dd:
Die Interviewsammlung Webart Shortcuts ist Teil eines
Buches und Website zugleich und bedient sich des Verfahrens
des Email-Interviews. Insofern ist es dem neuen Medium nicht
nur inhaltlich, sondern auch methodisch und publizistisch
verpflichtet. Könnt ihr zunächst etwas zur
Produktion und Präsentation der Interviews
sagen?
UH&ZW: Die nun
vorliegende Online-Interviewreihe zeigt 21 Positionen aus
den drei Bereichen Kunst, Theorie und Veranstaltung zum
Thema Kunst und Internet. Die Interviewten zählen mit
zwei Ausnahmen zur sog. Netzkunst-Community, einem
eigenständigen Bereich im Internet, dessen Knotenpunkte
bislang Medienkunstzentren und -festivals darstellen.
Gemeinsam ist ihnen, dass sie Rahmenbedingungen für die
Entwicklung und Präsentation jener künstlerischen
Projekte herstellen, die sich der Erforschung des Mediums
widmen. Personen, die derartige Knoten vertreten, bilden
eine Gruppe. Kunstschaffende - als weitere Gruppierung -
stehen in diesem Bereich vor einer Vielzahl an
Möglichkeiten und die jeweilige Auseinandersetzung kann
sich auf partizipative Elemente, zugrundeliegende Codierung,
multimediale Interpretation u.a.m. fokussieren. Wir legten
in der Auswahl der KünstlerInnen den Schwerpunkt auf
jene, die sich mit audio-, visuellen-, wie textuellen
Phänomenen im World Wide Web beschäftigen. Als
dritte Gruppe war die theoretische Auseinandersetzung mit
dem Medium vorgesehen und so wurden in diesem Bereich Online
Publizierende eingeladen. Ein zentrales Kriterium für
die Auswahl war neben der soeben beschriebenen Dreiteilung
die jeweils eigenständige Webpräsenz; sei diese
nun zur Präsentation gedacht, wie es bei vielen
Festivals, Medienzentren und Theorieangeboten der Fall ist,
oder aber zur Entwicklung eigenständiger und medialer
Arbeiten im World Wide Web, wie sie im Rahmen von
Kunstprojekten anzunehmen sind.
Die Online-Version zeigt die
21 Personen mit je 10 Antworten zu 21 Themen mit max. 12
Zeilen pro Aussage in zwei Sprachen. Für die mediale
Form des World Wide Web wurde also das Material, das nach
Gesprächen oder Korrespondenzen mit Expertinnen und
Experten gewonnen war, in Themenschwerpunkte strukturiert
und verknüpft. Für die an den Druck gebundene Form
des Buches wurden hingegen die gesamten Interviews in ihrem
linearen Verlauf und ihrem besonderen Zugang zu den
Fragestellungen verwendet. So formten sich einzelne
Porträts, deren inhaltliche Dichte durch den
individuellen Zugang zum Thema generiert wird. Sowohl im Web
wie auch im Buch entstanden so spezifische
Medien/Zeit/Bilder.
dd:
Der Band heisst Webfictions, womit terminologisch
eine Abgrenzung zu Konkurrenzbegriffen wie digital
fiction oder netart vorgenommen wird. Zugleich
problematisiert ihr selbst die Begrifflichkeit und fragt, ob
das Internet, das World Wide Web oder die DVD alle
ein Medium sind oder interne Differenzen bestehen,
die sich auch ästhetisch niederschlagen könnten.
Wie verhält es sich damit aus der Sicht der Theoretiker
und der Künstler?
UH&ZW: Medien
können zunächst als technologische Systeme gesehen
werden, die ihre ganz speziellen Formate schaffen. Ohne
Ölfarbe gäbe es kein Tafelbild, ohne Kamera kein
Filmschaffen, ohne binärem Code keine elektronischen
Medien usw. Insofern verbindet die genannten - Internet,
World Wide Web und DVD - der Umstand, dass sie technologisch
ähnlich strukturiert sind: Alle drei beruhen auf der
binären Codierung und gelten dementsprechend als "neue
Medien". Das Internet und das World Wide Web weisen mit
ihren gemeinsamen Netzwerkprinzipien aber grundsätzlich
andere Spezifika auf als die DVD, die eher für den
Konsum bzw. die künstlerische Arbeit vor Ort gedacht
ist und hohe Datenmengen verarbeiten kann. Bislang macht
sich kaum jemand die Mühe, nicht lineare Geschichten zu
entwerfen, die die inhärente Interaktivität des
Mediums nutzen würden und der DVD-Gebrauch
beschränkt sich zumeist auf das Anwählen diverser
Menüpunkte oder aber zum Sichern von Video-Dateien;
systemspezifische Entwicklungen stehen also noch aus.
