Wir befinden uns
mitten in der Geschichte interaktiver Kunst und
mitten in Daniels Buch und Argumentation. Um genau
zu sein: Wir haben bereits das letzte der vier
Kapitel erreicht, das nach den »tiefer
liegenden Gemeinsamkeiten zwischen der
Junggesellenmaschine in Duchamps Großem
Glas und der von Alan M. Turing entwickelten
Theorie der universellen Maschine« fragt (S.
7). In den vorangegangenen Kapiteln wurden die
klassischen Positionen künstlerischer Arbeit
mit Medien im 20. Jahrhundert eingeführt,
Avantgardkunst (Readymades) mit Phänomenen der
Mainstreammedien (Big Brother) verglichen und am
Beispiel der Interaktivität die Perversion
avantgardistischer Intentionen in den Massenmedien
diskutiert. Den Lesern sind dabei eine Menge an
Beispielen zur Kenntnis gebracht worden
(größtenteils mit Illustrationen
versehen), was das Buch schon einmal zu einer
wertvollen Fundgrube für Anfänger macht.
Aber auch Insider werden soweit sie die hier
versammelten vier Aufsätze nicht schon kennen
dieses Buch mit Gewinn gelesen und den
enthaltenen theoretischen Überlegungen
wertvolle Impulse entnommen haben. Daniels geht dieser
Aporie einer Versöhnung von avantgardistischer Kunst
und avancierter Technik nicht weiter nach, obgleich der
Buchtitel die Erwartung weckt, dass der Blick auch auf die
neuesten Phänomene im Cyberspace gerichtet wird. Ein
solcher Blick erfolgt zwar in Kapitel 3 (mit dem Schwerpunkt
Netzkultur) und vier (mit dem Schwerpunkt Cybersex), aber
leider nicht im Kontext des in Kapitel eins diskutierten
Verhältnisses von Kunst und Technik, das im formalen
Avantgardismus und technischen Narzismus der Flash-Animation
möglicherweise in der Tat eine Versöhnung
erfährt. Daniels konzentriert sich dafür auf die
ebenso spannende Frage der Überschneidung der
Gattungsgrenzen in der modernen Kunst und listet
einschlägige Beispiele für deren intermediale
Entwicklung auf: die Serate der Futuristen und die
Soiréen der Dadaisten, Duchamps
Rotoreliefs, die gemalte Musik Walther Ruttmanns, die
Fotoplastik Lászlo Moholy-Nagys, die
Zufallskompositionen Cages, die interaktiven
Fernsehinstallationen Nam June Paiks und die
Closed-Circuit-Videoinstallationen von Bruce
Nauman. Das erste Kapitel
schließt mit einer Diskussion des Verhältnisses
von Kunst und Medium, die in die Vermutung gipfelt,
dass Kunst immer schon ein Medium gewesen ist
(S. 23). Spätestens bei so gewichtigen (oder banalen)
Aussagen wünscht man sich eine Klärung der
argumentativen Ausgangslage. Legt Daniels einen semiotischen
oder einen technischen Medienbegriff zugrunde (Indizien
finden sich für beide Varianten)? Gilt das
digitale Multimedianetz (S. 23) als Medium oder
als Übertragungskanal für verschiedene Medien?
Sind Internet und CD-ROM ein und dasselbe Medium? Mangelnde
Begriffsklärung begegnet auch hinsichtlich des
titelgebenden »Cyberspace«, das implizit im
ursprünglichen, von William Gibson geprägten Sinne
benutzt wird, in dem die »perfekte Simulation einer
körperlichen Begegnung mittels medientechnischer
Apparaturen« erfolgt (S. 109). Diese Phantasien der
Anfangsjahre (als verkaufsträchtiger Aufmacher von den
Massenmedien immer wieder einmal als Zukunft des Sex
bemüht) sind längst dem von John Perry Barlow und
den Cyberculture Studies etablierten
Begriffsverständnis gewichen: das Internet mit
Chatgroups, Email-Verkehr, Websites usw. Hier läuft Sex
gerade nicht auf die körperliche Vereinigung hinaus,
sondern auf eine Verschiebung vom Taktilen ins Logische: Die
Handlung wird nicht ausgeführt, sondern verkündet,
das Erfahrungsmodell ist Imagination statt
Simulation. Kapitel zwei zieht einen
Bogen vom ersten Readymade zu den Big Brother Shows
und erörtert auf seinem Weg die
ästhetisch-philosophischen Grundlagen des modernen
Kunstbetriebs. So wird die Praxis des Readymades die
möglicherweise in der Fotografie ihren geheimen Anfang
hat (S. 53) als
Personalisierung der Objekte (S. 31) und
Selbstinszenierung des Künstlers erkennbar, die ihr
Pendant in der Personalisierung und Inszenierung der Ware in
der Werbung hat. Unter dem Titel Jeder Mensch ein Star
zeigt Daniels wie die Inszenierungspraxis
schließlich auch auf den Mann und die Frau von
der Straße ausgedehnt wird, wobei diese, trotz
gegenläufiger Verlautbarungen, freilich die Objekte des
Geschehens bleiben, Marionetten in der Inszenierung des
Künstlers.
