FILMTEXT 2.0
schließt damit auch die mit GRAMMATRON
begonnene Verdrängung des Erzählens durch
die Reflexion neuer Formen des Erzählen ab. Es
ist zu bezweifeln, dass das Projekt die Umsetzung
einer Parallelpoesie im Sinne Luhmanns darstellt,
die den Weltstimmungsgehalt wissenschaftlicher
Theorien noch einmal anders sagen würde.
FILMTEXT 2.0 stellt weniger die Verdeutlichung
theoretischer Aussagen im Gewand des Anschaulichen
dar als die Entkleidung des wissenschaftlichen
Diskurses um die Kohärenz seiner Reflexion und
die Genauigkeit seiner begrifflichen Bestimmung.
Amerikas Suche nach der Erweiterung des
Schreibkonzepts im digitalen Medium hat
schließlich dahin geführt, dass der
einstige Geschichtenerfinder im Bereich des
Fiktionalen zum Datendesigner und Textverwalter im
Bereich einer etwas angestaubten Theoriedebatte
wurde. Amerika hat kein überzeugendes Beispiel
neuer narrativer Praxis vorgelegt, sondern sich in
einer metareflexiven, theorielastigen Poetologie
verfangen, deren Scheitern ihm schon am Beispiel
PHON:E:ME vorausgesagt wurde. Das traditionelle
Erzählen wurde aufgegeben, und nach GRAMMATRON
auch das multilineare, ohne eine überzeugende
Form des netzwerkspezifischen, intermedialen
Erzählens an dessen Stelle zu setzen.
FILMTEXT 2.0 steht
ästhetisch im Zeichen der Theorielastigkeit,
deren bedeutunsschwerer Tenor zugleich durch
verspielte, zum Teil kitschige technische Effekte
konterkariert wird. Dieser Umstand steht im
Einklang mit der Botschaft der Texte, die zum
Großteil sprachkritisch um die
Kontextabhängigkeit und Relativität von
Wahrheitsbehauptungen kreisen. Das verlorene
Vertrauen in den Verbindlichkeitswert von Aussagen
führt in der Konsequenz zu einer Akzentuierung
der Erscheinungsweise dieser Aussagen, zur
"e-Renaissance of post-literary writing", wie
Amerika festhält, bzw. zum 'post-alphabetic
design', wie bereits für Tendenzen im
Printmedium festgehalten wurde. Ob FILMTEXT 2.0
wirklich in diesem Sinne eine Ästhetik der
Oberfläche intendiert und vorzugsweise
ironisch rezipiert werden will, bleibt fraglich.
FILMTEXT 2.0 ist
nicht ohne den Kontext Amerika erschließbar.
Amerika ist kein Schriftsteller im
herkömmlichen Sinne, der Figuren erfindet, um
selbstlos deren Schicksale zu beschreiben. Amerikas
eigentlicher Text ist die Inszenierung seiner
selbst als Protagonist der Netzkunst. Die Botschaft
seines Werkes ist, die Message des Netzes zu
spiegeln: das Selbstinszenierungs- und
-vermarktungsmedium schlechthin zu sein. Amerika
bewegt sich in der Logik dieses Mediums als deren
erfolgreichste Inkarnation. Sein Text ist kein Text
im engeren Sinne, sondern eine Performance, aus
deren Perspektive schließlich auch die
Resultate der textimmanenten Analyse zu
relativieren sind.
Designschreiben
und Postliterarismus
Eine Analyse
mit Umfeldbeschreibung zu Mark Amerikas "FILMTEXT
2.0"
FILMTEXT
2.0 ist ein
audiovisuelles Ereignis im Flashverfahren von hoher
Professionalität. Vergleicht man diesen
dritten Teil von Mark Amerikas new media trilogy
mit seinen Vorläufern
GRAMMATRON
(
Besprechung)
und
PHON:E:ME
(
Besprechung)
, wird deutlich, wie weit Amerika (
Interviews
1
und 2)
hier über deren Ästhetik hinausgeht.
Zugleich greift Amerika Entwicklungen auf, die dort
begannen. Dazu gehören das Prinzip des
Playgiarismus und der Surfiction vor allem im
Hinblick auf den Remix theoretischer Reflexionen
über Fragen der Wahrnehmung, Autorschaft und
das Schreiben im digitalen Medium. Gegenüber
GRAMMATRON und PHON:E:ME setzt FILMTEXT 2.0
allerdings ausschließlich auf den
Theorien-Remix, der in der Buch- bzw. PDF-Version
Cinescripture sogar wieder von seiner
intermedialen Präsentation mittels Video- und
Audiodateien entkoppelt wird.
2. Cinescripture
3. FILMTEXT 2.0
4. Ästhetik der Effekte
5. Das Ende der Erzählung
6. Der Autor als sein eigener Held
dichtung-digital