Hier kommen wir aber der
Begrifflichkeit langsam näher. Werden z.B.
Speicherformate als Unterscheidungskriterium geführt,
so lassen sich dabei CD-ROM, DVD, Mini-Disc oder ZIP-Medien
subsumieren, die wohl noch keine Medien bilden, da sie an
sich lediglich (leeres) Speicherpotential beinhalten. Es
gilt also zunächst die Technologie von der Anwendung zu
trennen. Niemand würde behaupten, der Buchdruck sei ein
Medium, wenn er auch das Mittel stellt, um die damit
zusammenhängenden Medien zu generieren. Dementsprechend
gelten die Bücher, Zeitungen, Zeitschriften als die
Medien; der Buchdruck bildet die dahinter stehende
Technologie, ohne die diese Medien nicht existieren
würden. Daran hat sich nichts geändert und es
würde wohl kaum jemand ernsthaft behaupten, eine
Maschine oder einer ihrer Teile stellte bereits das Medium
dar. Somit geht es also nicht um die DVD als solche, sondern
darum, was auf dieser DVD schließlich gespeichert
wird.
Wenn wir von der Maschine
als einer technischen Hülle sprechen, so muss die
Folgefrage sein, was kann dieser Maschine beigebracht werden
und welche Resultate lassen sich damit erzielen.
Elektronische Vernetzung - um langsam zum Internet und zum
World Wide Web zu kommen - basiert zwar auf einer bestimmten
Konstellation von Hardware, kommt aber letztlich nur dadurch
zustande, dass sich an verschiedenen Orten Menschen
zusammenfinden, wechselseitig Inhalte codieren und ihre
Maschinen miteinander kommunizieren lassen. Was für die
Hardware gilt, gilt auf einer anderen Ebene auch für
die Software: Die Programme ermöglichen zwar die
Konstruktion von Websites, letztlich ist es aber erst die
Summe der Websites, die das spezifische Medium Web ausmacht.
Damit sind wir wiederum bei Inhalten; wie immer diese auch
aussehen mögen.
Im Bereich des Internets und
des World Wide Web vereinfachen wir die Diskussion gern
dahingehend, dass wir feststellen, "jeder Pudel ist ein
Hund, aber nicht jeder Hund ist ein Pudel". Nun funktioniert
ein Pudel bis zu einem gewissen Grad gleich wie ein
Rottweiler; dennoch sind Unterschiede zwischen den beiden
Hundetypen unschwer zu erkennen. Das World Wide Web ist
bekanntlich nur einer von mehreren Internetdiensten - die
Promenadenmischung vielleicht? Das WWW basiert also auf den
gleichen Prinzipien, auf denen das Internet aufgebaut ist.
Darüberhinaus weist es aber eigenständige Formen
auf und diese betreffen die Verknüpfung dreier
technologischer Phänomene: Interaktivität,
Multimedialität und elektronische Vernetzung.
dd:
Vernetzung und in gewissem Grade auch Interaktivität
scheint mir allerdings für den Hund an sich zu gelten,
wenn ich an Netztechnologien wie IRC, WAP und E-Mail
denke.
UH&ZW: Gehen wir
davon aus, dass die Technologie elektronischer Netzwerke per
se Vernetzung zum Ziel hat und dabei interaktiv sein muss,
da es sich um Konstruktionen im Mensch-Maschine-Bereich
handelt - wir also Schnittstellen brauchen, die eine
maschinelle Reaktion auf eine menschliche Aktion erlauben,
so gelten folgerichtig diese beiden Phänomene für
alle elektronischen Vernetzungsmedien. Multimedia bringt
aber eine zusätzliche Dimension ein, die ebenfalls auf
dem Phänomen der binären Codierung beruht: Die
formale Gleichwertigkeit von Bildern, Texten und
Klängen sowie deren Einbettung in eine
Gesamtarchitektur von Information. Zudem ist das Web in
erster Linie ein Publikationsmedium; auch darin liegt ein
wesentlicher Unterschied zu den übrigen
Internetdiensten. E-Mail z.B. basiert auf dem Austausch von
Information, Web bietet Information an. Wir sprechen hier in
weiterer Folge von inszenierter Information, wie sie das
Internet vor Streaming und Breitband nicht gekannt hat.
