Diese Forschungsarbeit
beschäftigt sich mit einem neuen Phänomen in der
Geschichte der Literatur, nämlich mit der Literatur im
Netz. Die Forschung basiert auf der Hypothese, dass dieses
Phänomen eine radikal neue Beziehung zwischen
Erzähler-Erzählung-Leser schaffen würde, die
die in der Aufklärung wurzelde gegenwärtige Welt
der Literatur geschichtlich auf eine neue Ebene stellen
könnte. Die bürgerliche
Gesellschaft identifizierte Literatur als einen exklusiven
Raum wie nie zuvor, in einem ähnlichen Sinne wie
Habermas die Öffentlichkeit definiert: als Netzwerk von
Meinungen, als im kommunikativen Handeln erzeugter sozialer
Raum. Die Etablierung dieser
großen, exklusiven Welt der Literatur hat einen
Abstand zwischen Autor und Leser verursacht, und der Autor
selbst wurde eine fiktive Figur für das Lesepublikum.
Schon im 18. Jahrhundert tritt Goethe als Genie auf und dann
im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden Autoren als "Bewohner
des Elfenbeinturms" (Handke), als Alleingänger,
Verrückte vorgestellt. Zwischen Leser und Autor
trat die Druckindustrie, die mit eigener ökonomischer
Logik die literarischen Werke behandelte, wobei politische
Interessen nicht ausgeschlossen sind. Schon Ende des 19.
Jahrhunderts leisteten Autoren und Gruppen Widerstand gegen
die Herrschaft der Industrie und Entfremdung des Autors von
seinem Werk und Leser. Links orientierte Autoren und
Parteien versuchten zusammen zu kommen, kleinere Verlage zu
gründen, eigene Preise zu verleihen und an dier
Wirklichkeit anzuknüpfen, wie zum Beispiel die
Gründung des Bundes Proletarisch Revolutionärer
Schriftsteller (BPRS) im Jahre 1928. Die marxistische
Ästhetik betonte die Beziehung zwischen Erzähler,
Erzählten und Leser auf einer politischen Ebene und
versuchte den Autor von der Einsamkeit des Elfenbeinturms zu
befreien. Adornos Schriften, in der
hoch technologisierten Gesellschaft nach dem zweiten
Weltkrieg, beschäftigten sich mit dem weiten Feld der
"Kulturindustrie". Theodor Adornos Begriff der
"Kulturindustrie" zeigte, dass Literatur als Ware das
Wesen des freien Marktes ist. Die Mechanismen der
Aufklärung, wie Öffentlichkeit, spielten nicht
eine aufklärerische, sondern eine trügerische
Rolle. Die Künstler, die Intellektuellen und die
Literateur werden fern von dem Publikum gehalten und im
Eigentlichen gehaßt. Die Massen und die Massenkultur
konsumieren einander und die wesentliche Freiheit der
kulturellen Tätigkeit geht verloren. Die
Kulturindustrie organisiert nicht nur die Prozesse der
Literaturproduktion, sondern auch die Literatur in
unterschiedlichen Kategorien: klassische Literatur und
Volksliteratur, Belletristk, Trivialliteratur usw.. Adornos
Schriften beschäftigen sich mit den Paradoxien der
kulturellen Entwicklungen in der bürgerlichen
Gesellschaft. Demokratisierung von Bildung und
Öffentlichkeit reduzieren die Exklusivität der
bürgerlichen Kultur. Der Prozeß führt
zum Entstehen einer kommerziellen Kulturindustrie und der
sogenannten populären Kultur oder Massenkultur. Diese
Kulturproduktion ist an einem bloßen Unterhaltungswert
orientiert, interessiert sich nicht für eine soziale
Transformation und langsam werden die Produkte dieser
Industrie Hauptmedium kultureller Bildung und
ästhetischer Sensibilität der Mehrheit, die selbst
ein nicht-kreatives Leben führen muss. Die post-moderne
Kulturtheorie sieht Adorno's Analyse als elitäre Ideen,
und beurteilt die Massenkultur als Kultur fur alle und
deswegen als demokratische Transformation der
gesellschaftlichen Kultur (Bernstein 1991, ix). Für
Adorno, sowie für Benjamin bedeutete 'Transformation'
eine emanzipierende Veränderung. "Literatur im Netz"
verspricht, diese Welt der Literatur zu verändern: den
Autor und den Leser von der Herrschaft der Industrie zu
befreien, eine direkte, obgleich virtuelle Beziehung
zwischen Erzähler und Leser zu ermöglichen und die
Kanons zu sprengen. Mich interessiert die Frage, ob und wie
die Beziehung zwischen Erzähler, Erzählung und
Leser durch die neuen Medien auf eine neue Ebene gebracht
wird? Seit eh und je haben die
Menschen Geschichten erzählt und rezipiert. Die
verschiedenen Arten und Weisen der erzählerischen
Kommunikation sind auch verschiedenartige Beziehungen der
Menschen zu ihren Erzählungen, Erzählern und
Zuhörern bzw. Lesern. Der sogenannte Volkserzähler
erneuerte eine alte und bekannte Erzählung in seinem
eigenartigen Erzählen. Er musste nicht ein Erzeuger
immer neuer Texte sein, aber er sollte den Glauben an
bekannte Erzählungen immer wieder erneuern können.
