Der
Blick zurück - als Blick des Rezipienten - geht
freilich verloren, solang die Posierenden nicht um die
vorgenommene Veränderung des Bildes wissen. Es ist
möglich, dass sie in einer Ausstellung von Ruffs
"Nudes" auf das eigene Bild treffen, auf die von bzw. mit
ihnen einst vorgenommene Inszenierung; sie würden sich
beraubt fühlen und vielleicht auch belehrt.
Wahrscheinlicher ist jedoch, dass
wir auf dieses Bild
stoßen, das nun nicht nur zwei Autoren hat, sondern
auch zwei Medien vereint.
Die doppelte Autorschaft
liegt auf der Hand, wobei durch die Computerbearbeitung (und
die Software wäre der dritte Autor im Spiel) Ruff zum
eigentlichen Autor wird, ebenso wie einst Andy Warhol mit
seinem seriellen Marylin Monroe-Porträt. Und ebenso wie
dort entsteht hier eine doppelte Medienpräsenz durch
die Anwesenheit des Ausgangsmediums im
Präsentationsmedium (Museum, Galerie). Wenn die
Betrachter nun das Original zu rekonstruieren versuchen,
können sie sich in Warhols Falle auf ein bekanntes
öffentliches Bild beziehen, in Ruffs Falle nicht. Ein
weiterer Unterschied: Die Rekonstruktion ist in dem einen
Falle Mittel der Erkenntnis (wie die Bilder der Massenmedien
unser Begehren strukturieren), in dem anderen ist sie dies
(welche Bilder das Internet verbreitet) nur auf den ersten
Blick, auf den zweiten wird sie das Thema selbst.
Denn was dem unmittelbaren
Verwertungszusammenhang entzogen wurde, hat aus anderer
Perspektive gerade dadurch an Verführungsgewalt
gewonnen. Die halbdurchsichtige Seide des Weichzeichners auf
den Körpern der Abgebildeten regt die Phantasie viel
stärker an als die plumpe Direktheit des Originals, gerade weil
sie jegliche "eisige Gleichgültigkeit" der
Praktikerinnen unterläuft. In dieser Entkleidung ist
jene erotische Macht wiederhergestellt, die Barthes dem
Amateur-Strip-tease attestierte. Die Verführung ist
also aufgehoben auf einer höheren Stufe des
ästhetischen Anspruchs - und der Macht des Betrachters.
Die Rekonstruktion der
Ausgangslage führt das Objekt der Abbildung auf dessen
unverzerrte Nacktheit zurück, ohne ihm jedoch den Blick
zurückzugeben, den Ruffs Bearbeitung tilgte. Die
Rekonstruktion des Originals beruht auf der imaginativen
Aktivität des Betrachters und lässt somit alle
Macht bei diesem. Den Blick des Körpers zurück auf
dessen Betrachter kann es in einer solchen Konstellation
nicht mehr geben, denn er müsste ihm ja vom Betrachter
zugestanden werden. Damit würde dieser Blick freilich
dem Betrachter selbst gehören und wäre keiner
mehr, dem sich letzterer konfrontiert
sieht.
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