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Aus dem Leben einer www.schlampe.de
Ein Gespräch über das SMS/Internet/Performance-Projekt LEi/iEBESÜBUNGEN

Mitschrift Gisela Müller

www.schlampe.de ist ein fortlaufendes Internet-Experiment und existiert mit verschiedenen Aktionen seit 1999. Schauplatz des jüngsten Projekts, LEi/iEBESÜBUNGEN, sind der (halb)öffentliche Raum, sowohl urbaner Raum als auch die Datenräume des Internets und der Mobilfunknetze. Von 15. Mai bis 15. Juli 02 wurden über Postkarten und Mailings Menschen dazu aufgefordert, per SMS Körperteile, deren Beschreibungen und Verortungen einzusenden. Aus diesem Material entstanden literarische Body-Tracks: Kurze Geschichten, Assoziatives, Kommentare aus dem digitalen Off; Leibes- und Liebesübungen für den kollektiven Körper. Die Texte wurden zeitnah von Mai bis Juli im Internet unter www.schlampe.de publiziert.

Das Gesamtprojekt umfasst drei Teile: 1. Das aktuelle SMS-Internet Projekt 2. Eine Audio/Hörfunk Variante (in Planung) 3. Eine Live-Performance (in Planung).

Eine erste Live-Aktion fand - quasi als Preview auf das Gesamtprojekt - an drei Tagen Mitte Juli 2002 im Münchner Hofgarten der Residenz statt.

Das folgende Gespräch wurde irgendwann geführt.



User: Hi, ich nehme jetzt einfach mal an, dass das abstrakte Kunst sein soll. Vielleicht auch etwas sozialkritisches. Aber wenn Dein (Euer) Projekt so etwas wie ein intellektuelles Deckmäntelchen für fleischliche Begierden sein soll, dann Glückwunsch!

schlampe: Wollen wir uns auf den User einlassen?

schlampe: Ja, unbedingt. Was wären wir ohne User?

schlampe: Nichts.

schlampe: Wir wären überflüssig.

schlampe: Wir wären weniger als virtuell.

schlampe: Dank User sind wir aber nicht nur virtuell, wir sind sogar einigermaßen real.

schlampe: Meinst du wirklich?

schlampe: Ja, wirklich. Hast du das nicht auch schon erlebt, dass dir ein fremder User eine Mail schickt und du plötzlich so etwas wie Identität verspürst?

schlampe: Meine eigene Identität.

schlampe: Naja, eine von deinen Identitäten. Du wirst für einen User zur Person. Erinnerst du dich zum Beispiel an den User Vivendy?

User Vivendy: Hallo schlampe, das ist eine Website, die ich soo gar nicht erwartet hatte. Interessante Aufmachung; sie verspricht eine tiefgründige Person zu sein, die ich näher kennenlernen möchte. Die Oberflächlichkeit sexueller Begierde ist ihr fremd. Reiz durch Wortspielereien und dem Verbergen des Körperlichen. Gibt es mehr von Dir, für den fremden Genießer?

schlampe: Und wie reagierst du dann auf solche Mails?

schlampe: Ich versuche den User in einen Dialog zu verwickeln, ihn zur Kommunikation zu verführen. Ich entwickle eine Persönlichkeit für diesen einen User.

schlampe: Man hat uns vorgeworfen, wir würden ein falsches Spiel spielen, wir würden die User hinters Licht führen; man fand uns unmoralisch.

schlampe: Natürlich spielen wir mit Erwartungen und Hoffnungen, die User haben könnten. Es geraten immer wieder Besucher auf die Website, die dort etwas ganz anderes vermuten, nacktes Fleisch, unbedeckte Geschlechtsteile. Aber sind da nicht eher die Erwartungen falsch als unser Spiel? Wir behaupten nichts anderes als die Website verspricht. Dort steht unter anderem geschrieben, dass schlampe eine öffentliche Person ist, das schlampe viele sind, dass schlampe ein Bewußtseinszustand ist, vielfältig, mitunter widersprüchlich oder schizophren.