Die Rezeption der Zuhörer war der Lohn im materiellen
und spirituellen Sinne. Der freie bürgerliche
Schriftsteller war der Erzähler seiner eigenen
Erzählungen, die als Buch an den Leser gelangten. Das
Buch konnte Millionen erreichen, von ihnen behalten werden
und die ganz neue Erzählung blieb danach in der Art und
Weise des Erzählens immer dieselbe. Der Erzähler
selbst aber war nicht mehr fassbar und wurde für die
Leser im Buch verkapselt. Die gesammelten Werke und
besonderen Auflagen konnten Besitztum sein, das die
Beziehung des Lesers zu dem Erzähler zeigten. Das Lesen
selbst gewann eine Identität, die das Zuhören kaum
hätte erwarten können. Jeder konnte zuhören,
aber das Lesen der Literatur war eine Beschäftigung. Je
mehr man gelesen hatte, als desto gelehrter wurde man
angesehen. Die mündliche Erzählung war selbst eine
Lehre, aber die literarische Erzählung wurde gelehrt,
kanonisiert, wissenschaftlich ausgearbeitet und gewertet.
Es geht hier nicht nur um
die Mündlichkeit und Schriftlichkeit, sondern um
unterschiedliche Beziehungen zwischen Menschen, ihren
Erzähler und Erzählungen. Lutz Röhrich hat in
seinem Werk "Märchen und Wirklichkeit" (1956) gezeigt,
wie die Beziehungen der Menschen auch zu ihren alten
Erzählungen über die Zeit sich radikal
verändern: einmal glaubte man an Sagen und
Legenden, heute empfängt man sie anders. Theoretisch
gilt das auch für literarische Texte: Über
Generationen verändert sich die Interpretation eines
literarischen Werkes und wird von vielen anderen
geschichtlichen Entwicklungen beeinflusst. Shakespeare wurde
weltberühmt nicht nur wegen der Druckindustrie.
