Biggs'
Projekt erweist sich als eine Umsetzung des Kafka-Textes in
die Rhetorik des digitalen Settings. Er verkörpert das
Ausbleiben des Kafkaschen Boten in einer Text-Performance
des Unsinns. Während normalerweise die hermeneutische
Arbeit sofort bei Kontakt mit dem Text einsetzt, werden hier
die Schritte wieder getrennt und gerade dadurch ins
Bewusstsein gebracht. Auf dieser Grundlage kann dann jeder
beteiligte Posten thematisiert werden: Die Unendlichkeit des
Signifikationsprozesses, die Rolle des Lesers bei der
Bedeutungsgebung, die Rolle des Kontextes des Lesers. Und so
wie Kafkas Text über den Bau der chinesischen Mauer
unterschwellig über die Bedeutung der Mauer im
hermeneutischen Prozess spricht, so widerspricht Biggs'
Projekt durch seine Dynamik dem Mauerbau und reißt
diese im Grunde immer wieder ein.
Biggs' Projekt operiert wie
gesagt über den Zeilen. Es bringt die verborgene
Botschaft des Kafka-Textes an die Oberfläche einer
sichtbaren Performance, es überführt den
Ausgangstext in die Selbstperformativität. Biggs'
"Great Wall of China" ist damit die Adaption von Literatur
in einem Projekt der Konzeptkunst. Diese Projekt der
Konzeptkunst zeigt jene Literatur zwar im Titel an,
verhindert jedoch deren Lektüre. Andererseits setzt das
Projekt die Lektüre des Textes natürlich voraus,
denn erst dessen Kenntnis eröffnet den Spielraum
für die Interpretation des digitalen Settings und
seiner konzeptionellen Idee. Biggs' "Great Wall of China"
ist somit intermedial im doppelten Sinne: 1. Es adaptiert
Literatur in einem digitalen Projekt - dies bezieht sich auf
ein Begriffsverständis des Medienwechsels und der
inhaltlichen Befruchtung unter den Medien wie Literatur in
der Malerei oder im Film. 2. Es verbindet die zwei
Rezeptionsweisen des Lesens (der Kafka-Geschichte) und des
Sehens (der selbstperformativen Umsetzung dieser Geschichte)
- dies bezieht sich auf das Intermedialitätskonzept,
das z.B. der konkreten Poesie zugrundeliegt.
Diese Intermedialiltät
schützt das Projekt schließlich davor, zum Event
der interaktiven Nonsense-Produktion zu verkommen. Die
Gefahr einer solchen Rezeption besteht in den digitalen
Medien wohl immer, deren Message im McLuhanschen Sinne
Geschwindigkeit, Dynamik, Klick-Aktivität ist. Biggs'
Great Wall of China aber dürfte deutlich gemacht
haben: Wer das Projekt nur auf dieser Ebene der Interaktion
mit dem Text-Programm rezipiert, der verfehlt die tiefere
Interaktion mit dem Text; wer die Lektüre der
Kafka-Vorlage unterlässt, unterlässt praktisch
auch die Lektüre seiner digitalen Adaption.
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