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Roberto Simanowskis "Interfictions: Vom Schreiben im Netz"

von Elisabeth Bauer

Roberto Simanowski hat mit seiner Monographie Interfictions eine umfassende, lang erhoffte und wegweisende Behandlung des Themas vorgelegt, die im Dschungel der vielfältig facettierten digitalen Literatur und ihrer nicht minder regen Diskussion systematisch Klarheit schafft. Übersichtlich und fundiert schlägt der Verfasser einen Bogen über alle Aspekte der digitalen Literatur, von geschichtlichen Wurzeln und Gattungsunterschieden anhand detaillierter Einzelbeschreibungen bis hin zur digitalen Ästhetik.

Roberto Simanowski hat mit seinen Interfictions ein dichtes Grundlagenwerk vorgelegt, ein Kompendium zum gegenwärtigen Stand der digitalen Literatur und ihrer Forschung, und destilliert aus der prägnanten Beschreibung und Diskussion ausgewählter Projekte neue Impulse für die Forschung.



1.

Was haben wir Leser nicht schon alles erlebt: Gott ist tot, das Buch ist tot, der Autor ist tot, die Hyperfiction ist auch schon tot, die Netzliteratur soll es, wie jüngst im Online-Magazin Telepolis behauptet , gar nicht geben - man sieht, die Diskussion über die Literatur ist unvermindert rege. In einer Zeit, in der der Diskurs über die neue, digitale Literatur, die Literatur des elektronischen Mediums Computer, beliebter als die eigentlichen Werke zu sein scheint, hat Roberto Simanowski eine umfassende, lang erhoffte und wegweisende Behandlung des Themas vorgelegt. Simanowski, der sich als Herausgeber des Online-Magazins dichtung-digital, dem einzigen Fachmagazin im deutschsprachigen Raum speziell zur digitalen Literatur, sowie durch eine Vielzahl einschlägiger Publikationen einen internationalen Namen gemacht hat, rückt mit seiner Monographie "Interfictions" der polymorphen digitalen Literatur kritisch-objektiv auf den virtuellen Leib.

Interfictions spricht vom Phänomen der Literatur unter den Bedingungen des elektronischen Mediums Computer. Dabei geht es nicht nur, wie der Untertitel vermuten lässt, um das autorlastige "Schreiben im Netz", sondern vor allem um das Verstehen und das Wesen der Literatur im Netz.

Simanowski zeichnet das Aufkommen der digitalen Literatur als ein zeitgeschichtliches und technologiebedingtes, da der mediengeschichtliche Paradigmenwechsel des Rechenwerkzeugs zum digitalen Medium und dessen neue Funktion als Leitmedium ihre eigene digitale Schriftkultur hervorgebracht haben. Hierzu zählt aber nur die Literatur, die sich die Spezifität des Mediums ästhetisch-schöpferisch zunutze macht; Printtexte, die unverändert in ein anderes Wiedergabemedium wie etwa das eBook übertragen werden, gehören nicht dazu. Durch die nahtlose Integration neuer ästhetischer Ausdrucksformen wie dem echtzeitigen Erstellen eines Lektürepfades aus einem nonlinear angelegten Modulbausatz, Text mit variabler Typographie und interaktiver Operationalisierbarkeit sowie dem kinetisierten Performance-Charakter der digitalen Literatur verschwimmen die scharfen Grenzen der "wörtlichen", textbasierten Literatur im Zuge der Konvergenz der Medien. Diese auf Interaktivität, Intermedialität und Inszenierung beruhende Öffnung gegenüber anderen Kunstformen und Zeichencodes, die das elektronische Medium aufgrund seiner auf 0 und 1 basierenden Demokratie der Zeichen ermöglicht, ist daher die conditio sine qua non für die digitale Literatur, die sich in Richtung eines digitalen Gesamtkunstwerks bewegt.

