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Aleatorik als Aufklärung
Mauerbau und Babelturm in Simon Biggs' "Great Wall of China"

von Roberto Simanowksi

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Zufall und Literatur

Great Wall of China (klick webworks) heisst das Projekt, das Kafkas unvollendete Erzählung "Beim Bau der Chinesischen Mauer" als Database zugrundelegt und aus den enthaltenen Wörtern einen neuen Text generiert. Die Generierung der Textes erfolgt im Moment des Mauskontakts, entweder auf den vier Versen unter dem Bild oder auf den chinesischen Schriftzeichen oder auf dem Textblock rechts daneben. Man weiß nicht genau, nach welchen inhaltlichen und syntaktischen Regeln der Text entsteht. Man kann allemal ausmachen, dass er in 10 Abschnitte aufgeteilt ist (die mit den 10 chinesischen Zeichen kooperieren) und jeweils der Abschnitt sich ändert, den (bzw. dessen chinesiches Pendant) der Cursor berührt. Die Berührung lässt den Text mit vergrößertem Schriftfont hervortreten und sich so lang immer wieder neu generieren, bis der Kontakt abbricht. Dann bleibt die Schrift stehen, gibt sich zu erkennen. Ein bisschen ist es wie am Spielautomaten, nur dass sich hier am Ende keine Zahlen aufstellen und schon gar nicht drei, mit denen man gewinnen könnte.

Im Gegenteil, man fühlt sich immer als Verlierer, denn immer hat man keine Ahnung, wovon eigentlich die Rede ist. "These communes hopelessly scrutinize these gradually pure realities or must rapidly quote any mightily taken couch." Der Satz - dafür sorgt das an Modellerkennung und Chomskis Formale Grammatik geschulte Programm - ist strukturell zwar völlig in Ordnung (Artikel, Subjekt, Adverb, Verb: alles in richtiger Zahl und Reihenfolge, so wie bei den Vierzeilern immer ein halbwegs stimmiger ABAB-Reim herauskommt), aber er ergibt keinen Sinn: "Diese Gemeinden prüfen hoffnungslos die fortschreitenden unvermischten Realitäten oder müssen rasch irgendeine mit Gewalt genommene Liege zitieren." Alles klar?

Wir sind im Reich der Unsinns-Dichtung; einer ihrer Sachverwalter ist das Prinzip des Zufalls. Er wird als das ästhetische Mittel eingesetzt, mit dem man die eingeschliffenen Sichtweisen und plattgetretenen Kreativitätspfade überlisten und umgehen will. Manche nutzen Drogen dafür, manche schmeißen die Würfel, manche schneiden mit der Schere Texte zusammen. Die intentionale Nachbearbeitung ist zumeist der zweite Schritt und sorgt dafür, dass das Ganze sinnvolle Aussagen enthält. Ohne eine solche Korrektur des Zufalls bleibt nur ein semantischer horror vacui, wie Holger Schulze es in seiner umfangreichen Studie "Das Aleatorische Spiel" (Fink Verlag 2000) formuliert.

Die Beziehung von Literatur und Zufall, das zeigt gerade Schulzes Buch recht eindrucksvoll, beginnt durchaus nicht erst mit dem Computer. Einige ihrer Eckdaten sind die kombinatorische Dichtung des Barock, Getrude Steins Experimente mit dem automatischen Schreiben seit Ende des 19. Jahrhunderts, Raymond Queneaus Cent Mille Milliards de poèmes von 1961 oder William Bourroughs Cut-Up-Poetik. Der Computer eröffnete freilich neue Möglichkeiten, die u.a. von der Stuttgarter Gruppe um Max Bense seit Ende der 50erJahre genutzt wurden (vgl. dazu das Interview mit dem Mitglied der Stuttgarter Gruppe Reinhard Döhl).

Der Computer konnte in neuer Weise nach eingegebenen Algorithmen Zufallstexte erzeugen. Er brachte allerdings auch den Wunsch zur Täuschung hervor. Bekannt ist der Turing-Test (http://cogsci.ucsd.edu/~asaygin/tt/ttest.html), bei dem ein Mensch mit zwei unsichtbaren Gegenübern kommuniziert und herausfinden muss, wer der Computer ist. Hier will der Computer den Menschen imitieren, also mit sinnvollen Sätzen antworten, die seine Enttarnung verhindern. In unseren Zusammenhang übersetzt heisst das, der Computer produziert so gute Literatur, dass niemand drauf kommt, dass ihr Autor jetzt schon unsterblich ist. Versuche in diese Richtung gibt es, aber noch können sie kaum jemanden hinters Licht führen - außer freilich jene, die im Unverständlichen die Avantgarde wittern (vgl. William Chamberlains vom Programm Racter geschriebenes, 1984 bei Mindscape publiziertes Buch "The Policeman's Beard is Half Constructed")

Simon Biggs ist auf diese Täuschung nicht aus. Er will keine bedeutungsvollen Texte per Computer schaffen, er will über Bedeutung an sich sprechen. Indem dem Leser Bedeutung konsequent verweigert wird, wird dessen "Suche nach Bedeutung von der Schrift abgekoppelt und auf den Prozeß der Transformation verlagert"; die Bedeutungsgebung selbst wird zum Thema, der Bedeutungsraum "geht vom Text über dessen Transformation zu der Beobachtung des eigenen Rezeptionsverhaltens" (Heibach). Und Biggs Texttransformation sagt mehr, denn es ist mehr im Spiel: 1. Kafka, 2. Software und 3. der User. Schauen wir uns zuerst Kafka genauer an.

 


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