When
Wolfgang Iser and Stanley Fish argue that the reader
constitutes the text in the act of reading they are
describing hypertext. Diese
Aussage Bolters (1992, 24) steht für eine Reihe von
Fehldeutungen, in denen die Möglichkeit des Lesers, den
Hypertext selbst zusammenzustellen, immer wieder mit der von
der Rezeptionstheorie in den 70er und 80er Jahren
gestärkten Position des Lesers bei der
Bedeutungsgenerierung des Textes verwechselt wird. Mit Blick auf Isers Theorie zum
Leseprozess konstatiert Bolter: But what was only
figuratively true in the case of print, becomes literally
true in the electronic medium. The new medium reifies the
metaphor of reader response, for the reader participates in
the making of the text as a sequence of words. Even if the
author has written all the words, the reader musst call them
up and determine the order of presentation by the choices
made or the commands issued. There is no single univocal
text apart from the reader; the author writes a set of
potential texts, from which the reader chooses. (1991,
158) Man hätte den Fehler eigentlich bemerken
müssen, denn bei Iser geht es, wie Bolter selbst
referiert, hinsichtlich der Wörter um des Lesers
own imagination (157), bei Bolter wird daraus
die order of presentation. Der Hypertext wird in
der üblichen Verkörperungs-Logik als
Verwirklichung einer theoretischen Antizipation gesehen,
während er im Grunde doch deren Negation darstellt.
Basisargument ist zumeist Isers Begriff der Leerstelle als
Metapher für eine Hemmung im Fluss der
Sätze, für eine Störung der
Anschließbarkeit aufeinanderfolgender Textsegmente
(Iser 1988, 258f.) , die man im Link des Hypertextes
Gestalt annehmen sieht. Wie Anja Rau richtig einwendet,
zielt Isers Leerstellenmetapher jedoch nicht auf die
physische Aktivität des Lesers, sondern auf eine
mentale (2000, 189). Im gleichen Sinne unterscheiden Manuela
Kocher und Michael Böhler zwischen dem
virtuellen Vorgang im Bewusstsein des Lesers beim
Besetzen der Leerstelle sowie der realen Aktion im
Klick auf den Link (2001, 96) und bezeichnen die
Lektüre eines Hypertextes als Transformation des
literarischen Theaters aus dem Innenraum
mentaler Prozesse in den äußeren Interaktionsraum
sensoriell-motorischer Wahrnehmungs- und
Selektionshandlungen (87).
Damit ist die offensichtliche Differenz benannt, auf deren
Grundlage die Analogie nun aber weiterhin aufrecht erhalten
werden könnte. Die Unterscheidung zwischen virtuell und
real ist nicht nur auf die verschiedenen
Präsentationsebenen von Leerstelle und Link anzuwenden,
sondern auch auf deren Existenzform. Die mentale
Aktivität der Leerstellenbesetzung wird von Rau zwar
als eine vom Text bzw. Autor ausgelöste verstanden
(192), ihren Anlass, so ist hinzufügen, hat sie aber im
Leser selbst. Insofern Anschließbarkeitsstörungen
eine Erfahrung des Lesers und als solche im Sinne des
Konstruktivismus von dessem kognitiven System abhängig
sind, ist die Leerstelle nicht als unabhängiges
Ereignis des Textes, sondern als von Leser zu Leser
verschiedenes Phänomen des in der Rezeption erstellten
Kommunikats zu verstehen. Auch in diesem Sinne also ist die
Leerstelle als virtuell anzusehen. Demgegenüber ist der
Link, der nicht erst vom Leser als solcher erkannt oder
empfunden werden muss, immer real. Die Frage des Anschlusses
existiert beim Hypertext objektiv, sie resultiert nicht aus
dem Rezeptionsprozess, sondern ist diesem vorgelagert und
aufgesetzt.
Die
Externalisierung des hermeneutischen Prozesses,
wie Kocher und Böhler die Transformation aus dem Innen-
in den Außenraum des Textes bezeichnen
(87),
hat Konsequenzen für die Lektüre, die eher
Unterschiede als Gemeinsamkeiten zwischen dem
rezeptionstheoretischen und dem hypertexttheoretischen
Lektüreverständnis aufzeigen. Denn das Zentrum
dieses Prozesses verschiebt sich dadurch nicht, wie oft
deklariert, zum Leser, sondern im Gegenteil zum Autor. Wie
gleich auszuführen sein wird, ist die Interaktion des
Lesers mit dem Text im Zuge der individuellen Navigation
durch diesen kein wirklicher Gewinn an Freiheit. Schon gar
nicht kann dieses Verhältnis zum Text pauschal als
aktive Lektüre gegen die Lektüre linearer
Texte als passiv ausgespielt werden. Eine solche
immer wieder anzutreffende Perspektive (Bolter 1991, 155;
Snyder 1997, 72) überschätzt zum einen den Akt der
Navigationsentscheidung und fällt zum anderen hinter
die Aussagen der hofierten Rezeptionstheorie über die
Position des Lesers gegenüber dem klassischen linearen
Text zurück. Es bleibt festzuhalten, dass dem Text
Bedeutung geben ihn interpretieren und
dem Text Gestalt geben ihn zusammenstellen
zwei prinzipiell verschiedene Vorgänge sind; so
wie Offenheit des Textes nicht gleich Offenheit des Textes
ist, womit wir bei einer weiteren Metapher sind, die in der
Hypertext-Debatte hoch im Kurs steht.
