Im
Gegenteil, man fühlt sich immer als Verlierer, denn
immer hat man keine Ahnung, wovon eigentlich die Rede ist.
"These communes hopelessly scrutinize these gradually pure
realities or must rapidly quote any mightily taken couch."
Der Satz - dafür sorgt das an Modellerkennung und
Chomskis Formale Grammatik geschulte Programm - ist
strukturell zwar völlig in Ordnung (Artikel, Subjekt,
Adverb, Verb: alles in richtiger Zahl und Reihenfolge, so
wie bei den Vierzeilern immer ein halbwegs stimmiger
ABAB-Reim herauskommt), aber er ergibt keinen Sinn: "Diese
Gemeinden prüfen hoffnungslos die fortschreitenden
unvermischten Realitäten oder müssen rasch
irgendeine mit Gewalt genommene Liege zitieren." Alles
klar?
Wir sind im Reich der
Unsinns-Dichtung; einer ihrer Sachverwalter ist das Prinzip
des Zufalls. Er wird als das ästhetische Mittel
eingesetzt, mit dem man die eingeschliffenen Sichtweisen und
plattgetretenen Kreativitätspfade überlisten und
umgehen will. Manche nutzen Drogen dafür, manche
schmeißen die Würfel, manche schneiden mit der
Schere Texte zusammen. Die intentionale Nachbearbeitung ist
zumeist der zweite Schritt und sorgt dafür, dass das
Ganze sinnvolle Aussagen enthält. Ohne eine solche
Korrektur des Zufalls bleibt nur ein semantischer horror
vacui, wie Holger Schulze es in seiner umfangreichen
Studie "Das Aleatorische Spiel" (Fink Verlag 2000)
formuliert.
Die Beziehung von Literatur
und Zufall, das zeigt gerade Schulzes Buch recht
eindrucksvoll, beginnt durchaus nicht erst mit dem Computer.
Einige ihrer Eckdaten sind die kombinatorische Dichtung des
Barock, Getrude Steins Experimente mit dem automatischen
Schreiben seit Ende des 19. Jahrhunderts, Raymond Queneaus
Cent Mille Milliards de poèmes von 1961 oder
William Bourroughs Cut-Up-Poetik. Der Computer
eröffnete freilich neue Möglichkeiten, die u.a.
von der Stuttgarter Gruppe um Max Bense seit Ende der
50erJahre genutzt wurden (vgl. dazu das
Interview
mit dem Mitglied der
Stuttgarter Gruppe Reinhard Döhl).
Der Computer konnte in neuer
Weise nach eingegebenen Algorithmen Zufallstexte erzeugen.
Er brachte allerdings auch den Wunsch zur Täuschung
hervor. Bekannt ist der
Turing-Test
(http://cogsci.ucsd.edu/~asaygin/tt/ttest.html), bei dem ein
Mensch mit zwei unsichtbaren Gegenübern kommuniziert
und herausfinden muss, wer der Computer ist. Hier will der
Computer den Menschen imitieren, also mit sinnvollen
Sätzen antworten, die seine Enttarnung verhindern. In
unseren Zusammenhang übersetzt heisst das, der Computer
produziert so gute Literatur, dass niemand drauf kommt, dass
ihr Autor jetzt schon unsterblich ist. Versuche in diese
Richtung gibt es, aber noch können sie kaum jemanden
hinters Licht führen - außer freilich jene, die
im Unverständlichen die Avantgarde wittern (vgl.
William Chamberlains vom Programm Racter geschriebenes, 1984
bei Mindscape publiziertes Buch "The Policeman's Beard is
Half Constructed")
Simon Biggs ist auf diese
Täuschung nicht aus. Er will keine bedeutungsvollen
Texte per Computer schaffen, er will über Bedeutung an
sich sprechen. Indem dem Leser Bedeutung konsequent
verweigert wird, wird dessen "Suche nach Bedeutung von der
Schrift abgekoppelt und auf den Prozeß der
Transformation verlagert"; die Bedeutungsgebung selbst wird
zum Thema, der Bedeutungsraum "geht vom Text über
dessen Transformation zu der Beobachtung des eigenen
Rezeptionsverhaltens" (
Heibach).
Und Biggs Texttransformation sagt mehr, denn es ist mehr im
Spiel: 1. Kafka, 2. Software und 3. der User. Schauen wir
uns zuerst Kafka genauer an.
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