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Die
Geschichte des discours amoureux zwischen sozusagen
klassischem Liebesbrief und Liebeskommunikation
im Zeitalter elektronischer Medien ist kein ganz kleines
Thema, und zudem eines von der Sorte, denen eine fast
unüberwindliche Versuchung zum Verfall ans
Anekdotische innewohnen. Die von mir gewählte
Titelformulierung Von der Liebe zum
Medium ist in ihrer Zweideutigkeit ein
Programm, das dieser Versuchung steuern soll. Sie postuliert
zum einen eine Entwicklungslinie, die im Rahmen gedachter
Geschichte des discours amoureux eine Verschiebung
des Fokus beschreibt, vom Sujet Liebe
nämlich hin zum Medium, in dem dieses Sujet
kommuniziert wird. Zum anderen markiert sie die
Funktionsbedingung einer solchen Linie, die Tatsache
nämlich, daß diese Entwicklung nur deshalb
sichtbar zu machen ist, weil die Liebe zum Medium
spätestens seit Beginn der Moderne integraler
Bestandteil des discours amoureux ist und als solcher
bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert Potentiale
antizipiert, die unter den von der elektronischen
Medientechnologie, des Cyberspace im weitesten Sinn,
geschaffenen Bedingungen im ausgehenden 20. und beginnenden
21. Jahrhundert ausgeschöpft werden.
Das Tertium comparationis dieser beiden
Bedeutungen ist der Begriff der consensual hallucination,
der Konsenshalluzination, wie ihn William Gibson 1984 in
seinem Roman Neuromancer geprägt hat
geprägt nicht, wie ich ihn in meinem Titel eingesetzt
habe, für die Liebe, sondern für den Cyberspace,
genauer: für die Matrix, die in Gibsons Roman die
virtuelle Realität der Cyberspace-User als einen allen
Usern in ihren grundlegenden Parametern gemeinsamen
virtuellen Handlungsraum generiert. Dieser Begriff nun, und
damit komme ich zu meiner ersten These, läßt sich
auch auf den Bedeutungskomplex applizieren, der den Namen
Liebe trägt. Der Name Liebe
nämlich bezeichnet, wie es vielleicht als erster Niklas
Luhmann aufgewiesen hat,
ein mediales Konzept: Liebe ist immer auch
Medium, organisiert durch eine consensual hallucination, die
den Usern des discours amoureux jene Parameter
bereitstellt, auf deren Basis sie überhaupt erst
kommunizieren können; dies ist sowohl die
Möglichkeitsbedingung ihrer Realitätshaltigkeit
als auch jene Qualität, aufgrund derer sie ihrem
Austrag im Cyberspace offensteht, wenn nicht sogar
entgegenkommt. Der Essentialismus, der die Liebe
noch immer so gern gegen derartige Konzeptualisierungen
verteidigt, mit dem Argument, Liebe sei eine
anthropologische Universalie und als solche ein a priori der
conditio humana, ist selbst ein Effekt dieser
Konsenshalluzination: Daß es die Liebe immer schon
gegeben habe, daß alle im Prinzip schon immer
gewußt hätten und wüßten, was Liebe
ist, ist ein Parameter der Matrix, die das Medium Liebe
generiert; er stellt die Folie bereit, auf der ein Konsens
angenommen werden und solcherart den Fluchtpunkt dessen
bilden kann, was Kommunikation über Liebe ist
der Versuch nämlich, historische Kontingenzen
konsensuell zu systematisieren.
Eine kulturwissenschaftliche Lektüre
der zeichenhaften Kommunikation zwischen räumlich
getrennten Liebenden, vulgo des Liebesbriefs, geht heute von
einem besonderen historischen Standort aus: In den Fokus
solcher Lektüre, vor wenigen Jahrzehnten noch
determiniert durch Binnendifferenzen im Feld der
Textzeugnisse Brief versus Buch, Quelle versus Werk
ist inzwischen ein ganzes Cluster neuer Differenzen
eingetragen zwischen Strategizität und
Authentizität von Kommunikation, gegeben angenommener
und kulturell formierter Subjektivität, vor allem aber
zwischen der Linearität schriftlicher Kommunikation auf
der einen Seite und den komplexen, theoretisch unendlich
variablen Ausdrucksmodi hypertextueller oder gar im
Cyberspace statthabender Inszenierung dessen, was unter dem
Etikett virtual reality die Grenzen zwischen Sein und
Zeichen aufzulösen scheint. Von diesem Standpunkt aus
gelesen, ist auch der klassische Liebesbrief
nicht mehr einfach Textzeugnis, sondern läßt sich
als Dokument des Aufstands gegen gedachte Grenzen
entziffern, einer heute atavistisch anmutenden Revolte gegen
die Trennung von Körper und normiert-normativem Medium,
möglicherweise sogar als Quelle dafür, daß
diese Trennung selbst ein kultureller Normierungseffekt ist,
der heute unter den gegebenen Bedingungen der
Medientechnologie radikal zur Disposition gestellt wird.
I.
