www.dichtung-digital.com/2002/04-20-Simanowski.htm

Aleatorik als Aufklärung
Mauerbau und Babelturm in Simon Biggs' "Great Wall of China"

von Roberto Simanowksi

1 - 2 - 3 - 4 - 5



Intermediale Interaktion

Wenn Christiane Heibach in Biggs' Projekt der aleatorischen Textproduktion die "Entsemantisierung der Schrift" und daraus folgend die 'Beobachtung des eigenen Rezeptionsverhaltens" erkennt, ist ihr darin unbedingt zuzustimmen. Zugleich hat uns diese Entsemantisierung eine Menge mitgeteilt, und zwar, angesichts des metareflexiven Ansatzes, weniger zwischen als über den Zeilen. Voraussetzung dieser Mitteilung ist freilich die Rezeption aller Bestandteile des Projekts, also auch des der Entsemantisierung zugrundeliegenden Kafka-Textes. Wie zu sehen war, thematisiert bereits dieser Text Semantisierung, ohne freilich eine solche selbst zu verweigern.

Biggs' Projekt erweist sich als eine Umsetzung des Kafka-Textes in die Rhetorik des digitalen Settings. Er verkörpert das Ausbleiben des Kafkaschen Boten in einer Text-Performance des Unsinns. Während normalerweise die hermeneutische Arbeit sofort bei Kontakt mit dem Text einsetzt, werden hier die Schritte wieder getrennt und gerade dadurch ins Bewusstsein gebracht. Auf dieser Grundlage kann dann jeder beteiligte Posten thematisiert werden: Die Unendlichkeit des Signifikationsprozesses, die Rolle des Lesers bei der Bedeutungsgebung, die Rolle des Kontextes des Lesers. Und so wie Kafkas Text über den Bau der chinesischen Mauer unterschwellig über die Bedeutung der Mauer im hermeneutischen Prozess spricht, so widerspricht Biggs' Projekt durch seine Dynamik dem Mauerbau und reißt diese im Grunde immer wieder ein.

Biggs' Projekt operiert wie gesagt über den Zeilen. Es bringt die verborgene Botschaft des Kafka-Textes an die Oberfläche einer sichtbaren Performance, es überführt den Ausgangstext in die Selbstperformativität. Biggs' "Great Wall of China" ist damit die Adaption von Literatur in einem Projekt der Konzeptkunst. Diese Projekt der Konzeptkunst zeigt jene Literatur zwar im Titel an, verhindert jedoch deren Lektüre. Andererseits setzt das Projekt die Lektüre des Textes natürlich voraus, denn erst dessen Kenntnis eröffnet den Spielraum für die Interpretation des digitalen Settings und seiner konzeptionellen Idee. Biggs' "Great Wall of China" ist somit intermedial im doppelten Sinne: 1. Es adaptiert Literatur in einem digitalen Projekt - dies bezieht sich auf ein Begriffsverständis des Medienwechsels und der inhaltlichen Befruchtung unter den Medien wie Literatur in der Malerei oder im Film. 2. Es verbindet die zwei Rezeptionsweisen des Lesens (der Kafka-Geschichte) und des Sehens (der selbstperformativen Umsetzung dieser Geschichte) - dies bezieht sich auf das Intermedialitätskonzept, das z.B. der konkreten Poesie zugrundeliegt.

Diese Intermedialiltät schützt das Projekt schließlich davor, zum Event der interaktiven Nonsense-Produktion zu verkommen. Die Gefahr einer solchen Rezeption besteht in den digitalen Medien wohl immer, deren Message im McLuhanschen Sinne Geschwindigkeit, Dynamik, Klick-Aktivität ist. Biggs' Great Wall of China aber dürfte deutlich gemacht haben: Wer das Projekt nur auf dieser Ebene der Interaktion mit dem Text-Programm rezipiert, der verfehlt die tiefere Interaktion mit dem Text; wer die Lektüre der Kafka-Vorlage unterlässt, unterlässt praktisch auch die Lektüre seiner digitalen Adaption.

 


home