schlampe: Aber www.schlampe.de ist auch nicht nur eine Website. Bei allen schlampe-Aktionen geht es immer um die Bespielung verschiedener öffentlicher und halböffentlicher Räume. Der Datenraum des Internets ist einer davon, der Datenraum der Mobilfunknetze ein anderer. Dazu kommt der öffentliche Stadtraum und verschiedene private Erzählräume. Insgesamt gab es bisher vier größere schlampe-Projekte, die sich jeweils über einen Zeitraum von 2-3 Monaten erstreckten. schlampe trat erstmals in Erscheinung im Sommer 1999 im Rahmen des Münchner Kulturfestivals "Wahlverwandtschaften".

schlampe: Das war jetzt eine geschickte Überleitung. Gut: Konkret werden. Handfeste Informationen bringen. Wir wollen ja nicht nur an User denken, denn jeder User ist für uns auch ein/e Leser/in. Wir könnten das Gespräch daher allmählich auf unser jüngstes Projekt LEi/iEBESÜBUNGEN bringen.

btw: Hat inzwischen jemand die weibliche Form von User erfunden? Userin hört sich so uncool an.

schlampe: Bevor wir jedoch zu den LEi/iEBESÜBUNGEN kommen noch einige allgemeine Infos. Alle bisherigen schlampe-Projekte folgen ähnlichen Prinzipien:

Während der Projektzeiträume erscheint alle zwei bis drei Tage ein neuer Text auf der Website. Das sind Kurztexte, Miniaturen, Kürzestprosa - gerade lang genug, dass man sie am Bildschirm gut lesen kann. Gegenstand der beiden ersten Projekte von www.schlampe.de waren Straßen in München, zuerst die Goethestraße im Bahnhofsviertel, dann die Türkenstraße in Schwabing. Das dritte Projekt hieß
HEIMATMUSEUM. Dabei ging es ebenfalls um öffentliche Orte in München und um das Thema Heimat im Kontext des flüchtigen Mediums Internet.

Jede Textproduktion wird erst durch die Aktion eines Users ausgelöst. Bei den ersten beiden Projekten befanden sich auf jeweils anderen Websites sogenannte Counter (Zugriffszähler). Besucher und Besucherinnen dieser Websites hinterließen ihre Spur durch die um eins erhöhte Zahl im Zugriffszähler. Wenn eine von uns dann in die Goethe-, bzw. Türkenstraße aufbrach, konsultierten wir vorher den Zugriffszähler. Stand dort eine 71, gingen wir zur Hausnummer 71, beobachteten, was sich dort ereignete oder wer da wohnte, und schrieben anschließend einen Text, der wiederum auf der Website veröffentlicht wurde.

Beim HEIMATMUSEUM lagen an verschiedenen Standpunkten Fragbögen aus (bei einem Friseur, in einer Buchhandlung, einem Fitness-Studio, einem Café etc.). Die Fragebögen wurden anonym beantwortet und an selber Stelle wieder abgegeben. Mit der letzten Frage des Fragebogens wurde um die Angabe eines öffentlichen Ortes in München gebeten, den der Ausfüller, die Ausfüllerin dem HEIMATMUSEUM damit zur Verfügung stellte. Diese Orte suchten wir wiederum auf, observierten und beschrieben sie, und stellten die Texte unmittelbar online.

schlampe: Jedes Projekt wird außerdem von flankierende Maßnahmen innerhalb und außerhalb des Internets begleitet. Wir betreiben so eine Art Guerilla-Marketing, hinterlassen Aufkleber mit der URL an Lampenpfosten und Fahrradständern oder auf öffentlichen Toiletten, wir verteilen Postkarten. Es gibt Menschen, die tragen T-Shirts mit unserer URL in der Oper, zuletzt hörte ich von einer Freisinger Bäckereigehilfin, die das T-Shirt zum Brötchenverkauf anzieht. Darüber hinaus versenden wir Mailings und verfassen Hinweise in beliebigen Gästebüchern.