Ain lieplich wort
Im
Spätmittelalter ist das Genre Liebesbrief
noch weit von der intimen Mitteilung entfernt, mit der
dieses Genre seit dem 18. Jahrhundert konnotiert ist;
erhalten zumeist in Sammelhandschriften, also ohne
persönliche Kontextuierung, und in der Mehrzahl der
Fälle in Reimform verfaßt, bewegen sie sich in
einem Feld zwischen der hochmittelalterlichen Minnelyrik,
der mit dem Minnekult verknüpften Gebetskultur der
Marienverehrung und dem Angebotsspektrum des professionellen
Briefstellers, der seine Schreibkunst und gegebenenfalls
vorgefertigte Texte zahlenden Kunden zur eigenen Verwendung
zur Verfügung stellt. Einerseits in ihrem hohen
Stilisierungsgrad und ihrer Formelhaftigkeit Minne- und
Marienlied eng verwandt, unterscheiden sich diese
Liebesbriefe andererseits zweifach von deren
Gattungskonventionen: Erstens unterläßt es kaum
einer der Texte, sich explizit als Brief zu beschreiben, als
eine Botschaft also, die nicht Selbstzweck bzw. Ausdruck
monologischer Venerationshaltung, sondern Instrument eines
entweder bereits statthabenden oder doch zu instituierenden
Dialoges ist. Zweitens ist die Größe
Körper durchweg Folie und organisatorisches
Zentrum des schriftlichen Kommunikationsakts, und zwar
sowohl die hoffnungsvoll imaginierte Präsenz des
begehrten anderen Körpers ich zitiere zwei
exemplarische Eingangsformulierungen: [D]az
tunt mir liebe frowe kunt / mit botschaft ald mit uwerm
munt, so beginnt ein
gereimter Liebesbrief, der um 1350 in Konstanz verfaßt
wurde; ein zweiter, aus dem 15. Jahrhundert: Meiner
fraeuden hoechster hort / sprechend zuo mir ain lieplich
wort als auch
die faktische Präsenz des eigenen, schreibenden
Körpers: geschriben ylewijse mit miner
hende, so beispielhaft
eine Schlußformel das Paradigma
Körper allerdings, das hier in Rede steht,
ist nicht etwa eines, das empirisch gedeckt werden
könnte oder auch nur sollte, sondern eine ebenso
hochartefizielle Textgestalt wie die des Körpers in
Minne- und Marienlyrik. Die Kombination dieser beiden
Elemente konstituiert eine spezifische Rhetorik des
Liebesbriefs, eine persuasive Rede, die die Werbung um das
geliebte Gegenüber als Versuch betreibt, dieses im
Namen des Musters Liebe auf eine Reaktion nach
Maßgabe dieses Musters zu verpflichten. Ruft der
rekurrente Begriff Brief eine dialogische
Kommunikationskonvention auf, die als solche den Adressaten
zu einer Antwort verbinden soll, so beschwört die
topische Bindung des Geschriebenen an das Zeichen
Körper einen gemeinsamen Imaginationsraum,
in dem das, was die Körper verbindet, die Liebe, ebenso
als bekannt vorausgesetzt und dadurch normativ wirksam wird
wie das Zeichen Körper selbst.
Vor diesem Hintergrund
wird sichtbar, daß und warum mit der
Ausdifferenzierung unterschiedlicher Diskursmuster im
langsam sich polarisierenden Spannungsfeld zwischen privater
und öffentlicher Kommunikation während des
Übergangs zur Neuzeit auch und gerade im Brief die Rede
von der Liebe zum Problem wird. Impliziert die
Identität von Gefühl und Diskurskonvention, wie
sie der spätmittelalterliche Liebesbrief so
unbekümmert ausstellt, eine im Medium Liebe
abgesicherte grundlegende Strukturaffinität von
körperlicher und schriftlicher Kommunikation, so
beginnt diese gegen Ende des 17. Jahrhunderts in dem
Maß zu zerfallen, in dem der Austrag von Liebe nicht
nur privatisiert, sondern darüber hinaus sukzessive mit
dem Index individueller Eigentümlichkeit versehen wird.
Ein Beispiel: Der Briefwechsel zwischen
Anna Magdalena Behaim und August Heinrich Francke, enstanden
im Milieu des Halleschen Pietismus, zu deren zentralen
Gestalten Francke gehörte und in dessen Einzugsbereich
auch seine Braut aufgewachsen war, ein Milieu, das sich
durch einen auf hohem Bildungsniveau verlaufenden,
reflektierten und zugleich von strengen
Stilisierungskonventionen gebundenen Umgang mit Sprache
auszeichnete. Wichtigstes Dispositiv dieser Konventionen war
die Idee einer Gottesliebe, in der sämtliche
menschlichen Regungen aufgehoben und als solcherart
aufgehoben auch permanent diskursiv zu inszenieren waren.
Entsprechend beginnt Anna Magdalenas erster Brief an Francke
vom 29. Juni 1693 wie folgt: Gnade, Barmherzigkeit und
Friede von Gott unserm Vater und dem Herrn Jesu Christo /
Hochehrwürdiger und gottselig hochgelehrter Herr! /
Weiln der Anfang zu einer schriftlichen Unterredung einmal
in dem Namen des herrn gemacht ist, als bin ich von herzen
begierig, solchen fortzusetzen, der nicht zu zweifelnden
Hoffnung, es werde der Herr Jesus dieses in heiliger Furcht
angefangne Werk ihm angenehme und wohl gefällig sein
lassen, auch dasselbe forthin zu seinen Preis und Ehren und
zur Erbauung der Seele richten.
Die Beziehung zwischen Mann und Frau,
manifest in dem sehr vorsichtig unpersönlich
gewählten Wort von der schriftlichen
Unterredung, wird dem Namen des Herrn
unterstellt; Gott ist Ursprung und Legitimationsinstanz
jeglicher menschlichen Neigung, und ist die Schreibende auch
einmal von hertzen begierig, so jedenfalls
in heiliger Furcht und in Hoffnung auf
Erbauung der Seele. Hier wird zunächst eine
ähnliche Strukturaffinität zwischen schriftlicher
und körperlicher Kommunikation inszeniert wie in den
Liebesbriefen des Spätmittelalters; auch hier ist der
Körper, gefaßt in der Schwundstufe des
hertzens, ein als streng heilsgeschichtlich
reguliertes priori zeichenhaftes Paradigma, und auch hier
präsentiert sich der Brieftext als eine stilistisch wie
inhaltlich geschlossene Oberfläche, an der die
individuelle Neigung, maximal sublimiert, allein über
den Tatbestand der brieflichen Kommunikation selbst
decodierbar ist.
