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Kafkas
Geschichte liest sich als Gleichnis auf den
Lektüreprozess an sich: Der Text ist schon da,
aber ohne der hermeneutischen Anstrengung der Interpretation
sagt er uns nicht viel. Ohne hermeneutische Arbeit ist es im
Grunde, als sei der Text noch unterwegs, als habe der Bote
noch nicht an die Tür geklopft. - Dies gilt gerade auch
für Kafka-Texte, die sprachlich so einfach sind, dass
jeder Fremdsprachenlehrer sie gern einsetzt, die den armen
Studenten dann aber doch kaum preisgeben, was der Kaiser
denn nun gesagt hat. Aber da Hermes, wie es im Text heisst,
nie ankommt, wird uns die Botschaft nie erreichen, da mag
man ihr abends am offenen Fenster noch so intensiv
entgegenträumen. Nur das Defizit ist schon bekannt: Die
Botschaft von der ausbleibenden Botschaft ist bereits da.
Eine plausible Erklärung dafür gibt es freilich
nicht, denn im vortelegrafischen Zeitalter existierte kein
schnelleres Übertragungsmittel als der Bote. Es
müsste also ein zweiter, besserer Bote im Spiel sein,
der den Weg in kürzerer Zeit zurücklegen konnte.
Aber davon ist nicht auszugehen, denn erstens ist es
unwahrscheinlich, dass sich der Kaiser nicht des besten
Boten bedient hätte, zweitens würde ein zweiter
Bote das Ganze zu einer Wettlauf-Geschichte banalisieren.
Nein, Kafka ging es um mehr.
Wenn es keinen Boten vor dem
Boten gibt, dann muss die Botschaft vom Kommen des Boten
schon immer gegeben sein. Dann tritt sie nicht aus der
Zukunft an uns heran, sondern aus der Vergangenheit - als
anthropologische Konstante: Die Sehnsucht nach der Botschaft
ist die uranfängliche Sehnsucht nach dem Sinn, nach dem
Wort des Herrn; sei es Gott, der Kaiser, Marx oder wer sonst
unser Leben in einen Sinnzusammenhang stellen kann. Danach
halten wir Ausschau, am Abend am Fenster, wenn die Arbeit
getan ist und wir Zeit haben, nach Wozu und Warum zu
fragen.
Die Frage des Sinns wird in
Kafkas Text allerdings bereits im ersten Teil angesprochen,
dort, wo es um den Mauerbau selbst geht. Die Mauer, so
erfährt man, ist das Fundament des neuen Babelturms;
ist jene fertig, soll dieser errichtet werden. Man kennt die
Symbolik dieses biblischen Turms, den Gott einst
zusammenbrechen ließ, weil es anmaßend war, dass
die Menschen ihm so nahekommen wollten. Die Strafe war die
Vielsprachigkeit, die zu Verständnisschwierigkeiten
führen und die Wiederholung eines solch gottlosen
Unternehmens verhindern sollte. Und in der Tat: Seitdem
diskutieren die Menschen und versuchen zu einer Einigung zu
kommen, aber da die Sprache das Haus des Seins ist,
können die Völker - und nicht einmal die
Individuen innerhalb eines Volkes - keine Einigung finden.
Dies ginge nur, wenn jeder in genau demselben Haus wohnte,
und dazu braucht man eine Mauer.
Eine andere, viel
jüngere, viel kürzere, viel effektivere und
brisantere Mauer als die chinesische verdeutlicht den
Zusammenhang. Die Berliner Mauer war ein vergleichbarer
Versuch der Abschottung, in derem Schatten der Turm zu Gott
(der in säkularisierter Form "Wahrheit" heisst)
errichtet wurde. Wahrheit durch Abgrenzung, durch
Unterdrückung der Vielsprachigkeiten. Das Verfahren ist
auch in der westlichen Welt nicht unbekannt, wurde da aber
glücklicherweise nie effektiv genug durchgeführt
(zur Informationspolitik der Medien in den USA vgl.
Chomsky
oder fair.org).
Immer geht es um die Ausrichtung des Publikums auf ein
bestimmtes Wissen, auf eine bestimmt Perspektive durch
Ausschaltung von Gegenwissen und Gegenperspektive. Es geht
um eine Bedeutungsgebung, die nach bestimmten
Voraussetzungen geregelt ist und relativ rasch ans Ziel
gelangt.
Diese Vorgänge der
manipulativen Bedeutungsgebung wurden im 20. Jahrhundert
hinlänglich ideologiekritisch beleuchtet, oft mit dem
Mangel, dass die Ideologiekritik nicht selbst
ideologiekritisch eingeholt wurde, was schließlich nur
zum Austausch der Mauern und Türme führte. Die
Sprachphilosophie hingegen hat den Turm an sich in Frage
gestellt, indem sie den Prozess der Bedeutungsgebung selbst
als relationalen problematisierte. Die Kritik der
Präsentation wurde dabei schließlich vom Raum auf
die Zeit verlagert. So heisst das Schlagwort bei Derrida
différance und verweist auf die
Doppeldeutigkeit des lateinischen "differre", das sowohl
für Aufschieben wie für Sich-Unterscheiden steht.
Aufschub ist Veränderung: Bedeutungsgebung ist
eingebettet in einen unendlichen Signifikationsprozess.
Dieser ist für Derrida prinzipiell
unabschließbar, weswegen man nie in der Wahrheit
ankommen kann. Der kaiserliche Bote wird immer ausbleiben,
es sei denn man glaubt dem erst besten, der sich als Bote
ausgibt. Mit dieser Unmöglichkeit der Wahrheit
anzukommen unterscheidet sich Derrida von Saussure, der an
einem transzendentalen Signifikaten festhält.
( Exkurs
I zum sprachphil. Hintergrund). An diesem Punkt treffen sich
Kafkas Text und Simon Biggs Sprachmaschine.
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