Diese
Tilgung des Blicks ist symptomatisch für das, was Ruff
insgesamt unternimmt: Den Betrachter aus seiner Rolle des
Beobachteten befreien. In der Konstellation der
Internet-Pornographie liegt eine ähnliche Macht des
'Objekts' vor, wie sie Roland Barthes für den
ritualisierten Tanz des Strip-tease - als einer "Maske aus
Gesten", als einem Gewand der Gewandheit - festhielt (vgl.
"Mythen des Alltags"). Das Objekt des Blicks kann, mit der
"eisigen Gleichgültigkeit geschickter Praktikerinnen"
(Barthes), die Beobachtung beobachten und den Voyeur selbst
zum Objekt einer Szene machen, die dieser nicht wirklich
beherrscht (ebenso wie der "Verführte" den
"Verführer" einer Prüfung unterstellt, um die
dieser weiss). Die Machtfrage, das ist längst bekannt,
wird nicht an der Oberfläche entschieden.
Es besteht freilich ein
prinzipieller Unterschied zwischen dem routinierten Vollzug
des Strip-tease (wo die Aktivität per Definition beim
Tanzenden liegt) und dem Posieren für ein Bild (wo das
Objekt der Aufnahme völlig zum Objekt der Handlung
werden kann). Und selbst im ersten Fall liegt eine
Enteignung des posierenden Körpers vor, indem dessen
Ausstellung - so freiwillig sie auf der Oberfläche der
Handlung auch erfolgen sollte - letztlich den Zwecken eines
finanziellen Verwertungszusammenhangs unterliegt. Aber diese
Enteignung ermächtigt weniger den Kunden auf der
anderen Seite der Blick-Achse als diejenigen, die den
Verwertungszusammenhang bestimmen, die die Produktions- und
Distributionsmittel besitzen.
Der Voyeur ist jeweils
vergleichbar Objekt einer Situation, deren Regeln er nicht
bestimmt. Man mag argumentieren, dass dies anders ist im
Falle der Amateurpornographie, die nur mangelhaft zu jener
"Maske aus Gesten" Zuflucht nimmt. Andererseits ist in der
Amateurpornographie das Objekt der Abbildung jedoch um so
stärker Subjekt der Handlung als es keinem finanziellen
Interesse folgt. Was das andere Medium des Geschehens
betrifft, so manifestiert sich die Objekthaftigkeit des
Voyeurs im Falle der Internet-Pornographie im übrigen
auch darin, dass hier der Beobachter immer unter Beobachtung
steht und nie weiss, wohin welche Daten während des
Besuchs der entsprechenden Sites seinem Computer entzogen
werden.
Indem sich Ruff zwischen
Vorlage und Betrachter stellt, nimmt er dem ausgestellten
Körper auch diesen Blick zurück auf die Betrachter
und verdoppelt faktisch die Enteignung des Körpers. Der
Weichzeichner ist somit letzlich kein Mittel der
Bekleidung, sondern eines der fortgesetzten Entkleidung. Es
ist Ruff, der uns anschaut, nicht die nackte Frau - und er
setzt sie seinem Blick aus, der freilich alles andere als hilflos ist.
Im Bildbearbeitungsprogramm verzerrt Ruff nicht nur die Vorlage,
er demontiert auch deren "Maske aus Gesten".
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