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Fotograf ohne Kamera
von Roberto Simanowski
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Allmacht des Voyeurs

Der Blick zurück - als Blick des Rezipienten - geht freilich verloren, solang die Posierenden nicht um die vorgenommene Veränderung des Bildes wissen. Es ist möglich, dass sie in einer Ausstellung von Ruffs "Nudes" auf das eigene Bild treffen, auf die von bzw. mit ihnen einst vorgenommene Inszenierung; sie würden sich beraubt fühlen und vielleicht auch belehrt. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass wir auf dieses Bild stoßen, das nun nicht nur zwei Autoren hat, sondern auch zwei Medien vereint.

Die doppelte Autorschaft liegt auf der Hand, wobei durch die Computerbearbeitung (und die Software wäre der dritte Autor im Spiel) Ruff zum eigentlichen Autor wird, ebenso wie einst Andy Warhol mit seinem seriellen Marylin Monroe-Porträt. Und ebenso wie dort entsteht hier eine doppelte Medienpräsenz durch die Anwesenheit des Ausgangsmediums im Präsentationsmedium (Museum, Galerie). Wenn die Betrachter nun das Original zu rekonstruieren versuchen, können sie sich in Warhols Falle auf ein bekanntes öffentliches Bild beziehen, in Ruffs Falle nicht. Ein weiterer Unterschied: Die Rekonstruktion ist in dem einen Falle Mittel der Erkenntnis (wie die Bilder der Massenmedien unser Begehren strukturieren), in dem anderen ist sie dies (welche Bilder das Internet verbreitet) nur auf den ersten Blick, auf den zweiten wird sie das Thema selbst.

Denn was dem unmittelbaren Verwertungszusammenhang entzogen wurde, hat aus anderer Perspektive gerade dadurch an Verführungsgewalt gewonnen. Die halbdurchsichtige Seide des Weichzeichners auf den Körpern der Abgebildeten regt die Phantasie viel stärker an als die plumpe Direktheit des Originals, gerade weil sie jegliche "eisige Gleichgültigkeit" der Praktikerinnen unterläuft. In dieser Entkleidung ist jene erotische Macht wiederhergestellt, die Barthes dem Amateur-Strip-tease attestierte. Die Verführung ist also aufgehoben auf einer höheren Stufe des ästhetischen Anspruchs - und der Macht des Betrachters.

Die Rekonstruktion der Ausgangslage führt das Objekt der Abbildung auf dessen unverzerrte Nacktheit zurück, ohne ihm jedoch den Blick zurückzugeben, den Ruffs Bearbeitung tilgte. Die Rekonstruktion des Originals beruht auf der imaginativen Aktivität des Betrachters und lässt somit alle Macht bei diesem. Den Blick des Körpers zurück auf dessen Betrachter kann es in einer solchen Konstellation nicht mehr geben, denn er müsste ihm ja vom Betrachter zugestanden werden. Damit würde dieser Blick freilich dem Betrachter selbst gehören und wäre keiner mehr, dem sich letzterer konfrontiert sieht. 


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