Same
Day Test von Gavin Inglis beginnt, wie
man sich solche Anfänge vorstellt: Gabrielle ist am
Telefon, man hat Monate nichts mehr von ihr gehört, nun
ruft sie an: Tom. I'm positive. You'd better
get a test. Dann
haut sie den Hörer nieder. Unter dem Text stehen zwei
Links zur Wahl: Gabrielle und Phone Infirmary.
Wer erst mehr über Gabrielle erfahren will, ist danach
wieder vor die Wahl gestellt: Phone Infirmary½Dont. Klickt man Dont,
liest man: It's better not to know. Because in
a way, knowing you have a terminal disease is like already
being dead. Your imagination is limited by your knowledge of
the future... Von dieser Seite geht kein Link mehr
aus, die Geschichte ist am Ende angekommen.
Wer wissen will, wie es weitergeht, klickt im Browser auf
Zurück und ruft das Krankenhaus an. Dort erhält
man einen Termin und hat wieder die Wahl: zwischen Go
und Dont Go (das zum schon bekannten Ende
führt). Nach dem Test bleibt Tom Zeit bis vier Uhr
Nachmittags. Er bzw. der Leser muss entscheiden, ob er zur
Arbeit geht oder nicht. Tut er es, stehen als Links zur
Auswahl: Lunch with workmates | Lunch alone,
nimmt er sich hingegen frei, heisst die Frage Museum
oder Pub. Die Alternativen verzweigen sich weiter und
kreuzen sich zuweilen: Man kommt vom Museum, vom Pub und von
der Arbeitsstelle zum gleichen Lunch-Platz mit dem gleichen
alten Mann als Tischnachbar. Von hier geht es weiter zu
Work oder Princess Street Gardens. Viele Links
sind nur Umwege, die an der Begegnung im Lunch-Restaurant
vorbeiführen oder den Gang zu Jills Haus (Toms
früherer Freundin) und schließlich zum
Krankenhaus etwas verzögern. Dorthin aber führen
schließlich alle Wege, zum letzte Klick, der
Result heisst und die Nachbildung eines offiziellen
Testdokuments zeigt, durch dessen Angaben man sich erst
mühsam durchlesen muss, bis man auf die Meldung
negativ stösst. Ende der Links, Ende der
Geschichte.
Dies Struktur ist trotz der Überschneidungen
im Grunde recht simpel und erinnert an die Choose Your
Own Adventure-Geschichten. Sie entwickelt im
vorliegenden Kontext ihren Reiz dadurch, dass sie konsequent
die kontroversen Entscheidungen und Verhaltensweisen
anbietet, die sich in einer solchen Situation ergeben, und
den Leser darin verstrickt, als solle er den Ernstfall schon
einmal durchspielen. Andererseits ist auch klar, dass es
für Tom keine wirkliche Wahl mehr gibt. Er kann nur
noch entscheiden, wie und wo er auf das Ergebnis warten
will. Die Navigationsalternativen sprechen darin
liegt ihre versteckte Didaktik implizit von jener
Wahl, die nicht mehr besteht, sobald die Alternative
nur noch heisst: Test oder nicht Test. Die Links sind
sogesehen die Fortführung der Geschichte, sie sind
der Kommentar oder die Moral mit wortlosen Mitteln. Man kann
also festhalten: Links verbinden nicht nur Text, sie
sind Text.
Erwächst die multilineare Erzählweise somit organisch
aus dem Gegenstand, so verfehlt die Geschichte trotzdem die
Anforderungen eines literarischen Hypertextes. Das Problem
liegt darin, dass die Alternativen keinen wirklichen
Unterschied erzeugen. Schickt man Tom z.B. nach dem Test
statt ins Museum in den Pub und lässt ihn fünf
Pints Bier bestellen, so fühlt er sich dann zwar
reichlich betrunken, aber dies bleibt ohne Folgen für
seine Handlungen und Gedanken. Auch jetzt gibt es noch einen
Link zu Jills Haus. Zwar ruft dieser nun eine andere Datei
auf als beim ersten Anlauf, aber der Unterschied der Dateien
liegt lediglich in der Uhrzeit es ist eine halbe
Stunde später , der Text selbst ist der
gleiche. Lässt man Tom jedoch weitertrinken und nach
sieben Pint Bier nicht mehr zu Jill, sondern direkt ins
Krankenhaus gehen, zeigt die Datei zwar 5.01 Uhr an, aber
man stösst auch hier auf den gleichen Text wie zuvor,
als Jill um 4.14 Uhr der Ärztin gegenübersaß
und das Testergebnis erfuhr. Riecht sie, fragt man sich da,
denn seine Fahne nicht! Sollte sich Toms alkoholisierte
Verfassung nicht irgendwie im Text wiederspiegeln?
