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Aleatorik als Aufklärung
Mauerbau und Babelturm in Simon Biggs' "Great Wall of China"

von Roberto Simanowksi

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Kafka

Kafkas Text aus dem Jahre 1917 wurde unvollendet unter dessen Manuskripten gefunden und seiner hervorragenen Bedeutung wegen zum Titelgeber des Nachlassbandes. Dass er auch Kafka sehr wichtig war, zeigt die Tatsache, dass dieser die darin enthaltene Sage von der kaiserlichen Botschaft für die Erzählung "Ein Landarzt" auskoppelte. Es ist die Sage von dem Boten, der des sterbenden Kaisers letzte Botschaft übermitteln will, die an den Erzähler (oder Leser?) selbst gerichtet ist: "Dir, dem Einzelnen, dem jämmerlichen Untertanen, dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne geflüchteten Schatten". Weil der Weg so lang ist und weil der Hindernisse so viele sind, ist der Bote seit Jahrtausenden unterwegs. Das Unterfangen, so heisst es weiter, ist im Grunde aussichstlos, denn niemand dringt durch die Mitte des Reiches bis an dessen Ende, um dem auserkorenen Empfänger die Botschaft zu übermitteln: "Du aber sitzt an Deinem Fenster und erträumst sie Dir, wenn der Abend kommt." Das ist typisch Kafka: Der Bote ist noch unterwegs, aber die Nachricht seines Kommen ist schon da! Dass es einen Text gibt, ist somit schon gewiss, nur nicht, was er beinhaltet. Wird man es je wissen? Der Bote - in der griechischen Mythologie, die Kafka und seinen Lesern gewiss näher ist als die chinesiche, Hermes genannt - hat den Schlüssel, auf den wir warten.

Kafkas Geschichte liest sich als Gleichnis auf den Lektüreprozess an sich: Der Text ist schon da, aber ohne der hermeneutischen Anstrengung der Interpretation sagt er uns nicht viel. Ohne hermeneutische Arbeit ist es im Grunde, als sei der Text noch unterwegs, als habe der Bote noch nicht an die Tür geklopft. - Dies gilt gerade auch für Kafka-Texte, die sprachlich so einfach sind, dass jeder Fremdsprachenlehrer sie gern einsetzt, die den armen Studenten dann aber doch kaum preisgeben, was der Kaiser denn nun gesagt hat. Aber da Hermes, wie es im Text heisst, nie ankommt, wird uns die Botschaft nie erreichen, da mag man ihr abends am offenen Fenster noch so intensiv entgegenträumen. Nur das Defizit ist schon bekannt: Die Botschaft von der ausbleibenden Botschaft ist bereits da. Eine plausible Erklärung dafür gibt es freilich nicht, denn im vortelegrafischen Zeitalter existierte kein schnelleres Übertragungsmittel als der Bote. Es müsste also ein zweiter, besserer Bote im Spiel sein, der den Weg in kürzerer Zeit zurücklegen konnte. Aber davon ist nicht auszugehen, denn erstens ist es unwahrscheinlich, dass sich der Kaiser nicht des besten Boten bedient hätte, zweitens würde ein zweiter Bote das Ganze zu einer Wettlauf-Geschichte banalisieren. Nein, Kafka ging es um mehr.

Wenn es keinen Boten vor dem Boten gibt, dann muss die Botschaft vom Kommen des Boten schon immer gegeben sein. Dann tritt sie nicht aus der Zukunft an uns heran, sondern aus der Vergangenheit - als anthropologische Konstante: Die Sehnsucht nach der Botschaft ist die uranfängliche Sehnsucht nach dem Sinn, nach dem Wort des Herrn; sei es Gott, der Kaiser, Marx oder wer sonst unser Leben in einen Sinnzusammenhang stellen kann. Danach halten wir Ausschau, am Abend am Fenster, wenn die Arbeit getan ist und wir Zeit haben, nach Wozu und Warum zu fragen.

Die Frage des Sinns wird in Kafkas Text allerdings bereits im ersten Teil angesprochen, dort, wo es um den Mauerbau selbst geht. Die Mauer, so erfährt man, ist das Fundament des neuen Babelturms; ist jene fertig, soll dieser errichtet werden. Man kennt die Symbolik dieses biblischen Turms, den Gott einst zusammenbrechen ließ, weil es anmaßend war, dass die Menschen ihm so nahekommen wollten. Die Strafe war die Vielsprachigkeit, die zu Verständnisschwierigkeiten führen und die Wiederholung eines solch gottlosen Unternehmens verhindern sollte. Und in der Tat: Seitdem diskutieren die Menschen und versuchen zu einer Einigung zu kommen, aber da die Sprache das Haus des Seins ist, können die Völker - und nicht einmal die Individuen innerhalb eines Volkes - keine Einigung finden. Dies ginge nur, wenn jeder in genau demselben Haus wohnte, und dazu braucht man eine Mauer.

Eine andere, viel jüngere, viel kürzere, viel effektivere und brisantere Mauer als die chinesische verdeutlicht den Zusammenhang. Die Berliner Mauer war ein vergleichbarer Versuch der Abschottung, in derem Schatten der Turm zu Gott (der in säkularisierter Form "Wahrheit" heisst) errichtet wurde. Wahrheit durch Abgrenzung, durch Unterdrückung der Vielsprachigkeiten. Das Verfahren ist auch in der westlichen Welt nicht unbekannt, wurde da aber glücklicherweise nie effektiv genug durchgeführt (zur Informationspolitik der Medien in den USA vgl. Chomsky oder fair.org). Immer geht es um die Ausrichtung des Publikums auf ein bestimmtes Wissen, auf eine bestimmt Perspektive durch Ausschaltung von Gegenwissen und Gegenperspektive. Es geht um eine Bedeutungsgebung, die nach bestimmten Voraussetzungen geregelt ist und relativ rasch ans Ziel gelangt.

Diese Vorgänge der manipulativen Bedeutungsgebung wurden im 20. Jahrhundert hinlänglich ideologiekritisch beleuchtet, oft mit dem Mangel, dass die Ideologiekritik nicht selbst ideologiekritisch eingeholt wurde, was schließlich nur zum Austausch der Mauern und Türme führte. Die Sprachphilosophie hingegen hat den Turm an sich in Frage gestellt, indem sie den Prozess der Bedeutungsgebung selbst als relationalen problematisierte. Die Kritik der Präsentation wurde dabei schließlich vom Raum auf die Zeit verlagert. So heisst das Schlagwort bei Derrida différance und verweist auf die Doppeldeutigkeit des lateinischen "differre", das sowohl für Aufschieben wie für Sich-Unterscheiden steht. Aufschub ist Veränderung: Bedeutungsgebung ist eingebettet in einen unendlichen Signifikationsprozess. Dieser ist für Derrida prinzipiell unabschließbar, weswegen man nie in der Wahrheit ankommen kann. Der kaiserliche Bote wird immer ausbleiben, es sei denn man glaubt dem erst besten, der sich als Bote ausgibt. Mit dieser Unmöglichkeit der Wahrheit anzukommen unterscheidet sich Derrida von Saussure, der an einem transzendentalen Signifikaten festhält. (Exkurs I zum sprachphil. Hintergrund). An diesem Punkt treffen sich Kafkas Text und Simon Biggs Sprachmaschine.

 


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