Vier Monate später zeigen sich bereits
erste Risse in dieser Oberfläche. Jesum unsere
Liebe! / Mein treuer Bruder in dem Herrn!, schreibt
Anna Magdalena am 25. Oktober 1693: Ich mag Dich wohl
einen Bruder nennen, der Du mir genugsam brüderliche
Treue erzeigest. Wie herzlich mich diesmal das werthe
Schreiben von Deiner lieben Hand erfreuet, ist weder mit
Worten auszudrücken, noch mit der Feder zu beschreiben;
ich erkenne daraus Deine Liebe, welche je mehr und mehr
reich wird in dem daß Du so treulich vor mir betest
[...]. Gerahmt von
frommen Formeln, die die Diskursmacht pietistischer
Gottesliebe bestätigen, gerät der
Unsagbarkeitstopos zum Index einer Authentizität, deren
Grad sich allein an ihrer Inkompatibilität mit den von
dieser Macht bereitgestellten Ausdrucksmöglichkeiten
messen läßt: Sei [...] mein
herzenskind versichert, wie Du es denn bist, daß ich
Dir von herzen ergeben bin [...], schreibt sie
schließlich kurz vor der offiziellen Verlobung,
Weiter aber wird dieses christliche und heilige
Vorhaben nicht zu bringen sein, bevor wir einander
mündlich gesprochen. Ach, mein Kind, ich kann aus Liebe
nicht mehr schreiben [...].
Dieses
Aus-Liebe-nicht-mehr-schreiben-können bezeichnet eine
Emergenzstufe des discours amoureux, die im folgenden
Jahrhundert zu ihrer vollen Blüte gelangen wird, die
von Luhmann so beschriebene Erfindung der Liebe als Passion,
als einem von dem, der von ihr gleich einer Krankheit
befallen wird, nicht oder kaum kontrollierbaren
Energiepotential, dem im kulturellen Normengefüge der
Frühmoderne der Status eines Naturereignisses
buchstäblich zugeschrieben wird
buchstäblich deshalb, weil, wie in Anna Magdalenas
Brief, das Unsagbarkeitstopos, der Einbruch des
Unkontrollierbaren in den Text, selbst eine textuelle
Operation ist, eine Zu-Schreibung, die Liebe und Text mit
den Mitteln des Textes gegeneinander ausspielt. Hier deutet
sich bereits an, was ich eingangs als Medialität von
Liebe skizziert habe; das, was weder mit Worten
auszudrücken, noch mit der Feder zu beschreiben
ist, wird in dem Moment, in dem es als ein von
Schreibender wie Angeschriebenem gleichermaßen
selbstverständlich Gewußtes postuliert wird, als
solches Gewußtes zwischen den Liebenden erst
konstituiert, die consensual hallucination einer
Verbundenheit also, die, im Bruch des Textflusses ex
negativo beschworen, dem Liebesbrief die
eigentliche Kommunikation zwischen den Liebenden
als eine streng privilegierte, jenseits etablierter
Ausdrucksraster verlaufende Kommunikation einschreibt
und damit ein neues Raster generiert: eine grundlegend
konfliktive Beziehung zwischen Liebe und kulturellem
Normengefüge, die fortan gleichsam als neues
lieplich wort genretypisches Charakteristikum
des Liebesbriefs sein wird.
II. Rosenbänder
Meta Moller an Klopstock am 15. Juli 1752:
Nun bist Du fort! Mein Klopstock! Ach; -
- O, ich kann nichts schreiben. Ich bin noch zu beklommen.
Vor einem Augenblick sassest Du noch bei mir. Ach, mein
Klopstock! Klopstock am 20.
Juli 1752 an Meta Moller: Meine einzige, meine theure,
meine, meine Moller. - - Wie kann ich es aussprechen? Wie
sehr und wie ewig bin ich Dein! Und diese hohe, diese
weitausschauende Empfindung, dieser Gedanke der Ewigkeit,
wie ohne Namen ist sie, und wie sehr dies selbst alsdann,
wenn ich bei Dir bin und soviel sage und soviel verstanden
werde. - - [...] Meine Theure, meine Einzige, ich
würde hier nicht abbrechen, wenn mich nicht eine sanfte
schauervolle Empfindung hielte, izt weiter nichts mit
irgend einem Erschaffenen zu reden Meta daraufhin an
Klopstock am 24. Juli: O mein Klopstock! Was soll ich
Dir nach Deinem gestrigen Briefe sagen? Ach, ich kann Dir
nichts sagen, ich empfinde zu viel, Du bester, bester, - Du
erster unter den Menschen! [...] Mein Herz ist gar
zu voll. Ich kann nicht schreiben.
