www.dichtung-digital.com/2002/01-30-Simanowski.htm

Fotograf ohne Kamera
von Roberto Simanowski
1 - 2 - 3 - 4 - 5

Der Blick des Objekts

Der Vergleich des Endprodukts mit seiner Vorlage zeigt, wie weit die Eingriffe des Künstlers gehen. Die konkrete Nacktheit des Körpers verschwindet nicht nur in der Verzerrung seiner Umrisse und wird durch die Farbmanipulation einsam in den Raum gestellt wie eine griechische Statue auf das Podest, ihr wird auch der Blick auf ihren Betrachter genommen.

nudes kü12 (Quelle)

Original zu nudes kü12 (Quelle: Ruff)

 

Diese Tilgung des Blicks ist symptomatisch für das, was Ruff insgesamt unternimmt: Den Betrachter aus seiner Rolle des Beobachteten befreien. In der Konstellation der Internet-Pornographie liegt eine ähnliche Macht des 'Objekts' vor, wie sie Roland Barthes für den ritualisierten Tanz des Strip-tease - als einer "Maske aus Gesten", als einem Gewand der Gewandheit - festhielt (vgl. "Mythen des Alltags"). Das Objekt des Blicks kann, mit der "eisigen Gleichgültigkeit geschickter Praktikerinnen" (Barthes), die Beobachtung beobachten und den Voyeur selbst zum Objekt einer Szene machen, die dieser nicht wirklich beherrscht (ebenso wie der "Verführte" den "Verführer" einer Prüfung unterstellt, um die dieser weiss). Die Machtfrage, das ist längst bekannt, wird nicht an der Oberfläche entschieden.

Es besteht freilich ein prinzipieller Unterschied zwischen dem routinierten Vollzug des Strip-tease (wo die Aktivität per Definition beim Tanzenden liegt) und dem Posieren für ein Bild (wo das Objekt der Aufnahme völlig zum Objekt der Handlung werden kann). Und selbst im ersten Fall liegt eine Enteignung des posierenden Körpers vor, indem dessen Ausstellung - so freiwillig sie auf der Oberfläche der Handlung auch erfolgen sollte - letztlich den Zwecken eines finanziellen Verwertungszusammenhangs unterliegt. Aber diese Enteignung ermächtigt weniger den Kunden auf der anderen Seite der Blick-Achse als diejenigen, die den Verwertungszusammenhang bestimmen, die die Produktions- und Distributionsmittel besitzen.

Der Voyeur ist jeweils vergleichbar Objekt einer Situation, deren Regeln er nicht bestimmt. Man mag argumentieren, dass dies anders ist im Falle der Amateurpornographie, die nur mangelhaft zu jener "Maske aus Gesten" Zuflucht nimmt. Andererseits ist in der Amateurpornographie das Objekt der Abbildung jedoch um so stärker Subjekt der Handlung als es keinem finanziellen Interesse folgt. Was das andere Medium des Geschehens betrifft, so manifestiert sich die Objekthaftigkeit des Voyeurs im Falle der Internet-Pornographie im übrigen auch darin, dass hier der Beobachter immer unter Beobachtung steht und nie weiss, wohin welche Daten während des Besuchs der entsprechenden Sites seinem Computer entzogen werden.

Indem sich Ruff zwischen Vorlage und Betrachter stellt, nimmt er dem ausgestellten Körper auch diesen Blick zurück auf die Betrachter und verdoppelt faktisch die Enteignung des Körpers. Der Weichzeichner ist somit letzlich kein Mittel der Bekleidung, sondern eines der fortgesetzten Entkleidung. Es ist Ruff, der uns anschaut, nicht die nackte Frau - und er setzt sie seinem Blick aus, der freilich alles andere als hilflos ist. Im Bildbearbeitungsprogramm verzerrt Ruff nicht nur die Vorlage, er demontiert auch deren "Maske aus Gesten". 


1 - 2 - 3 > 4 - 5