www.dichtung-digital.org/2004/2-Naithani.htm

Literatur im Zeitalter des virtuellen Daseins
Abstract eines Forschungsprojekts

by Sadhana Naithani

Sind Benjamins Analyse der Verbindung zwischen Technologie und kapitalistischer Politik und Adornos Kritik der "Kulturindustrie" im Hinblick auf die digitalen Medien noch relevant? Verschwindet die Verlagsindustrie oder gestaltet sie sich neu? Wo ist das Geld im Netz? Brauchen wir eine Literaturtheorie, deren Interpretationsmethodologie der Inter-Medialität und Inter-Aktivität der Literatur im Netz entspricht? Das Abstract umreisst Naithanis Forschungsprojekt.

"Mir gefällt es, in den Büchern das zu lesen, was dasteht, und die Details mit dem Ganzen zu verbinden; und gewisse Lektüren als definitiv zu betrchten, und mir gefällt es, die einzelnen Bücher auseinanderzuhalten (…)" (Italo Calvino: Wenn ein Reisender in einer Winternacht. 1986, S. 309).
I.

Diese Forschungsarbeit beschäftigt sich mit einem neuen Phänomen in der Geschichte der Literatur, nämlich mit der Literatur im Netz. Die Forschung basiert auf der Hypothese, dass dieses Phänomen eine radikal neue Beziehung zwischen Erzähler-Erzählung-Leser schaffen würde, die die in der Aufklärung wurzelde gegenwärtige Welt der Literatur geschichtlich auf eine neue Ebene stellen könnte.

Die bürgerliche Gesellschaft identifizierte Literatur als einen exklusiven Raum wie nie zuvor, in einem ähnlichen Sinne wie Habermas die Öffentlichkeit definiert: als Netzwerk von Meinungen, als im kommunikativen Handeln erzeugter sozialer Raum.

Die Etablierung dieser großen, exklusiven Welt der Literatur hat einen Abstand zwischen Autor und Leser verursacht, und der Autor selbst wurde eine fiktive Figur für das Lesepublikum. Schon im 18. Jahrhundert tritt Goethe als Genie auf und dann im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden Autoren als "Bewohner des Elfenbeinturms" (Handke), als Alleingänger, Verrückte vorgestellt.

Zwischen Leser und Autor trat die Druckindustrie, die mit eigener ökonomischer Logik die literarischen Werke behandelte, wobei politische Interessen nicht ausgeschlossen sind. Schon Ende des 19. Jahrhunderts leisteten Autoren und Gruppen Widerstand gegen die Herrschaft der Industrie und Entfremdung des Autors von seinem Werk und Leser. Links orientierte Autoren und Parteien versuchten zusammen zu kommen, kleinere Verlage zu gründen, eigene Preise zu verleihen und an dier Wirklichkeit anzuknüpfen, wie zum Beispiel die Gründung des Bundes Proletarisch Revolutionärer Schriftsteller (BPRS) im Jahre 1928. Die marxistische Ästhetik betonte die Beziehung zwischen Erzähler, Erzählten und Leser auf einer politischen Ebene und versuchte den Autor von der Einsamkeit des Elfenbeinturms zu befreien.

Adornos Schriften, in der hoch technologisierten Gesellschaft nach dem zweiten Weltkrieg, beschäftigten sich mit dem weiten Feld der "Kulturindustrie". Theodor Adornos Begriff der "Kulturindustrie" zeigte, dass Literatur als Ware das Wesen des freien Marktes ist. Die Mechanismen der Aufklärung, wie Öffentlichkeit, spielten nicht eine aufklärerische, sondern eine trügerische Rolle. Die Künstler, die Intellektuellen und die Literateur werden fern von dem Publikum gehalten und im Eigentlichen gehaßt. Die Massen und die Massenkultur konsumieren einander und die wesentliche Freiheit der kulturellen Tätigkeit geht verloren. Die Kulturindustrie organisiert nicht nur die Prozesse der Literaturproduktion, sondern auch die Literatur in unterschiedlichen Kategorien: klassische Literatur und Volksliteratur, Belletristk, Trivialliteratur usw.. Adornos Schriften beschäftigen sich mit den Paradoxien der kulturellen Entwicklungen in der bürgerlichen Gesellschaft. Demokratisierung von Bildung und Öffentlichkeit reduzieren die Exklusivität der bürgerlichen Kultur.

