von Elisabeth
Bauer Roberto Simanowski
hat mit seinen Interfictions ein dichtes
Grundlagenwerk vorgelegt, ein Kompendium zum
gegenwärtigen Stand der digitalen Literatur
und ihrer Forschung, und destilliert aus der
prägnanten Beschreibung und Diskussion
ausgewählter Projekte neue Impulse für
die Forschung.
Interfictions spricht
vom Phänomen der Literatur unter den Bedingungen des
elektronischen Mediums Computer. Dabei geht es nicht nur,
wie der Untertitel vermuten lässt, um das autorlastige
"Schreiben im Netz", sondern vor allem um das
Verstehen und das Wesen der Literatur im Netz. Simanowski zeichnet das
Aufkommen der digitalen Literatur als ein
zeitgeschichtliches und technologiebedingtes, da der
mediengeschichtliche Paradigmenwechsel des Rechenwerkzeugs
zum digitalen Medium und dessen neue Funktion als Leitmedium
ihre eigene digitale Schriftkultur hervorgebracht haben.
Hierzu zählt aber nur die Literatur, die sich die
Spezifität des Mediums
ästhetisch-schöpferisch zunutze macht; Printtexte,
die unverändert in ein anderes Wiedergabemedium wie
etwa das eBook übertragen werden, gehören nicht
dazu. Durch die nahtlose Integration neuer ästhetischer
Ausdrucksformen wie dem echtzeitigen Erstellen eines
Lektürepfades aus einem nonlinear angelegten
Modulbausatz, Text mit variabler Typographie und
interaktiver Operationalisierbarkeit sowie dem kinetisierten
Performance-Charakter der digitalen Literatur verschwimmen
die scharfen Grenzen der "wörtlichen", textbasierten
Literatur im Zuge der Konvergenz der Medien. Diese auf
Interaktivität, Intermedialität und Inszenierung
beruhende Öffnung gegenüber anderen Kunstformen
und Zeichencodes, die das elektronische Medium aufgrund
seiner auf 0 und 1 basierenden Demokratie der Zeichen
ermöglicht, ist daher die conditio sine qua non
für die digitale Literatur, die sich in Richtung eines
digitalen Gesamtkunstwerks bewegt. Geht es bei Literatur nicht
zuletzt um Originalität, mithin um innovatorische
Variation, so handelt es sich bei der digitalen Literatur um
die Variation des Gattung, die mit Elementen angereichert
wird, die traditionell anderen Kunstrichtungen zu eigen
sind. Diese Symphonie der Zeichencodes macht das
Kategorisieren schwer - sinnigerweise getreu dem
Hypertextprinzip, das eine assoziative Zuordnung zu mehreren
Oberbegriffen zulässt. Und so ist es auch keine
Überraschung, dass ein so heterogenes, in rascher
Entwicklung begriffenes Feld wie das der digitalen Literatur
einem begrifflichen Wildwuchs ausgesetzt ist: Interactive
Fiction, Hyperfiction sowie Cybertext sind
bekannte Benennungsversuche, während die Unterscheidung
in Hypertext, Multimedialität und
Netzliteratur verschiedene formkonstitutive
Paradigmen bezeichnet. Als tragfähiger Dachbegriff hat
sich mittlerweile die Formel der "digitalen Literatur"
herausgebildet. Demgegenüber schlägt Simanowski
seinen titelgebenden Begriff Interfictions als neuen
Oberbegriff vor. Die Absicht des Autors, Licht ins Dunkel
des Begriffsdschungels zu bringen, ist ihm anzurechnen; ob
aber der von ihm vorgeschlagene Begriff der
Interfictions die gewünschte Tragfähigkeit
hat, wird sich erweisen, erscheint doch der
Namensbestandteil "inter" aufgrund seiner häufigen
Beanspruchung selbst eher dunkel und unspezifisch, trotz
aller anerkennenswerten Argumente für die Wortfindung.
Man kennt Interface und Internet, Interesse und Intermezzo,
Intertext und Intermedialität sowie Interaktion und
vielleicht noch Interpassivität, doch was kann man sich
unter einer Interfiction vorstellen? Und welchen
Mehrwert hat der Begriff gegenüber digitaler Literatur?
