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  Judith Mathez
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3. Eine kurze Geschichte der Konkreativität

Konkreatives Schreiben ist kein Novum des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Auf der Basis von mündlicher Erzähltradition und literarischen Spielen entstanden schon weit früher literarische Produkte, welchen eine multiple Autorschaft zu Grunde lag oder die als Voraussetzung für Konkreation in digitalen Medien gewertet werden können. Diese Grundlagen leben, zusammen mit anderen aus der Erwachsenensphäre stammenden Konkreativitäts-Vorläufern, bis heute in der Kinder- (und Jugend-) Literatur fort. Ich werde in diesem Kapitel ein paar der kinder- und jugendliterarischen Traditionen ansprechen, die für den deutschsprachigen Raum relevant sind und dabei die wichtigsten Einflüsse aus der Erwachsenenliteratur einbeziehen.

Vor allem für Kinder, die noch nicht selbst lesen können, ist die orale Erzählkultur also nach wie vor aktuell. Und diese Narrationsvermittlung zeigt sich zudem sehr offen für kreative Beiträge der Kinder. Gemeinsames Geschichtenerfinden, das Weiterspinnen von Bilderbuchvorlagen und das Phantasiespiel mit oder ohne Geschichtenvorlage wird durch die Erziehenden häufig gefördert (zumindest durch diejenigen aus der sozialen Mittelschicht, vgl. dazu Wieler 1994).

Diese positive Haltung gegenüber der Kreativität von Kindern wird in der Reformpädagogik zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals explizit. Doch es dauert bis in die späten 1960er-Jahre, bis sie sich dauerhaft etabliert. Die Reflexe der gesellschaftspolitischen Bewegung von 1968 führen nämlich zu einer radikalen Hinterfragung von Autoritäten auch im pädagogischen Bereich. In der Folge bilden sich antiautoritäre Pädagogikkonzepte und eine so genannt antiautoritäre Kinder- und Jugendliteratur heraus. Kinder aus allen gesellschaftlichen Schichten sollen emanzipiert, zu Kritikfähigkeit und Selbstständigkeit erzogen und den Erwachsenen gleichgestellt werden. Die Förderung von Kreativität und Interaktion mit Hilfe von Kinder- und Jugendliteratur ist eines der Mittel zur Erreichung dieser Ziele.

Durch die angestrebte Förderung von Interaktion und kindlicher Kreativität erleben traditionelle konkreative Formen wie das Eltern-Kind-Gespräch bei der Betrachtung eines Bilderbuchs, die Geschichte, welche reihum weitererzählt wird, oder die szenische Umsetzung einer vorgegebenen oder laufend gemeinsam erfundenen Geschichte eine Renaissance und werden eminent positiv gewertet. Diese literarischen Spiele stammen ursprünglich aus der Erwachsenenkultur. Sowohl in der höfischen Gesellschaft als auch in der Romantik, in der Biedermeierzeit und im 20. Jahrhundert in dadaistischen und surrealistischen Kreisen gab es Gesellschaftsspiele, die nichtprofessionelle gemeinsame Gedicht- und Geschichtenproduktion zum Ziel hatten (vgl. dazu Gundel Mattenklott: «Literarische Geselligkeit»). In der sozialistischen Ausformung der antiautoritären Kinder- und Jugendliteratur zeigt sich zudem der Einfluss des «Bitterfelder Wegs» sowie der BRD-Arbeiterschreibbewegung.

Die antiautoritäre Pädagogik führt schliesslich auch dazu, dass im kinder- und jugendliterarischen Printbereich neue konkreative Formen herausgebildet werden. Es gibt Bücher, in die gezeichnet und geschrieben werden soll, die zerschnitten, beklebt oder durchlöchert werden sollen. Als Vorreiter und Exponent ist hier vor allem der Zeichner-Schriftsteller Friedrich Karl Waechter zu nennen, als Musterbeispiel für ein konkreatives antiautoritäres Kinderbuch sein «Opa Hucke's Mitmach-Kabinett» von 1976. In einer Reihe von Büchern wird zum Spielen, Singen, zur szenischen Umsetzung der Geschichte, zum Erfinden eigener Geschichten oder zum Feedback an den Autor aufgefordert, wodurch wiederum nicht-printgebundene konkreative Praktiken gefördert werden. Die printliterarische Variante konkreativer Kinder- und Jugendliteratur tritt vor allem während der 1970er-Jahre auf. In der Folge werden zwar immer wieder vereinzelte Bücher veröffentlicht, die konkreative Elemente beinhalten; die relativ dichte Verbreitung der antiautoritären Kinder- und Jugendliteratur erreichen sie jedoch nicht mehr.

Noch während der Zeit der antiautoritären Kinder- und Jugendliteratur wird die US-amerikanische Kreativitätsforschung in den 1970er-Jahren in Deutschland rezipiert. Creative Writing für Erwachsene findet im deutschsprachigen Raum ab Mitte der 1970er-Jahre nach dem US-amerikanischen Vorbild Verbreitung. Während es ursprünglich als zweckgebundene Form der Intelligenzförderung zu betrachten war, treten die Eigenschaften der Zweckmässigkeit und der Effektivität im deutschsprachigen Raum schnell in den Hintergrund. Hier hat das Schreiben vielmehr gruppenidentitätsbildenden, therapeutischen oder Spass-Charakter. Creative Writing ist noch heute in den USA weit stärker verbreitet als in Europa. Das Fehlen einer entsprechenden starken Tradition wird von Heiko Idensen unter anderem dafür verantwortlich gemacht, dass die Experimentierfreude der Teilnehmerinnen und Teilnehmer von konkreativen Onlineprojekten im deutschsprachigen Raum relativ gering ist. (Idensen 1996: 9.4.0); ich komme auf diesen Punkt zurück.

Creative Writing und die Nachwirkungen der antiautoritären Pädagogik finden ihren Niederschlag auch im Schulunterricht und zeigen sich dort in der Förderung von experimentellem, fiktionalem und produktionsorientiertem Schreiben. Konkreative Formen finden sich hier zwar kaum; doch mit der Institutionalisierung des fiktionalen Schreibens von Kindern und Jugendlichen wird der Grundstein für deren konkreative Betätigung in digitalen Medien gelegt. Die Förderung der Kreativität ist zudem bis heute ein weitgehend unhinterfragtes Verkaufsargument für Spielwaren: Ausmalbücher, Fingerfarben und Kreativ-CD-ROMs werden als kreativitätsfördernd und mithin als pädagogisch wertvoll angepriesen.


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