Geht es bei Literatur nicht zuletzt um Originalität, mithin um innovatorische Variation, so handelt es sich bei der digitalen Literatur um die Variation des Gattung, die mit Elementen angereichert wird, die traditionell anderen Kunstrichtungen zu eigen sind. Diese Symphonie der Zeichencodes macht das Kategorisieren schwer - sinnigerweise getreu dem Hypertextprinzip, das eine assoziative Zuordnung zu mehreren Oberbegriffen zulässt. Und so ist es auch keine Überraschung, dass ein so heterogenes, in rascher Entwicklung begriffenes Feld wie das der digitalen Literatur einem begrifflichen Wildwuchs ausgesetzt ist: Interactive Fiction, Hyperfiction sowie Cybertext sind bekannte Benennungsversuche, während die Unterscheidung in Hypertext, Multimedialität und Netzliteratur verschiedene formkonstitutive Paradigmen bezeichnet. Als tragfähiger Dachbegriff hat sich mittlerweile die Formel der "digitalen Literatur" herausgebildet. Demgegenüber schlägt Simanowski seinen titelgebenden Begriff Interfictions als neuen Oberbegriff vor. Die Absicht des Autors, Licht ins Dunkel des Begriffsdschungels zu bringen, ist ihm anzurechnen; ob aber der von ihm vorgeschlagene Begriff der Interfictions die gewünschte Tragfähigkeit hat, wird sich erweisen, erscheint doch der Namensbestandteil "inter" aufgrund seiner häufigen Beanspruchung selbst eher dunkel und unspezifisch, trotz aller anerkennenswerten Argumente für die Wortfindung. Man kennt Interface und Internet, Interesse und Intermezzo, Intertext und Intermedialität sowie Interaktion und vielleicht noch Interpassivität, doch was kann man sich unter einer Interfiction vorstellen? Und welchen Mehrwert hat der Begriff gegenüber digitaler Literatur? In der semiotisch erweiterten Literaturwissenschaft zumindest ist der Begriff Literatur bereits intermedial ausgedehnt und bedeutet daher keine irreführende Festlegung auf das gedruckte Medium. Auch wenn Simanowski nicht so weit geht, der digitalen Literatur den Status einer eigenen Gattung zuzugestehen, was in der aktuellen Literaturwissenschaft angesichts der medialen Öffnung für die Gattungen Film und Hörspiel nicht mehr gewagt ist, so ist ihm doch unbedingt darin zuzustimmen, dass es sich hierbei um eine Literaturform handelt, die allein mit dem bisher zur Verfügung stehenden Analyse-Instrumentarium nur unzureichend erfasst werden kann.

2.

Detailliert nähert sich Simanowski dem Wesen der digitalen Literatur, indem er zuerst ihre vornumerischen Wurzeln untersucht. Konzepte wie Kombinatorik und Aleatorik lassen sich in der Barockliteratur, in der écriture automatique des Surrealismus, der konkreten und visuellen Poesie und in modular delinearisierten Lexikonromanen identifizieren, da ist der Schritt der Übertragung in das Medium, das diese Konzepte idealiter umsetzen kann, ein recht naheliegender. Ende der 80er Jahre nahm die digitale Literatur in den USA ihren Anfang und wurde seither in viele Sprachräume des Internet exportiert, immer im Schlepptau der technischen Realisierbarkeiten, was Simanowski anhand zahlreicher Einzelbesprechungen illustriert. Parallel dazu unterzieht Simanowski auch die noch junge Theoriegeschichte einer kritischen Sichtung, die vor allem Anfang der 90er Jahre von Versuchen geprägt ist, dem Hypertextkonzept nachträglich poststrukturalistische und postmoderne Theorien überzustülpen, was sich mitunter in eklatanten Missinterpretationen aufgrund oberflächlicher Analogiebildung niederschlägt. Wo z.B. George P. Landow in seinem einflussreichen Werk Hypertext von 1992 den Hypertext als Verkörperung der Ideen von Barthes, Derrida und Foucault feiert und etwa im postulierten Tod des (Hypertext-) Autors eine Verschiebung der Machtverhältnisse hin zum Leser sieht, geht es der poststrukturalistischen Diskurstheorie ganz im Gegenteil um die Betonung des Diskurses als Kreuzungspunkt verschiedenster Einflüsse, die selbst natürlich durch einen individuellen Autor verkörpert werden.

Bei der Besprechung der einzelnen Projekte trägt Simanowski mit akribischer Präzision bestehende Forschungsergebnisse zusammen, kommentiert und diskutiert sie und ergänzt sie bei Bedarf durch eigene Perspektiven, ohne in einseitige Euphorie oder Pessimismus zu verfallen. Die Kapitel "Mitschreibeprojekte", "Hyperfiction", "Multimedia" sowie "Digitale Ästhetik" sind die Eckpunkte seiner Ausführungen. Während Mitschreibeprojekte sich, individuellsten Leitprinzipien folgend, ästhetisch mit dem Aspekt der vervielfältigten Autorschaft auseinandersetzen und so die Rollen von Autor und Leser laut der prozedural-kommunikativen Maxime "Der Weg ist das Ziel" ineinander übergehen, sind Hyperfiction-Projekte durch die Alternativenwahl multilinear organisierter Links sowie durch aktive Benutzerpartizipation charakterisiert. Links (nicht ihre Anker!) sind dabei wortloser Text und ein semantisch konstitutives Element des Zeicheninventars der digitalen Literatur. Problematisch zu realisieren sind dabei die De- und erforderliche Rekontextualisierung der einzelnen Hypertextknoten insbesondere bei zirkulären Organisationsformen des Knotennetzes.