Wäre der weltweite Ruf ohne britischen Kolonialismus
möglich? Die Beschäftigung der Leser in
kolonialisierten Ländern mit Shakespeare zeigt auch
ihre eigene Beziehung zur kolonialen Herrschaft. Meine Forschung konzentriert
sich auf das Phänomen der digitalen Literatur im
deutschsprachigen Raum und fragt: Ist Benjamins Analyse der
Verbindung zwischen Technologie und kapitalistischer Politik
im Zeitalter des virtuellen Daseins und Adornos Kritik der
"Kulturindustrie"nicht mehr relevant und durch die
Technologie der Neuen Medien untergraben? Würde die
Verlagsindustrie einfach verschwinden oder neu gestaltet
sein? Wäre das Netz dann nur ein virtueller Markt? Was
ist die Wirklichkeit dieser Virtualität? Die Autoren
können ihre Werke uploaden, aber um die Leser zu
informieren, brauchen sie Anzeigen, und das kostet Geld. Wo
ist aber das Geld im Netz? Würden die Autoren von ihren
Werken verdienen können, oder müssen sie ihren
Lebensunterhalt durch andere Arbeit verdienen? Was bedeutet
eigentlich der Kontakt zwischen Autor und Leser? Viele
Menschen können den Autor erreichen und sein Werk mit
ihm diskutieren, es kommentieren. Hierbei entsteht aber bei
nährer Betrachtung eine neue Ebene der Interpretation -
gleichzeitig privat und öffentlich. Was könnte die
Bedeutung dieses Phänomens für die zukünftige
literarische Kultur sein? Was für neue Wertkategorien
könnten entstehen? Ich vermute, dass die
gegenwärtige Technologie des Netzes nicht nur ein neues
Medium für erzählerische Kommunikation ist,
sondern die Fähigkeit hat, die Beziehungssstrukturen
zwischen Erzähler, Erzählung, Rezipienten auf
einer radikal neuen Ebene herzustellen. Wie werden wir diese
Art und Weise, in der schriftliche Ausdruck mit den
Audio-visuelle kombiniert wird, nach Mündlichkeit und
Schriftlichkeit nennen? Wie wird dieser neue Ausdruck
wissenschaftlich interpretiert? Brauchen wir eine
Literaturtheorie, deren Interpretationsmethodologie der
Inter-Medialität und Inter-Aktivität der Literatur
im Netz entspricht? Simanowski meint: " Denn
auch die nonlinearen, multimedialen, interaktiven Texte der
neuen Medien verlangen nach hermeneutischem Training.
(
) Es geht um die Zeichen, die der Code auf dem Screen
erzeugt, es geht um eine Lesekompetenz, die den
Anforderungen und Konstellationen der digitalen Medien
gerecht wird und auch hier zwischen Gutem und
Mittelmäßigem, zwischen Vordergründigem und
Tiefsinnigem, zwischen Kitsch und dem ironischen Spiel mit
Kitsch zu unterscheiden weiß. Es gilt, zwischen den
Zeilen bzw. Zeichen zu lesen, die hier nicht mehr nur aus
Buchstaben bestehen, sondern auch aus Links, Farbe, Formen,
Sound, Bewegung und Interaktion. Dies ist die neue Sprache
der digitalen Medien, deren Hermeneutik es noch zu
entwickeln gilt". (Simanowski 2003) Was wird aber diese neue
Hermeneutik sein? Bibliographie
Adorno, Theodor W.:
Gesammelte Schriften, hg. Rolf Tiedmann, Bd. 8&10.
Suhrkamp Verlag 1976. Adorno, Theodor: Das Schema
der Massenkultur. In: Gesammelte Schriften III. Dialektik
der Aufklärung. Frankfurt am M.: Suhrkamp Verlag, 1981.
pp 299-395 Adorno, Theodor W.:
Über Walter Benjamin, Frankfurt/M. 1990. Bernstein, J. M. (Ed.):
Theodor Adorno: The Culture Industry. Selected essays on
Mass Culture. Routledge. London and NewYork 1991.
Calvino, Italo: Wenn ein
Reisender in einer Winternacht. Deutscher Tashcenbuch
Verlag, München 1986. Habermas, Jürgen:
Bewußtmachende und rettende Kunst - die
Aktualität Walter Benjamins. In: Zur Aktualität
Walter Benjamins, hg. V. Siegfried Unseld, Fankfurt/M.,
1972, S. 219f. Simanowski, Roberto:
Interfictions. Vom Schreiben im Netz. Frankfurt am Main.
Edition Suhrkamp 2247: 2002 Simanowski, Roberto:
Krise
des Verstehens. Lesekompetenz nach
PISA. 2003
Literatur
im Zeitalter des virtuellen Daseins
Abstract eines
Forschungsprojekts
"Mir gefällt
es, in den Büchern das zu lesen, was dasteht, und
die Details mit dem Ganzen zu verbinden; und gewisse
Lektüren als definitiv zu betrchten, und mir
gefällt es, die einzelnen Bücher
auseinanderzuhalten (
)" (Italo Calvino: Wenn ein
Reisender in einer Winternacht. 1986, S. 309).
veröffentlicht
auf dichtung-digital 2/2004