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Designschreiben und Postliterarismus
Eine Analyse mit Umfeldbeschreibung zu Mark Amerikas "FILMTEXT 2.0"

von Roberto Simanowski

FILMTEXT 2.0 ist ein audiovisuelles Ereignis im Flashverfahren von hoher Professionalität. Vergleicht man diesen dritten Teil von Mark Amerikas new media trilogy mit seinen Vorläufern GRAMMATRON (Besprechung) und PHON:E:ME ( Besprechung) , wird deutlich, wie weit Amerika (Interviews 1 und 2) hier über deren Ästhetik hinausgeht. Zugleich greift Amerika Entwicklungen auf, die dort begannen. Dazu gehören das Prinzip des Playgiarismus und der Surfiction vor allem im Hinblick auf den Remix theoretischer Reflexionen über Fragen der Wahrnehmung, Autorschaft und das Schreiben im digitalen Medium. Gegenüber GRAMMATRON und PHON:E:ME setzt FILMTEXT 2.0 allerdings ausschließlich auf den Theorien-Remix, der in der Buch- bzw. PDF-Version Cinescripture sogar wieder von seiner intermedialen Präsentation mittels Video- und Audiodateien entkoppelt wird.

FILMTEXT 2.0 schließt damit auch die mit GRAMMATRON begonnene Verdrängung des Erzählens durch die Reflexion neuer Formen des Erzählen ab. Es ist zu bezweifeln, dass das Projekt die Umsetzung einer Parallelpoesie im Sinne Luhmanns darstellt, die den Weltstimmungsgehalt wissenschaftlicher Theorien noch einmal anders sagen würde. FILMTEXT 2.0 stellt weniger die Verdeutlichung theoretischer Aussagen im Gewand des Anschaulichen dar als die Entkleidung des wissenschaftlichen Diskurses um die Kohärenz seiner Reflexion und die Genauigkeit seiner begrifflichen Bestimmung. Amerikas Suche nach der Erweiterung des Schreibkonzepts im digitalen Medium hat schließlich dahin geführt, dass der einstige Geschichtenerfinder im Bereich des Fiktionalen zum Datendesigner und Textverwalter im Bereich einer etwas angestaubten Theoriedebatte wurde. Amerika hat kein überzeugendes Beispiel neuer narrativer Praxis vorgelegt, sondern sich in einer metareflexiven, theorielastigen Poetologie verfangen, deren Scheitern ihm schon am Beispiel PHON:E:ME vorausgesagt wurde. Das traditionelle Erzählen wurde aufgegeben, und nach GRAMMATRON auch das multilineare, ohne eine überzeugende Form des netzwerkspezifischen, intermedialen Erzählens an dessen Stelle zu setzen.

FILMTEXT 2.0 steht ästhetisch im Zeichen der Theorielastigkeit, deren bedeutunsschwerer Tenor zugleich durch verspielte, zum Teil kitschige technische Effekte konterkariert wird. Dieser Umstand steht im Einklang mit der Botschaft der Texte, die zum Großteil sprachkritisch um die Kontextabhängigkeit und Relativität von Wahrheitsbehauptungen kreisen. Das verlorene Vertrauen in den Verbindlichkeitswert von Aussagen führt in der Konsequenz zu einer Akzentuierung der Erscheinungsweise dieser Aussagen, zur "e-Renaissance of post-literary writing", wie Amerika festhält, bzw. zum 'post-alphabetic design', wie bereits für Tendenzen im Printmedium festgehalten wurde. Ob FILMTEXT 2.0 wirklich in diesem Sinne eine Ästhetik der Oberfläche intendiert und vorzugsweise ironisch rezipiert werden will, bleibt fraglich.

FILMTEXT 2.0 ist nicht ohne den Kontext Amerika erschließbar. Amerika ist kein Schriftsteller im herkömmlichen Sinne, der Figuren erfindet, um selbstlos deren Schicksale zu beschreiben. Amerikas eigentlicher Text ist die Inszenierung seiner selbst als Protagonist der Netzkunst. Die Botschaft seines Werkes ist, die Message des Netzes zu spiegeln: das Selbstinszenierungs- und -vermarktungsmedium schlechthin zu sein. Amerika bewegt sich in der Logik dieses Mediums als deren erfolgreichste Inkarnation. Sein Text ist kein Text im engeren Sinne, sondern eine Performance, aus deren Perspektive schließlich auch die Resultate der textimmanenten Analyse zu relativieren sind.

1. Vorspiel
2. Cinescripture
3. FILMTEXT 2.0
4. Ästhetik der Effekte
5. Das Ende der Erzählung
6. Der Autor als sein eigener Held

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