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presented
by Volkswagen
Stiftung
and litnet
www.dichtung-digital.com/2005/1/Simanowski
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Reading und der Streit um Begriffe
von Roberto
Simanowski
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Was
kennzeichnet digitale Literatur? Entsteht sie schon
durch die Transformation aus dem einen Medium ins
andere? Welche Rolle spielen Medienechtheit und
Medienrelevanz? Wieviel Text muss ein hypermediales
Werk aufweisen, um zur digitalen Literatur zu
gehören und nicht zur digitalen Kunst? Wie
verändert sich die Rolle des Autors, wenn
Leser, Maschinen oder Bakterien an seine Stelle
treten? Der Aufsatz verbindet die Diskussion
terminologischer Fragen mit den Fallanalysen
einiger interessanter Beispiele.
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Im vergangenen Jahr
kam ein Buch auf den Markt, auf das ich lange gewartet
hatte: Close Reading New Media. Analyzing Electronic
Literature, herausgegeben von Jan Van Looy und Jan
Baetens. Das Buch setzt sich zum Ziel, nach den Jahren der
Begriffsdebatte und Theoriebildung die lang vermissten
Fallanalysen nachzuliefern, die sich nicht darauf
kaprizieren, ob man nun von digitaler oder elektronischer,
interaktiver oder ergodischer, Hypertext-, Netz-, Cyber-
oder Code-Literatur sprechen soll, sondern darauf, wie man
diese Literatur lesen kann.[1]
Dass solch hermeneutische Anstrengungen im Gegensatz zur
terminologischen und theoriebildenden Arbeit so selten zu
finden sind, ist nach Ansicht der Herausgeber dreifach zu
begründen: „First of all there is the basic
conviction that critical attention does not matter, or even
that it is not appropriate to works belonging to a medium
which has as one of its primary principles the absence of –
literally – fixed shapes and – literally –
fixed meanings.”[2]
Die prinzipielle Offenheit elektronischer Literatur stellt
in der Tat die auf Zeichen-Fixierung orientierte
Literaturwissenschaft vor Probleme. Aber das geschieht ihr
nicht das erste Mal. Auch die konkrete Poesie verlangte mit
ihrer Delegierung der Bezeichnungsprozesse in den
nichtlinguistischen Bereich von der Literaturwissenschaft
eine Adaption des methodischen Handwerks. Die Herausgeber
erklären, dass man einen Dialog mit der Form entwickeln
muss. Dem kann ich nur zustimmen: Wenn die Form in der
Flüchtigkeit bzw. Alternativität besteht, dann
muss eben genau dies auf seine Bedeutung hin interpretiert
werden.
“Second, there is the idea, which is
not entirely false, that hyperfiction is born on the margins
of a medium, the computer, which is still considered a
number cruncher rather than a literary device.”[3]
In diesem Falle berufen sich die Herausgeber auf Espen
Aarseth: „The emerging new media technologies
[...] should be studied for what they can tell us
about the principles and evolution of human communication.“[4]
Man mag hinzufügen, dass diese Technologie auch
daraufhin untersucht werden sollte, welche Prinzipien der
ästhetischen Kommunikation sie mit sich
bringt.
Drittens, und damit kommen wir zum eigentlichen Problem: “we
often hear the argument that hyperfiction has not yet
produced enough interesting works to justify a turn towards
a more literal and literally tackling of the material.”[5]
Gegen dieses Argument wenden die
Herausgeber zurecht ein, dass selbst im Falle mangelnder
Qualität sich die Arbeit einer genauen Analyse lohnen
würde, denn, und hier zitieren sie Marie-Laure Ryan: „For
the literary scholar, the importance of the electronic
movement is twofold: it problematizes familiar notions, and
it challenges the limits of language.“[6]
Zur Stärkung der Argumentation sei betont, dass selbst
und vielleicht gerade Werke von mittlerer Qualität
deutlich machen können, wie
elektronische Literatur mit ihrem Material sinnvoll und
überzeugend umgehen kann und wo die Fallen dieses
Umgangs liegen.
Das Buch selbst lässt dann freilich den Eindruck
entstehen, die Herausgeber selbst glaubten nicht so recht,
Hyperfiction habe ausreichend interessante Werke
hervorgebracht. Denn nach den drei Beiträgen zu
klassischen Hyperfictions – Stephanie Stricklands
True North, Shelly Jacksons Patchwork Girl
und Marjorie Luesebrinks Califia –
widmen sich die folgenden drei Beiträge Geoff Rymans
Roman 253 und Raymond Federmans Roman Eating
Books, deren Publikation als Buch bereits belegen, wie
wenig sie tatsächlich der elektronischen Form
bedürfen. Die abschließenden drei Beiträge
handeln von einer Website, die einen Film promoted, von der
Narration des Interfaces und vom Hypertextual
Consciousness. Das Buch, das nach all der
Theoriebildung endlich genaue Fallanalysen versprach,
scheint wenig von seinem Anliegen überzeugt zu sein.
Die schmale Ausbeute des Anfangs macht kaum Hoffnung auf den
Fortgang.
Formulieren wir
die Situation positiver: Das Spektrum der elektronischen
Literatur ist so groß, dass die Übertragung eines
Romans aus dem Printmedium ebenso dazugehören kann wie
die Website zu einem Film, wenn sie mit interessanten
Text-Graphik-Elementen spielt. Stimmt das wirklich? Schafft
die Transformation aus dem einen Medium ins andere schon
elektronische Literatur? Wieviel Text muss ein hypermediales
Werk aufweisen, um zur elektronischen Literatur zu
gehören und nicht zur elektronischen Kunst?
Dies ist der Moment, da dann doch
Begriffsbestimmungen nötig werden. So schnell ist man
wieder dort, wo man nicht mehr sein wollte. Es ist über
Terminologie und Konzeptbildung zu sprechen. Es sei dies
der Gegenstand und sein Bekanntheitsgrad erlaubt bzw.
fordert es zumindest im Ansatz mit den Fallanalysen
einiger interessanter Beispiele verbunden.
1. Die Echtheit des Gegenstandes
Als der brasilianische Künstler Eduardo Kac in
den 80er Jahren die Holography für sich entdeckte,
begann er mit prinzipiellen Fragen: “It is very
important to emphasize that not all texts recorded on
holographic film are holopoems. It is technically possible,
for example, to record a symbolist sonnet on a hologram.
Such a sonnet does not become a holopoem simply because it
is displayed on holographic film. What defines a holopoem is
not the fact that a given text is recorded on holographic
film. What matters is the creation of a new syntax,
exploring mobility, non-linearity, interactivity, fluidity,
discontinuity and dynamic behavior only possible in
holographic
space-time.”[7]
Kacs Ziel ist die Abgrenzung echter Holopoetry von solcher,
die nur alte Artefakte ins neue Medium bringt. Die
Notwendigkeit dieser Abgrenzung war begründet im
Missverhältnis zwischen technischen Fähigkeiten
und künstlerischen Konzepten im Einsatz der neuen
Technologie, was damals ein generelles Problem
darstellte[8].
So unterscheidet die Holography-Künstlerin Margaret
Benyon zwischen dem bloßen Einsatz einer Technologie
und deren ästhetischer Nutzbarmachung: „The
credit for exhibitions arranged by artists of laser beams as
purely physical phenomena, for instance, should go to the
inventor and manufacturers of the laser, rather than to
the ‘artist’.“[9]
Im gleichen Sinne stellt der Kunstkritiker Peter Fuller den
Anteil des Künstlers an holographischen Objekten in
Frage: “the very process of making a hologram
does not allow for the admission of a human imaginative or
physical expressive element at any point. The representation
is not worked, it is posed
and processed [&] hence the hologram remains a
particularly dead medium compared with painting.”[10]
Genau dieser Geringschätzung der Holography antwortet
Kacs Forderung nach einer Holopoesie, die aus dem Medium
selbst entsteht und dessen technische Möglichkeiten
ästhetisch-konzeptuell nutzt.