Hinter der Hypertrophierung des
Unsagbarkeitstopos, die die Liebesbriefe zwischen Meta
Moller und Klopstock kennzeichnet, steht eine scharfe
Radikalisierung des Konflikts, den die Briefe Anna Magdalena
Behaims bereits ahnen lassen, und damit ein entscheidender
qualitativer Sprung. Sie ist die Konsequenz aus dem
Aufbrechen jener Sprachskepsis, die Herder in seinem Essay
über den Ursprung der menschlichen Sprache dazu
veranlaßt, die alte Gewißheit von der
Gottgegebenheit des menschlichen
Kommunikationsvermögens zugunsten der Entstehung von
Sprache als einem genuin säkularen Effekt menschlicher
Kulturbildung aufzukündigen. Behaim steht noch ganz in
der Tradition des gottgegebenen Worts, mit dem zu brechen
allein im Schutz ebenfalls gottgegebener Neigung
möglich ist; Klopstock dagegen weiß bereits um
die unauslöschlich strategische Qualität, die
jeder Textoperation als schriftlicher Inszenierung unter den
Bedingungen der menschlichen Kultur und ihrer
Vermittlungsimperative innewohnt.
Wenn er sich in seinem Brief an Meta Moller
weigert, mit irgend einem Erschaffenen zu reden,
dann meint dies nicht nur die Spezies menschliche Kreatur,
sondern auch und vor allem den Text als Erschaffenes, als
Artefakt: Als einer der ersten, wenn nicht der erste Autor
der Moderne, der auf der uneinholbaren Eigentümlichkeit
des Individuums als Quellgrund jeder schöpferischen
Tätigkeit insistiert, ist das Konzept Liebe
für Klopstock bereits unlösbar mit dieser
Eigentümlichkeit verknüpft: Die protopathologische
Form, die dieses Konzept in seinen Briefen annimmt, deutet
auf die Leiden von Goethes Werther voraus, insofern sie
bereits bei Klopstock dasjenige ausweist, was Werther in ihr
suchen wird, das Phantasma einer Identität, die sich
durch ihre Liebe als einzigartig und unverwechselbar, als
ultimativ identisch erst erfährt.
Schon in Klopstocks Briefen aber und mehr
noch in der für Meta Moller geschriebenen Liebeslyrik
findet sich auch jenes Ingrediens des Konzepts
Liebe, das die Romanfigur Werther mit so fatalen
Folgen ignoriert: Klopstocks Rede von der Liebe in seinen
Briefen reflektiert zugleich die Selbstentfremdung des
Subjektes durch seine Teilhabe am Normengefüge
sprachlicher Verständigung der geschriebene Text
ist immer irgend ein Erschaffenes, eine
arbiträre Konstruktion, die das unsagbar
Eigentümliche strukturell nur verfehlen kann und
die Notwendigkeit solcher Teilhabe, weil allein sie
garantiert, daß das Subjekt sich als
Eigentümliches überhaupt profilieren und
vermitteln kann; seine Liebesbriefe entwerfen in unendlicher
emphatischer Reiteration des Unsagbarkeitstopos einen Code,
der durchweg als Code, als sprachliche Inszenierung,
kenntlich gemacht wird.
Werthers pathologische Verfassung ist die
Krankheit dessen, der den inszenatorischen Charakter seiner
Liebesrede kategorisch leugnet und ihr dadurch eine
ontologische Dimension abzwingt, in der die Identität
des Liebenden sich erst dann vollenden kann, wenn er, wie er
selbst es in seinem berühmten Brief vom 10. Mai
antizipiert, unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser
Erscheinungen seiner Liebe zu
Grunde gegangen ist; Klopstock
dagegen, und nach ihm Goethe auf der poetologischen Ebene
seines Romans, entwickelt schon in seinen Briefen und dann
in seinen literarischen Texten eine Metaphorik, die sich
stets auch Metaphorik und als solche uneigentlich, eben
irgend ein Erschaffenes weiß, wie
beispielsweise in der Meta gewidmeten Ode Das
Rosenband: Wenn das lyrische Ich dieser Ode die Geliebte
mit Rosenbändern bindet, stehen diese
Bänder für eben diejenige Redegeste, die in den
Briefen an Meta als Sequenz von Formeln für das
Nichtartikulierbare erscheint, als Kunstprodukt, geformt aus
traditionell der Liebe zugewiesenen Bildeinheiten die
Rose und aufgereiht zu einem Band, das die Geliebte
erfolgreich auf den solcherart geschaffenen Code zu
verpflichten vermag, idealiter, ohne daß ihr diese
Bindung als Artefakt bewußt wird: Da band ich
sie mit Rosenbändern: / Sie fühlt es nicht
und schlummerte. / [...] / Doch lispelt ich
ihr sprachlos zu, / Und rauschte mit den Rosenbändern:
/ Da wachte Sie vom Schlummer auf. / Und um uns wards
Elysium.
Als eine Art poetologisches
Resümé des Briefwechsels mit seiner
späteren Frau gelesen, in dem der Begriff
Elysium auf Textebene die gelungene
außertextliche Vereinigung zelebriert, deutet
Klopstocks Ode eine Konvergenz von Textoperation und
erotischem Vollzug an, die 1771 durch den
empfindsamen Briefroman schlechthin literarisch
durchdekliniert wird: Die Geschichte des Fräuleins
von Sternheim, geschrieben von Sophie von La Roche,
weiland mit Wieland verlobt und Empfängerin von
Liebesbriefen, die kaum weniger emphatisch als diejenigen
Klopstocks auf dem Unsagbaren insistierten, ist der Versuch,
gegen diese Rede vom Unsagbaren die Konstruktionsformel
für einen kommunikablen discours amoureux zu finden.
Das Resultat ist ein ambivalentes: Die schönsten
Liebesbriefe des Romans werden Derby in den Mund gelegt, dem
Schurken, der die Sternheim mit einer vorgetäuschten
Eheschließungszeremonie verführt, ihr dann
schlüpfrige Romane zu lesen gibt, um die eheliche
Zweisamkeit aufregender zu machen, und Madame Leidens, wie
die Sternheim sich fortan nennen wird, schließlich
gelangweilt verläßt ein Entwurf, der an
Laclos berühmten Briefroman Liaison
dangereuses erinnert, mit dem der Autor, der eigentlich
die Korruption und Unmoral des französischen Adels
hatte anprangern wollen, 1780 ganz gegen seinen Willen den
Erfolg begeistert aufgenommener Softpornographie einheimste.