Dabei ist die Störung im Fluss der Wahrnehmung, wie wir
sie durch den fragmentierten Seitenaufbau von HTML kennen,
ein Problem, das erst in jüngerer Zeit durch spezielle
- multimediale - Formate umgangen werden kann. In diesem
Bereich liegt auch unser eigener Schwerpunkt. Wir arbeiten
an dem Modell der Webdramaturgie, mit dessen Hilfe
interaktive audio-visuelle Gesamtereignisse im Web
möglich werden. Die Feststellung sei erlaubt, dass wir
im Medium Web immer noch am Anfang stehen, sowohl
technologisch wie strukturell. Die Basisidee mag definiert
sein und die Sprache sich abzeichnen, nur beherrscht sie
noch kaum jemand fließend. Der Vergleich scheint
passend, dass wir versuchen, Ölbilder mit Buntstiften
zu malen, ohne uns zu fragen, ob wir wirklich Ölbilder
schaffen wollen.
dd:
Webfiction bedeutet terminologisch auch eine
Abgrenzung zu Webart. Ist dies eher ein Zufall oder seht ihr
handfeste Unterschiede zwischen Webfiction und
Webart?
UH&ZW: Ende der
90er-Jahre schien eine Trennung in Netzkunst und Webkunst
sinnvoll, da mit letzterer - wie gerade angesprochen - eine
neue Dimension multimedialer Interaktion zum Tragen kam.
Diese Frage wird in den Buch-Interviews immer wieder
gestellt und die Antworten unterscheiden sich enorm. Nachdem
alle elektronischen Vernetzungsmedien derzeit in Entwicklung
sind, gibt es folgerichtig auch ständig Adaptierungen
oder Verschiebungen von Begriffen. Dies wird sich vermutlich
auch in Zukunft nicht vermeiden lassen. Um aber zur Frage
zurückzukommen: Die Titelidee ist von Manfred
Faßler. Persönlich verbinden wir mit Webfictions
eher die Vorstellung einer Utopie. Dass der Begriff in der
Welt der Literatur anders konnotiert wird, war uns bewusst,
der Untertitel "Zerstreute Anwesenheiten in elektronischen
Netzen" schien uns aber ausreichend, um auf die kulturelle
Deutung hinzuweisen Wir sehen keine Notwendigkeit für
eine weitere begriffliche Unterscheidung, da diese zwar
inhaltlich, nicht aber formal zu begründen wäre.
Mediale Begriffe sollten beide Ebenen gleichwertig
reflektieren.
2. Gesellschaftliche
Funktion und Experiment mit Form
dd:
In der Einleitung zu den Interviews fragt ihr euch, was
Kunst nun zu Kunst mache. Eine der wiederkehrenden Fragen an
die Interviewten lautet dann, welche Rolle die Technik im
Ensemble der digitalen oder Webkunst spielt und ob diese
Kunst noch gesellschaftliche Bedeutung hat. Welche
Positionen gab es dazu? Wie sieht eure
aus?
UH&ZW: Wir fragen
nicht uns, was Kunst zu Kunst macht; wir fragen nur die
anderen :-). Zweifelsohne prägt eine fatale
Überbewertung der Technologien im Augenblick den
gesamten Diskurs rund um neue Medien(kunst). Damit gekoppelt
wirkt das Bestehen auf der grundsätzlichen Bedeutung
der binären Codierung ungefähr so, als würde
immer wieder hervorgehoben, dass wir Strom brauchen, um die
Maschinen aufzudrehen. Versorgen wir die Maschinen aber nun
mit Elektrizität aus Wasserkraftwerken oder aus
Atomanlagen und welche Art der Stromzufuhr ist für die
Geräte bekömmlicher? Binäre Medien
können nur funktionieren, weil sie zunächst
binär codiert sind. Der Code ist damit Teil des
Systems; wie auch der elektrische Strom nebenbei. Die Frage
geht also nicht nach dem politisch korrekten Code allein,
sondern nach den Möglichkeiten, die sich über
unterschiedliche Codierungen ergeben können. Spannend
wäre eher noch die Frage danach, wie sehr Codierungen
per se bereits existieren, bzw. wie sehr wir die Welt
tatsächlich neu erfinden können? Dass also die
Entwicklung neuer Codes zu wieder neuen Möglichkeiten
führen wird, ist logisch. So wie die Erfindung des
WARP-Antriebes vermutlich unsere Wahrnehmung des Weltraumes
revolutionieren würde. In beiden Fällen ist damit
aber noch nicht die Frage beantwortet, wie wir die
Neuerungen dann einsetzen werden.
