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User: Hi, ich nehme jetzt einfach mal an, dass das
abstrakte Kunst sein soll. Vielleicht auch etwas
sozialkritisches. Aber wenn Dein (Euer) Projekt so etwas wie
ein intellektuelles Deckmäntelchen für
fleischliche Begierden sein soll, dann Glückwunsch!
schlampe: Wollen wir uns auf den User einlassen?
schlampe: Ja, unbedingt. Was wären wir ohne
User?
schlampe: Nichts.
schlampe: Wir wären überflüssig.
schlampe: Wir wären weniger als virtuell.
schlampe: Dank User sind wir aber nicht nur virtuell,
wir sind sogar einigermaßen real.
schlampe: Meinst du wirklich?
schlampe: Ja, wirklich. Hast du das nicht auch schon
erlebt, dass dir ein fremder User eine Mail schickt und du
plötzlich so etwas wie Identität
verspürst?
schlampe: Meine eigene Identität.
schlampe: Naja, eine von deinen Identitäten. Du
wirst für einen User zur Person. Erinnerst du dich zum
Beispiel an den User Vivendy?
User Vivendy: Hallo schlampe, das ist eine Website,
die ich soo gar nicht erwartet hatte. Interessante
Aufmachung; sie verspricht eine tiefgründige Person zu
sein, die ich näher kennenlernen möchte. Die
Oberflächlichkeit sexueller Begierde ist ihr fremd.
Reiz durch Wortspielereien und dem Verbergen des
Körperlichen. Gibt es mehr von Dir, für den
fremden Genießer?
schlampe: Und wie reagierst du dann auf solche
Mails?
schlampe: Ich versuche den User in einen Dialog zu
verwickeln, ihn zur Kommunikation zu verführen. Ich
entwickle eine Persönlichkeit für diesen einen
User.
schlampe: Man hat uns vorgeworfen, wir würden
ein falsches Spiel spielen, wir würden die User hinters
Licht führen; man fand uns unmoralisch.
schlampe: Natürlich spielen wir mit Erwartungen
und Hoffnungen, die User haben könnten. Es geraten
immer wieder Besucher auf die Website, die dort etwas ganz
anderes vermuten, nacktes Fleisch, unbedeckte
Geschlechtsteile. Aber sind da nicht eher die Erwartungen
falsch als unser Spiel? Wir behaupten nichts anderes als die
Website verspricht. Dort steht unter anderem geschrieben,
dass schlampe eine öffentliche Person ist, das schlampe
viele sind, dass schlampe ein Bewußtseinszustand ist,
vielfältig, mitunter widersprüchlich oder
schizophren.
schlampe: Aber www.schlampe.de ist auch nicht nur
eine Website. Bei allen schlampe-Aktionen geht es immer um
die Bespielung verschiedener öffentlicher und
halböffentlicher Räume. Der Datenraum des
Internets ist einer davon, der Datenraum der Mobilfunknetze
ein anderer. Dazu kommt der öffentliche Stadtraum und
verschiedene private Erzählräume. Insgesamt gab es
bisher vier größere schlampe-Projekte, die sich
jeweils über einen Zeitraum von 2-3 Monaten
erstreckten. schlampe trat erstmals in Erscheinung im Sommer
1999 im Rahmen des Münchner Kulturfestivals
"Wahlverwandtschaften".
schlampe: Das war jetzt eine geschickte
Überleitung. Gut: Konkret werden. Handfeste
Informationen bringen. Wir wollen ja nicht nur an User
denken, denn jeder User ist für uns auch ein/e
Leser/in. Wir könnten das Gespräch daher
allmählich auf unser jüngstes Projekt
LEi/iEBESÜBUNGEN bringen.
btw: Hat inzwischen jemand die weibliche Form von
User erfunden? Userin hört sich so uncool an.
schlampe: Bevor wir jedoch zu den
LEi/iEBESÜBUNGEN kommen noch einige allgemeine Infos.
Alle bisherigen schlampe-Projekte folgen ähnlichen
Prinzipien:
Während der Projektzeiträume erscheint alle zwei
bis drei Tage ein neuer Text auf der Website. Das sind
Kurztexte, Miniaturen, Kürzestprosa - gerade lang
genug, dass man sie am Bildschirm gut lesen kann. Gegenstand
der beiden ersten Projekte von www.schlampe.de waren
Straßen in München, zuerst die Goethestraße
im Bahnhofsviertel, dann die Türkenstraße in
Schwabing. Das dritte Projekt hieß HEIMATMUSEUM.
Dabei ging es ebenfalls um öffentliche Orte in
München und um das Thema Heimat im Kontext des
flüchtigen Mediums Internet.