In
diesem Falle ist Umberto Ecos Buch vom offenen Kunstwerk
Stichwortgeber. Ähnlich wie Iser betont Eco die
relative Freiheit des Lesers bei der Erstellung der
Textbedeutung und ähnlich wie Iser grenzt er sich
zugleich gegen Positionen des Dekonstruktivismus und des
Radikalen Konstruktivismus ab, die den Text völlig
entmachten und Textwahrnehmung als endlos
autobiographische Tätigkeit bestimmen (Scheffer
1992, 178).
Diese moderate Position eignet sich für die Diskussion
der Lektüre von Hypertext, der durch das vorgegebene
Angebot an Links ja ebenfalls eine bestimmte Macht
gegenüber dem Leser einbehält. Dennoch ist auch
hier die Übertragung problematisch. Eco zählt zwar
unter dem Begriff offenes Kunstwerk
zunächst Beispiele aus der Musik auf, die erst im
Prozess ihrer Aufführung durch vorzunehmende
Kombinationen vollendet werden,
aber er nennt diese Werke auch in einem weit weniger
metaphorischen und viel greifbareren Sinne »offen«
[...] sie sind, um es einfacher auszudrücken,
»nicht fertige« Werke, die der Künstler dem
Interpreten mehr oder weniger wie die Teile eines
Zusammensetzspiels in die Hand gibt, scheinbar
uninteressiert, was dabei herauskommen wird. (30f.)
Als Beispiel eines offenen Kunstwerks par excellence
zitiert Eco aber Kafkas Schloss (37), ein sehr
lineares, abgeschlossenes Werk, dessen ganze Offenheit in
der Vieldeutigkeit seiner unverrückbaren Zeichen liegt.
Man kann in diesem Falle von einer konnotativen
Offenheit sprechen, während im anderen eine
kombinatorische Offenheit vorliegt.
Die
Rede von der Offenheit zielt auf die Interpretationsvielfalt
eines Werkes. Wie Eco erinnert, bedarf es dazu keineswegs
der Kombinationsvielfalt des Hypertexts. Die kombinatorische
Offenheit ist keine Vollendung der konnotativen, wie es
Bolters Kommentar erscheinen lässt, sie ist
zunächst einmal deren Spiegelung auf der
Oberflächenebene. Landow weiß durchaus um den
Unterschied, wenn er zwischen implizitem und explizitem
Hypertext als mitschwingender bzw. markierter
Intertextualität unterscheidet (1997,
35). Allerdings geht diese Differenzierung in der Diskussion
wieder verloren, wenn die explizite Intertextualität
als natürliches Erbe der impliziten deklariert wird. Die
Frage lautet, ob die kombinatorische Offenheit der
konnotativen Offenheit zu- oder abträglich ist.
Man
möchte spontan annehmen, dass die kombinatorische
Offenheit sich der konnotativen, die innerhalb der
Textsegmente natürlich weiterhin bestehen kann,
hinzugesellt.
Zudem lässt sich argumentieren, dass die
kombinatorische Offenheit der konnotativen einen neuen
Gegenstand liefert, nämlich den Link, der selbst Text
im Sinne einer deutbaren Aussage darstellt. Auch wenn der
Link durch Erklärungen deutlich adressiert ist, handelt
es sich zumeist immer um ein Und, das sich erst im
Nachhinein als kausale, temporale, additive oder adversative
Konjunktion konkretisieren lässt (Wenz 2001,
47).
Durch die Nonverbalität und die Abhängigkeit der
Konkretisation von der Interpretation der jeweils
verbundenen Segmente bleibt der Link der Ausdeutung offen.
Dass die Leser andererseits hier oft nicht zuviel an
verstecktem Sinne erwarten dürfen, ist ein bekanntes,
aber anderes Problem.
Ein Problem ist auch, dass die Verlinkung klar abgegrenzte
Texteinheiten voraussetzt, die wegen der
Navigationsalternativen nicht davon ausgehen können,
dass ihre Bedeutung sich im weiteren Textumfeld entfaltet.