Weit weniger faszinierend als die
schlechte Liebe, ist die gute Liebe
in der Geschichte des Fräuleins von Sternheim eine auf
Tugend, Wohltätigkeit und Natürlichkeit
gegründete Seelenverwandtschaft, die sich, so sie als
Ehe sanktioniert wird, ihrer Fortpflanzungspflicht so
diskret wie effektiv entledigt. Sinnlichkeit, wie sie im
Bild des Rosenbandes beschworen wird, hat darin
keinen Platz, dafür aber ist sie eminent
diskursfähig, ja dort, wo sie sich in ihrer ganzen
Affirmativität gegenüber gesellschaftlichen Normen
ausbreitet, geradezu logorrhoetisch. Einmal abgesehen aber
von der gähnenden Langeweile, die den heutigen Leser
angesichts der Liebesdialoge der guten
Protagonisten des Romans befällt, ist das, was den Text
zu einer literarischen Speerspitze des discours amoureux im
18. Jahrhundert macht, die konsequente Auflösung des
Unsagbarkeitstopos zugunsten der Möglichkeit, Liebe in
verschiedenen Spielarten diskursiv zu inszenieren
damit erst wird das Medium Liebe erstmals als Medium
sozialisiert und erschlossen; damit verläßt die
Matrix der consensual hallucination Liebe den Raum jenseits
der Sprache und wird Bestandteil, ja Binnendiskurs der
kulturellen Diskursgefüge, in denen das
bürgerliche Subjekt am Ende des Jahrhunderts seiner
Mündigkeit zudrängt.
In La Roches Roman kristallisiert sich
mithin ein doppeltes Entwicklungsphänomen. Auf der
einen Seite ist die diskursive Erschließung des
Mediums Liebe gerade in der sichtbaren Literarizität
des Romans an ihre inszenatorische Qualität gebunden,
mit dem Resultat, daß dieses Medium als ein
künstlich konfiguriertes, seine Matrix als ein
Erschaffenes nicht nur zutage tritt, sondern diese
Künstlichkeit als Bedingung seiner medialen
Qualität ausstellt: La Roches Sternheim kann ihre Liebe
nur darum der Allianz mit ihrem englischen Lord zugrunde
legen, weil die pathologischen Erscheinungsformen der
Passion in einem langen Reinigungsprozeß gelöscht
beziehungsweise durch Überschreibungen neu besetzt
werden, bis alles, was der Austrag von Liebe in sich birgt,
unter dem Etikett der seligsten, [...]
heiligsten Pflichten vereinigt und
diszipliniert ist Pflichten aber, das
lehrt der Roman den aufmerksamen Leser, ist der
Schlüsselbegriff einer Entwicklungsgeschichte, die die
Identifikation durch Liebe anhand von Lektüre und
Relektüre, schriftlicher Selbstdarstellung und deren
permanenter kritischer Revision erreicht, ein Paßwort
gleichsam, das den korrekten Gebrauch des Mediums Liebe
reguliert: Nur wenn sie selbst als Kulturationseffekt
begriffen und gehandhabt wird, kann Liebe
Kulturationseffekte wie die glückliche Ehe zwischen der
tugendhaften Sternheim und dem, wenn möglich, noch
tugendhafteren Lord Seymour hervorbringen.
Auf der anderen Seite markiert gerade diese
Kulturpoetik der Liebe den Zeitpunkt, zu dem auch das Moment
der Liebe als Passion diskursfähig wird, und dies nicht
nur in der Überwindung des Unsagbarkeitstopos, sondern
auch in ihrer Einsetzung als Movens ehelicher
Allianzbildung. Die Ehe Sternheims mit Seymour
überbrückt eine Differenz, die, zusätzlich
semantisiert durch das Strukturelement der Mesalliance der
bürgerlich Geborenen mit dem englischen Adeligen, bis
in das 18. Jahrhundert hinein Neigungsbindung und
politisch-soziale Raison voneinander schied oder doch
zumindest auf zwei verschiedenen Ebenen gesellschaftlicher
Existenz ansiedelte. Die Engführung von Passion und
Allianz, wie sie in La Roches Roman ihren zunächst
spektakulärsten Ausdruck fand, ist der Quellgrund
dessen, was heute noch unter dem Namen romantische
Liebe gehandelt wird, das Prinzip der freien
Partnerwahl auch und gerade in der Ehe, dessen
philosophisch-ästhetische Überhöhung im
Einzugsbreich der romantischen Universalpoesie
skandalträchtige Konfigurationen wie die berühmte
Wohngemeinschaft von Dorothea Mendelssohn und Friedrich
Schlegel, Caroline Böhmer und August Wilhelm Schlegel
in der Jenaer Frühromantik hervorbrachte und
damit schließlich seinerseits einen Roman, der im
Zeichen romantischer Grenzüberschreitung zwischen Kunst
und Leben die Frage nach dem Verhältnis zwischen
Körper und Schrift im Liebesbrief völlig neu
aufwarf: Friedrich Schlegels Roman Lucinde.