Dagegen wirkt Simanowskis Frage nach dem Fortbestand der narrativen Instanzen wie Einheit der Handlung und Figurenentwicklung, etwas restriktiv; wählt man als Anknüpfungspunkt die Postmoderne, auf die Simanowski an anderer Stelle auch verweist, so versuchen ihre Autoren ja gerade die tradierten Romancharakteristika zu überwinden, durch die Zerstörung bisheriger narratologischer Konstruktionsprinzipien wie Geschichte, Figurenpsychologie, Erzählerfigur, Chronologie etc. Derartige De(kon)struktionen passen auf den ersten Blick hervorragend zur zersplitterten virtuellen Welt der digitalen Literatur, der Hypertextroman (verstärkt durch das multimediale Spektakel) scheint die postmoderne Paradegattung. Ein weiteres Argument für die Anknüpfung an die Postmoderne ist die hier wie dort beliebte Metafiktionalität, das Spiel mit den Realitätsebenen. Wenn allerdings schon die äußere Präsentationsform Lektüre und Rezeption erschwert, kann der Inhalt nicht unbegrenzt anspruchsvoll sein: Die Linearität des Buches stellt eine notwendige Restriktion und daher einen Fixpunkt für die Lektüre des fragmentierten Romans dar, wohingegen inkohärenter Inhalt in fragmentierter Form die Verständlichkeit des Textes exponentiell verringern würde, so dass die Position Simanowskis schließlich doch wieder plausibel wird.

Das folgende Kapitel schließlich diskutiert die Rolle von Multimedia für die digitale Literatur. Verspricht das WWW ein multisensorisches Spektakel, so birgt diese Erwartung des User-Lesers die Gefahr des oberflächlichen wilden Klickens mit videoclipkurzen Aufmerksamkeitsspannen, das als Signifikat schlussendlich nur die Opulenz des Signifikanten feiert. Zu einem tieferen Verständnis der digitalen Werke muss der User-Leser nicht nur zwischen den Seiten lesen lernen, um den Mehrwert der Linksemantik gegenüber den isolierten Hypertexteinheiten zu erkennen, sondern eben auch die nichtschriftlichen Zeichencodes entziffern können. Die Diskussion der einzelnen Untergattungen der digitalen Literatur beschließt Simanowski mit der Reflexion über eine digitale Ästhetik, die ausgehend von der medialen Konstellation und ästhetischen Praxis mögliche Poetologien der digitalen Kunst erörtert und als Ausblick zahlreiche Anregungen für weitergehende Forschungen bietet.

3.

Die Ratlosigkeit des digitalen Neulings vor dem experimentellen digitalen Werk gleicht der Überforderung des Schülers vor dem ersten "unverständlichen" Gedicht und kann leicht in Frustration, Verärgerung und Verachtung umschlagen. Mit der richtigen Anleitung aber macht es richtig Spaß, die Gedanken des Autors bei der Interpretation einzelner Projekte nachzuvollziehen, ja, es spornt zum eigenen Mitdenken an und macht Appetit auf mehr. Auch wenn ein Buch über die digitale Literatur auf den ersten Blick nicht besonders medienadäquat erscheint, schafft es doch die Synthese zwischen wissenschaftlicher Behandlung und undruckbarem Gegenstand und bietet durch seine ausgeprägte Verweisstruktur ins Netz ein hypertextuelles und intermediales Lesen, ganz im Sinne seines Gegenstands. Mit den Interfictions gibt der Autor dem interessierten Leser ein Schatzkästlein sorgfältig recherchierter deutsch- und englischsprachiger Projekte samt Interpretation sowie relevanter Fachliteratur an die Hand und destilliert aus der prägnanten Beschreibung und Diskussion ausgewählter Projekte neue Impulse für die Forschung.

Roberto Simanowski hat mit seinen Interfictions ein dichtes Grundlagenwerk vorgelegt, ein Kompendium zum gegenwärtigen Stand der digitalen Literatur und ihrer Forschung, und straft damit alle Unkenrufe Lügen. Die digitale Literatur soll tot sein? Es lebe die digitale Literatur!

 

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Diese Besprechung erschien zuerst in: Neue Deutsche Literatur (4/2003)

Vgl. die Besprechungen von Domsch , Kücklich und Rau

Roberto Simanowski
Interfictions: Vom Schreiben im Netz
Frankfurt am Main: Edition Suhrkamp 2002

 

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