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Eintauchen in die Anderswelt
  Daniel Ammann
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Sie spielte ein wenig mit dem Gedanken, wie es wäre, in einem Bild zu leben, das in einer kleinen Hütte im Wald an der Wand hing. Ob sie wohl aus dem Bild heraus und in das hineinschauen könnte, was draussen war?

Jostein Gaarder, Sofies Welt

Ultimative Immersionserlebnisse kennen wir bislang eigentlich nur aus fiktionalen Darstellungen. In Büchern, Filmen und Computerspielen werden immer wieder solche Erfahrungen geschildert. Eine Figur folgt einem weissen Kaninchen, wird von einem Sturm gepackt, schluckt eine farbige Pille oder schlüpft ganz einfach durch eine Tür in der Wand ... und findet sich unversehens in einer Parallelwelt wieder, von deren Existenz bis anhin niemand wusste.

In «The Kugelmass Episode» (dt. «Das Zwischenspiel mit Kugelmass») erzählt Woody Allen die haarsträubende Geschichte eines unglücklich verheirateten College-Professors auf der Suche nach einem romantischen Abenteuer. Da ihm sein Analytiker nicht weiterhelfen kann, ist Kugelmass sogar gewillt, es mit einem fragwürdigen Zauberer zu versuchen. Dieser hat schnell eine Lösung parat. Er zieht ein chinesisches Schränkchen hervor und fordert Kugelmass auf hineinzusteigen. «Also hier ist der springende Punkt», erklärt der Grosse Persky. «Wenn ich irgendeinen Roman zu Ihnen in den Schrank werfe, die Tür zumache und dreimal klopfe, finden Sie sich in das betreffende Buch versetzt.» Überraschenderweise klappt es tatsächlich, und Kugelmass geht mit Emma Bovary – «ein paar Seiten hinter Léon und gerade vor Rodolphe» – ein leidenschaftliches Verhältnis ein. Die Immersion ist so perfekt, dass sich auch Schüler in allen möglichen Klassenzimmern zu fragen beginnen, wer wohl diese Figur auf Seite 100 sein könnte. Später, als Kugelmass Emma sogar übers Wochenende nach New York holt, ist die Verwunderung noch grösser.

«Ich komm da nicht nach», sagte ein Professor in Stanford. «Erst eine unbekannte Gestalt namens Kugelmass, und jetzt ist sie plötzlich aus dem Buch verschwunden. Tja, ich nehme an, das ist das Kennzeichen eines Klassikers, dass man ihn tausendmal wiederlesen kann und immer was Neues findet.» (49-50)

Die amüsante Episode dient hier als illustratives Beispiel, weil sie auf sehr anschauliche Weise einen Extremfall immersiver Erfahrung beschreibt.

Woody Allens Held taucht komplett – gleichsam mit Haut und Haar – in die künstliche Wirklichkeit von Flauberts Roman ein. Kugelmass ist also nicht gleichzeitig an zwei Orten anwesend, denn während er sich bei Emma in Yonville vergnügt, bleibt er in seiner Herkunftswirklichkeit (oder native reality) verschwunden.

Die Schnittstelle zwischen Mensch und Text löst sich vollständig auf. Da es sich innerhalb der Geschichte wiederum um einen literarischen Immersionstext handelt, wird die mediale Transparenz besonders augenfällig. Die Künstlichkeit der Welt, in die Kugelmass eintaucht, fällt ihm nur anfänglich auf: «Sie sprach das gleiche feine Englisch wie das der Übersetzung der Taschenbuchausgabe.»

Ansonsten findet Kugelmass die perfekte Simulation einer 5-Sinne-Realität vor. Er kann sich in der virtuellen Romanwelt frei bewegen, mit fiktiven Figuren wie in der Wirklichkeit interagieren und damit auch das Geschehen massgeblich beeinflussen und Veränderungen im Text herbeiführen. Kugelmass erscheint nicht nur Flauberts Hauptfigur als durchaus reale Person (und vice versa), sondern er schreibt sich gleichsam in den Text ein und hinterlässt in der Geschichte Spuren, die dann selbst von aussertextlichen Rezipienten wahrgenommen werden.

So jedenfalls verhält es sich, wenn wir unsere Ungläubigkeit zeitweilig ausser Kraft setzen und bei der Lektüre selbst in Woody Allens fantastische Erzählung eintauchen. Selbstverständlich sind die erfundenen Figuren Kugelmass und Persky oder die fiktionalisierte Stadt New York bereits Teil eines imaginären narrativen Universums und liegen somit gar nicht auf unserer Wirklichkeitsebene. Da wir den Akt der Immersion aber als relatives Eintauchen, d.h. als vorübergehende Verlagerung von einer Wirklichkeitsebene in eine andere begreifen wollen, leisten gerade Darstellungen aus dem Reich der Fiktion als heuristische Modelle wertvolle Dienste.


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