Lucinde, 1799 erschienen, ist von
der Struktur her eine ganz ähnliche
Experimentalanordnung wie La Roches Sternheim-Roman: Auch
hier kartographiert der Text anhand einer Paarkonfiguration
schwerpunkthaft Möglichkeiten und Grenzen der
diskursiven Inszenierung von Liebe; auch hier geht es mit
der Engführung von Körper und Schrift wie bei
derjenigen von Allianz und Passion um die Überwindung
einer Leitdifferenz solcher Inszenierung diesmal aber
sind die Konsequenzen, die sich aus einer solchen
Engführung für das Konzept der Liebe
als Medium ergeben, nicht, wie in der Sternheim, implizit in
der Handlung angelegt, sondern sie stehen selbst im
Vordergrund, und dies von Anfang an: was soll,
so fragt der Autor im Prolog des Romans, mein Geist
seinem Sohn geben, der gleich ihm so arm an Poesie ist als
reich an Liebe? Worte und Bilder,
die auf den Ursprung von Poesie in der Liebe verweisen, so
lautet die Anwort, Bilder etwa wie das des
Blumenstraußes, mit dem Julius in einem Brief an seine
Geliebte die von ihm an sie adressierten Texte vergleicht,
nachdem sie sich über deren Unverständlichkeit
beschwert hat: [...] darf der volle
Blumenstrauß nur sittsame Rosen, stille
Vergißmeinnicht und bescheidne Veilchen zeigen,
[...] oder auch alles andre, was in bunter Glorie
sonderbar strahlt?
Diese Passage enthält eine kritische
Neucodierung überkommener Liebestopoi: Der semantische
Handelswert von Blumenmotiven wie Rosen,
Vergißmeinnicht und Veilchen ist seit der Liebeslyrik
des Rokoko und ihrer Aneigung durch Autoren wie Klopstock
bekannt, das darin geborgene Unsagbare durch AutorInnen wie
La Roche explizit und sittsam, still
und bescheiden gemacht, mit einem Wort, so
uninteressant wie die penetrante Moralität der
Sternheim. Beides aber, so Schlegel, verdankt sich
normativen Selektionen aus den Möglichkeiten, die die
Matrix, die die consensual hallucination Liebe generiert,
weit darüber hinaus bereitstellt. Schlegel zufolge ist
das Unsagbare nicht, wie bei Klopstock, eine Deckadresse,
unter der eine gegebene Gemeinsamkeit verhandelt wird,
sondern konstitutiver Faktor einer je individuellen und als
solcher immer neu produktiven Rezeption irreduzibler
Kontingenzen Kontingenzen, die nicht störend
sind, keine Sabotageakte wie die physische Anziehungskraft
des bösen Derby auf die gute Sternheim, sondern die im
Gegenteil die für das Funktionieren des
Kommunikationsmediums Liebe unerläßliche
Faszinationskraft des in bunter Glorie sonderbar
Strahlenden erst herstellen: Die Liebe ist nicht
bloß das stille Verlangen nach dem Unendlichen; sie
ist auch der heilige Genuß der schönen Gegenwart.
Sie ist nicht bloß eine Mischung, ein Übergang
vom Sterblichen zum Unsterblichen, sondern sie ist eine
völlige Einheit beider, heißt es an anderer
Stelle, und wenn Lucinde solches non sequitur nicht zu
entziffern vermag, dann ist noch ihr philosophischer
Analphabetismus im impliziten Leser des Romantextes
aufgehoben: Dieser Leser nämlich, idealiter jeder
Leser, erfährt den Text als Simulakrum einer
Liebeskunst, die alles Unsagbare als Schnittstelle zwischen
Individuum und Textualität entwirft, ein Simulakrum,
das in das Medium Liebe als in das Potential unendlich
variabler Resemantisierungen des Bekannten einführt;
einmal darauf eingeschworen, kann die Seele solchen Lesers
diese[n] Zauberkreis [...] nie
verlassen, und was sie bildet oder spricht, lautet wie eine
wunderbare Romanze [...], geschmückt von den
bedeutendsten Blüten des lieblichen Lebens Liebe
trennt den Körper nicht von der Schrift, sondern erhebt
die Schrift in jeder Form zur Möglichkeitsbedingung der
erfolgreichen Verkörperung des in bunter Glorie
sonderbar Strahlenden, zur Bedingung gleichsam der
lustvollen Virtualisierung von Realität ihr
Ausdrucksmodus ist nicht die Halluzination eines Konsenses,
wie sie schon Klopstock in Zweifel zieht, sondern der
Konsens über die halluzinogene Macht der Liebe als
einer Matrix des Selbstentwurfs, die Text als
Träger der Matrix und Körper
unauflöslich aneinander bindet.
III. NeuRomancing
Die Leute sind unerschöpflich in
Erfindungen aller Art; in Dampfmaschienen, Giftpumpen,
Flugmaschienen etc. doch das Einzig Vernünftige,
Wort und Gedanke in die Ferne zu tragen, ohne daß man
erst einen Bogen Papier vor sich hinlegt, und sich mit Tinte
die Finger beschmutzt haben sie noch nicht erdacht. Dies schrieb am
30. Januar 1830 eine, die wissen mußte, wovon sie
sprach, oblag es ihr doch unter anderem, die Korrespondenz
ihres Schwiegervaters mit zu verwalten Ottilie von
Goethe an an Rahel Levin Varnhagen.