Der Prozeß führt zum Entstehen einer kommerziellen Kulturindustrie und der sogenannten populären Kultur oder Massenkultur. Diese Kulturproduktion ist an einem bloßen Unterhaltungswert orientiert, interessiert sich nicht für eine soziale Transformation und langsam werden die Produkte dieser Industrie Hauptmedium kultureller Bildung und ästhetischer Sensibilität der Mehrheit, die selbst ein nicht-kreatives Leben führen muss. Die post-moderne Kulturtheorie sieht Adorno's Analyse als elitäre Ideen, und beurteilt die Massenkultur als Kultur fur alle und deswegen als demokratische Transformation der gesellschaftlichen Kultur (Bernstein 1991, ix). Für Adorno, sowie für Benjamin bedeutete 'Transformation' eine emanzipierende Veränderung.

II.

"Literatur im Netz" verspricht, diese Welt der Literatur zu verändern: den Autor und den Leser von der Herrschaft der Industrie zu befreien, eine direkte, obgleich virtuelle Beziehung zwischen Erzähler und Leser zu ermöglichen und die Kanons zu sprengen. Mich interessiert die Frage, ob und wie die Beziehung zwischen Erzähler, Erzählung und Leser durch die neuen Medien auf eine neue Ebene gebracht wird?

Seit eh und je haben die Menschen Geschichten erzählt und rezipiert. Die verschiedenen Arten und Weisen der erzählerischen Kommunikation sind auch verschiedenartige Beziehungen der Menschen zu ihren Erzählungen, Erzählern und Zuhörern bzw. Lesern. Der sogenannte Volkserzähler erneuerte eine alte und bekannte Erzählung in seinem eigenartigen Erzählen. Er musste nicht ein Erzeuger immer neuer Texte sein, aber er sollte den Glauben an bekannte Erzählungen immer wieder erneuern können. Die Rezeption der Zuhörer war der Lohn im materiellen und spirituellen Sinne.

Der freie bürgerliche Schriftsteller war der Erzähler seiner eigenen Erzählungen, die als Buch an den Leser gelangten. Das Buch konnte Millionen erreichen, von ihnen behalten werden und die ganz neue Erzählung blieb danach in der Art und Weise des Erzählens immer dieselbe. Der Erzähler selbst aber war nicht mehr fassbar und wurde für die Leser im Buch verkapselt. Die gesammelten Werke und besonderen Auflagen konnten Besitztum sein, das die Beziehung des Lesers zu dem Erzähler zeigten. Das Lesen selbst gewann eine Identität, die das Zuhören kaum hätte erwarten können. Jeder konnte zuhören, aber das Lesen der Literatur war eine Beschäftigung. Je mehr man gelesen hatte, als desto gelehrter wurde man angesehen. Die mündliche Erzählung war selbst eine Lehre, aber die literarische Erzählung wurde gelehrt, kanonisiert, wissenschaftlich ausgearbeitet und gewertet.

Es geht hier nicht nur um die Mündlichkeit und Schriftlichkeit, sondern um unterschiedliche Beziehungen zwischen Menschen, ihren Erzähler und Erzählungen. Lutz Röhrich hat in seinem Werk "Märchen und Wirklichkeit" (1956) gezeigt, wie die Beziehungen der Menschen auch zu ihren alten Erzählungen über die Zeit sich radikal verändern: einmal glaubte man an Sagen und Legenden, heute empfängt man sie anders. Theoretisch gilt das auch für literarische Texte: Über Generationen verändert sich die Interpretation eines literarischen Werkes und wird von vielen anderen geschichtlichen Entwicklungen beeinflusst. Shakespeare wurde weltberühmt nicht nur wegen der Druckindustrie. Wäre der weltweite Ruf ohne britischen Kolonialismus möglich? Die Beschäftigung der Leser in kolonialisierten Ländern mit Shakespeare zeigt auch ihre eigene Beziehung zur kolonialen Herrschaft.

