Die Geschichte der permutativen Dichtung die
auf Florian Cramers Website Permutationen nicht nur
nachgelesen, sondern auch an funktionsfähigen Modellen
durchgespielt werden kann erhält mit der Ankunft
des Computers natürlich neue Impulse. Der Hypertext
scheint die Experimente des Aufbrechens linearerer
Erzählformen und der Auflösung der Texthierarchie
fortzuführen. Dass zu dieser Tradition auch Autoren
gehören, die weniger plakativ die Erzeugung der
Textgestalt der Kombinationsarbeit des Lesers
überlassen, weiß Robert Coover, der neben
Queneau, Cortazar und Pavić auch Laurence Sterne und
James Joyce als Vorläufer nennt. Neben dem Beleg aus
der Vergangenheit gibt es einen aus der Gegenwart. The
traditional novel, schreibt Coover im gleichen Essay
nicht ohne ironischen Beiton, is perceived by its
would-be executioners as the virulent carrier of the
patriarchal, colonial, canonical, proprietary, hierarchical
and authoritarian values of a past that is no longer with
us (1992). Weiter heisst es, nun durchaus ernst
gemeint: hypertext presents a radically divergent
technology, interactive and polyvocal, favoring a plurality
of discourses over definitive utterance and freeing the
reader from domination by the author.
Hinter der Anrufung der neuen Technologie steht das Konzept der
aktuellen Philosophie. Im akademischen Bereich populär
geworden in den späten 80er Jahren, erhielt der
Hypertext auch das Theoriedesign dieser Zeit. Postmoderne
und poststrukturalistische Theoretiker wie Roland Barthes, Michel Foucault, Jean François Lyotard, Jacques Derrida, Gilles Deleuze und Félix
Guattari werden als Bezugspersonen
herangezogen und geben dem neuen Gegenstand
wissenschaftliche Dignität. Jay David Bolter,
dem die starken Bezüge selbst etwas unheimlich
vorkommen It is sometimes uncanny how well the
post-modern theorists seem to be anticipating electronic
writing. (1991, 156) , sieht im Hypertext
a vindication of postmodern literary theory
(1992, 24). George P. Landow, dessen Buch Hypertext. The
Convergence of Contemporary Critical Theory and Technology
den Bezug schon programmatisch im Titel trägt, ist es
eher peinlich,
wenn er sich zum Fazit gezwungen sieht: contemporary
theory proposes and hypertext disposes; or, to be less
theologically aphoristic, hypertext embodies many of the
ideas and attitudes proposed by Barthes, Derrida, Foucault,
and others (1997, 91).
Im deutschen Kontext ist
es vor allem Norbert Bolz, der die Affinität des
Hypertextes zur Dekonstruktion feiert (1993).
Die
Rhetorik ist voller Aufbruch, und was bei Coover leicht hin
gesagt ist true freedom from the tyranny of the
line is perceived as only really possible now at last with
the advent of hypertext, written and read on the
computer (1992) , kommt anderswo im Duktus
ernstzunehmender Schlussfolgerungen: The initial
metaphor in hypertext is not an imperfect annunciation
destined for fulfillment. Instead it is a system which is
already present as a totality, but which invites the reader
not to ratify its wholeness, but to deconstruct it.
Die Botschaft des hypertextual medium, so Stuart
Moulthrop weiter, concerns the possibility of infinite
difference (1991, 129f.). Moulthrops Aussage klingt
plausibel: Durch seine Vernetzung und externen Links
hält der Hypertext immer auch das Andere anwesend im
Eigenen und scheint Gegensätzliches nicht mehr
zugunsten einer favorisierten Sichtweise
auszuschließen. Jeder lineare Text arbeitet mehr oder
weniger selektiv und manipulierend, wobei das Problem
beginnt, wenn aus Gründen der Komposition bestimmte
sekundäre Aspekte vernachlässigt oder ausgelassen
und die Informationen in einer kohärenten,
nachvollziehbaren, überzeugenden oder eben
überredenden Art geordnet werden. Schon die
Ordnung der Fakten ist Manipulation, wie Hayden White etwa
für die Historiographie gezeigt hat (1990) und wie
Peter Greenaway auch 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9,
10 can be seen as a narrative (1996, 227) es
für alle Materialorganisation geltend
macht.
Und wer bestimmt, was sekundäre oder primäre
Aspekte sind?!
Beim
Hypertext, so Landow, ist jene Komposition des linearen
Printtexts nicht möglich, denn durch die Verlinkung
verlieren die Texte ihre discreteness (1997,
82). Zitierte Belegstellen sind nun nicht mehr aus dem
Zusammenhang gerissen in den eigenen Argumentationsgang
eingebracht und schon rein mengenmäßig
diesem untergeordnet , sondern durch einen Link zum
Originaltext sofort zugänglich (87): The
necessary contextualization and intertextuality produced by
situating individual reading units within a network of
easily navigable pathways weaves texts, including those by
different authors and those in nonverbal media, together.
One effect is to weaken and perhaps destroy any sense of
textual uniqueness. (65)
Landows
Argumentation setzt freilich Bedingungen voraus, die nicht
jeder Hypertext erfüllt. Natürlich kann auch ein
Hypertext ein Zentrum und eine Ebenenhierarchie aufweisen,
die durch eine entsprechende Menüleiste jederzeit
bewusst gehalten werden, und natürlich gibt es auch
geschlossene Hypertexte, die keineswegs den Link ins Netz zu
den zitierten Belegstellen bzw. zum impliziten Kommentar und
Widerspruch anderer Texte anbieten. Aber abgesehen von
solchen, im übrigen in der Forschung oft anzutreffenden
Nachlässigkeiten in der Binnendifferenzierung des
Phänomens Hypertext: Dass der Hypertext die
Zerstörung jeglicher Texteinheit bedeutet, ist schon
deswegen anzuzweifeln, weil er dies nur auf der Basis
strenger Textgrenzen realisieren kann. Das Prinzip der
Verlinkung beruht auf der vorausgegangenen Atomisierung
so wie der Internationalismus auf dem
Nationalismus.
