Aber
das ist nicht der Hauptakzent, den die Auslösung der
Textgeneration
erst durch den User setzt. Es geht um
die Frage der Autorschaft. Ist es Kafka? Biggs und sein
Porgramm? Der User? Es ist natürlich der User, aber
erst, nachdem Biggs und Kafka es schon waren. Hier wird das
oben Angesprochene noch einmal aus einer anderen Perspektive
verhandelt, der Akzent liegt auf der individuellen Sprache
als das
individuelle Haus des Seins.
Die Beteiligung des Lesers
an der Textproduktion schließt dessen Autorrolle in
die Betrachtung seines Rezeptionsverhaltens ein. Es geht
dabei jedoch nicht um die oberflächliche, allein auf
die mechanische Zusammenstellung des Textes ausgerichtete
Koautorschaft des Autors, in der die Hypertext-Debatte der
90er Jahre völlig zu Unrecht die Umsetzung der
(diskurstheoretischen) Rede vom Tod des Autors und der
(rezeptionsstheoretischen) Rede von der Emanzipation des
Lesers gegenüber dem Text apostrophierte (vgl. dazu
Abschnitt eins in
Death
of the author? Death of the
reader!") Es geht um
den autobiographischen Akt der Lektüre, der den Thesen
der Rezeptionstheorie oder zumindest ihrer
Weiterführung zum Konstruktivismus zugrundeliegt. Bernd
Scheffer beschreibt den Tatbestand wie folgt: "Leser, auch
professionelle Leser (Literaturkritiker,
Literaturwissenschaftler und Essayisten) verfahren als
'Autobiographen': Was wir wahrnehmen und erfahren, was wir
erkennen, erleben und wissen, ergibt sich aus einer
unausgesetzten nicht-schriftlichen, u. U. sogar
nicht-sprachlichen 'Selbstbeschreibung'" (Interpretation und
Lebensromen. Zu einer konstruktivistischen Literaturtheorie,
Suhrkamp 1992, 182).
Die erkenntnistheoretische
Grundlage dieser Aussage liegt in der Hypothese von der
kognitiven Selbstreferentialität lebender Systeme, also
in den Annahme, dass Wahrnehmung an die Konzeptstrukturen
des Lesers rückgekoppelt und Informationen an diese
assimiliert und akkomodiert werden. Folgt man den Thesen des
Radikalen Konstruktivismus, ist die Bedeutungsgenerierung
bei der Lektüre also allein von individuellen
Wahrnehmungs- und Bedeutungsgebungskonzeptionen
abhängig, was den absoluten Tod des Autors und die
absolute Machtlosigkeit des Textes gegenüber dem Leser
bedeuten würde. Siegfried J. Schmidt bringt es für
den Radikalen Konstruktivismus auf die Formel: "Rezipienten
erzeugen Lesarten (Kommunikationen), ohne Original." (in:
Fohrmann/Müller (Hgg.), Diskurstheorien und
Literaturwissenschaft, Suhrkamp 1988, S. 151) In dieser
Radikalitlät lässt sich diese These freilich nicht
halten, und genau das wird im vorliegenden Fall klar: Die
individuelle Bedeutungsgebung hat ihre Grenzen, das
Sinngebungsverfahren des Lesers funktioniert nur unter
bestimmten Voraussetzungen, er kann nicht aus Stroh Gold
machen. Welche sind diese Voraussetzungen? Wer formt
sie?
Die absolute Verweigerung
des Sinns provoziert die Frage, welche Bedingungen
erfüllt sein müssen, damit das selbstreferentielle
kognitve System Informationen sinnvoll verarbeiten kann? Die
Antwort liegt darin, dass jene Bedingungen vorliegen
müssen, unter deren Einfluss dieses selbstreferentielle
kognitive Systems einst etabliert wurde. Die richtige
Reihenfolge und grammatische Relation der Satzglieder
gehört sicher dazu, aber sie reicht eben nicht. Sie
müssen sich auch an den Sinn halten, den wir verstehen
können. Dass man eine Liege zitieren könne, ist
nicht Teil unserer Bedeutungsgebungsoptionen.
Damit kommt die
Außenwelt zurück in die Innenwelt, die
Gesellschaft zurück in den Text: Das kognitive System
entsteht nicht aus dem Nichts, es muß zunächst
sozialisiert werden. Diese Sozialisation erfolgt innerhalb
der sozialen Systeme, deren Teil man ist, und durch die
Diskurse, an denen man teilhat. Hier werden die
Konzeptstrukturen geschaffen, unter deren Herrschaft man
dann Bedeutungen erstellt. Der autobiographische Akt steht
unter starker gesellschaftlicher Kontrolle, der Ort der
Bedeutungsgenerierung des Textes liegt dann genaugenommen
wieder außerhalb des Subjekts. (vgl. dazu
Exkurrs
II) Indem Biggs'
Projekt im Zeichen des Zufalls Texte produziert, die nur
syntaktisch, aber nicht semantisch unseren
Konzeptstrukturen entsprechen, werden uns diese
supra-individuellen, allgemein verbindlichen und allgemein
geteilten Voraussetzungen wieder bewusst, unter denen erst
unsere 'individuelle' Bedeutungsgebung erfolgen kann. Wir
können als Bedeutungsgeber nur in dem Rahmen
erfolgreich operieren, den andere uns gesetzt haben.
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