Nur mit viel Phantasie läßt sich
diese Passage als Antizipation der E-Mail lesen; lesbar aber
sind darin dennoch bereits die Auswirkungen der
fortschreitenden Technisierung zeichenhafter Kommunikation,
die den schreibenden Körper, durch den exponentialen
Raumgewinn der Printmedien und auch etwa durch die
beginnende Normierung der Orthographie, von der Schrift
abzukoppeln beginnen. Als diese zunächst noch
ausschließlich schriftbezogene Entfremdungsbewegung um
die Wende zum 20. Jahrhundert mit der Entwicklung von Medien
zusammentrifft, die der Aufzeichnungstechnik Schrift die
Technik der maschinellen Abbildung und Re-Präsentation
von Körpern in Photographie und Film, Grammophon und
Parlograph gegenüberstellen, wird das Genre
Liebesbrief von einem Kulturschock erfaßt, der sich
wohl am spektakulärsten in den Liebesbriefen Franz
Kafkas zeigt, in der hemmungslos ausgetragenen Mischung aus
euphorischem Enthusiasmus für die maschinellen
Mitteilungsprothesen, in denen der Körper sich der
Schrift gleichsam anzuverwandeln vermag, und der
abgrundtiefen Verzweiflung darüber, daß die
Prothese, gleich ob Schreibmaschine oder Grammophon, Kamera
oder Telefon, mit der Eigentümlichkeit des schreibenden
Körpers auch den Quellgrund seines Begehrens zu
vernichten droht.
Am 22./23.1.1913 berichtet Kafka in einem
Brief an Felice von einem Traum, in dem er zu einer
Brücke oder einem Quaigeländer hinlief, zwei
Telephonhörmuscheln, die dort zufällig auf der
Brüstung lagen, ergriff und an die Ohren hielt und nun
nichts anderes verlangte, als Nachrichten vom
Pontus zu hören, aber aus dem Telephon
nichts und nichts zu hören bekam, als einen traurigen,
mächtigen, wortlosen Gesang und das Rauschen des
Meeres. Ich begriff wohl, dass es für Menschenstimmen
nicht möglich war, sich durch diese Töne zu
drängen, aber ich ließ nicht ab und ging nicht
weg. Die Brücke
als Bild für die Verbindung zweier räumlich
getrennter Dialogpartner führt nicht länger von
einem Ort zum anderen, sondern ist selbst zum Fokus
geworden, Bild für den Liebesbrief als eine
Mitteilungsform, die, statt die Körper der Liebenden
miteinander in Kontakt zu bringen, in dem Moment zum
Störfaktor wird, in dem Medien wie das Telefon die
Privilegierung der geschriebenen Liebesrede aufheben. In den
Nachrichten vom Pontus spricht die Brücke von sich
selbst, der Liebesbrief über den Einbruch medialen
white noises in eine Textsorte, die an der Konkurrenz
zu schnelleren, gegenwärtigeren Mitteilungsformen zu
einem traurigen, mächtigen, wortlosen
Gesang verfällt, gleichsam selbst zu einem
Kanalrauschen wird, in dem die begehrenden Körper, die
Menschenstimmen, sich nicht länger
durch diese Töne zu drängen
vermögen.
Der Liebesbrief ist nun allerdings nicht
etwa ein von Kafka nostalgisch verklärtes Genre von
ursprünglicher Authentizität, sondern ganz im
Gegenteil gleichsam die Keimzelle eines Phänomens, das
Kafka selbst zutiefst ambivalent besetzt: Einerseits
erleidet der sich in Zeichen vermittelnde Körper immer
neu und in unendlichen Qualen eine Entfremdung zwischen
Körper und Schrift, aufgrund derer das Geschriebene, je
emphatischer es von Liebe zeugt, umso nachdrücklicher
die Distanz zwischen schreibendem und begehrtem Körper
zementiert: Zahllos sind die Bekundungen seiner Sehnsucht
nach Felices Gegenwart, dem wirklichen
Körper, dem natürlichen Verkehr;
zahllos aber auch sind die Bekundungen seines
Unvermögens, einen solchen Verkehr zu leben, ob in oder
außerhalb der Ehe weil er das Schreiben
beeinträchtigen könnte. Andererseits nämlich
ist das Schreiben, und gerade auch das über Telephon,
Telegraphie und Grammophon, der Raum, in dem Kafka seinen
Körper immer neu als einen schriftförmigen
entwirft, einen Körper, der allein schreibend lebt,
allein an der Oberfläche der von ihm verfaßten
Texte mit sich identisch wird, am radikalsten
durchgeführt in jenem Text, mit dem Kafka nach der
gescheiterten Verlobung Abschied von Felice nimmt:
Eingespannt in die mediale Schreibmaschine, die in alten
Zeiten Erlösung Elysium verhieß,
erfährt der Körper seine Vereinigung mit der
Schrift als eine Ganzkörpertätowierung, an deren
Ende das Gesicht des Sterbenden für einen kostbaren
Moment die, um es mit Schlegel zu sagen, Glorie sonderbaren
Strahlens entbirgt mochte Kafka auch Jahre
später in einem Brief an Milena jeglichen Briefverkehr
als Verkehr mit Gespenstern, mit medial
erzeugten Schattenbildern des eigentlich Eigenen,
denunzieren, so bleibt doch das solcherart induzierte
Unglücklichsein, so der Titel einer frühen
Erzählung Kafkas, Bedingung der eigenen Existenz: "Aber
trotzdem", ruft der Icherzähler am Ende seinem
Gesprächspartner zu, "wenn Sie mir mein Gespenst
wegnehmen, dann ist es zwischen uns aus, für immer" und nicht
zufällig spielt die Schlußformel dieser
Erklärung unmißverständlich auf die
rhetorischen Konventionen des Scheidebriefs unter Liebenden
an das Bündnis, das hier aufgekündigt wird,
ist die Differenz zwischen Körper und Zeichen, aufgrund
derer der klassische Liebesbrief im
Ungleichzeitigen die konstitutive Dialektik von Aufschub und
Erfüllung hatte inszenieren können.
