Das
Netz ist voll mit Literatur: Man muss nur die URL
<http://www.literatur.de> eintippen, und
schon wird ein riesiges Buch- und Medienkaufhaus
vor den Augen ausgebreitet, in dem es vom neuesten
Asterix über den aktuellen Grisham bis hin zu
den "unendlichen Weiten", die das "galaktische
SciFi-Special" eröffnen, zu den "Klassikern
des Genres, neuen Büchern, bekannten Serien,
spaciger Musik und visionären Filmen" alles zu
kaufen gibt, was sich zwischen zwei Buchdeckeln
oder auf CD-, CD-ROM- bzw. DVD-Scheiben speichern
und vertreiben lässt.
Auch das digitale
Archiv für Literatur, in dem die ältesten
wie die neuesten Texte abrufbar sind, wächst
täglich. Das traditionelle Literatursystem hat
mit dem Internet, dem Netz der Netze', eine
Erweiterung erfahren, dessen Konsequenzen in
unterschiedlichste Richtungen beobachtet werden
können. Am offensichtlichsten sind sie - als
Datenbank - für Bibliotheken und - als
Distributionskanal - für den Buchhandel, das
heißt für Archivierung und Vertrieb bzw.
- im Computerjargon - für Speichern' und
Übertragen' von Literatur.
Weniger intensiv
wird bislang diskutiert, welche formalen
Konsequenzen die rechnergestützte Vernetzung
des Literatursystems hat. Wenn die
Möglichkeiten und Grenzen computerbasierter
Literatur ebenso wie jene für gedruckte
Literatur von der spezifischen Materialität
der Speichermedien und der Distributionswege
abhängig sind, dann sind neben den eher
äußerlichen' Veränderungen im
Literaturbetrieb viel weitreichendere
Veränderungen für die Formen der
Produktion von Literatur - das Schreiben -,
für ihre ästhetischen, literarischen
Qualitäten - das Werk - und nicht zuletzt
für die Formen der Rezeption - das Lesen - zu
erwarten. Ob und wie sich in diesen Bereichen der
literarischen Kommunikation die Verhältnisse
geändert haben, ob sich in den neuen Formen
der Vernetzung also auch neue Formen von Literatur
entwickeln, die sich von den tradierten
tatsächlich unterscheiden, danach soll im
Folgenden gefragt werden.
Dabei wird von
einem komplexen und äußerst dynamischen
Mit-, Neben- und Ineinander von
medientechnologischer, sozialer, ökonomischer
und nicht zuletzt eben auch ästhetischer
Evolution und radikalen Umbrüchen auszugehen
sein, von Wandlungsprozessen im
Literatursystem und Momenten eines grundlegenden
Wandels des Systems. Die Implementierung von
digitaler' Literatur in Computernetzen hat
zweifelsohne einen Paradigmenwechsel der
literarischen Kommunikation bewirkt. Dennoch
relativiert sich eine naheliegende
medienätiologische Perspektive, die
monokausale Begründungen favorisiert - und das
hieß in den letzten Jahren vielfach eine
Vorrangstellung der apparativen Dispositive -, wenn
man berücksichtigt, dass die verschiedenen
aktuellen Ausprägungen von Netzliteratur an
die Literaturgeschichte der Moderne
rückgebunden sind. Vielfach beziehen sie
gerade aus den Experimenten der klassischen'
Avantgarden ihre Anregungen, die in
rechnergestützten Medien wiederholt,
aktualisiert und häufig sogar erstmals
konsequent realisiert werden.
[erweiterte
Fassung aus Text & Kritik Heft 152:
Digitale
Literatur]
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