Damit
die Teile variabel miteinander verbunden werden können,
müssen sie als eigenständige Einheiten umgrenzt
werden: a hypertext node, unlike a textual paragraph,
tends to be a strict unit which does not blend seamlessly
with ist neighbors (Conklin 1987); jedes Textsegment
takes on a live of its own as it becomes more
selfcontained and less dependent on what precedes or follows
it in a linear succesion (Snyder 1997, 53). Landow
räumt dies später selbst ein, wenn er mit Bezug
auf Terence Harpold schreibt: To state the obvious:
one cannot make connections without having things to
connect. [...] all links simultaneously both bridge
and maintain seperation (1999, 159). Landow diskutiert dies allerdings nicht im Hinblick auf die
grenzüberschreitende Funktion des Hypertexts;
ebensowenig wird deutlich, auf welche Schrift Harpolds er
sich bezieht. Harpold hatte bereits 1991 den
link as a signifier of pure difference
(173) bezeichnet und 1994 wiederholt: The link is able
to assume its conventional function as a marker of the
lexial intersection only insofar as it concretizes
(fixes, petrifies) the disjunktion between lexias (197).
Die Struktur der Verlinkung, so das Credo der Einwände,
führt in der Konsequenz zu kleinen, in sich selbst
verständlichen Texteinheiten, die statt komplexer,
ausladender Gedankengänge im Grunde nur schnell und
kontextunabhängig Verständliches enthalten
können. Der Autor eines Hypertexts is
encouraged to make discrete points and seperate them from
their context, so Begemann und Conklin, die Tuman als
Kronzeugen dafür zitiert, dass Hypertext die
Entwicklung komplexer Ideen behindert: when
youre struggeling to solve a problem, the mental
effort required to seperate it into discrete thoughts,
identify their types, label them, and link them can be
prohibitive(260).
Die Atomisierung seiner Elemente lässt denn auch der
dekonstruktiven Kraft des Hypertextes misstrauen:
There is the danger that the hypertext could become a
mass of comments and links in which no single link could
gather enough force or distinctiveness to make
deconstructive maneauvers. By their very multitude the links
would allow individual lexias too much atomistic
sufficiency. (Kolb 1994, 336) Die
Hypertextstruktur scheint somit weniger der tastenden Suche
nach dem Zusammenhang und der klugen Dekonstruktion dieses
Zusammenhangs als der Etablierung schneller Antworten zu
dienen. Die discreteness, die der Hypertext nach
Landow durch seine Verlinkung verliert, wird auf einer
vorgelagerten Ebene zum Produktionsprinzip erhoben; der
epistemologische Skandal besteht darin, dass die allgemeine
Verbrüderung aller mit allen auf dem Auseinderreissen
der Familien beruht.
Auch die Rezeption von Hypertexten wird mitunter
vorschnell als Werkzeug des kritischen Denkens gefeiert. Man
verweist darauf, dass die Struktur der Vernetzung die
konstruktivistische Perspektive gegenüber einer
objektivistischen stärkt und spricht gar von einer
Revolution hin zu Ironie und Skeptizismus (Aronowitz 1992,
133). Critical thinking, so Landows
Argument, relies upon relating many things to one
another. Since the essence of hypertext lies in its making
connections, it provides an efficient means of accustoming
students to making connections among materials they
encounter. (1997, 225) Inwiefern dies ein Hypertext
schon an sich tut und inwiefern es dazu der Erfüllung
weiterer Bedingungen bedarf, ist allerdings umstritten.
Während die einen vermuten, dass bereits die
Klickentscheidung kritisches Bewusstsein fördere,
betonen andere und diesen mag man sich eher
anschließen , dass erst eine bestimmte
Fragestellung bzw. die Möglichkeit, selbst an der
Gestaltung des Hypertextes teilzunehmen, ein kritisches, die
Relativität von Aussagen in Rechnung stellendes
Bewusstsein fördert.
Die Technologie des Hypertexts, so lässt sich festhalten,
wird in der Folge der oben zitierten Utopien einer
praktisch gewordenen Theorie mitunter recht
voreilig und unkritisch in den Dienst eines neuen
Evangelismus gestellt. Grundlage und Motiv bilden dabei
zweifellos das Bekenntnis zu einer euphorische
Grundstimmung, mit der man den Abschiedsschmerz des
Poststrukturalismus hinsichtlich der verlorenen
humanistischen Illusionen in eine Rhetorik der Befreiung und
des Aufbruchs in eine neue Zukunft umkomponiert:
Whereas terms like death, vanish, loss, and
expressions of deplation and impoverishment color critical
theory, the vocabulary of freedom, energy, and empowerment
marks writings on hypertextuality (Landow 1997, 103). Vor diesem Hintergrund
hält sich auch ein doppeltes Missverständnis bis
in die Gegenwart: das Missverständnis von der Offenheit
des Textes und vom Tod seines Autors. Dies empfiehlt in den
nächsten zwei Abschnitten eine genauere Durchsicht der
theoretischen Bezugspunkte.