Wie schon in der Einleitung angesprochen, sind für konkreatives Schreiben vor allem im digitalen Bereich eine Vielzahl von Termini im Umlauf: «collaborative writing», «kollaboratives, kooperatives oder kollektives Schreiben», «Mitschreib(e)projekt», «Mehrautorenprojekt». Ich begründe im Folgenden, weshalb ich den Begriff «konkreatives Schreiben» vorziehe.
Die Verwendung des Begriffs «kollaborativ» für die hier im Zentrum stehenden Schreibformen hat meines Erachtens zwei Nachteile: Zunächst werte ich die unreflektierte Übernahme des englischen «collaborative» ins Deutsche als problematisch. Der Begriff wird im Deutschen seit dem Zweiten Weltkrieg als Folge einer semantischen Einengung für die Zusammenarbeit mit dem Feind gebraucht und ist entsprechend konnotiert. Zweitens wird der dem Begriff etymologisch inhärente und aus der Verwendung im Englischen auch ersichtliche Aspekt des Arbeitens und der Mühe betont, der für fiktionale Schreibprojekte nicht angebracht ist, weil diese einen hohen Anteil an Kreativität und spielerischem Umgang mit der Sprache beinhalten.
Ein weiterer aus dem Englischen stammender Ausdruck für in Koautorschaft verfasste Texte ist «cooperative fiction». «Cooperation» wird in aller Regel für die ökonomische und politische Zusammenarbeit gebraucht oder für den Austausch zwischen Non-Profit-Organisationen. Analog ist die Verwendung von «Kooperation» und «kooperative Literatur» als Lehnübersetzung im Deutschen. «Kollektives Schreiben» hat neben der irreführenden politischen Nuancierung mit den obigen Begriffen gemein, dass es nicht auf fiktional-narratives Schreiben beschränkt ist.
Die Begriffe «Mitschreib(e)projekt» und «Mehrautorenprojekt» werden nur für fiktionales Schreiben verwendet. Allerdings sind sie ausschliesslich zur Bezeichnung von Onlineprojekten gebräuchlich. Ein Buch, das zum Mitschreiben auffordert, oder ein Kreativprogramm auf CD-ROM fällt aus dem Begriffsrahmen.
Ich erachte folglich «konkreatives Schreiben» als am treffendsten, weil dieser Terminus auf verschiedene Medien angewandt werden kann und die gestalterische Leistung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausdrückt. Der Oberbegriff «Konkreation» bzw. «Konkreativität» kann zudem auch künstlerisch-kreative Beiträge erfassen, die über alphanumerischen Text hinausgehen.
Der Begriff der Konkreativität wird für den literaturtheoretischen Bereich hier erstmals fruchtbar gemacht. Aber auch ausserhalb dieser wissenschaftlichen Disziplin ist er kaum gebräuchlich: Er findet sich einzig beim Historiker und Philosophen Robin George Collingwood und beim Philosophen Heinrich Rombach. Collingwood legt 1938 seine Arbeit «The Principles of Art» zu den Entstehungsbedingungen und zur Vermittlung von Kunst vor. Darin wertet er die Rolle des Publikums grundsätzlich neu und stellt utopisch gefärbte Forderungen zur Produktion und Rezeption von Kunst auf. Mit dem Terminus «concreative» bezeichnet Collingwood eine ideale Verbindung zwischen der Künstlerin bzw. dem Künstler und dem Publikum. Diese äussert sich in einer gleichberechtigten, partnerschaftlichen Form der Zusammenarbeit und kann beispielsweise bei der Aufführung eines Dramas auftreten (Collingwood 1938: 323). Zur Beförderung einer solchen Wechselwirkung schlägt er im Bereich des Dramas den Aufbau clubähnlicher Gruppen vor, in denen ein reger Austausch zwischen Autorin/Autor, Ensemble und Publikum stattfinden soll. Gedruckte Literatur dagegen kann in ihrer herkömmliche Form diesen Konkreations-Ansprüchen nicht nachkommen. Entweder löst sie sich gemäss Collingwood auf (bzw. wird von Unterhaltung, Werbung, Unterweisung und Propaganda absorbiert) oder sie muss neue Ausdrucksformen finden, indem sich Schreibende als eine Art Sprachrohr in den Dienst der Lesenden stellen.
Der Philosoph Heinrich Rombach dagegen verwendet den Begriff «Konkreativität» in seiner phänomenologisch-anthropologischen «Strukturanthropologie» zur Bezeichnung eines holistischen Verhältnisses eines Menschen mit seinen/ihren Mitmenschen und der gesamten Umwelt. Findet ein konkreativer Prozess in einer Gruppe von Menschen statt, entwickelt sich etwas, das gemeinhin als Team- oder Gruppengeist bezeichnet wird: Die Teilnehmenden wachsen über sich selbst hinaus, und es bildet sich eine «Gemeinschaft». Wie aus diesen Ausführungen klar wird, legt Rombach dem Begriff Konkreativität nicht eine ästhetische bzw. schöpferische Tätigkeit im engeren Sinn zu Grunde: jede Handlung kann konkreativen Charakter annehmen.
Den beiden Ansätzen ist gemein, dass sie Konkreativität nicht zur Beschreibung von konkreten künstlerischen Prozessen und Produkten verwenden. Im einen Fall handelt es sich um ein utopisches ästhetisches Konzept, im anderen um ein (gruppen-) psychologisches. Hier dagegen soll der Begriff als literaturwissenschaftliche Kategorie konstituiert werden.
Bei der literaturtheoretischen Sicht auf konkreative Projekte ist evident, dass die Beteiligung der Nutzerinnen und Nutzer an der Schaffung der Narration eine Modifikation der herkömmlichen Autor-Leser-Rollenzuteilung zur Folge hat. Diese stellt sich bei genauer Betrachtung eher als Verschiebung der Machtverhältnisse auf das editorische und im digitalen Bereich programmiertechnische Feld denn als radikale Gleichstellung der Leserinnen und Leser mit der Autorinstanz dar (vgl. zu dieser Frage Anja Rau: «What you click is what you get? Die Stellung von Autoren und Lesern in interaktiver digitaler Literatur», wo am Rande auch Online-Mitschreibprojekte zur Sprache kommen).