Die Thematisierung der
Mittel war immer schon Teil künstlerischen Schaffens.
Belassen wir also die Code-KünstlerInnen in einer Ecke
und die FlasherInnen in einer anderen, so haben wir es in
diesem Bereich immer noch mit Kunstschaffen zu tun, das
zumeist unsere gegenwärtige, durch Mediatisierung und
Globalisierung geprägte Welt reflektiert. Ob dies nun
durch Dekonstruktion oder durch Konstruktion von
Wirklichkeit geschieht, ist dabei nicht zentral. Wir stimmen
hier mit Giselle Beiguelman überein, die im Interview
zur Frage nach technischen Kriterien folgendes meinte:
"Technologie ist nie von allen anderen Elementen
unabhängig, die eine wichtige Rolle im kreativen
Prozess spielen. Alles ist vermischt: technische Optionen,
ideologische Positionen, ästhetische
Wahlmöglichkeiten, kulturelle Hintergründe und
Erfahrungen. Ich glaube nicht, dass alle diese Elemente in
einem homogenen Credo vermischt werden sollten, aber wir
müssen wissen, warum wir etwas so und nicht anders
machen. Kurz, ich bin für das Chaos, aber ich misstraue
dem Beliebigen."
Die Frage ist also, zu
welchen authentischen Haltungen und Manifestationen
können wir uns aufraffen, um uns und die Welt -
durchaus auch im Sinne des radikalen Konstruktivismus und
jenseits wirtschaftlicher oder politischer Interessen - zu
gestalten. Die gesellschaftliche Bedeutung der Kunst ergab
sich immer schon aus diesem Spannungsfeld und ist auch
gegenwärtig hier anzusiedeln. Walter van der Cruijsen
schrieb darüber im Online-Chat folgendes: "Kunst hat
immer Bedeutung. Vielleicht hat sie eine andere als vorher,
aber nicht weniger." Wir gehen davon aus, dass die beiden
Aspekte Form und Inhalt Kunst erst allgemein definier- und
analysierbar machen. Diese beiden prägen den gesamten
kunsthistorischen Diskurs und sollten schon deshalb
Beachtung finden. Dafür braucht es im medialen Bereich
nun ein hohes Maß an technologischem Verständnis,
denn jede Technologie führt per se zu eigenen
inhärenten Möglichkeiten. Diese gilt es zu
erkennen, um schließlich auch die Ausformung der
Inhalte zuordnen zu können. Mit einer solchen Trennung
der Darstellung vom Dargestellten, der Grenzziehung von
"aussen" zum "innen" lässt sich jede Ausdrucksform der
Kunst sehr gut analysieren. Es ist die Basis der
Kunstvermittlung, das Fundament der Kunstgeschichte und
damit natürlich auch das ewige Schreckgespenst der
Kunstschaffenden. Form und Inhalt müssen nicht explizit
ausgesprochen werden, um die Vermittlungsebene nicht doch zu
dominieren. Die Folgen sind einfach und linear: Logik der
Ausführung, Objektivität der subjektiven
Beobachtung und ähnliche Kunststücke der Sprache.
Zugegeben, diese Techniken der Vermittlung fallen den
Kunstschaffenden erst dann auf, wenn sie gegen eine Arbeit
gerichtet werden.
dd:
In der Diskussion der gesellschaftlichen Funktion digitaler
Kunst wird zuweilen von einem neuen Formalismus gesprochen
(so auch Tilman Baumgärtel in eurem Band), vor dem
andere im Namen kommunikationsutopischer Verpflichtungen
warnen. Einige Theoretiker digitaler Kultur, wie Andrew
Darley in Visual Digital Culture. Surface Play and
Spectacle in New Media Genres (2000), raten in diesem
Zusammenhang allerdings durchaus zu einem unvoreingenommen
Blick auf die Ästhetik des Sensuellen und können
sich auf Susan Sontags Essay Against Interpretation
von 1964 berufen, der das Dilemma unserer Kultur in der
Hypertrophie des Intellekts auf Kosten der sensuellen
Begabung sieht und eine Erotik statt Hermeneutik der Kunst
fordert. Ist Webkunst nicht auch ein erneuerter Versuch, die
Zeichen von der Bürde, Bedeutung für etwas anderes
als sich selbst zu tragen, zu befreien? Ist der autonome,
allein auf sich verweisende technische Effekt das
zeitgenössische Äquivalent zum einstigen Prinzip
der reinen Sichtbarkeit seiner selbst? Ich kenne euch als
Webkünstler mit sichtlicher Freude am digitalen Design.