Es seien hier nicht die Eigenheiten diskutiert, die die
Technologie Holography für spezifische
künstlerischen Äußerungen bereithält.
Wichtig war zu zeigen, dass die Problematik, vor die die
digitalen Medien stellen, nicht neu ist. Wichtig ist nun,
die Eigenheiten zu diskutieren, die die digitale Technologie
für spezifische künstlerische
Äußerungen bereithält.
In meinen früheren Texten[11]
habe ich als solche spezifischen Merkmale
Interaktivität, Intermedialität, und Inszenierung
aufgezählt, worunter ich im einzelnen folgendes
verstand.
Das Merkmal der Interaktivität zielt auf die
Teilhabe des Rezipienten an der Konstruktion des Werkes.
Dies kann erfolgen in Reaktion auf Eigenschaften des Werkes
(programmierte Interaktivität: Mensch-Software) oder in
Reaktion auf Handlungen anderer Rezipienten (netzgebundene
Interaktivität: Mensch-Mensch via Software). Zur
netzgebundenen Interaktivität gehören die
Mitschreibprojekte, die alle auf eine Website kommende Leser
auffordern, zu Autoren des vorgestellten Projekts zu werden.
Unter die programmierte Interaktivität zählt
zuallererst, aber längst nicht mehr
ausschließlich oder hauptsächlich, die
Multilinearität im Hypertext, die den Leser auffordert,
den Text durch Navigationsentscheidungen selbst
zusammenzustellen.
Intermedialität als weiteres
Wesensmerkmal digitaler Literatur markiert die
(konzeptuell-integrative) Verbindung zwischen den
traditionellen Ausdrucksmedien Sprache, Bild, Musik. In der
akademischen Diskussion werden hier Verhaltensnuancen
unterschieden, was sich wiederum in Begriffsvarianten
niederschlagen. So differenziert Jürgen Müller in
seiner Untersuchung zur Intermedialität zwischen dem
bloßen Nebeneinander und konzeptuellen Miteinander
medialer Elemente. Ersteres nennt Müller multimedial,
letzteres intermedial[12].
Die Trennschärfe dieses Ansatzes bleibt jedoch
fraglich, nicht nur weil der Begriff Intermedia in der
wissenschaftlichen Diskussion recht unterschiedlich
verstanden wird und zum Teil auch zur bloßen Anzeige
des Medienwechsels und der inhaltlichen Befruchtung unter
den Medien – Literatur im Film, Literatur in der
Malerei usw. – eingesetzt wird[13].
Müllers Forderung nach einer konzeptuellen Fusion fehlt
auch die Bestimmung von Konzeptualität. Wann geht das
Nebeneinander in das Miteinander über? Wie
läßt sich diese Frage zum Beispiel bei einer
einfachen Fernsehdokumentation beantworten, die Bild und Ton
verbindet und mit einer geschickten Kameraführung das
Gesagte kommentiert und dekonstruiert? Die Entscheidung, ob
eine Fernsehdokumentation oder ein Fotoroman – um ein
beliebtes Genre des Schreibens im Netz hinzuzunehmen –
intermedial oder nur multimedial ist, hängt letztlich
vom Betrachter ab.
Das dritte von mir genannte Merkmal,
Inszenierung, steht für die Programmierung
einer werkimmanenten oder rezeptionsabhängigen
Performance. Dem digitalen Werk können
auf seinen unsichtbaren Textebenen Aspekte der
Aufführung eingeschrieben werden, so daß die
Worte und Bilder ihren 'Auftritt' haben. Eine solche
unsichtbare Textebene findet man zum Beispiel in einer
Bildanimation, der das Verhalten ihrer Einzelbilder
eingeschrieben wurde. Was von außen als
Veränderung des Bildaufbaus wahrnehmbar ist, wurde
zumeist in einem entsprechenden Animationseditor dem Bild
als Text eingegeben und kann innerhalb eines solchen Editors
auch wieder aufgedeckt werden: die Pause zwischen dem Ablauf
der Bilder, die Anzahl der Loops, die Hintergrundfarbe. Eine
andere unsichtbare, aber viel leichter zugängliche
Textebene ist die HTML-Source mit ihren
Ausführungsbefehlen und JavaScripts, die das Geschehen
im Browser bestimmen, dort aber nicht als Text, sondern eben
als Handlung erscheinen. Das Stichwort dieser Inszenierung
kann entweder vom Programm ausgehen oder vom Rezipienten,
wobei wir im letzteren Falle freilich wieder auf
Interaktivität als dem zuvor genannten Merkmal digitale
Literatur verwiesen sind.
Dass wir im konkreten Fall die genannten Merkmale in
unterschiedlichem Maße im Einsatz sehen und dabei den
verschiedensten Vermischungen begegnen, muss nicht besonders
betont werden. Betont sei hingegen, dass ich mich mit dieser
Merkmalsauflistung auf Bildschirmphänomene konzentriere
und nicht auf die zugrundeliegenden Rechenoperationen an
sich. Die Tatsache der Codierung ist für mich noch kein
ausreichender Tatbestand, denn im Computer ist
zwangsläufig jedes Phänomen codiert, auch
der klassische lineare Text. Die bloße Existenz eines
solchen Textes im Computer macht diesen aber so wenig zu
echter digitaler Literatur wie die Aufzeichnung eines
Gedichtes auf holographischem Material dieses zu einem
Holopoem. Die Codierung ist für mich nur insofern
interesssant, als sie auf dem Bildschirm Gestalt annimmt als
ästhetischer Bestandteil des Ausdrucks.
Mit den aufgezählten Merkmalen habe ich
faktisch nachträglich bestimmt, was ich unter digitaler
Literatur verstehe. Warum aber operiere ich überhaupt
mit diesem Wort und nicht mit einem der konkurrierenden
Begriffe? Die Antwort lautet: aus pragmatischen
Gründen. Der Begriff digitale Literatur scheint mir am
wenigsten Anlass zu Missverständnissen zu geben. Anders
als interaktive Literatur, Netzliteratur oder Hypertext
bezieht er sich nicht auf bestimmte Einzelmerkmale digitaler
Literatur wie Interaktivität, Vernetzung oder
Nonsequentionalität, sondern auf ein bestimmtes Medium,
das übrigens als digital und nicht als elektronisch
beschrieben wird, um die Abgrenzung zu anderen
elektronischen Medien wie Kino, Radio und Fernseher zu
sichern. Die Bindung des Gegenstandes an dieses Medium
impliziert, dass dieser Gegenstand auf dieses Medium
angewiesen ist und zwar aus Gründen, die die Form
dieser Literatur betreffen und nicht etwa deren
Distribution. Dieses Angewiesensein nenne ich
Medienechtheit. Definitionsrelevant ist nicht der
Tatbestand, sondern die Notwendigkeit der Existenz und zwar
nicht im Netz, sondern umfassender in den digitalen
Medien.[14]
Der Medienechtheit geht freilich die
Medienrelevanz voraus. Das Bestimmungswort unseres
Gegenstandes bezieht sich auf das Medium seiner Produktion,
nicht auf die Semiotik seines Materials. Da Sprache aus
diskreten Zeichen besteht, ist, wenn man so will, Literatur
natürlich immer das Resultat digitaler Codierung, im
Gegensatz etwa zum Bild, das auf nichtdiskreten Zeichen
beruht. Dieser Unterschied begründet den Einspruch
gegen die übliche Ausdehnung des Begriffs Sprache auf
nicht-linguistische Zeichen durch die Semiotik[15]
Da digitale Literatur sich per Definition von traditioneller
Literatur unterscheidet, muss sie über diese
semiotische Digitalität auch per Definition
hinausgehen. Sie tut es, indem sie sich mit visuellen
Zeichen und performativen Elementen verbindet, die alle als
nicht-diskrete Zeichen zu beschreiben sind. Das
Bestimmungswort des Begriffs »digitale
Literatur« zielt also auf den
technischen, nicht auf den
zeichentheoretischen Medienbegriff. Mit dieser
Spezifizierung lässt sich auch der Einwand beantworten,
was im Gegensatz zur digitalen Literatur denn eine nicht-digitale
Literatur wäre[16].