Auch das Big
Brother-Genre hat interessanterweise hier seinen Anfang.
Nachdem Valie Exports in Facing a Family von
1971 eine Familie beim abendlichen Fernsehen filmte und dies
zum Inhalt einer TV-Sendung machte (Bill Viola wird Anfang
der 80er Jahre mit Reverse Television Portraits of
Viewers 24 TV-Zuschauer jeweils für dreißig
Sekunden als Clips im Fernsehen zeigen), schlägt Dan
Graham 1978 vor, die Wand eines typischen Einfamilienhauses
durch Glas zu ersetzen. Die Kunst verschreibt sich der
unmittelbaren Wiedergabe des Lebens. Den Big Brother
Container als Modell des human Readymade (S. 47)
hatte allerdings fünf Jahre zuvor schon der
amerikanische Fernsehssender WNET TV erfunden. Er liess ein
TV-Team sieben Monate lang Familie Loud (5 Kinder, 2 Hunde)
beobachten und machte daraus die Miniserie An American
Family. Damit kippt das Symptom des Readymade
philosophisch um und wird zum Aspekt der Unterhaltung; sein
Verunsicherungsfaktor der Anfangstage ist der Affirmation
des Betriebs gewichen, was im übrigen einher geht mit
einer Bedeutungswandlung des Begriffs »Big
Brother« vom totalitären Überwacher zum
exhibitionistischen Massenvergnügen
(52). In seinen
Ausführungen zum Big Brother Phänomen und
Star-Kult seit Ende der 90er Jahre bezieht Daniels
schließlich Foucaults Untersuchung zum Panopticon ein
und annonciert dessen Umkehrung im Fernsehen, das ja
auch eine Maschine zur Scheidung des Paares
Sehen/Gesehenwerden ist. (S. 52) Durch das
Fernsehen stehen heute die Machthaber und die Stars
aller Metiers unter der Observierung des Mediums
(ebd.) mit dem entscheidenen Unterschied, so
wäre hinzuzufügen, dass sie in der Regel wissen,
wann sie beobachtet werden, und so viel erfolgreicher mit
einem gezielten Rollenspiel darauf reagieren können. In
einem weniger technikorientierten Sinne ließe sich der
Fernseher vielleicht ertragreicher als Fortführung des
Panopticons diskutieren: als Diskursquelle, die das Handeln
ihrer Adressaten ebenso disponiert wie im architektonischen
Panopticon der vermutetete Blick des Wachmanns das Handeln
der Inhaftierten. In der Nachfolge des Buches steht der
Fernseher im Dienste eines Panoptismus der
Sprache, den Foucault in seinen Texten über die
Ordnung des Diskurses sowie Sexualität und Wahrheit
beschreibt: Die (In-)Formierung des Wissens erweist sich als
weit effektiveres Regulierungsmittel, weil es nicht einmal
mehr die Anwesenheit des bewachenden Blicks vortäuschen
muss. Man verpasst die disponierende Funktion der Medien,
wenn man Überwachung nur am Symptom der Kamera
diskutiert. Dass die Verbindung
von human Readymade und Kamera erlaubt,
außerhalb des etablierten Mediensystems
Überwachung in Aufmerksamkeit umzumünzen, zeigt
schließlich Jennifer Ringley, die mit jennicam.com
1996 als 21jährige begann, das Geschehen in allen
Räumen ihres Apartments live ins Internet zu
übertragen. Daniels bündelt in Jenny die
Erfüllung verschiedener Hoffnungen der Avantgarde: Sie
belegt die Massenwirksamkeit der Medien außerhalb von
Vermarktungsstratgien, sie beweist, dass im Zeitalter
industrieller Aufmerksamkeitsökonomie die Intervention
eines Einzelnen noch eine Chance hat, und sie
