Als
Barthes 1968 den Tod des Autor ausrief, manifestierte sich
darin der zeitgenössische Perspektivenwechsel innerhalb
diskurstheoretischer Überlegungen zur
Souveränität des Subjekts. Die Auffassung vom
Autor als kreatives, souveränes, sich selbst
durchschauendes Subjekt wich der Vorstellung vom Menschen
als Ensemble von Strukturen, wie es Michel
Foucault formulierte (Foucault/Caruso 1991, 14), bzw., wie
es bei seinem Lehrer Karl Marx heisst, als Ensemble
seiner gesellschaftlichen Verhältnisse
(Marx/Engels 1983, 6). Im Anschluss an die
Das-Sein-bestimmt-das-Bewusstsein-Formel des Materialismus
wurde der Autor fern aller idealistischen
Souveränitätsillusion nicht mehr als Subjekt
freier Rede, sondern als Objekt verschiedener Diskurse
gesehen, das weniger spricht, als durch jene gesprochen
wird ...it is language which speak, not
the author (Barthes 1977, 143). Foucault deklarierte
deswegen 1969 nur in der Formulierung etwas weniger
drastisch als Barthes ein Jahr zuvor das
Verschwinden des Autors: der Autor ist genau
genommen weder der Eigentümer seiner Texte, noch ist er
verantwortlich dafür; er ist weder ihr Produzent noch
ihr Erfinder (1988, 7). Aber auch ein verschwundener
oder toter Autor hat noch einen Namen, und dieser Name
bezeichnet eben jenes spezifische Ensemble, jene einmalige
Mischung aus Einflüssen, die das Gefäß
Mensch darstellt. Der Autor stirbt zwar als
Souverän seines Textes, nicht aber als dessen
äußere, benennbare Instanz.
Die
Hypertext-Theoretiker haben Anfang der 90er Jahre diese
Demontage der Autoritität im Hinblick auf den
Inhalt des Textes kurzerhand auf die Demontage der
Autorität im Hinblick auf dessen Gestalt
ausgedehnt. So referiert Landow im Anschluss an
Barthes Bezeichnung des Autors als plurality of
other texts, of codes which are infinite und im
Anschluss an Lyotards Beschreibung des Selbst als
nodal points of specific communication
circuits
die Demontage der Autor-Idee zwar im oben
beschriebenen Sinne, gelangt in diesem Prozess aber fast
unbemerkt zu einer ganz anderen Akzentuierung: The
problem for anyone who yearns to retain older conceptions of
authorship or the author function lies in the fact that
radical changes in textuality produce radical changes in the
author figure derived from that textuality. Lack of textual autonomy, like lack
of textual centeredness, immediately reverberates through
conceptions of authorship as well. (1997,
92) Hier wird die Demontage der Autorschaft vom Argument der
reflexiv nicht einholbaren Verfangenheit des Subjekts im
Ensemble aufgenommener Texte insgeheim umgestellt auf das
Argument, der Autor besitze nicht mehr die volle
Verfügungsgewalt über den von ihm produzierten
Text.
Noch
deutlicher wird die Umdeutung der Todes-Metapher in einer
Schrift von 1999, wo Landow nunmehr doch das Überleben
einer schreibenden Instanz einräumt und festhält:
So it is, perhaps, not the absence of someone writing,
contributing, or changing a text that we encounter, but
rather the absence of someone with full control or ownership
of any particular text. We find no one, in other words, who
can enforce the desire: »Leave my text alone!«
Linking, the electronic, virtual connection between and
among lexias, changes relations and status. (156) Im
Anschluss an die zitierte Passage folgt der in der gleichen
Argumentationslinie liegende Hinweis auf another
adjustement or reallocation of power from author to
reader, das durch die Möglichkeit des Lesers,
to add links, lexias, or both to texts that he or she
reads, gegeben sei. Kein Wort mehr vom inneren Hoheitsverlust über den
eigenen Text, nur noch von äußeren
Besitzverhältnissen.