Infofern damit, wie bereits angemerkt, eine klare,
eindeutige Sprache favorisiert wird, ist die kombinatorische
Offenheit der konnotativen freilich abträglich. Diese
leidet darüber hinaus auch deswegen unter jener, weil
es keine zweite Lektüre gibt, bei der man den
Text plötzlich mit ganz anderen Augen liest. Es gibt
wenn nicht Navigationsprotokolle angelegt und im
Zweitdurchgang nochmals durchgespielt werden immer nur
die Erstlektüre, da ja durch eine andere Navigation
immer ein neuer Text aktualisiert wird: In print
narratives, it is the readers experience of the text
which shifts to foster fresh interpretations. With
interactive texts, it is the narrative itself which shifts
from one reading to the next (Douglas 1993, 22)
Each reading is a different turning within a universe
of paths (Bolter 1991, 124f.).
Ein
weiteres Problem ist die bevormundete Assoziation. Auch
dazu wieder Landow: Hypertext linking simply allows
one to speed up the usual process of making connections
while providing a means of graphing such transactions.
(1997, 81) Was Landow hier begrüßt, kann man
ebenso bedauern. Es ist nämlich nicht der
usual process, der durch die Links beschleunigt
wird, sondern die Überlagerung des einen Prozesses
durch einen anderen. Peter
Whalley erhob schon 1990 den Einwand: It could even be
argued that the simple pointer and hierarchical structures
provided in hypertext are semantically more limiting than
the implicit relationships created in conventional
materials (64). Mit gleicher
Stoßrichtung wendet Kolb gegen Landows Berufung auf
Derrida ein, dass dessen Dekonstruktivismus ohne
typographical gymnastics auskomme (1994, 335),
und hält für den Hypertext fest: Links lack
the contingent fecundity of immediate juxtaposition and the
selfreferentiality of clever textual turns. The
links do not necessarily bring off the fragile slippage of a
signification that denies its own attempted closure. (335f.)
Dem ist hinzuzusetzen, dass in linearen Texten sowohl die vom
Autor bewusst gesetzten wie die darüber hinaus
vorfindbaren Verbindungen subjektzentriert erstellt werden
und in ihrer Realisierung letztlich aus der Lektüre-,
Denk- und Lebensgeschichte des Lesers resultieren. Und da
denkt der eine beim Wort Gespenst eben an die Gothic Novel
oder B-Movies, ein anderer an Oscar Wilde, ein dritter an
das Kommunistische Manifest. Beim Hypertext jedoch werden
diese Verbindungen als Links vom Autor realisiert und
schließen, so zahlreich auch immer sie sein
mögen, eine Menge an virtuellen Assoziationen aus. Wenn
Bolter im Hinblick auf die im Hypertext per Link explizit
gemachten Verbindungen schreibt: the computer takes
the mystery out of intertextuality and makes it instead a
welldefined process of interconnections (1991, 203),
dann ist dieser Umstand gerade aus der
Befreiungs-Perspektive zu bedauern, denn mystery
steht ja im Grunde für das Leser-Subjekt und dessem
Mitschreiben bei der Lektüre des Textes,
während der klar definierte Prozess der
Verbindungen den gestiegenen Einfluss des Autors
anzeigt, dessen Verschwinden man eben noch gefeiert hatte.
Natürlich, kann man einwenden, besteht die Möglichkeit
der individuellen Assoziation weiterhin, und so mag jeder
weiterhin an die Gespenster denken, die ihm am nächsten
liegen. Aber man muss sich im klaren darüber sein,
dass der Hypertext eine Hierachie der Assoziationen aufbaut,
in der die vom Autor real gesetzten Bezüge eine
stärkere Präsenz genießen als die vom Leser
virtuell erstellten. Und da man auf diese nicht klicken kann
und da der Link lauter ruft als die innere Stimme,
beherrscht die durch den Autor programmierte
Intertextualität Text und Rezeption. Der Text
schließt sich nach außen ab, indem er zu jeder
Lücke schon einen abrufbaren Textblock bereithält
(Rau, 201) die Annotationen des Autors
überschreiben die Konnotationen des Lesers
(Matussek, 275). So wird die ästhetisch
vorangetriebene Offenheit moderner bzw. postmoderner Texte
im Hypertext zur zweiten Natur trivialisiert (Wenz
1997, 253). Im Grunde ist jene Konstellation des
konsumierenden Lesers gestärkt, von der man sich, mit
Berufung auf Barthes, absetzen wollte. Die behauptete
Verkörperung der postmodernen Theorien ist, wie Eckhard
Schumacher in seiner Replik auf die explizite
Intertextualität des Hypertextes etwas
fachterminologisch, aber völlig richtig festhält,
eine Abschlussbewegung, die ihr Ziel offenbar darin
sieht, [
], die Dissemination der Konnotation
in die Ordnung der Denotation zu überführen.
(129) Damit sind wir beim Missverständnis Nummer zwei:
der verschwundene oder gar tote Autor.