In der semiotisch erweiterten Literaturwissenschaft
zumindest ist der Begriff Literatur bereits intermedial
ausgedehnt und bedeutet daher keine irreführende
Festlegung auf das gedruckte Medium. Auch wenn Simanowski
nicht so weit geht, der digitalen Literatur den Status einer
eigenen Gattung zuzugestehen, was in der aktuellen
Literaturwissenschaft angesichts der medialen Öffnung
für die Gattungen Film und Hörspiel nicht mehr
gewagt ist, so ist ihm doch unbedingt darin zuzustimmen,
dass es sich hierbei um eine Literaturform handelt, die
allein mit dem bisher zur Verfügung stehenden
Analyse-Instrumentarium nur unzureichend erfasst werden
kann. Detailliert nähert sich
Simanowski dem Wesen der digitalen Literatur, indem er
zuerst ihre vornumerischen Wurzeln untersucht. Konzepte wie
Kombinatorik und Aleatorik lassen sich in der
Barockliteratur, in der écriture automatique
des Surrealismus, der konkreten und visuellen Poesie und in
modular delinearisierten Lexikonromanen identifizieren, da
ist der Schritt der Übertragung in das Medium, das
diese Konzepte idealiter umsetzen kann, ein recht
naheliegender. Ende der 80er Jahre nahm die digitale
Literatur in den USA ihren Anfang und wurde seither in viele
Sprachräume des Internet exportiert, immer im
Schlepptau der technischen Realisierbarkeiten, was
Simanowski anhand zahlreicher Einzelbesprechungen
illustriert. Parallel dazu unterzieht Simanowski auch die
noch junge Theoriegeschichte einer kritischen Sichtung, die
vor allem Anfang der 90er Jahre von Versuchen geprägt
ist, dem Hypertextkonzept nachträglich
poststrukturalistische und postmoderne Theorien
überzustülpen, was sich mitunter in eklatanten
Missinterpretationen aufgrund oberflächlicher
Analogiebildung niederschlägt. Wo z.B. George P. Landow
in seinem einflussreichen Werk Hypertext von 1992 den
Hypertext als Verkörperung der Ideen von Barthes,
Derrida und Foucault feiert und etwa im postulierten Tod des
(Hypertext-) Autors eine Verschiebung der
Machtverhältnisse hin zum Leser sieht, geht es der
poststrukturalistischen Diskurstheorie ganz im Gegenteil um
die Betonung des Diskurses als Kreuzungspunkt
verschiedenster Einflüsse, die selbst
natürlich durch einen individuellen Autor
verkörpert werden. Bei der Besprechung der
einzelnen Projekte trägt Simanowski mit akribischer
Präzision bestehende Forschungsergebnisse zusammen,
kommentiert und diskutiert sie und ergänzt sie bei
Bedarf durch eigene Perspektiven, ohne in einseitige
Euphorie oder Pessimismus zu verfallen. Die Kapitel
"Mitschreibeprojekte", "Hyperfiction", "Multimedia" sowie
"Digitale Ästhetik" sind die Eckpunkte seiner
Ausführungen. Während Mitschreibeprojekte sich,
individuellsten Leitprinzipien folgend, ästhetisch mit
dem Aspekt der vervielfältigten Autorschaft
auseinandersetzen und so die Rollen von Autor und Leser laut
der prozedural-kommunikativen Maxime "Der Weg ist das Ziel"
ineinander übergehen, sind Hyperfiction-Projekte durch
die Alternativenwahl multilinear organisierter Links sowie
durch aktive Benutzerpartizipation charakterisiert. Links
(nicht ihre Anker!) sind dabei wortloser Text und ein
semantisch konstitutives Element des Zeicheninventars der
digitalen Literatur. Problematisch zu realisieren sind dabei
die De- und erforderliche Rekontextualisierung der einzelnen
Hypertextknoten insbesondere bei zirkulären
Organisationsformen des Knotennetzes. Dagegen wirkt Simanowskis
Frage nach dem Fortbestand der narrativen Instanzen wie
Einheit der Handlung und Figurenentwicklung, etwas
restriktiv; wählt man als Anknüpfungspunkt die
Postmoderne, auf die Simanowski an anderer Stelle auch
verweist, so versuchen ihre Autoren ja gerade die tradierten
Romancharakteristika zu überwinden, durch die
Zerstörung bisheriger narratologischer
Konstruktionsprinzipien wie Geschichte, Figurenpsychologie,
Erzählerfigur, Chronologie etc. Derartige
De(kon)struktionen passen auf den ersten Blick hervorragend
zur zersplitterten virtuellen Welt der digitalen Literatur,
der Hypertextroman (verstärkt durch das multimediale
