemacht. Ob man meinen "Nudes" jetzt allerdings ansieht, daß sie aus dem Netz kommen, weiß ich nicht. Sie behalten ihre Pixelstruktur, das heißt: man kann zumindest erkennen, daß sie aus einer elektronischen Welt stammen." (76) Da Ruffs Bilder in der Galerie, im Katalog, in der Zeitschrift in einem entsprechenden Ausstellungs- und Diskurszusammenhang auf ihre Betrachter treffen, kann man davon ausgehen, dass die Information ihrer Herkunft nicht verlorengeht. Sie darf es nicht, denn in ihr liegt der künstlerische Mehrwert der technischen Bearbeitung. Die vorgenommene Recodierung funktioniert nur, wenn die Authentizität des Ausgangsmaterials vorausgesetzt wird; die getilgte Vergangenheit des Bildes ist dessen eigentliches Ziel.  


1 > 2 - 3 - 4 - 5