Schlägt euer Herz manchmal für eine l'art pour
l'art digital?
UH&ZW: Unser Herz
schlägt für interaktive, audiovisuelle
Gesamtereignisse in einer sinnlichen Verquickung
inhaltlicher Fragestellungen mit entsprechenden medialen
Lösungen. Wir stimmen hier mit Simon Biggs
überein, der im Interview meinte: "Es ist die Aufgabe
der KünstlerInnen, Dinge in Frage zu stellen; besonders
die, die über Fragen erhaben zu sein scheinen und dort
Probleme zu schaffen, wo andere Lösungen suchen." (vgl.
Interview mit Biggs in
dichtung-digital
3/2002) Unsere
Projekte werden jeweils von einem Thema bestimmt. In der
Binary Art Site war es das Thema Freiheit, in der
Outer Space IP die Orientierungslosigkeit. In unserem
neuen Projekt, das im Herbst gelauncht wird, geht es um
Macht. Wir versuchen mit unserer Arbeit die Medialität
unserer Zeit zu reflektieren. Die Gestaltung ist uns dabei
ebenso wichtig; sie gibt den Inhalten die entsprechende
Form. Formale Aspekte dienen aber niemals reinem
Selbstzweck, auch wenn sie eine wichtige Vermittlerfunktion
ausüben. Eine der vielen Qualitäten der Kunst -
wie auch der Philosophie oder der Literatur - lag immer
schon in der Emotionalisierung von Prozessen, der
Stärkung innerer Haltungen oder der Bewusstmachung von
Problemen. Daran arbeiten wir auch. Das ist ein
möglicher Ansatz von vielen. Wir halten nun wenig von
der Vorstellung, dass ein Zugang zum Kunstschaffen besser
wäre als ein anderer. Wer immer daran arbeiten mag,
soll es nach eigenen Kriterien tun und sich selbst
möglichst viel künstlerische Freiheit gönnen.
Die Vielfalt macht das Netz spannend und einzigartig: Es
lässt ahnen, wie gewaltig und unterschiedlich die
menschliche Kultur tatsächlich ist.
3.
Vergänglichkeit und Zukunft digitaler
Kunst
Dd: Ideen, Theorien oder
Kunstprojekte im Web sind über kurz oder lang, wenn
überhaupt, nur noch von historischem Interesse. So ein
Satz in eurer Einleitung. Ihr verweist auf die längst
vergessenen Technologien BTX, Minitel und seht das gleiche
Vergessen schon über HTML und Flash verhängt.
Gleichwohl ermuntert ihr, sich davon nicht demotivieren zu
lassen. Ist dies vielleicht die skandalöseste Erfahrung
und Zumutung, die die Kunstgeschichte jemals für
Künstler und Publikum parat hielt: Die
Beschäftigung mit etwas, das schon technologiebedingt
niemals die Weihen des Zeitlosen wird erringen können?
UH&ZW: Die
grösste Stärke technologiebasierter Kunst - die
untrennbare Einheit von Form und Inhalt - wird als solche
kaum wahrgenommen. Diese besondere Qualität ist nicht
dem Wirken der Kunstschaffenden zu verdanken, sie ist
schlicht und einfach dem Medium inhärent. Wenn wir die
elektronischen Netze als eine der aktuell wichtigsten
Ausdrucksformen technologiebasierter Kunst betrachten, dann
könnte das Bewusstmachen der medialen Einheit von Form
und Inhalt für die Debatte über Netz- oder
Webkunst bis zum Code hilfreich sein. Damit erklärt
sich auch die Vergänglichkeit jeder Arbeit im Netz:
Inhaltlich baut sie auf dem aktuellen Stand der
Netztechnologie auf, formal ist sie von eben dieser
Technologie abhängig, wobei Hard- wie Software
einzuschliessen ist. Damit nicht genug, denn um kulturell
wirken zu können, braucht die Kunst auch die
entsprechende Gesellschaft, die mit der so eingesetzten
Technologie etwas anzufangen weiss. Um also die Anwort auf
den Punkt zu bringen: die Arbeit im Netz ist der Weg, der
uns irgendwo hinführt, nur nicht zu einem Ziel.