Spektakel) scheint die postmoderne Paradegattung. Ein
weiteres Argument für die Anknüpfung an die
Postmoderne ist die hier wie dort beliebte
Metafiktionalität, das Spiel mit den
Realitätsebenen. Wenn allerdings schon die
äußere Präsentationsform Lektüre und
Rezeption erschwert, kann der Inhalt nicht unbegrenzt
anspruchsvoll sein: Die Linearität des Buches stellt
eine notwendige Restriktion und daher einen Fixpunkt
für die Lektüre des fragmentierten Romans dar,
wohingegen inkohärenter Inhalt in fragmentierter Form
die Verständlichkeit des Textes exponentiell verringern
würde, so dass die Position Simanowskis
schließlich doch wieder plausibel wird. Das folgende Kapitel
schließlich diskutiert die Rolle von Multimedia
für die digitale Literatur. Verspricht das WWW ein
multisensorisches Spektakel, so birgt diese Erwartung des
User-Lesers die Gefahr des oberflächlichen wilden
Klickens mit videoclipkurzen Aufmerksamkeitsspannen, das als
Signifikat schlussendlich nur die Opulenz des Signifikanten
feiert. Zu einem tieferen Verständnis der digitalen
Werke muss der User-Leser nicht nur zwischen den Seiten
lesen lernen, um den Mehrwert der Linksemantik
gegenüber den isolierten Hypertexteinheiten zu
erkennen, sondern eben auch die nichtschriftlichen
Zeichencodes entziffern können. Die Diskussion der
einzelnen Untergattungen der digitalen Literatur
beschließt Simanowski mit der Reflexion über eine
digitale Ästhetik, die ausgehend von der medialen
Konstellation und ästhetischen Praxis mögliche
Poetologien der digitalen Kunst erörtert und als
Ausblick zahlreiche Anregungen für weitergehende
Forschungen bietet. Die Ratlosigkeit des
digitalen Neulings vor dem experimentellen digitalen Werk
gleicht der Überforderung des Schülers vor dem
ersten "unverständlichen" Gedicht und kann leicht in
Frustration, Verärgerung und Verachtung umschlagen. Mit
der richtigen Anleitung aber macht es richtig Spaß,
die Gedanken des Autors bei der Interpretation einzelner
Projekte nachzuvollziehen, ja, es spornt zum eigenen
Mitdenken an und macht Appetit auf mehr. Auch wenn ein Buch
über die digitale Literatur auf den ersten Blick nicht
besonders medienadäquat erscheint, schafft es doch die
Synthese zwischen wissenschaftlicher Behandlung und
undruckbarem Gegenstand und bietet durch seine
ausgeprägte Verweisstruktur ins Netz ein
hypertextuelles und intermediales Lesen, ganz im Sinne
seines Gegenstands. Mit den Interfictions gibt der
Autor dem interessierten Leser ein Schatzkästlein
sorgfältig recherchierter deutsch- und
englischsprachiger Projekte samt Interpretation sowie
relevanter Fachliteratur an die Hand und destilliert aus der
prägnanten Beschreibung und Diskussion
ausgewählter Projekte neue Impulse für die
Forschung. Roberto Simanowski hat mit
seinen Interfictions ein dichtes Grundlagenwerk
vorgelegt, ein Kompendium zum gegenwärtigen Stand der
digitalen Literatur und ihrer Forschung, und straft damit
alle Unkenrufe Lügen. Die digitale Literatur soll tot
sein? Es lebe die digitale Literatur! Diese
Besprechung erschien zuerst in: Neue Deutsche
Literatur (4/2003) Roberto
Simanowski
Zwischen
den Seiten gelesen
Roberto
Simanowskis "Interfictions: Vom Schreiben im Netz"
Telepolis
behauptet , gar nicht geben - man sieht, die Diskussion
über die Literatur ist unvermindert rege. In einer
Zeit, in der der Diskurs über die neue, digitale
Literatur, die Literatur des elektronischen Mediums
Computer, beliebter als die eigentlichen Werke zu sein
scheint, hat Roberto Simanowski eine umfassende, lang
erhoffte und wegweisende Behandlung des Themas vorgelegt.
Simanowski, der sich als Herausgeber des Online-Magazins
dichtung-digital,
dem einzigen Fachmagazin im deutschsprachigen Raum speziell
zur digitalen Literatur, sowie durch eine Vielzahl
einschlägiger Publikationen einen internationalen Namen
gemacht hat, rückt mit seiner Monographie
"Interfictions" der polymorphen digitalen Literatur
kritisch-objektiv auf den virtuellen Leib.
Interfictions: Vom Schreiben im Netz
Frankfurt am Main: Edition Suhrkamp 2002