Inglis versucht durchaus, den bisherigen Lese- bzw.
Handlungsgang in Rechnung zu stellen. Wer Tom zum Beispiel
nach sieben Bier nicht direkt ins Krankenhaus gehen
lässt, sondern auf Not yet klickt und erst dann
auf den alternativlosen Link zum Krankenhaus, wird mit ihm
um 6.35 Uhr schließlich vor verschlossener Tür
stehen. There's none of them here now. You're
too late. Come back in the morning, lautet die Auskunft des
Wachmanns. Eine andere Reaktion auf den zunehmenden
Alkoholkonsum liegt darin, dass nach dem siebten Bier der
Link zum Hospital einmal Hostipal und einmal
Hopsital heisst, womit dieser Text zu einer Art
innere Rede des betrunkenden Erzählers wird. Die
passende Pointe des Zuspätkommens befriedigt allerdings
nur auf der Oberfläche, zumal sie nicht in einen neuen,
retardierenden Handlungsstrang führt, sondern das
Erzählen einfach beendet, was dazu führt, dass der
Leser die Zurück-Funktion des Browsers benutzt, um doch
noch pünktlich der Ärztin gegenüberzusitzen.
Warum, so ist zu fragen, schlägt sich der gewählte
Handlungsgang nur in einer veränderten Uhrzeit nieder.
Wenn schon jeweils eine neue Datei mit einer anderen Uhrzeit
aufgerufen wird, dann hätte auch der angezeigte Text
jeweils dem Gang der Geschichte angepasst werden
können. Und nach allen Regeln menschlicher Psychologie:
Tom hätte nach so vielem Bier vor dem Haus seiner
Ex-Freundin nun andere Gedanken und Gefühle haben
sollen.
Wir sind mitten beim Hauptproblem der Hyperfiction: Wie
organisiert man, dass der andere Kontext aufgrund anderer
Navigation auch Folgen hat? Dank der Kürze seines
Textes bewahrt Inglis durchaus genügend Kontrolle
über die Navigation seiner Leser, und er hat der
überschaubaren Navigationsstruktur auf der Dateieneben
durchaus Rechnung getragen. Die Dateien spiegeln die
alternative Navigation jedoch immer nur in einer anderen
Uhrzeit als vergehe nur mehr Zeit, wenn man drei oder
vier Bier mehr trinkt. Im Pub spiegelt der Text Toms
veränderten inneren Zustand, im Text danach ist davon
nichts mehr zu spüren. Aber wir alle wissen: Man ist
auch noch betrunken, wenn man die Kneipe verlässt
eine Geschichte, die dem nicht Rechnung
träg, verstößt ganz klar gegen die narrative
Logik.
Das Hauptproblem jeder Hyperfiction, die Navigationsalternativen
vorauszubedenken und jeweils in sich schlüssig zu
gestalten, wäre hier leicht zu lösen gewesen.
Komplexere Hyperfiction wie Afternoon mit ihren mehr
als 500 Links haben diese Chance schon weniger
und bei Werken wie Raymond Queneaus Cent mille milliards de
poèmes (1961) wird der Text sowieso nicht mehr
vom Autor beherrscht, sondern vom Zufall. Womit wir bei den
narrativen Aporien der Hyperfiction sind. Aber beginnen wir
von vorn: Was ist ein Hypertext, wie liest man ihn und
welchen Missverständnissen unterliegt die Theorie?