schlampe: Alle Projekte können dokumentarisch auf unserer Website nachgelesen werden.

schlampe: Was hatte es nun mit den LEi/iEBEÜBUNGEN auf sich?

schlampe: Von 15. Mai bis 15. Juli 2002 forderten wir über Postkarten und Mailings Menschen dazu auf, per SMS Körperteile, deren Beschreibungen und Verortungen einzusenden (nach dem Motto: 'Schenk mir dein Herz!', 'Wirf ein Auge auf mich!', 'Leih' mir dein Ohr.' ...). Aus diesem Material entstanden literarische Body-Tracks: Kurze Texte, Geschichten, Kommentare aus dem digitalen Off; Leibes- und Liebesübungen für den kollektiven Körper. Die Texte wurden zeitnah im Internet unter
www.schlampe.de publiziert.

Das Gesamtprojekt soll drei Teile umfassen: Erstens, das oben beschriebene SMS-Internet Projekt. Zweitens, eine Audio/Hörfunk Variante (befindet sich derzeit in Planung) und zuletzt eine Live-Performance (auch in Planung).

Eine erste Live-Aktion fand - quasi als Preview auf das Gesamtprojekt - an drei Tagen Mitte Juli im Münchner Hofgarten der Residenz statt.

schlampe: Warum diese drei Phasen?

schlampe: Die drei Phasen greifen die Idee einer Liebesaffäre auf, die im Netz beginnt. Daher ist die erste Phase von LEi/iEBESÜBUNGEN vom geschriebenen Wort und statischen Bildern bestimmt (SMS-Internet). Man lernt sich kennen, nähert sich an den anderen/die andere an, gibt Geheimnisse preis und entdeckt verborgene Seiten, Wesenszüge, Wünsche. Der vorher kalte Screen wird warm, lebendig, das Mail- oder Textprogramm zum realen Interface; Computerfenster, die sich öffnen - nicht nur als Metapher.

In der zweiten Phase (Audio-Hörfunk) bekommt die Stimme, die durch den Rechner spricht - die bislang jedoch immer nur meine eigene lesende Stimme war - einen neuen Klang, einen eigenen Sound. Man telefoniert, man redet, man schweigt; legt Hand an sich, die eigene Hand = die Hand vom anderen Ende der Leitung. Leibesübungen. Liebesübungen.

In der dritten und letzten Phase findet Begegnung in Echtzeit statt. Das erste Treffen, ein Abgleich von Wahrnehmungen, Überraschung; unter Umständen auch Enttäuschung. Immer und in jedem Fall jedoch ein Experiment. Die Grenzen zwischen "real", "virtuell", "fiktiv" sind gefallen - das wird der Zweck der Übung sein. Wir sind in jedem Augenblick, in jedem Atemzug ebenso real wie irreal wie Fiktionen oder Projektionen unserer selbst und anderer.

schlampe: Bisher realisiert wurde also die erste Phase, das SMS-Internet Projekt mit einer abschließenden Performance.

schlampe: Ja. Das Hörfunk-Projekt ist in Vorbereitung. Wie die Performance im Hofgarten wird das wieder eine Zusammenarbeit mit der Verrichtungs-Künstlerin
Ruth Geiersberger.

schlampe: Wenn ich uns richtig verstanden habe, beschränken wir den Vernetzungsgedanken nicht nur auf das Medium Internet?

schlampe: Nein, ganz im Gegenteil. Es geht viel mehr um vernetztes Denken und vernetzte Existenz. Ich frage mich immer wieder, was es eigentlich bedeutet, mit all diesen Medien, die unseren Alltag bestimmen, zu leben? Was hat es mit dem Persönlichen und Privaten auf sich, wenn man gleichzeitig immer auch eine öffentliche Person ist? Wie verändern die Medien unsere Selbstwahrnehmung und das Verhältnis zu anderen Menschen?

schlampe: Sag' mal, ist dir auch aufgefallen, dass immer mehr Leute jetzt diese kleinen Digitalkameras besitzen, mit denen sie sich selbst fotografieren und diese Fotos dann per Mail verschicken?