Die Konsequenz dieser Bestimmung des
Gegenstandes für seine Analyse ist die Verschiebung von
der linguistischen Hermeneutik zu einer Hermeneutik des
intermedialen, interaktiven, performativen Zeichens. Es geht
nicht mehr allein um die Bedeutung eines Wortes, sondern um
die Bedeutung des Verhaltens dieses Wortes auf dem
Bildschirm etwa in Verbindung zu visuellen Zeichen und in
Reaktion auf Handlungen des Lesers. Diese Hermeneutik kann
nicht, wie im Falle linguistischer Zeichen, auf ein System
festgelegter Bedeutungen aufsetzen. Um eine Formulierung
Umberto Ecos im Hinblick auf das Kino aufzugreifen: Die
Semiologie digitaler Literatur ist Semiologie einer
parole, die keine language hinter sich
hat[17].
Die Sache wird noch komplizierter: Was
rechtfertigt, von Medienechtheit zu sprechen? Wie Espen
Aarseth in seinem Buch Cybertext erinnert, braucht
nicht einmal der Hypertext oder die kombinatorische Dichtung
das digitale Medium. Auch die animierten und mit Sound
versehenen Texte der Young-hae
Chang Heavy Industries oder David Knobels Click Poetry die in der
Tat vom User nicht mehr Interaktivität abverlangen als
einen einzigen Klick benötigen
das digitale Medium nicht wirklich, sondern könnten
wie die verfilmte Literatur in der Tradition der
Text-Filme seit Ende der 60er Jahre (man denke an Michael
Snows So it is von 1982) auf der Kinoleinwand laufen. Und was ist mit einem
Werk wie "The
Child" von Alex Gopher und Antoine Bardou-Jacquet, das
den Text nicht nur dynamisiert und mit Sound parallelisiert,
sondern ihn ganz in der Tradition der konkreten Poesie
zugleich als linguistisches und visuelles Zeichen einsetzt.
Soll man einem solchen Werk Medienechtheit
bescheinigen?[18]

Alex
Gopher und Antoine Bardou-Jacquet: The Child
The Child
handelt von der Jagd einer mit Wehen niederkommenden
Schwangeren und ihres Partners im Taxi durch halb Manhattan
zur Entbindungsstation. Das Aufsehenerregende dieser an sich
unspektakulären Geschichte, die zugleich mit einer
recht konservativen Kameraführung erzählt wird,
ist der Umstand, dass alle in ihr vorkommenden Personen und
Gegenstände durch die Buchstaben verkörpert
werden, die sie bezeichnen. So sind eingangs die Skyscraper
Manhattans durch vertikal zu lesende Wörter namentlich
bezeichnet bzw. dargestellt, so ist das Fenster, durch das
man in eine der Wohnungen hineingeführt wird, aus den
in zwei Zeilen zum Quadrat angeordneten Buchstaben WINDOW
geformt, so bilden im Wohnungsinneren den Umriss der Frau
die untereinander geschriebenen Worte BROWNHAIR /
PRETTYFACE / WOMAN / PRAGNANT / REDDRESS / SNEAKERS,
während der daneben stehende Mann durch die Worte
BLACKHAIR / PLEASANTFACE / BIGGLASSES / HUSBAND /
LITTLEMAN / DARKSUIT angezeigt wird, die sich nach dem
Ausruf der Frau The baby, its coming in
BLACKHAIR / BIGGLASSES / ANXIOUSFACE /
HUSBAND verwandeln, wobei ANXIOUSFACE in
leuchtender Farbe und unruhiger Handschrift erscheint. Die
Schrift bildet die dritte und hauptsächliche Textebene,
neben der Sprache des Musikstücks und den sparsamen
Dialogszenen der Hauptakteure (der erwähnte Ausruf der
Schwangeren, das ängstliche ok des
Ehemannes, der Ruf nach einem Taxi, die Instruktion des
Fahrers, der kurze Dialog mit der das rasende Taxi
verfolgenden Polizei).
Das Werk ist
interessant nicht nur in visueller Hinsicht, sondern auch in
konzeptueller. Es ist die Digitalisierung der Welt im
zeichentheoretischen Sinne und erinnert natürlich an
Jeffrey Shaws Legible City (www.jeffrey-shaw.net/html_main/show_work.php3?record_id=83).
Aber es funktioniert anders als jenes, denn es erzählt
nicht die unsichtbaren Geschichten hinter den Mauern,
sondern reduziert die sichtbaren Objekte auf das, was sie in
diesem Moment für eine unbestimmte Erzählfigur
bedeuten. Ein langer, den Verkehr aufhaltender Cadillac ist,
wenn man in den Entbindungsraum eilt, nur einfach unendlich
lang. Ist er trotzdem schön? Denkt einer der drei
Insassen des wartenden Taxis, dass dieser Cadillac
schön ist? Was würde dies über die Figuren
aussagen? Wenn die anderen Autos nur als »car«
wahrgenommen werden, scheint dies schon eher der
beschriebenen Situation zu entsprechen. In solchen Momenten
hat man keine Aufmerksamkeit für ästhetische
Details. Und doch: Der Taxifahrer ist ein »dreadhair
rastaman cabdriver«. Warum ist diese Konkretisierung
wichtig? Und warum werden nicht eher Geschlecht, Ethnie,
Alter, Körperbau angegeben? Ist es die Frisur, die am
ehesten eine so rasante Fahrt verspricht; mit einen schweren
Unfall übrigens, der nach mehreren Verletzten aussieht?
Welche kulturellen Klischees werden hier eingesetzt?
Hätte man den »dreadhair rastaman cabdriver«
gesehen, hätte man vielleicht die gleiche
Assoziation gehabt, aber wahrscheinlich ohne sich ihrer
bewusst zu werden. Das Aussprechen aber allein dieser einen
Eigenschaft führt den Typologisierungsmechanismus vor
Augen. Die Textualisierung visueller Zeichen zwingt zur
Auswahl und ist in ihrer Diskretheit unvermeidlich direkt.
Das Werk spricht, indem es alles in Sprache gießt,
über die unterschiedlichen Codierungsverfahren der
visuellen und linguistischen Sprache. Um es mit seiner
eigenen Metaphorik zu sagen: Es spricht über die Geburt
von Bedeutung.[19]
Insofern haben wir hier ein sehr schönes
Beispiel digitaler Literatur, das sich auszeichnet durch
Metareflexivität der Vergleich linguistischer
und visueller Bedeutungsgebung Intermedialität
das konzeptuelle Miteinander medialer Elemente
sowie Inszenierung der Auffühtungscharakter der
Buchstaben im Stile eines ablaufenden Filmes. Ein Werk, das
höchst interessant ist auch durch die Spannung zwischen
ambitionierter und konventioneller Ästhetik: Die ganz
der Mainstream-Ästhetik verpflichtete Erzähl- und
Kameraführung scheint den (notwendigen) Gegenpol zur
Herausforderung des Publikums durch die ungewohnte
Repräsentation der Erzählwirklichkeit zu bilden.
Und doch, es handelt sich um ein Musikvideo, das mit 11
weiteren Musikvideos unter dem Filmtitel Clip Cult
Vol. 1 Exploding Cinema vom Kölner Verleih
Rapid Eye Movies 1999 in die Kinos gebracht wurde. Es
mangelt der als definitionsrelevant eingeklagten
Medienechtheit, denn der Umstand, dass es sich im
Herstellungsverfahren digitaler Technologie bediente,
dürfte kaum genügen, da heutzutage jeder
Filmschnitt, jedes Musikarrangement und jede
Textformatierung am Computer vorgenommen wird.
