Diese
Vergangenheit ist das Internet, dem das Material gleich in
zweifacher Weise entstammt: Es wurde ihm entnommen und es
wurde durch dieses Medium als solches erst hervorgerufen.
Die Anonymität des Netzes, so Ruff im Interview, ist
eine Quelle des Exhibitionismus' und Voyeurismus' (74). Dies
gilt natürlich vor allem für die von Ruff
ebenfalls genutzte Amateurpornografie, die sich ohne die
Bedingungen des Internet in diesem Ausmaße nicht
entwickelt hätte. Aber auch die professionelle
Pornographie profitiert von den spezifischen
Präsentations- und Zugangsbedingungen des neuen
Mediums, das deswegen zuweilen sogar kurzerhand mit
Pornographie gleichgesetzt wird.
Durch Ruffs Zugriff treten
die Bilder aus ihrem ursprünglichen
Verwertungszusammenhang heraus. Sie wirken wie angehalten;
als habe jemand ein Tuch über den Lautsprecher gelegt.
Im Weichzeichner rettet sich, wenn man so will, die
Nacktheit vor dem Blick der Betrachter. Freilich, sie
lässt sich weiterhin ausmachen und die Phantasie der
Betrachters wird ihr Übriges tun, die Ausgangssituation
zu rekonstruieren. Diese Situation will aber zum einen nicht
mehr der neuen visuellen Qualität entsprechen; zum
anderen muss sie rekonstruierbar bleiben, da sich nur so die
Spannung zwischen Ready-made und Manipulation vermittelt.
Diese Spannung ist eine des
Zeigens und des Verbergens. Im Verbergen wird zugleich der zugrundeliegende Exhibitionismus
vorgeführt. Das ist der Unterschied zu den ganz anders entstanden Bildern Hamiltons, deren Ästhetik des
umgekehrten Fotorealismus' das Foto der Malerei angleicht. Bei Ruff wird das Foto des Fotos zur Malerei, und diese
Verdoppelung der Vorlage parodiert wirkungsvoll die entstandene 'Idylle' (was kunstgeschichtlich freilich auch als Kommentar zu
Hamilton zu lesen ist). Das Endprodukt konfrontiert sich mit seiner
eigenen 'verschwundenen' Vorlage und deren ungebremster
Direktheit. Die Inszenierung entlarvt die Inszenierung. Ruff
spricht in einem Interview aus dem Jahre 1993 vom Verlust
des Glaubens in die Fotografie als "objective capturing of
real reality" und schließt an: "Most of the photos we
come across today aren't really authentic anymore--they have
the authenticity of a manipulated and prearranged reality."
(
Online
Journal of Contemporary Art,
Vol. 6, No. 1 (1993)) In "Nudes" lässt Ruff nun zwei
Manipulationen aufeinandertreffen: Die pornographische
Inszenierung der Vorlage wird dekonstruiert durch seine
Inszenierung einer widersprechenden Stimmung.