www.dichtung-digital.com/2002/01-30-Simanowski.htm

Fotograf ohne Kamera
von Roberto Simanowski
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Voyeure nackt

Man könnte also sagen, dass Ruffs Dazwischentreten die Situation des Betrachters wesentlich verbessert. Aber die Beobachtung des Beobachters ist nicht wirklich beseitigt, sie hat sich nur verschoben. Da die Rekonstruktion des Originals in der Öffentlichkeit erfolgt, ist der Voyeur auf ganz neue Weise Objekt der Betrachtung geworden; diesmal nicht auf einer vertikalen, sondern auf einer horizontalen Ebene. Sein Betrachten ist Teil einer kollektiven Rezeptionssituation, seine Rekonstruktionsarbeit ist, unausgesprochen und unvermeidlich, Objekt dieser Rezeptionssituation. Dies setzt den Voyeur schließlich selbst an die Stelle des nackten Körpers, und zwar bevor dieser durch Ruffs Bearbeitung - also die Tilgung des Blicks zurück - ging. Die Entblößung wird dabei freilich abgefangen durch die "Maske aus Gesten": der Institution, in der, und den Diskursregeln, mit denen die Rezeption erfolgt.

In dieser Konstellation treffen dann auch die beiden Medien direkt aufeinander. Während die Galeriebesucher sich bei der Rekonstruktion der Originalbilder virtuell ins Internet entziehen, sind sie zugleich das eigentliche Objekt der Ausstellung. Die Abbildung dieser kollektiven Rezeption mittels WebCam auf einer Website (der Galerie oder des Projekts "Nudes") hätte den Kreis wunderbar geschlossen - und den Betrachter wohl endgültig im Labyrinth der selbstreflexiven Zirkel sich verlaufen lassen. 


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