Vielleicht sollte man sich auf pragmatische Gründe
rausreden und dieses Werk ebenso wie die
Textfilme von David Knobel und Young-hae Chang
Heavy Industries schon deswegen dem Bereich der
digitalen Literatur zuordnen, um ein weiteres Beispiel
dafür zu haben, welche interessante Phänomene
dieser Forschungsbereich hervorbringt. Auf den Einwand, dass
es sich doch aber nur um gefilmte Texte handelt, könnte
man mit dem Aspekt der Medientypik reagieren: Es ist
richtig, dass es multilineare Texte auch im Printmedium und
dynamisierte Schrift auch im Filmmedium gibt, aber in beiden
Fällen handelt es sich um ein medienuntypisches Merkmal
experimenteller Grenzüberschreitung des einen Mediums
in Richtung eines anderen, in dem diese Ausnahme dann zur
medienspezifischen Regel wird. Erst die digitale Technologie
gibt der Multilinearität und der Dynamisierung von Text
eine wirkliche mediale Heimat.[20]
Sind damit die terminologischen und taxonomischen Probleme
halbwegs gelöst? Mitnichten. Noch haben wir nicht
über das Beziehungswort gesprochen. Was ist das
Literarische an der digitalen Literatur?
2.
Das Verschwinden der Gattungsgrenzen
Als Richard Ziegfeld 1989 unter dem Titel
Interactive Fiction seine Leser mit der
interaktiven, audio-visuellen Erweiterung
der Literatur bekannt machte, wusste er, dass diese
Erweiterung auch den Begriff Literatur problematisch
erscheinen lässt. Is interactive fiction a literary or a visual art
form? fragt Ziegfeld deswegen gleich selbst und
argumentiert in seine Antwort mit der Proportionalität:
Interactive fiction addresses language concerns
with visible rather than oral words that readers can
contemplate for so long as they wish and to which they may
return for further study. While interactive fiction offers
potent possibilities in the visual realm, it presents a
proportion of word in relation to graphic device that
sharply distinguishes it from the visual electronic media.
Thus, interactive fiction is the first literary
electronic form.[21]
Die Abgrenzung zu den anderen visuellen
Formen Film, TV, Video, Software Adventure Games
ist einsichtig für die Zeit, da sie vorgenommen
wird. 1989, noch immer einige Jahre vor der Ankunft des WWW,
war das Interface digitaler Medien von Wörtern
bestimmt. Es war die Zeit da man, wie Michael Joyce 1988,
noch ausrufen konnte: Hypertext is the words
revenge on TV.[22]
Das Argument der Proportionalität mag auch und
vielleicht erst recht zehn Jahre später noch plausibel
gewesen sein, um im Angesicht von Multimedia ein Werk der
digitalen Literatur oder, wie es in Christian Köllerers
Definitionsversuch heißt, der Netzliteratur als
komplex strukturierte[n],
überwiegend sprachliche[n]
ästhetische[n] Gegenstand zu
kennzeichnen[23].
Aber so einleuchtend das Kriterium der Quantität auf
den ersten Blick sein mag, es ist kaum praktikabel, stellt
es doch bald vor die Frage, woran man die Vorrangstellung
des Wortes misst: Nach eingenommenem Platz auf dem
Bildschirm oder auf dem Speichermedium? Nach absorbierter
Aufmerksamkeit oder nach Informationsmenge gegenüber
visuellen Elementen? Und was bedeutet es, wenn durch
Inszenierung das Wort vor allem in seiner Materialität
als typographisches Zeichen hervorgehoben wird, es also
nicht als Text wirkt, sondern als Bild? The Child hat
diese Möglichkeit bereits vor Augen geführt,
wenngleich es noch, ganz in der Tradition der konkreten
Poesie, sowohl auf die visuelle wie auf die linguistische
Funktion der Buchstaben zielt. In einem Stück wie
Camille Utterbacks und Romy Achituvs Text Rain wird
die Sachlage schon schwieriger.
 
Camille
Utterback und Romy Achituv: Text Rain
In der interaktiven Installation Text Rain von 1999
steht oder bewegt sich das Publikum vor einem großen
Bildschirm, auf dem es sich selbst als
Schwarz-Weiß-Projektion sieht und auf dem Buchstaben
vom oberen Rand nach unten fallen: Like rain or snow, the text
appears to land on participants' heads and arms. The text responds to the participants'
motions and can be caught, lifted, and then let fall again.
The falling text will land on anything darker than a certain
threshold, and »fall« whenever that obstacle is
removed. (http://www.camilleutterback.com/textrain.html)
Text Rain geht es also weniger um das Erzählen
als um das Spiel mit Text. Gleichwohl ist dieses Werk der
Literatur verpflichtet und doppelt von ihr inspiriert. Zum
einen greift es die Idee von Apollinaires konkretem Gedicht Il
Pleut
(1918) auf, das die Buchstaben in fünf schrägen
Vertikalen wie fallende Regentropfen über das Blatt
verteilt. Zum anderen verwendet es das Gedicht
Talk, You aus Evan Zimroths Buch "Dead,
Dinner, or Naked" (1993),
das trotz des Spiels zum Objekt der Lektüre werden
kann: If a
participant accumulates enough letters along their
outstretched arms, or along the silhouette of any dark
object, they can sometimes catch an entire word, or even a
phrase. The falling letters are not random, but form lines
of a poem about bodies and language. 'Reading' the phrases
in the Text Rain installation becomes a physical as
well as a cerebral endeavor.[24]
Die Gedichtzeilen bilden folgenden Text:
I like talking
with you,
simply that: conversing,
a turning-with or around,
as in your turning around
to face me suddenly
At your turning,
each part
of my body turns to verb.
We are the opposite
of tounge-tied, if there
were such an antonym;
We are synonyms
for limbs loosening
of syntax,
and yet turn to nothing:
Its just
talk.
Text Rain arbeitet ganz offensichtlich mit der Aussage
des Gedichts in einer gewissermaßen manipulierenden
Lesart: Die wort- und ziellose Konversation zwischen zwei
Menschen, in der Körperbewegungen Körperteile in
Wörter verwandeln, wird zu einer spielerischen
Konversation zwischen den Körpern des Publikums und den
Buchstaben der Installation. Der Bezug von Körper- und
verbaler Sprache, den das Gedicht thematisiert, ist Thema
auch der interaktiven Installation. Deswegen ist die Wahl
des Textes nicht zufällig und deswegen ist dessen
Lektüre für das Verständnis dieses Werkes
wichtig.
Die Dokumentation zu Text Rain zeigt freilich, dass
die Verse erst nach ausdauerndem Einsammeln aller Buchstaben
und auch dann nur mit großer Mühe zu entziffern
sind und dass sich das Publikum nicht wirklich der
Lektüre widmet, sondern vor allem das Interface testet.
Die Anführungszeichen um »Reading« in
Utterbacks Beschreibung stehen also zu recht und verraten
zugleich, dass auch die Autorin keine wirkliche Lektüre
vom Publikum erwartet. Die annoncierte zerebrale Anstrengung
des Lesens besteht wohl eher im Lesen von
Text Rain als von Zimroths Gedicht, also in der
Interpretation der physischen Anstrengung. Auf der Ebene des
Physischen entwickelt das Werk seinen ganzen Reiz; das
Faszinierende der Installation sind die Bewegungen, die sie
im Publikum in der Interaktion mit den fallenden Buchstaben
vor dem Bildschirm erzeugt. In dieser Interaktion geschieht
das, was das Gedicht beschreibt, faktisch in der Umkehrung:
Buchstaben verwandeln die Körper des Publikums in
Bewegung. Die Ironie liegt darin, dass selbst noch bzw. erst
die Nicht-Lektüre des Textes diesen faktisch
realisiert, denn die Verwandlung seiner Funktion vom
Linguistischen zum Visuellen und zum Interaktionspartner
entspricht der ziellosen Konversation, die im Gedicht
abschließend gefeiert wird: turn to nothing: /
Its just talk. So wie Evan Zimroths
Gedicht die Kommunikation zweier Personen über die
Kleinlichkeit der konkreten Mitteilung hinausdenkt, so
befreit die Installation den Text von seiner
repräsentativen Funktion zur reinen sich selbst
genügenden Präsenz.