Jede Textproduktion wird erst durch die Aktion eines Users
ausgelöst. Bei den ersten beiden Projekten befanden
sich auf jeweils anderen Websites sogenannte Counter
(Zugriffszähler). Besucher und Besucherinnen dieser
Websites hinterließen ihre Spur durch die um eins
erhöhte Zahl im Zugriffszähler. Wenn eine von uns
dann in die Goethe-, bzw. Türkenstraße aufbrach,
konsultierten wir vorher den Zugriffszähler. Stand dort
eine 71, gingen wir zur Hausnummer 71, beobachteten, was
sich dort ereignete oder wer da wohnte, und schrieben
anschließend einen Text, der wiederum auf der Website
veröffentlicht wurde.
Beim HEIMATMUSEUM lagen an verschiedenen Standpunkten
Fragbögen aus (bei einem Friseur, in einer
Buchhandlung, einem Fitness-Studio, einem Café etc.).
Die Fragebögen wurden anonym beantwortet und an selber
Stelle wieder abgegeben. Mit der letzten Frage des
Fragebogens wurde um die Angabe eines öffentlichen
Ortes in München gebeten, den der Ausfüller, die
Ausfüllerin dem HEIMATMUSEUM damit zur Verfügung
stellte. Diese Orte suchten wir wiederum auf, observierten
und beschrieben sie, und stellten die Texte unmittelbar
online.
schlampe: Jedes Projekt wird außerdem von
flankierende Maßnahmen innerhalb und außerhalb
des Internets begleitet. Wir betreiben so eine Art
Guerilla-Marketing, hinterlassen Aufkleber mit der URL an
Lampenpfosten und Fahrradständern oder auf
öffentlichen Toiletten, wir verteilen Postkarten. Es
gibt Menschen, die tragen T-Shirts mit unserer URL in der
Oper, zuletzt hörte ich von einer Freisinger
Bäckereigehilfin, die das T-Shirt zum
Brötchenverkauf anzieht. Darüber hinaus versenden
wir Mailings und verfassen Hinweise in beliebigen
Gästebüchern.
schlampe: Alle Projekte können dokumentarisch
auf unserer Website nachgelesen werden.
schlampe: Was hatte es nun mit den
LEi/iEBEÜBUNGEN auf sich?
schlampe: Von 15. Mai bis 15. Juli 2002 forderten wir
über Postkarten und Mailings Menschen dazu auf, per SMS
Körperteile, deren Beschreibungen und Verortungen
einzusenden (nach dem Motto: 'Schenk mir dein Herz!', 'Wirf
ein Auge auf mich!', 'Leih' mir dein Ohr.' ...). Aus diesem
Material entstanden literarische Body-Tracks: Kurze Texte,
Geschichten, Kommentare aus dem digitalen Off; Leibes- und
Liebesübungen für den kollektiven Körper. Die
Texte wurden zeitnah im Internet unter www.schlampe.de
publiziert.
Das Gesamtprojekt soll drei Teile umfassen: Erstens, das
oben beschriebene SMS-Internet Projekt. Zweitens, eine
Audio/Hörfunk Variante (befindet sich derzeit in
Planung) und zuletzt eine Live-Performance (auch in
Planung).
Eine erste Live-Aktion fand - quasi als Preview auf das
Gesamtprojekt - an drei Tagen Mitte Juli im Münchner
Hofgarten der Residenz statt.
schlampe: Warum diese drei Phasen?
schlampe: Die drei Phasen greifen die Idee einer
Liebesaffäre auf, die im Netz beginnt. Daher ist die
erste Phase von LEi/iEBESÜBUNGEN vom geschriebenen Wort
und statischen Bildern bestimmt (SMS-Internet). Man lernt
sich kennen, nähert sich an den anderen/die andere an,
gibt Geheimnisse preis und entdeckt verborgene Seiten,
Wesenszüge, Wünsche. Der vorher kalte Screen wird
warm, lebendig, das Mail- oder Textprogramm zum realen
Interface; Computerfenster, die sich öffnen - nicht nur
als Metapher.
In der zweiten Phase (Audio-Hörfunk) bekommt die
Stimme, die durch den Rechner spricht - die bislang jedoch
immer nur meine eigene lesende Stimme war - einen neuen
Klang, einen eigenen Sound. Man telefoniert, man redet, man
schweigt; legt Hand an sich, die eigene Hand = die Hand vom
anderen Ende der Leitung. Leibesübungen.
Liebesübungen.
In der dritten und letzten Phase findet Begegnung in
Echtzeit statt. Das erste Treffen, ein Abgleich von
Wahrnehmungen, Überraschung; unter Umständen auch
Enttäuschung. Immer und in jedem Fall jedoch ein
Experiment. Die Grenzen zwischen "real", "virtuell",
"fiktiv" sind gefallen - das wird der Zweck der Übung
sein. Wir sind in jedem Augenblick, in jedem Atemzug ebenso
real wie irreal wie Fiktionen oder Projektionen unserer
selbst und anderer.
schlampe: Bisher realisiert wurde also die erste
Phase, das SMS-Internet Projekt mit einer
abschließenden Performance.
schlampe: Ja. Das Hörfunk-Projekt ist in
Vorbereitung. Wie die Performance im Hofgarten wird das
wieder eine Zusammenarbeit mit der
Verrichtungs-Künstlerin Ruth
Geiersberger.
schlampe: Wenn ich uns richtig verstanden habe,
beschränken wir den Vernetzungsgedanken nicht nur auf
das Medium Internet?
schlampe: Nein, ganz im Gegenteil. Es geht viel mehr
um vernetztes Denken und vernetzte Existenz. Ich frage mich
immer wieder, was es eigentlich bedeutet, mit all diesen
Medien, die unseren Alltag bestimmen, zu leben? Was hat es
mit dem Persönlichen und Privaten auf sich, wenn man
gleichzeitig immer auch eine öffentliche Person ist?