Die jüngere Generation
der KunstvermittlerInnen erkennt bereits zunehmend die
Tatsache, dass netzbasierte Kunst zum einen sehr
vielfältige Ausdrucksformen entwickelt und zum anderen
keine bleibenden Formate produzieren kann. Das Zeitlose an
dieser Kunst ist die Wirkung auf die je eigene Zeit, die
wahre Stärke der Kunst, die viel zu leicht vergessen
wird. Was hat der Impressionismus aktuell noch anzubieten,
ausser einer formalen Gestik? Was damals gesellschaftlich
revolutionär war, wird heute zum nur noch historisch
zuordenbaren Relikt. Warum sollte das Netz da aus dem Rahmen
fallen? Es ist nur schneller - auch im Verschwinden.
dd:
Ihr habt Künstler und Aktivisten der digitalen Medien
aus aller Welt befragt. Welchen Eindruck habt ihr vom Stand
der Dinge und von der Vernetzung des Phänomens on- und
offline?
UH&ZW: Bei der
Pressekonferenz zur Ars Electronica 2002 machten wir eine
interessante Beobachtung: Gerfried Stocker, der
künstlerische Leiter, führte unter anderem
statistische Zahlen an, wieviele KünstlerInnen,
BesucherInnen usw. das Festival erwarte und machte dann ganz
nebenbei die Bemerkung, dass die Website der Ars einen neuen
Rekord mit 11 Millionen Hits geschafft hätte. Diese
Angabe hätte er sich auch sparen können, denn -
wie nicht anders zu erwarten - machte die Anzahl von
virtuellen BesucherInnen wenig Eindruck. Die
institutionellen wie privaten Geldgeber messen den Erfolg
einer Veranstaltung immer noch ausschliesslich an der Anzahl
der physischen BesucherInnen, worauf das Festival auch
primär ausgerichtet ist. Eine ähnliche Situation
schilderten uns Ricardo Barreto und Paula Perissinotto vom
FILE-Festival in Sao Paulo. Ihr Festival wäre technisch
wie inhaltlich ausschliesslich im Netz realisierbar, zumal
sich auch hier die weitaus grössere Anzahl an
BesucherInnen einfindet. Auf die Off-Line Erweiterung vor
Ort mit Symposion, Installationen usw. kann aber nicht
verzichtet werden, denn die Bedeutung des Festivals
hängt stark mit dem lokalen "Netzwerk" zusammen, also
der Bevölkerung vor Ort, der Presse, der Politik und
der Wirtschaft. Mit anderen Worten: Auch die Veranstalter
elektronischer Kunst müssen primär ihre Off-Line
Umgebung mit physischen BesucherInnen
überzeugen.
Für netzbasierte Kunst
ist dieses an sich plausible System natürlich weniger
haltbar. Es gibt hier die unterschiedlichsten Versuche,
netzadäquate Lösungen zu finden, unabhängig
davon, um welche Art von Kunst es sich handelt. Lounges und
Präsentationen der KünstlerInnen vor Ort sind im
Augenblick beliebt. An den unterschiedlichen
Ausstellungsformaten lässt sich aber deutlich ablesen,
welche Bedeutung dem jeweiligen Kunstschaffen zugesprochen
wird. Wir erinnern uns gut an eine nach einer
Netzpräsentation unterschiedlicher Flash-Movies im
Rahmen der "net_condition" in Amsterdam 2000 - ebenso
heftige wie aufschlussreiche Debatte: Die Veranstalterin
eines Filmfestivals verkündete damals freudig, sie
hätte vor, nun auch im Rahmen ihres Festivals On-Line
Kunst zu zeigen. Auf die Frage, ob sie die
On-Line-Kunstschaffenden auch physisch zu dem Festival
einladen werde (so wie sie es mit anderen FilmemacherInnen
tut), zeigte sie sich völlig irritiert und lehnte mit
der Begründung, es sei ohnedies alles im Netz
verfügbar, eine persönliche Einladung der
Betroffenen ab. Hier haben wir also die Kehrseite der
Netzmedaille: Je stärker der On-Line Status betont
wird, umso bedeutungloser werden die Menschen, die dahinter
stehen. Sie werden selbst zu virtuellen Figuren einer
virtuellen Welt. Die Frage ist, ob diese Entwicklung so sein
muss.
dd:
Behalten wir die Sache also im Blick und hoffen wir für
alle drei: die Netzkunst, ihre AutorInnen und ihr Publikum.
Vielen Dank für das
Gespräch.
posted: 14. Februar
2003
dichtung-digital