Es sei angemerkt, dass es eher Utterbacks Bearbeitung des
Zimrothschen Gedichts ist, die dieses über die konkrete
Mitteilung erhebt. Im Original das um sieben
Verse reicher ist und andere Zeilenbrüche aufweist als
die Version in Utterbacks Video-Dokumentation zu Text
Rain gibt es den Informationsaustausch
durchaus.[25]
Dieser Eingriff unterstreicht umso mehr, dass es Utterback
um die Beziehung zwischen Körper- und Verbalsprache
ging bzw. um das spielerische Zusammentreffen von Buchstabe
und Körper. Die eigentlich viel näher liegende
Variante, Apollinaires Regen-Gedicht oder irgendeinen
Text über Regen bzw. Schnee als Vorlage zu
nehmen, hätte diese tiefere Bedeutung verschenkt und
Text Rain in der Banalität einer verdoppelten
Regen-Metapher ertrinken lassen.
Insofern diese Installation also nicht auf die Lektüre
des Textes abzielt, wirkt sie eher als digitale Kunst
denn als digitale Literatur. Mein Differenzvorschlag basiert
nicht auf der Proportionalität, sondern auf der Rolle,
die der Text für das Ganze spielt. Ist der Text
weiterhin als linguistisches Phänomen bedeutsam und
wahrnehmbar, kann man von digitaler Literatur sprechen. Wird
der Text zu einem visuellen Objekt der Interaktion, handelt
es sich um digitale Kunst, die je nach taxonomischem Eifer
als digitale Installations- oder Performance-Kunst
spezifiziert werden mag.
Mit dieser Differenzierung wird Literatur nicht im Hinblick
auf den Buchstaben (lat: littera) zu fassen versucht,
sondern im Hinblick auf dessen Eigenschaft, sich mit anderen
Buchstaben zu sinnvollen Wörtern zusammenzutun. Das mag
als ein recht konservatives Verfahren erscheinen angesichts
der stattgehabten Versuche der futuristischen und
dadaistischen Avantgarden, den Buchstaben aus dem
Sinnkorsett des Satzes und des Wortes zu befreien wie etwa
ab 1915 in Marinettis Parole in libertà oder
kurze Zeit später in den Lautgedichten von Hugo Ball,
Richard Huelsenbeck und Kurt Schwitters. Gleichwohl bietet
dieser Konservatismus eine praktikable Grundlage, will man
angesichts der neuerlichen Dezentralisierung des
bedeutungsvollen Textes noch Literatur von anderen
Kunstgattungen wie Malerei, Film oder Musik unterscheiden.
Soll man? Einige Wissenschaftler im Gebiet digitaler
Ästhetik, wie etwa Katherine Hayles, stellen das
Unternehmen der Kategorisierung und Definition selbst in
Frage, um sich ganz den spezifischen Eigenheiten der neuen
inter- und transmedialen Phänomene offen zu
halten[26]
und, so lässt sich hinzufügen, um von vornherein
Zuständigkeitskämpfe zu vermeiden, mit denen eine
um Gegenstandserweiterung bemühte Literaturwissenschaft
sich zugleich nach altem Muster als Disziplin von ihren
ästhetischen Nachbarwissenschaften abgrenzen will.
Dieser Ablehnung und Vermeidung kann im Interesse der
Offenheit für das jeweilige Werk und in
Bekräftigung der eingangs erklärten Bevorzugung
interpretatorischer gegenüber terminologischer Arbeit
nur zugestimmt werden. Allerdings nicht, wenn die Ablehnung
terminologischer Fragen zu interpretatorischen
Einbußen führt. Wie die Besprechung der
bisherigen Beispiele gezeigt hat, schärft oft erst die
Frage, ob und inwiefern ein Werk sich als Literatur oder
Film oder Installation verhält, den Blick für all
seine Bedeutungsebenen.
Im Hinblick auf Text Rain bleibt die Zuordnung
schwieriger und spannender, als es nach der klaren
Unterscheidung zwischen der linguistischen und
nicht-linguistischen Rolle des Textes erscheinen mag.
Text Rain verwirklicht das zugrundeliegende Gedicht
zwar erst dann, wenn dieses nicht als linguistisches
Phänomen wahrgenommen wird, aber zu dieser Aussage
gelangt man selbst wiederum nur nach der Lektüre
des Gedichts.[27]
Man muss diese Installation zunächst wie Literatur
behandeln, bevor man erkennen kann, dass sie eigentlich
Kunst sein will. Erst wer die Interaktion mit den Buchstaben
der Zweckgerichtetheit des Entzifferns unterstellt,
erfährt, dass jene, die dies unterlassen, genau das mit
dem Text tun, was dieser suggeriert. Hierin
äußert sich der tiefere Witz von Text
Rain, der vielleicht nicht einmal beabsichtigt war und
der in den meisten Fällen wahrscheinlich erst durch die
lesbare Präsentation des Gedichts in der Dokumentation
zu Text Rain erkennbar (und im Grunde zugleich
entwertet) wird.[28]
Noah Wardrip-Fruin:
Screen
Ein vergleichsweise klarer Fall liegt mit
Noah Wardrip-Fruins Screen vor (vgl. Video
http://www.dichtung-digital.com/2004/2/Wardrip-Fruin/Screen.mov).
Dieses Werk ist im Cave zu besichtigen, einem kleinen Raum,
auf dessen drei Seiten sowie Boden Informationen projiziert
werden können; der Betrachter trägt eine Brille,
die die dreidimensionale Wahrnehmung dieser Informationen
erlaubt, sowie einen Handschuh, mit dem die Position seiner
Hand im Raum berechnet werden kann. Das
Werk beginnt mit dem Einsprechen eines Textes über den
Verlust von Erinnerungen. Anschließend werden
nacheinander alle drei Wände mit dem Text kurzer
Episoden gefüllt. Schließlich fallen einzelne
Wörter dieser Texte von den Wänden und kommen auf
den Betrachter zu, der nun die Möglichkeit hat, diese
mittels seiner Handschuh-Hand an ihre alte
Position zurückzustoßen. Die Häufigkeit
und Geschwindigkeit dieses Abfalls nimmt im Verlauf des
Geschehens zu, am Ende fallen alle Wörter von der Wand,
die nicht zurückgestoßen worden waren.
In Screen schlägt der Text also
zunächst das Grundthema an der Verlust unserer
Erinnerungen durch den Verlust von Wörtern , auf
das die Interaktion der Abfall der Wörter vom
Speichermedium Wand und des Lesers Möglichkeit der
Gegensteuerung in illustrativer Weise aufbaut. Die
Ironie der Interaktion liegt darin, dass die
Erinnerungsarbeit zum Sport bzw. Game wird, in dem es mehr
ums Gewinnen geht als um die Wahrnehmung der von Verlust
bedrohten Wörter. Dieser spielspezifische Zugang zum
Erinnern drückt sich auch in der abschließend
eingesprochenen Einladung zu einer neuen Runde aus: If
memories define us what defines us when they are gone. An
unbearable prospect. We retrieve what we can and try
again. (http://www.dichtung-digital.org/2004/2/Wardrip-Fruin/screen3.htm) Medientheoretisch
belehrt könnte man mit Blick auf Platons
Phaidros-Dialog sagen: Die Erneuerung des vom
Vergessen Bedrohten im mentalen Gedächtnis weicht dem
fragwürdigen Versuch, es im externen Gedächtnis
des Mediums Wand zu fixieren.[29]
Noah Wardrip-Fruin nennt Screen
"instrumental text", worin er wiederum ein Subgenre der
playable media sieht, die unter anderem auch
Computer Games einschließen [30]
(Wardrip-Fruin 2002 und 2004) Fußnote.
Ohne Zweifel wäre auch Text Rain diesem Subgenre
zuzuordnen. Für beide gilt, was in der Dokumentation zu
Screen gesagt wird: It creates new experiences
of text in relation to the readers body.
(http://www.dichtung-digital.org/2004/2/Wardrip-Fruin/screen3
.htm)
Im Gegensatz zu Text Rain zeigt Screen
freilich mit der gewünschten Deutlichkeit, wie sich in
der digitalen Literatur das Literarische zum Körper
bzw. zum Digitalen jene Elemente, um die der
traditionelle Text erweitert wurde verhalten kann. Es
mag somit als Idealfall einer Bestimmung des Literarischen
im Begriff digitale Literatur dienen.