Meine Forschung konzentriert sich auf das Phänomen der digitalen Literatur im deutschsprachigen Raum und fragt: Ist Benjamins Analyse der Verbindung zwischen Technologie und kapitalistischer Politik im Zeitalter des virtuellen Daseins und Adornos Kritik der "Kulturindustrie"nicht mehr relevant und durch die Technologie der Neuen Medien untergraben? Würde die Verlagsindustrie einfach verschwinden oder neu gestaltet sein? Wäre das Netz dann nur ein virtueller Markt? Was ist die Wirklichkeit dieser Virtualität? Die Autoren können ihre Werke uploaden, aber um die Leser zu informieren, brauchen sie Anzeigen, und das kostet Geld. Wo ist aber das Geld im Netz? Würden die Autoren von ihren Werken verdienen können, oder müssen sie ihren Lebensunterhalt durch andere Arbeit verdienen? Was bedeutet eigentlich der Kontakt zwischen Autor und Leser? Viele Menschen können den Autor erreichen und sein Werk mit ihm diskutieren, es kommentieren. Hierbei entsteht aber bei nährer Betrachtung eine neue Ebene der Interpretation - gleichzeitig privat und öffentlich. Was könnte die Bedeutung dieses Phänomens für die zukünftige literarische Kultur sein? Was für neue Wertkategorien könnten entstehen?

III.

Ich vermute, dass die gegenwärtige Technologie des Netzes nicht nur ein neues Medium für erzählerische Kommunikation ist, sondern die Fähigkeit hat, die Beziehungssstrukturen zwischen Erzähler, Erzählung, Rezipienten auf einer radikal neuen Ebene herzustellen. Wie werden wir diese Art und Weise, in der schriftliche Ausdruck mit den Audio-visuelle kombiniert wird, nach Mündlichkeit und Schriftlichkeit nennen? Wie wird dieser neue Ausdruck wissenschaftlich interpretiert? Brauchen wir eine Literaturtheorie, deren Interpretationsmethodologie der Inter-Medialität und Inter-Aktivität der Literatur im Netz entspricht?

Simanowski meint: " Denn auch die nonlinearen, multimedialen, interaktiven Texte der neuen Medien verlangen nach hermeneutischem Training. (…) Es geht um die Zeichen, die der Code auf dem Screen erzeugt, es geht um eine Lesekompetenz, die den Anforderungen und Konstellationen der digitalen Medien gerecht wird und auch hier zwischen Gutem und Mittelmäßigem, zwischen Vordergründigem und Tiefsinnigem, zwischen Kitsch und dem ironischen Spiel mit Kitsch zu unterscheiden weiß. Es gilt, zwischen den Zeilen bzw. Zeichen zu lesen, die hier nicht mehr nur aus Buchstaben bestehen, sondern auch aus Links, Farbe, Formen, Sound, Bewegung und Interaktion. Dies ist die neue Sprache der digitalen Medien, deren Hermeneutik es noch zu entwickeln gilt". (Simanowski 2003) Was wird aber diese neue Hermeneutik sein?

 

Bibliographie

Adorno, Theodor W.: Gesammelte Schriften, hg. Rolf Tiedmann, Bd. 8&10. Suhrkamp Verlag 1976.

Adorno, Theodor: Das Schema der Massenkultur. In: Gesammelte Schriften III. Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am M.: Suhrkamp Verlag, 1981. pp 299-395

Adorno, Theodor W.: Über Walter Benjamin, Frankfurt/M. 1990.

Bernstein, J. M. (Ed.): Theodor Adorno: The Culture Industry. Selected essays on Mass Culture. Routledge. London and NewYork 1991.

Calvino, Italo: Wenn ein Reisender in einer Winternacht. Deutscher Tashcenbuch Verlag, München 1986.

Habermas, Jürgen: Bewußtmachende und rettende Kunst - die Aktualität Walter Benjamins. In: Zur Aktualität Walter Benjamins, hg. V. Siegfried Unseld, Fankfurt/M., 1972, S. 219f.

Simanowski, Roberto: Interfictions. Vom Schreiben im Netz. Frankfurt am Main. Edition Suhrkamp 2247: 2002

Simanowski, Roberto: Krise des Verstehens. Lesekompetenz nach PISA. 2003

 


veröffentlicht auf dichtung-digital 2/2004