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Aleatorik als Aufklärung
Mauerbau und Babelturm in Simon Biggs' "Great Wall of China"

von Roberto Simanowksi

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Software

Biggs' Great Wall of China steht in einer doppelten Symbolik: Der Text ist unverständlich und er ändert sich bei Mauskontakt. Die Unverständlichkeit auf der Ebene der Repräsentation des zugrundeliegenden Kafka-Textes entspricht dem Ausbleiben Hermes' im Kafka-Text. Allerdings ist diese Unverständlichkeit keine statische. Die Zuwendung zum Text - dies ist die hermeneutische Arbeit, im Projekt durch den Mauskontakt markiert - führt jeweils zur Veränderung des Textes. Aufschub ist Veränderung - jede neue Lektüre erzeugt einen neuen Text, genauer: eine neue Textbedeutung anhand eines vorliegenden Textes. Durch den Textgenerator erfolgt diese Veränderung hier buchstäblich, am Material, am Signifikaten selbst.

Anders als bei realen Lektüre- und Bedeutungsgebungsprozessen ändert sich im vorliegenden Falle allerdings nicht Aussage A durch Aussage B, es ändert sich die Aussage an sich, die für den Leser in jedem Falle unverständlich bleibt. Abgesehen davon, dass dies technisch kaum anders zu lösen war (die aleatorische Erstellung eines sinnvollen Textes ist schwieriger als die Reaktion der Maschine auf die Texteingaben des Users beim Turing-Test), ist es der Sache im Grunde nur dienlich, denn durch das Überspringen der Bedeutungsgebung in erster Instanz wird um so mehr der Aspekt des Bedeutungsgebens hervorgehoben. Wir verstehen den Akt der Änderung, ohne deren Ausgang und Resultat selbst verstehen zu müssen.

Freilich, das ist auch der Moment, da Literatur in Konzeptkunst umschlägt. Indem das Verfahren die Aufmerksamkeit völlig auf den Akt der Bedeutungsgebung lenkt, also von Anfang an metareflexiv operiert, wird das Geschichtenerzählen thematisiert, ohne dass eine eigene, neue, andere Geschichte erzählt würde. Das ästhetische Gewand des Projekts ist die Allegorie, die genauso direkt zur Sache kommt und, anders als das Symbol, ihre Aussage gar nicht erst mit dem Mehrwert eines narrativen Eigenlebens versieht. Biggs' Projekt liefert damit in der Phänomeneologie digitaler Ästhetik ein gutes Besipiel dafür, wie die Arbeit mit Literatur in einem digitalen Setting nicht zu digitaler Literatur, sondern zu digitaler Kunst führt (zur Begriffsdifferenzierung vgl. "Definitionen und Typologien digitaler Literatur seit 1989"). Aber nicht nur ist der Text bei Biggs unverständlich und verwandelt sich fortwährend in neue Unverständlichkeit. Den Anstoß dazu, das darf man nicht vergessen, gibt der 'Leser' selbst.

 


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