3.
Die Autorschaft in digitaler Literatur
Die Diskussion der Spezifik digitaler Literatur
hat schließlich auch nach der Rolle des Autors in ihr
zu fragen. Es sei im folgenden allerdings nicht vom
sogenannten Tod des Autors im Hypertext die Rede, auch nicht
von der kollaborativen Autorschaft in
Mitschreibprojekten[31],
sondern von der Entlassung des Autors aus der
Textproduktion, zum Beispiel durch Erzählmaschinen und
Bakterien.
Erzählmaschinen sind die zeitgenössische Form der
Experimente des automatischen Schreibens, die
zurückreichen zu den Dadaisten und Surrealisten im
zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts und später von
William Burroughs erneut aufgegriffen werden. Das Ziel
dieser Experimente eines aleatorischen, nicht intentionalen
Schreibens war nicht die Abschaffung des Autors, sondern das
Überschreiten seiner Kreativitätsgrenzen, die
Überwindung seiner persönlichen Sichtweisen, was
durch Narkotisierung[32]
oder Vervielfachung des Autors[33]
erfolgen konnte. In der Realität der aktuellen
Erzählmaschinen beruht das automatische Schreiben
oftmals auf einer vorangegangenen Schematisierung von
Charakteren, Konfliktpotentialen und Konfliktlösungen,
was freilich gerade nicht zu einer Erweiterung der
Ausdrucksformen führt, wie der Story Generator
Makebelieve von Hugo Liu und Push Singh, Scott
Turners Minstrel oder TALE-SPIN von Meehan
zeigen.[34]
In diesen Fällen bedeutet die automatische
Textproduktion faktisch die Ausweitung der Entfremdung
als gesellschaftliches Phänomen der modernen
Gesellschaft auch auf den poetischen Prozess, woraus
auf der anderen Seite die Entfremdung der Rezeption
resultiert: Denn wenn der Leser nicht mehr mit der
spezifischen Selbst- und Welterfahrung eines Autors
konfrontiert ist, worum geht es dann noch im
Lektüreprozess? Welche Sendung kann ein Text ohne
wirklichen Sender noch haben?

Simon
Biggs: Great Wall of
China
Ich will diese Diskussion hier nicht vertiefen,[35]
sondern nur auf ein Beispiel verweisen, bei dem sich
Softwareproduzent und Schriftsteller die Autorschaft teilen.
Es handelt sich um Simon Biggs' Great Wall of China,
ein Projekt, das syntaktisch richtige, semantisch aber
bedeutungslose Sätze aus dem Wortschatz der englischen
Übersetzung von Kafkas Erzählfragment Beim Bau
der Chinesischen Mauer generiert (http://hosted.simonbiggs.easynet.co.uk/wall
/greatwall1.htm).
Biggs' Textgenerator ist interessant vor allem wegen
seines transmedialen Lektüregebots: Man muss den
Kafkatext lesen, um den Text des Textgenerators zu
verstehen, und zwar als sensuelle Umsetzung des
Ausgangstextes. Denn so wie dort die Menschen vergeblich auf
die Ankunft des Boten warten, so wartet hier der Leser
vergeblich auf das Erscheinen einer Nachricht; so wie Hermes
im Ausgangstext nie ankommt, so läuft die
hermeneutische Tätigkeit in Great Wall of China
ins Leere. Die Autorschaft Biggs setzt auf der Autorschaft
Kafkas auf, die Erzählmaschine auf dem geschriebenen
Text. Great Wall of China
erzählt zwar keine Geschichte, aber es ist der
Kommentar zu einer Geschichte. Es ist die Übersetzung
eines Textes in eine unmittelbare Erfahrbarkeit, deren
linguistischer Anteil darin liegt, dass das linguistische
Material keinen Sinn ergibt.
Das Modell der doppelten Rezeption der
Installation/Performance und des ihr zugrundeliegenden
Textes erinnert an Text Rain und
Screen. So wie dort wird man deswegen auch hier von
digitaler Literatur sprechen können, die freilich, wird
die Lektüre des Textes ausgeschlagen, eher als digitale
Kunst wahrgenommen werden wird. Komplizierter ist es im
nächsten Beispiel, mit dem wir am Ende noch einmal zu
Eduardo Kac zurückkehren, der uns die Sache durch seine
eigene Begrifflichkeit leicht zu machen scheint, sie in
Wirklichkeit aber eher erschwert.

Eduardo
Kac: Genesis
Kac
widmete sich nicht nur der Hologpoetry, er fordert auch eine
Biopoetry, in der nicht etwa Erzählmaschinen, sondern
lebende Organismen die (Ko)Autorschaft eines Textes
übernehmen: Now, in a world of clones, chimeras,
and transgenetic organisms, it is time to consider new
directions for poetry in vivo. Below I propose the use
of biotechnology and living organisms as a new realm of
verbal creation.[36]
Der vierte der anschließenden 16 Punkte lautet wie
folgt: Transgenic poetry: synthesize DNA according to
invented codes to write words and sentences using
combinations of amino acids. Incorporate these DNA words and sentences
into the genome of living organisms, which then pass them on
to their offspring, combining with words of other organisms.
Through mutation, natural loss and exchange of DNA material
new words and sentences will emerge. Read
the transpoem back via DNA sequencing.[37]
Was Kac hier beschreibt, hat er
durchgeführt in seinem 1998 begonnenen Projekt
Genesis, in
dem Bakterien in Kooperation mit den Besuchern einer
Website einen Satz aus der Bibel umschreiben: Let man
have dominion over the fish of the sea and over the fowl of
the air and over every living thing that moves upon the
earth. Kac übertrug den Satz in Morse-Code und
ersetzte anschließend dessen Zeichen mit den
Buchstaben eines Gen-Codes: die Punkte wurden durch C
(Cytosin) ersetzt, die Striche durch T (Thymine),
Wortzwischenräume durch A (Adenine) und Raum zwischen
Buchstaben durch G (Guanine). Die daraus resultierende
AGCT-Kette repräsentiert ein Gen, das in der Natur
nicht existiert und das Kac mit fluoreszierendem Protein
verband und den E. Coli-Bakterien eingab. Diese Bakterien
lagern in einer Petrischale auf einem Podest in einem
Ausstellungsraum unter ultraviolettem Licht, das durch die
Ausstellungsbesucher oder die Besucher der zugehörigen
Website eingeschaltet werden kann. Das Licht wirkt sich auf
die DNA-Sequenz der Bakterien aus und beschleunigt deren
Mutation. Nach einer bestimmten Zeit wird der
veränderte Gen-Code nach dem gleichen Muster
zurückübersetzt. Das Ergebnis der gemeinsamen
Schreibaktion von Besuchern und Bakterien zeigt eine nur
geringfügige Veränderung, die aber immerhin schon
das Subjekt des vorliegenden Dominanzversprechens
unkenntlich macht: Let aan have dominion over the fish
of the sea and over the fowl of the air and over every
living thing that ioves ua eon the
earth.[38]
Die Botschaft dieses Projekts ist unschwer zu erkennen. Indem
die Menschen ihre Herrschaft über alle anderen
Lebewesen ausüben, zerstören sie die schriftliche
Grundlage, die sie dazu erst ermächtigt. Das in der
Überschreibung des Satzes verkündete Urteil
erinnert dabei zugleich an die auferlegte Sprachverwirrung
als Reaktion Gottes auf den Turmbau zu Babel, einem anderen
berühmten Symbol menschlicher Hybris. Die verstecktere
Botschaft des Projekts redet vom Konflikt zwischen
ästhetischem Erlebnis und individueller Verantwortung,
denn der Mausklick, der die Mutation der Bakterien
beschleunigt, bietet ein faszinierendes Farbenspiel, da die
Bakterien unter dem ultravioletten Licht cyan und gelb
glühen. Die Neugier und Lust, dieses Farbenspiel zu
sehen, unterdrückt die Frage nach den eigentlichen
Folgen solcher Aktion.