Auch
Bolter argumentiert in diesem Sinne: The text is not
simply an expression of the authors emotions, for the
reader helps to make the text (1991, 153). Hier erfolgt die Umdeutung innerhalb eines einzigen Satzes,
dessen erster Teil durchaus im Einklag mit dem
Poststrukturalismus steht, in dessem Sinne dann aber denn
der Autor ist selbst ein Text aus Texten weiterlauten
müsste, statt den Leser als Kontrapart
einzuführen. In einer Anschlusspassage übergeht
Bolter dann sogar die durch die Rezeptionstheorie
vorgenommene Stärkung der Rolle des Lesers
gegenüber Autor und (gedrucktem, linearem) Text und
sieht Rettung nun nur an der sonst so freundschaftlich
umarmten Rezeptionstheorie vorbei im Modell des Hypertexts:
One Romantic view is that the poets are talking to
themselves and that we as readers are eavesdropping. But
in the electronic writing space the reader is no
eavesdropper; he or she is a necessary element in the
conversation. / The reader may well become the authors
adversary, seeking to make the text over in a direction that
the author did not anticipate. (154)
Der
von Landow und Bolter betonte Kontrollverlust des Autors
über seinen Text entspricht
zwar durchaus den Tatsachen (zur fortbestehenden, sogar
gewachsenen Kontrollmacht des Autors vgl. unten Abschnitt
8), der Bezug auf Barthes und Foucault stimmt in dieser
Perspektive jedoch nicht mehr. Die Differenz wurde freilich
wieder damit erklärt, dass die Theorie in der Praxis
des Hypertextes konkret wird und erst dort ihre eigentliche
Vollendung findet. Aber indem ein kompliziertes Verfahren
der Entmachtung des Subjekts tief unter der Oberfläche
des Diskurses in die sichtbare Entmachtung auf der
Oberfläche transformiert wird, wird es nicht
konkretisiert, sondern banalisiert. Die Intention des
Poststrukturalismus und der Diskurstheorie war, den Akzent
auf die schwer durchschaubaren Strukturen und Diskurse zu
legen, unter deren Einfluss Menschen denken und handeln. Es
ging, wie es Foucault am Beispiel der Macht beschrieb,
darum, sich von der juridischen Repräsentation der
Macht zu lösen, von der Matrix einer globalen
Zweiteilung, die Beherrscher und Beherrschte einander
entgegensetzt (1991a, 115). Es ging darum, den
Sex ohne das Gesetz und die Macht ohne den König
zu denken (112).
Die Hypertexttheorie zumindest die diskutierte
amerikanische, der Markku Eskelinen mit sichtlicher Freude
an Überspitzung pauschal average conceptual
weakness attestiert (Eskelinen/Koskimaa 2001)
fällt hinter diesen Diskussionsstand zurück, indem
sie alles erneut an Personen und separierbaren
äußeren Erscheinungen festmacht: Autorität
geht nicht an den Diskurs verloren, sondern an den Leser als
Gegenspieler; Offenheit meint nicht primär semantische
Ambiguität, sondern Kombinationsvielfalt;
Intertextualität besteht nicht virtuell, sondern
manifestiert sich in anklickbaren Links. Die
Hypertexttheorie ist in großen Teilen nicht die
Weiterführung der poststrukturalistischen Theorie,
sondern Verrat an dieser.
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- Bibliographie
Barthes lässt keinen Zweifel über die
personelle Integrität des Autors:
Linguistically, the author is never more than the
instance saying I (1977, 145). Vgl. ebd., S. 146 über den
Autor: The text is a tissue of quotations drawn from
the innumerable centres of culture [...] the writer
can only imitate a gesture that is always anterior, never
original. His only power is to mix writings, to counter the
ones with the others, in such a way as never to rest on any
of them. Dass die Diskurstheorie
eine kritische Analyse der Funktion des Autors
in der Ordnung des Diskurses, nicht das Verschwinden
des Autors aus dieser Ordnung beschreibt, hat
Uwe Japp schon 1988 herausarbeitet (232f.).