durchbricht die Marginalität moderner Kunst mittels
Medien, ohne den autonomen Status des
Künstlerindividuums aufzugeben (44). Kapitel drei schlägt
eine Brücke zwischen den Interaktionsstrategien der
60er und der 90er Jahre und diskutiert anhand von John Cage
und Bill Gates als zwei exemplarischen Vertretern
unterschiedlicher Lager den ideologischen
Paradigmenwechsel zwischen den ästhetisch-sozialen
Entgrenzungsideen der 60er zu der technologischen
Interaktivität der 90er Jahre. (S. 70) Daniels
erweitert den Horizont durch eine politische Diskussion, in
der Umberto Ecos Terminus des offenen Kunstwerks
seine Entsprechung in Jürgen Habermas Begriff des
herrschaftsfreien Diskurses findet und als
gemeinsames Feindbild all dieser künstlerischen
und theoretischen Ansätze die Passivität des
Konsumismus festgehalten wird (S. 64). In diesem
Zusammenhang verweist Daniels zurecht auf den Unterschied
zwischen gezielter interaktiver Umnutzung der Medien als
ästhetisches und politisches Statement der Medienkunst
in den 60er Jahren und der Interaktion als medieneigenem
Grundreflex im Internet. Robert Pfallers Begriff der
Interpassivität erscheint als das aktuelle
Gegenstück zu Adornos Begriff der
Pseudoaktivität (S. 84), die derzeit am MIT
entwickelte Hypersoap, die dem Zuschauer erlaubt,
jeden Artikel auf dem Bildschirm anzuklicken und sofort zu
bestellen, wird zum schwarzen Zukunfstbild
konsumorientierter Interaktivität (S. 86).
Ein Beispiel wir
Hypersoap vereinfacht freilich die Argumentation.
Komplizierter wird es, wenn man den Begriff der
Interaktivität ungeachtet solch offensichtlicher
Selbstdiskreditierung diskutiert. Man nehme etwa die
kollaborativen Schreibprojekte oder die Massive
Multiplayer Online Role Playing Games, die den
Beteiligten ermöglichen, ihre eigenen Figuren und
Geschichten zu konstruieren und auszuleben. Hier scheinen
Utopien der bidirektionalen Mediennutzung wahr zu werden,
hier verlieren die Beiteiligten schließlich auch den
Objekt-Status, den ihnen einschlägige interaktive
Installationen wie Bruce Naumans Corridor und selbst
David Rokebys Closed-Circuit-Installationen auferlegen, hier
wird der Leser/Spieler in der Tat zum Autor. Angesichts
solch interaktiver Erzähl- und Spielkonstellationen
wären aber auch die Langzeitfolgen eines
ästhetischen Programms zu diskutieren gewesen, das, wie
Cage 1966 formulierte, den Künstler vom Sockel
herunterholen und auf eine Stufe mit dem Publikum stellen
wollte. Die Frage führt zurück zur Jeder Mensch
ist ein Künstler-These und basiert auf einer
notwendigen Begriffsdifferenzierung, die Daniels zum Teil
leistet, wenn er mit Duchamp daran erinnert, dass dem
Betrachter in jeder ästhetischen Erfahrung eine
konstitutive Rolle zukommt (S. 58), es also eine
interne Interaktivität vor oder neben aller
äußeren Mitgestaltung gibt. Die Sache hätte
klarer gemacht werden können mit einem Verweis darauf,
dass Eco gerade in Kafkas Roman Das Schloß
ein offenes Kunstwerk per excellence sah (im Hinblick auf
seine semantische Ambiguität), während er jene
Werke, die ihre Gestalt erst durch die Partizipation des
Publikums finden, nicht fertige Werke nannte.