Das Schreiben des zukünftigen Körpers ist in der
vorliegenden Konstellation also nicht zielgerichtet, sondern
blind und entspricht so kaum der Logik des
verantwortungsvollen Eingriffs in die Schöpfung. Da dem
Eingriff jegliches Konzept fehlt, kann man nicht einmal
sagen: das Wort wird Fleisch. Eher wird das Unbewusste
Fleisch: die bedenkenlose Versuchung durch die eigene
Neugier. Die Pointe liegt darin, dass dieses Fleisch dann
wiederum Wort wird, das die ursprüngliche Botschaft
überschreibt und somit ein Urteil ausspricht: Das
anfangs gegebene Dominanzversprechen wird
zurückgenommen und zwar als unmittelbare Folge der
ausgeübten Dominanz.
Dass die Täter dabei zu Opfern werden, ist Teil der
ästhetischen Erfahrung des Publikums. Jessica Wyman spricht von einem
Trauma, in das man sich geworfen sieht: What
surprises is the degree of trauma into which we are
psychically thrown by the creation of this gene and the
action (sometimes read as violence) that we do to it as
viewers by the activation of an ultraviolet light which
speeds its mutation.[39]
Steve Tomasula hebt die gedankliche Identifizierung mit dem
Objekt der eigenen Handlung hervor: Standing in the box formed
by the walls of Genesis, it's easy for viewers to
reverse the scale and think of themselves in the position of
the bacteria with ultraviolet light streaming down (possibly through a hole in the ozone layer?). We're invited
to contemplate consequences of interfering with evolution
when Kac translates, at the end of the exhibit, the DNA code
of his original message back into English [
]
In Kac's Genesis,
though, we see an icon for our new-found ability to rewrite
ourselves--instantly, and in ways whose ramifications might
not become apparent for generations.[40]
Genesis
stellt uns somit nicht nur vor die
Frage der Autorschaft, es ist auch selbst ein Stück über Autorschaft. Darüber hinaus wirft es
die Frage auf, ob es sich hier um Poesie handelt, wie Kacs
Terminologie suggeriert, oder eher um eine Installation? Was
würde den Unterschied zwischen Poesie und Installation
bezeichnen? Die spontane Antwort könnte wieder auf den
linguistischen Aspekt verweisen: Wenn die von den Bakterien
produzierten Worte in ihrer Eigenheit bedeutsam wären,
könnte das Ergebnis ihrer Arbeit möglicherweise
Poesie, genauer: aleatorische Poesie genannt werden. Aber in
Genesis sind die von den Bakterien erstellten Worte
selbst nicht bedeutsam. Von dieser Feststellung aus
lässt sich zweifach weiter argumentieren. Zum einen
kann man erneut auf die Lautpoesie als Spielform der
Literatur verweisen und somit Genesis aus der
Perspektive des Textes der digitalen Literatur zuordnen. Zum
anderen kann man die linguistische Bedeutung der von den
Bakterien erstellten Worte gerade in ihrem semantischen
Brüchigwerden sehen (die halb verständlichen Worte
wirken wie der Ausruf oder gar Hilferuf eines degenerierten
Autors) und somit Genesis aus der Perspektive der
Installation der digitalen Literatur zuordnen.
Wie auch immer man die Frage entscheiden mag, es ist klar
geworden, dass die Phänomen der digitalen Ästhetik
mit vielen Grenzfällen konfrontieren. Man ist gut
beraten, jeweils im konkreten Fall zu prüfen, welche
Rolle der Text einnimmt, und im allgemeinen
Kategorisierungen zurückhaltend und provisorisch zu
gebrauchen. Im übrigen wird man in einem Gebiet, dessen
Hauptmerkmal Intermedialität ist, mit mindestens so
vielen taxonomischen Skandalen[41]
rechnen müssen, wie sie in der traditionellen
Literaturwissenschaft existieren was immerhin eine
Kontinuität ist, auf der man aufbauen kann.
________________________________________________
[1]
Ich gebe zu, ich hatte mit meinem Buch „Interfictions“
meinen Teil zur Begriffsdebatte beigetragen und statt der
erhofften Klärung mancher Fragen wahrscheinlich nur
neue produziert. Zu meiner Verteidigung kann ich
hervorbringen, dass das Kapitel „Begriffe, Merkmale,
Typologie“ nur 5 Prozent meines Buches einnimmt,
dessen überweigender Teil durchaus ausführlichen
Fallanalysen gewidmet ist.
[2]
Looy, Jan
Van/Baetens, Jan: Close Reading New Media. Analyzing
Electronic Literature (Symbolae Facultatis Litterarum
Lovaniensis - Series D - Volume 16),
Leuven 2003,
S. 7f.
[3]
Looy/Baetens
2003, S. 8
[4]
Looy/Baetens
2003 und Aarseth,
Espen: Cybertext: Perspectives on Ergodic
Literature.
Baltimore, London 1997,
S. 17
[5]
Looy/Baetens
2003,
S. 8
[6]
Looy/Baetens
2003
und Ryan,
Marie-Laure: Cyberspace Textuality: Computer Technology
and Literary Theory,
Bloomington
1999,
S. 10
[7]
Kac, Eduardo: "Biopoetry", in: Eskelinen,
Markku/Koskimaa, Raine (Hg.):
Cybertext Yearbook 2002-03, University of Jyvaskyla
Press 2003, S. 184-185 (www.ekac.org/biopoetry.html)
[8]
Coyle, Rebecca: "Holography. Art in the Space of
Technology: Margaret Benyon, Paula Dawson and the
development of Holographic Arts Practice",
in:
Philip Hayward (Hrsg.):
Culture, Technology & Creativity,
London 1990, S.
65-88.
[9]
Coyle 1990, S. 73
[10]
Coyle 1990, S. 74
[11]
Simanowski, Roberto: Interfictions. Vom Schreiben im Netz. Frankfurt
a.M.
2002.
[12]
Müller, Jürgen E.:
Intermedialität. Formen moderner kultureller
Kommunikation.
Münster 1996,
S. 83
[13]
Eicher, Thomas/Ulf
Bleckmann
(Hg.): Intermedialität. Vom
Bild zum Text. Bielefeld
1994 und:
Zima,
Peter (Hg.): Literatur intermedial. Musik, Malerei,
Photographie, Film.
Darmstadt
1995
[14]
Der Begriff Netzliteratur bleibt auch dann problematisch,
wenn er vom Internet gelöst und auf
Rückkoppelungsprozesse im Computer oder gar in sozialen
System erweitert wird. Mit dieser Ausweitung des
Netzbegriffs verliert der Terminus Netzliteratur seine
Unterscheidungskraft gegenüber traditionellen
Phänomenen der Literatur, die ebenfalls in soziale
Systeme und gegebenenfalls in den Rückkoppelungsprozess
der Schreibmaschine Computer eingebunden sind.
[15]
Roland Barthes verweist auf dieses Problem am Anfang seines
Essays zur „Rhetorik des Bildes“.
[16]
Schäfer, Jörgen: "Sprachzeichenprozesse.
Überlegungen zur Codierung von Literatur in
alten und neuen Medien, in:
Schröter, Jens/Böhnke,
Alexander (Hg.): Analog/Digital Opposition oder
Kontinuum? Beiträge zur Theorie und Geschichte einer
Unterscheidung, Bielefeld
2004, S. 143-168.
Vgl.
in diesem Zusammenhang Hans H. Hiebels Unterscheidung
zwischen primärer Digitalität (diskret-abgegrenzte
Zeichen) und sekundärer Digitalität
(computerbedingte Digitalisierung der Zeichen) (Hiebel,
Hans H.: Kleine Medienchronik. Von den ersten
Schriftzeichen zum Mikrochip,
München 1997, S.
8).