schlampe: Genau, mailen und telefonieren allein genügt nicht mehr, der Körper soll mit dabei sein. Die neue Handy-Generation ist bereits mit Foto-Funktion ausgestattet. Vorübungen zum beamen.

schlampe: Werden wir alle Datenreisende?

schlampe: Wir sind es längst. Gleichzeitig klemmt unsere Kultur noch im cartesianischen Weltbild fest und behauptet, es gäbe so etwas wie eine Realität. Die Betonung liegt auf eine! Und der Kopf = Verstand wäre eine vom Körper zu differenzierende Instanz.

User schwicky: hach ja jetzt hab ich alles durchgelesen auf der site aber ich glaub nur ungefär die hälfte erfasst und zum gehirn will ich noch was sagen
es kommt mir so vor wenn ich mich ganz genau besinne als ob nicht mein gehirn das zentrum meines denkens ist sondern ich habe das gefühl das alles erst aus dem bauch in das gehirn geht
ich weiss nicht so fühlt es sich an
und ich hab das gefühl als ob ich mit meinem gehirn kommuniziere wenn ich nachdenke und dass is doch garnich mal so schlecht wenn man zu zeit keine freundin hat und einem langweilig is oder?
na ihr könt jetzt denken was ihr wollt ich bin mir sicher das des so is
basta

schlampe: Die Vorstellung, dass das geschriebene oder gesprochene Wort "weniger wert" wäre als die "echte" Begegnung ist meiner Meinung nach hinfällig. Es handelt sich nur um andere Qualitäten, die ein gelesener Text, ein gesprochener Text, ein performierter Text haben. Daher auch die Versuchsreihe der LEi/iEBESÜBUNGEN, die selben Texte und ihre Wirkweisen in verschiedene Medien und Darbietungsformen zu erproben.

schlampe: Und was hat das nun mit Liebe zu tun?

schlampe: Sagen wir mal so: Es hat mit Wahrnehmung zu tun, mit Verführung und Desire. Mit Projektionen, Träumen, Wünschen.

schlampe: Wir könnten jetzt auch sagen, wir seien Luhmann-Anhängerinnen und verstehen Liebe als Kommunikationsmedium.

schlampe: Ein die Unwahrscheinlichkeit von Interaktion wahrscheinlicher machendes Medium.

schlampe: Wollten wir nicht auch über den Begriff der Liebesdramaturgie reden?

schlampe: Richtig. Ich könnte dich fragen, ob es eine spezifische Liebesdramaturgie des Netzes gibt. Du weißt, was ich meine: Eine Dramaturgie, die eine andere wäre als die klassisch aristotelische Hollywood Handlungsdramaturgie - Exposition, Komplikation, Krisis, Auflösung.

schlampe: Du könntest mich fragen, welche Struktur diese andere, vernetzte (Liebes-)Dramaturgie hätte, ob es sich dabei um nichtlineare, disparate Strukturen handelte; Strukturen erratischen Begehrens.

schlampe: Ich könnte mit Donna Haraway antworten (Donna Haraway: "Ein Manifest für Cyborgs") und uns allen wünschen, wir würden mit Hilfe der digitalen Kommunikationsmedien fröhliche, polymorph perverse eigenverantwortliche Cyborgs werden. Wir wären überzeugte AnhängerInnen von Partialität, Ironie, Intimität und Perversität, oppositionell, utopisch und ohne jede Unschuld, nicht mehr durch die Polarität von öffentlich und privat strukturiert, wir erhofften uns keine Rettung durch die Wiederherstellung eines paradiesischen Zustands, d.h. durch die Produktion eines heterosexuellen Partners, durch die Vervollkommnung in einem abgeschlossenen Ganzen. Wir träumten nicht von einem sozialen Lebenszusammenhang nach dem Modell einer organischen Familie, wir würden den Garten Eden nicht erkennen. Wir wären respektlos und süchtig nach Kontakt.

schlampe: Sind wir doch.

schlampe: Sind wir? Wirklich?


 

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