Wenn Daniels im Gegensatz dazu 433
von John Cage als Ideal des offenen Kunstwerks
versteht (S. 66), vergibt er die Chance, Offenheit auf zwei
Ebenen zu diskutieren und schließlich zur Frage
vorzustoßen, welche semantische Offenheit (und interne
Interaktivität) zu erwarten ist von kollaborativ
erstellen Gemeinschaftswerken, deren Komplexität und
Qualität so groß oder niedrig sein wird wie die
Fassungskraft der beteiligten Jedermann-Künstler. Die
Aporie könnte darin liegen, dass gerade Offenheit und
Interaktivität auf der externen Ebene Offenheit und
Interaktivität auf der internen minimieren, womit sich
Interaktivität auch ohne Verbindung zum Kommerz
als Erflogsrezept der Kulturindustrie erwiese: Ikea
als Avantgarde Stangenware, dafür selbst
zusammengebaut. Dass Daniels diese
Diskussion nicht führt, mag auch an seinem einseitigen
Fokus auf der Netzkultur liegen, die mit ihrer
Auflösung des traditionellen Autor- und Werkbegriffs
naturgemäß der Idee externer Interaktivität
verpflichtet ist. Die Entwicklung der Netzkunst
weitgehend traditionell hinsichtlich der
Produktionskonstellation, innovativ hinsichtlich der
genutzten ästhetischen Ausdrucksmittel
wird kaum bedacht, Künstlern wie Nicolas Clauss, Simon
Biggs, Mark Amerika, David Knoebel oder Agnes Hegedüs
(von Daniel an anderer Stelle durchaus gewürdigt)
begegnet man in diesem Buch nicht. Das ist bedauerlich,
nicht weil bestimmte Künstler nicht vertreten sind,
sondern weil die Leser so eine einseitige Sicht davon
erhalten, welche Alternativen und Perspektiven die Kunst
sich in den digitalen Medien geschaffen hat. Daniels betont
wiederholt, dass er sich mit Kapitel vier »immer tiefer
in die Fallen einer übertriebenen Deutung
[begibt]« (S. 93) und sich der Gefahr aussetzt,
»den Bogen endgültig zu überspannen« (S.
112). Er mag damit die Reaktionen mancher Leser
vorwegnehmen, die sich in diesem spekulativen, nicht immer
kohärent argumentierenden Kapitel verloren fühlen.
Die Anknüpfungen und Bezüge zwischen Duchamp und
Turing zu aktuellen kulturellen und sozialen Phänomenen
sind zum Teil recht vage oder zu flüchtig
ausgeführt. Man wünscht sich eine tiefere Aulotung
des Bodens, von dem aus entscheidende Schlussfolgerungen
gezogen werden. So führt zum Beispiel der schon
angesprochene reduktive Cyberspacebegriff dazu, dass Formen
des Cybersexes, die nicht auf die Simulation einer
wirklichen körperlichen Begegnung zielen
(und somit der These von der Verschmelzung der Modelle
Turings und Duchamps zur universellen Junggesellenmaschine
im Wege stehen), ausgeblendet werden. Folge davon ist, dass
selbst eine so gewichtige Auseinandersetzung mit Cybersex
wie Thomas Ruffs Fotoserie Nudes übergangen wird.
Ruffs dem Netz entnommene pornographische Bilder, die nach
ihrer Manipulation durch Weichzeichner und Radierung
überlebensgroß in Galerien gezeigt wurden,
wäre für die von Daniels geführte
Diskussion um Readymade und Big Brother in mehrfacher
Hinsicht interessant gewesen: als Fotografie ohne Kamera,
als Readymade des Internet (gegenüber den
im Internet präsentierten human
Readymades der Webcams) und als transmediales
Projekt, das das (nachgeholfene) digitale Readymade des
Internet als analoges Werk in den traditionellen
Ausstellungskontext transportiert und somit die Hierarchie
der Blicke zweifach wendet. Aber die Klage über derartige Defizite
erfolgt bereits aus einem Disskusionseifer, den gerade
Daniels Ausführungen angestachelt haben. Sein Buch kann
und will keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben.
Es will gedankenvoll und beziehungsreich in Vergangenheit
und Gegenwart interaktiver und intermedialer Kunst
einführen und zu eigenen Spekulationen über ihre
Zukunft einladen. Dies ist Daniels eindrucksvoll
gelungen.
Dieter
Daniels' "Vom Readymade zum Cyberspace.
Kunst / Medien
/ Interferenzen"
Dieter
Daniels: Vom Readymade zum Cyberspace. Kunst / Medien /
Interferenzen
Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz Verlag 2003
128 Seiten
veröffentlicht
auf dichtung-digital 2/2004