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Aleatorik als Aufklärung
Mauerbau und Babelturm in Simon Biggs' "Great Wall of China"

von Roberto Simanowksi

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User

Der 'Leser' kann nicht nur nicht wirklich lesen (weswegen besser vom Betrachter oder allgemein vom User zu sprechen wäre), er wird auch mit seiner Hoffnung, doch noch Leser zu werden, unendlich genarrt. Biggs hat alle 4335 Wörter des Textes ins Programm aufgenommen und lässt dieses noch viele Wörter mehr durch unaufhörliche Generierung präsentieren. Der Text ist faktisch ohne Ende, was im krassen Widerspruch dazu steht, dass die Lektüre schon nach dem ersten sinnverweigernden Satz abgebrochen werden könnte. Kann man wirklich? Ist es nicht wie mit Kafkas Botem: Wenn dieser auch schon Jahrtausende vergeblich ersehnt wurde, wie will man wissen, dass nicht gerade heut der Tag seiner Ankunft ist! Wie will man wissen, dass der Text nicht doch irgendwann eine lesbare Gestalt annimmt.

Aber das ist nicht der Hauptakzent, den die Auslösung der Textgeneration erst durch den User setzt. Es geht um die Frage der Autorschaft. Ist es Kafka? Biggs und sein Porgramm? Der User? Es ist natürlich der User, aber erst, nachdem Biggs und Kafka es schon waren. Hier wird das oben Angesprochene noch einmal aus einer anderen Perspektive verhandelt, der Akzent liegt auf der individuellen Sprache als das individuelle Haus des Seins.

Die Beteiligung des Lesers an der Textproduktion schließt dessen Autorrolle in die Betrachtung seines Rezeptionsverhaltens ein. Es geht dabei jedoch nicht um die oberflächliche, allein auf die mechanische Zusammenstellung des Textes ausgerichtete Koautorschaft des Autors, in der die Hypertext-Debatte der 90er Jahre völlig zu Unrecht die Umsetzung der (diskurstheoretischen) Rede vom Tod des Autors und der (rezeptionsstheoretischen) Rede von der Emanzipation des Lesers gegenüber dem Text apostrophierte (vgl. dazu Abschnitt eins in Death of the author? Death of the reader!") Es geht um den autobiographischen Akt der Lektüre, der den Thesen der Rezeptionstheorie oder zumindest ihrer Weiterführung zum Konstruktivismus zugrundeliegt. Bernd Scheffer beschreibt den Tatbestand wie folgt: "Leser, auch professionelle Leser (Literaturkritiker, Literaturwissenschaftler und Essayisten) verfahren als 'Autobiographen': Was wir wahrnehmen und erfahren, was wir erkennen, erleben und wissen, ergibt sich aus einer unausgesetzten nicht-schriftlichen, u. U. sogar nicht-sprachlichen 'Selbstbeschreibung'" (Interpretation und Lebensromen. Zu einer konstruktivistischen Literaturtheorie, Suhrkamp 1992, 182).

Die erkenntnistheoretische Grundlage dieser Aussage liegt in der Hypothese von der kognitiven Selbstreferentialität lebender Systeme, also in den Annahme, dass Wahrnehmung an die Konzeptstrukturen des Lesers rückgekoppelt und Informationen an diese assimiliert und akkomodiert werden. Folgt man den Thesen des Radikalen Konstruktivismus, ist die Bedeutungsgenerierung bei der Lektüre also allein von individuellen Wahrnehmungs- und Bedeutungsgebungskonzeptionen abhängig, was den absoluten Tod des Autors und die absolute Machtlosigkeit des Textes gegenüber dem Leser bedeuten würde. Siegfried J. Schmidt bringt es für den Radikalen Konstruktivismus auf die Formel: "Rezipienten erzeugen Lesarten (Kommunikationen), ohne Original." (in: Fohrmann/Müller (Hgg.), Diskurstheorien und Literaturwissenschaft, Suhrkamp 1988, S. 151) In dieser Radikalitlät lässt sich diese These freilich nicht halten, und genau das wird im vorliegenden Fall klar: Die individuelle Bedeutungsgebung hat ihre Grenzen, das Sinngebungsverfahren des Lesers funktioniert nur unter bestimmten Voraussetzungen, er kann nicht aus Stroh Gold machen. Welche sind diese Voraussetzungen? Wer formt sie?

Die absolute Verweigerung des Sinns provoziert die Frage, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit das selbstreferentielle kognitve System Informationen sinnvoll verarbeiten kann? Die Antwort liegt darin, dass jene Bedingungen vorliegen müssen, unter deren Einfluss dieses selbstreferentielle kognitive Systems einst etabliert wurde. Die richtige Reihenfolge und grammatische Relation der Satzglieder gehört sicher dazu, aber sie reicht eben nicht. Sie müssen sich auch an den Sinn halten, den wir verstehen können. Dass man eine Liege zitieren könne, ist nicht Teil unserer Bedeutungsgebungsoptionen.

Damit kommt die Außenwelt zurück in die Innenwelt, die Gesellschaft zurück in den Text: Das kognitive System entsteht nicht aus dem Nichts, es muß zunächst sozialisiert werden. Diese Sozialisation erfolgt innerhalb der sozialen Systeme, deren Teil man ist, und durch die Diskurse, an denen man teilhat. Hier werden die Konzeptstrukturen geschaffen, unter deren Herrschaft man dann Bedeutungen erstellt. Der autobiographische Akt steht unter starker gesellschaftlicher Kontrolle, der Ort der Bedeutungsgenerierung des Textes liegt dann genaugenommen wieder außerhalb des Subjekts. (vgl. dazu Exkurrs II) Indem Biggs' Projekt im Zeichen des Zufalls Texte produziert, die nur syntaktisch, aber nicht semantisch unseren Konzeptstrukturen entsprechen, werden uns diese supra-individuellen, allgemein verbindlichen und allgemein geteilten Voraussetzungen wieder bewusst, unter denen erst unsere 'individuelle' Bedeutungsgebung erfolgen kann. Wir können als Bedeutungsgeber nur in dem Rahmen erfolgreich operieren, den andere uns gesetzt haben.  

 


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