Wie verändern die Medien unsere Selbstwahrnehmung und
das Verhältnis zu anderen Menschen?
schlampe: Sag' mal, ist dir auch aufgefallen, dass
immer mehr Leute jetzt diese kleinen Digitalkameras
besitzen, mit denen sie sich selbst fotografieren und diese
Fotos dann per Mail verschicken?
schlampe: Genau, mailen und telefonieren allein
genügt nicht mehr, der Körper soll mit dabei sein.
Die neue Handy-Generation ist bereits mit Foto-Funktion
ausgestattet. Vorübungen zum beamen.
schlampe: Werden wir alle Datenreisende?
schlampe: Wir sind es längst. Gleichzeitig
klemmt unsere Kultur noch im cartesianischen Weltbild fest
und behauptet, es gäbe so etwas wie eine Realität.
Die Betonung liegt auf eine! Und der Kopf = Verstand
wäre eine vom Körper zu differenzierende
Instanz.
User schwicky: hach ja jetzt hab ich alles
durchgelesen auf der site aber ich glaub nur ungefär
die hälfte erfasst und zum gehirn will ich noch was
sagen
es kommt mir so vor wenn ich mich ganz genau besinne als ob
nicht mein gehirn das zentrum meines denkens ist sondern ich
habe das gefühl das alles erst aus dem bauch in das
gehirn geht
ich weiss nicht so fühlt es sich an
und ich hab das gefühl als ob ich mit meinem gehirn
kommuniziere wenn ich nachdenke und dass is doch garnich mal
so schlecht wenn man zu zeit keine freundin hat und einem
langweilig is oder?
na ihr könt jetzt denken was ihr wollt ich bin mir
sicher das des so is
basta
schlampe: Die Vorstellung, dass das geschriebene oder
gesprochene Wort "weniger wert" wäre als die "echte"
Begegnung ist meiner Meinung nach hinfällig. Es handelt
sich nur um andere Qualitäten, die ein gelesener Text,
ein gesprochener Text, ein performierter Text haben. Daher
auch die Versuchsreihe der LEi/iEBESÜBUNGEN, die selben
Texte und ihre Wirkweisen in verschiedene Medien und
Darbietungsformen zu erproben.
schlampe: Und was hat das nun mit Liebe zu tun?
schlampe: Sagen wir mal so: Es hat mit Wahrnehmung zu
tun, mit Verführung und Desire. Mit
Projektionen, Träumen, Wünschen.
schlampe: Wir könnten jetzt auch sagen, wir
seien Luhmann-Anhängerinnen und verstehen Liebe als
Kommunikationsmedium.
schlampe: Ein die Unwahrscheinlichkeit von
Interaktion wahrscheinlicher machendes Medium.
schlampe: Wollten wir nicht auch über den
Begriff der Liebesdramaturgie reden?
schlampe: Richtig. Ich könnte dich fragen, ob es
eine spezifische Liebesdramaturgie des Netzes gibt. Du
weißt, was ich meine: Eine Dramaturgie, die eine
andere wäre als die klassisch aristotelische Hollywood
Handlungsdramaturgie - Exposition, Komplikation, Krisis,
Auflösung.
schlampe: Du könntest mich fragen, welche
Struktur diese andere, vernetzte (Liebes-)Dramaturgie
hätte, ob es sich dabei um nichtlineare, disparate
Strukturen handelte; Strukturen erratischen Begehrens.
schlampe: Ich könnte mit Donna Haraway antworten
(Donna Haraway: "Ein Manifest für Cyborgs") und uns
allen wünschen, wir würden mit Hilfe der digitalen
Kommunikationsmedien fröhliche, polymorph perverse
eigenverantwortliche Cyborgs werden. Wir wären
überzeugte AnhängerInnen von Partialität,
Ironie, Intimität und Perversität, oppositionell,
utopisch und ohne jede Unschuld, nicht mehr durch die
Polarität von öffentlich und privat strukturiert,
wir erhofften uns keine Rettung durch die Wiederherstellung
eines paradiesischen Zustands, d.h. durch die Produktion
eines heterosexuellen Partners, durch die Vervollkommnung in
einem abgeschlossenen Ganzen. Wir träumten nicht von
einem sozialen Lebenszusammenhang nach dem Modell einer
organischen Familie, wir würden den Garten Eden nicht
erkennen. Wir wären respektlos und süchtig nach
Kontakt.
schlampe: Sind wir doch.
schlampe: Sind wir? Wirklich?
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