The sky above the port was the color
of television, tuned to a dead channel, mit diesem
Satz beginnt William Gibsons Roman Neuromancer, mit
einer Beschwörung also eben desjenigen white noise, an
dem in Kafkas Liebesbriefen das Bündnis gedachter
Differenz zerbricht; und es ist bezeichnenderweise ein Gag
über Drogenabhängigkeit, mit dem darafhin die
Romanhandlung einsetzt; Its not like Im
using, its like my body developed this massive drug
deficiency. Die Droge des
Protagonisten Case, nur ersatzweise verdrängt durch
chemische Drogen, ist die Euphorie des Users, der, in den
Cyberspace eingelogt, den dead channel der
Wirklichkeit mit den von der Matrix generierten Bildvisionen
vertauscht: All the speed he took, and still hed
see the matrix in his sleep, bright lattices of logic
unfolding across the colorless void [...]. Cyberspace. A consensual
hallucination experienced daily by billions of legitimate
operators, in every nation [...]. A graphic
representation of data abstracted from the banks of every
computer in the human system. Unthinkable complexity.
Schon bevor Case in die Lage versetzt wird,
seine Sucht wieder zu befriedigen, wird die Matrix dieser
consensual hallucination mit seiner Liebesbeziehung zu Molly
kurzgeschlossen, der Frau mit den ausfahrbaren Messern unter
den Fingernägeln und dem in den Sehnerv implantierten
Zeitchip, his orgasm flaring blue in a timeless space,
a vastness like the matrix, where the faces were shredded
and blown away down hurricane corridors, wo das Gesicht
des geliebten Anderen im Moment des Liebesvollzugs
imaginär in die Bestandteile seiner Simulation
zerfällt und auf unvermutete Weise wiederkehrt,
nämlich als ein mit den Mitteln der Cybertechnologie
übernommener Gesichtssinn: Von Molly bei ihren
Unternehmungen angelegte Elektroden ermöglichen Case,
sich von seinem Cyberdeck aus in ihre Sinneswahrnehmungen
einzuschalten; über die räumliche Trennung hinweg
sieht er, was sie sieht, und empfindet, was sie empfindet,
ein selbst stummer Passagier ihres körperlichen
Sensoriums eine geradezu idealtypische Erfüllung
der Phantasien des wäre ich bei Dir im
klassischen Liebesbrief. Und so trägt denn auch die
Szene, in der Case den dazu notwendigen Schalter
erhält, in ironischer Verformung die Züge einer
Szene, in der ein Postbote des 18. Jahrhunderts dem gierig
Wartenden einen Liebesbrief zustellt: Der Gewährsmann
holt aus seiner Tasche a filthy manila envelope
[...] and extracted a featureless black
rectangle die betont anachronistische
Verpackung entbirgt ein Rechteck wie eine black box, deren
Bedeutung zu erschließen es komplizierter
hermeneutischer Operationen bedarf, weil der Ausdrucksmodus
Sprache an der Unterkomplexität des allzu
offensichtlich Normierten krankt: Goddam factory
prototypes, he said, tossing the thing down in the
table. Well get there, but theres
no rest for the wicked, right? Das
Geheimnis des thing jedoch offenbart sich nicht
in seiner Substanz, wie auch der Liebesbrief das seine nicht
an der Materialität von Tinte und Papier preisgibt,
sondern in seinem Einsatz als Schnittstelle zwischen dem
Adressaten und seiner Geliebten, als flip flop
switch, mit dessen Hilfe Case sich jederzeit in den
Körper Mollys einloggen kann: So now you get to
find out just how tight these jeans really are, huh?
Durch den ganzen Roman hindurch sind es
zumeist die von dieser flip-flop-switch induzierten
Erfahrungen simulierter medial vermittelter
und in Echtzeit auch stimulierter Nähe zu Mollys
Körper, in denen die Liebesbeziehung zwischen ihr und
Case ihren Austrag findet am Ende aber ist es der
alte, der längst überholte Brief, die
Rückkehr gleichsam zur Differenz zwischen Körper
und Zeichen, in der diese Beziehung schließt: Im
gemeinsam bewohnten Hotelzimmer findet Case a note, a
single sheet of stationery: Hey its okay but ist
taking the edge off my game, I paid the bill already. Its the way Im wired I guess. Watch your ass okay? Kisses,
Molly. Das Spiel,
the game, erträgt die Identität von
Körper und Zeichen, von Imagination und Austrag nicht,
es bedarf der Differenz, um seinen Biß, the
edge, zu erhalten diese Differenz aber ist,
zumindest für Mollys Spiel, bereits in die Matrix
selbst eingezeichnet; Case dagegen, der Fall
schlechthin, kehrt in die Matrix zurück, an den
Ursprung jedes nur denkbaren Falls, und damit in einen Raum,
in dem die Liebe zum Medium mit dem Medium Liebe
zusammenfällt. Und konsequent kartographiert das Ende
des Textes die Grenze der linearen, schriftlichen
Beschwörung von Bildern im discours amoureux des
ausgehenden 20. Jahrhundert auf der Folie des antiken Mythos
von Narziß, als, so impliziert die solcherart
lancierte Anspielung, das ultimativ so fatale wie
unausweichliche Ende am eigenen Bild, wie schon die
simulierte sensuelle Identifikation mit dem Körper der
Geliebten faktisch immer nur eine Identifikation mit den
eigenen Sinnen gewesen war: Der letzte Blick der Romanfigur
Case trifft auf three figures, tiny, impossible, who
stood at the very edge of one of the steps of data,
auf die künstliche Persönlichkeit des Neuromancer,
des Autors und Repräsentanten der Matrix, auf die Kopie
der toten Geliebten Linda und: the third figure, close
behing her, arm across her shoulders, was himself.
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