Digitale Literatur ist mit Blick auf die sekundäre
Digitalität zu verstehen. Es ist darauf hingewiesen
worden, dass die digitalen Medien genaugenommen eigentlich
binäre Medien heissen müssten (Pflüger, Jörg: "Vom Umschlag der Quantität in
Qualität 9,499
Thesen zum Verhältnis
zwischen Analogem und Digitalem", in: Martin Warnke,
Martin/Coy, Wolfgang/Tholen, Georg Christoph
(Hg.):
HyperKult II. Zur Ortsbestimmung analoger und digitaler
Medien, Bielefeld
2005, im Druck),
womit sich selbst der auf den Computer bezogene Begriff der
Digitalität als fragwürdiges Definitionskriterium
entpuppt. Da sich der Begriff der digitalen Medien allgemein
durchgesetzt hat – und in jedem Falle dem noch
ungenaueren der neuen Medien vorzuziehen ist –,
wäre es kaum im Sinne einer einsatzfähigen
Begriffbestimmung, von binärer statt von digitaler
Literatur zu sprechen.
[17]
Eco,
Umberto: "Der Film und das Problem der zeitgenössischen
Malerei", in: Albersmeier, Franz-Josef (Hrsg.): Texte
zur Theorie des Films, Stuttgart 2001, S.
305-320, hier S.
306
[18]
Es handelt sich um Alex Gophers Arrangement "The Child"
(1999), das ein Sample der Jazz-Legende Billie Holliday
nutzt
(http://framework.v2.nl/archive/archive/leaf/other/all.xslt/nodenr-137576).
Zu den Details der technischen Produktion des Clips, zur
Kameraführung und zu einer detailierten Beschreibung
vgl. Reither,
Saskia: "46 Cuts in 3 Minuten. Rhythmisierte
Typografie im Musikvideo »The Child«", in:
Primavesi,
Patrick/Mahrenholz,
Simone
(Hg.): Geteilte
Zeit. Zur Kritik des Rhythmus in den Künsten,
Schliengen
2004.
[19]
Wie Saskia Reither hervorhebt, führt die
Textualisierung andererseits auch zu einer
Destereotypisierung, da architektonische Höhepunkte der
Stadt (das MoMa, Guggenheim, das Chrysler Buidling u.a.)
nicht mehr in ihrer allseits bekannten Form erscheinen,
sondern als Text den anderen Gebäuden zur Seite
gestellt werden. Vgl.: Reither,
2004.
[20]
Da The Child trotz seines Textbezugs dem Genre des
Musik-Videos angehört und als solches erfolgreich im
Kino läuft, steht das Argument der Medientypik in
diesem Falle freilich auf schwächeren Füßen
als im Hinblick auf die Textfilme von David Knobel und
Young-hae Chang Heavy Industries. Ein Paradebeispiel
für die Mediengebundenheit wäre John Cayleys
Overboard (htpp:www.shadoof.net/in/overboard.html),
das in Echtzeit algorithmisch erzeugt wird und somit in der
Tat nicht als Film präsentiert werden könnte.
[21]
Ziegfeld,
Richard: "Interactive Fiction: A New Literary
Genre?",
in: New Literary History. A
Journal of Theory and Interpretation, 20/2,1989, S.
341-372,
hier S. 370
[22]
Joyce, Michael:
"Siren Shapes: Exploratory and Constructive
Hypertexts",
in:
ders.:
Of Two Minds, University of Michigan Press, 1995,
S. 39-59, hier S.
47
[23]
Köllerer,
Christian: "Die feinen Unterschiede. Über das
Verhältnis von Literatur und Netzliteratur"
in:
Literatur und Kritik Nr. 339/340, 1999 - Online:
www.koellerer.de/unterschiede.html
[24]
http://www.camilleutterback.com/textrain.html
[25]
Das Gedicht liest sich in der Originalfassung wie folgt:
I like talking with you, simply that:
conversing, a turning-with or –around, as
in
your turning around to face me
suddenly, saying Come, and I turn
with you, for a sometime
hand under my under-
things, and you telling me
what you would do, where,
on what part of my body
you might talk to me differently.
At your turning,
each part of my body turns to verb.
We are the opposite of
tounge-tied, if there were such an
antonym; we are synonyms
for limbs’ loosening of syntax,
and yet turn to nothing:
It’s just talk.
[26]
Hayles,
N. Katherine: Writing Machines,
Cambridge 2002,
S. 45. Zum Begriff der Transmedialität in
Abgrenzung zur Intermedialität vgl.: Simanowski,
Roberto: "Transmediale Kunst als Phänomen aktueller
Ästhetisierungsprozesse", in: Meyer, Urs/Simanowski,
Roberto/Zeller, Christoph (Hg.):
Paraliteratur - Hybridkultur. Zur Theorie und Geschichte
der Transmedialität,
Göttingen 2006
(in Vorbereitung).
[27]
Dieses Nacheinander der Rezeption zunächst im Modus der
Literatur, dann im Modus der bildenden Kunst folgt dem
Prinzip der Rezeptionswechsels, wie er auch im Falle der
konkreten Poesie vorliegt (vgl. etwa Eugen Gomringers
Schweigen von 1954, in dem man zunächst das
Wort »Schweigen« lesen und in seiner
Bedeutung verstehen muss, bevor man die zwischen den neun
Wörtern »Schweigen« zu sehende
Lücke dazu sinnvoll als Referenz in Beziehung setzen
kann).
[28]
In dem Moment, da das zugrundeliegende Gedicht im
Begleittext der Installation ausgewiesen und somit
zugänglich wird, setzt faktisch die in Roland Barthes'
Essay Rhetoric of the Image unterstrichene
repressive Macht des Textes gegenüber der
Interpretation des Images (in diesem Falle der Installation)
ein (Barthes,
Roland: Image, Music, Text. Essays selected and translated by
Stephen Heath, New York 1977). Insofern das
Publikum das Gedicht erst nach der Begegnung mit der
Installation rezipieren kann, handelt es sich um eine ‘nachträgliche
Repression’ bzw. Korrektur, die die Vollendung der
Interpretation außerhalb der
Installationspräsentation verlegt.
[29]
Zu einer
detaillierteren Auseinandersetzung mit Screen vgl. mein
Interview mit Wardrip-Fruin.
Siehe hierzu: Wardrip-Fruin, Noah: "Digital Literature. Interview
with Noah Wardrip-Fruin", in:
dichtung-digital 2/2004 (www.dichtung-digital.org/2004/2-Wardrip-Fruin.htm)
[30]
Wardrip-Fruin,
2004
und ders.:
"From Instrumental
Texts to Textual Instruments", Vortrag auf Digital Art
and Culture Conference, Melbourne 2003
(http://hypertext.rmit.edu.au/dac/papers/Wardrip-Fruin.pdf)
[31]
Simanowski, Roberto: "Autorschaften in digitalen Medien".
Einleitung
in:
ders. (Hg.), Digitale Literatur, Text &
Kritik, Heft 152, 2001, S. 3-21
und ders.: "Tod
des Autors? Tod des Lesers!", in: Block,
Friedrich/Heibach,
Christiane/Wenz,
Karin (Hg.):
p0es1s. Ästhetik digitaler Literatur/The Aesthetics
of Digital Literature, Ostfildern-Ruit
2004, S. 79-91.
[32]
Eine besondere Form der
Narkotisierung neben Alkoholika und
Rauschmitteln als den üblichen Stimulanzmitteln
ist die Ablenkung des Autors im Prozess des Schreibens, in
dem ihm zum Beispiel, wie in den Experimenten von Getrude
Stein und Leon Mendez Salomon von 1896, zugleich Texte
vorgelesen werden. Vgl.: Schulze, Holger: Das aleatorische Spiel. Erkundung und
Anwendung der nichtintentionalen Werkgenese im 20.
Jahrhundert, München
2000, S. 42.
[33]
Vgl. die von den Surrealisten
erfundenen Cadavre éxquis als populärste
Form des kollektiven Automatismus, in der zwei Spieler
nacheinander je ein Wort schreiben, ohne das vorangegangene
zu kennen.
[34]
Makebelieve arbeitet auf der Basis von 9.000
vorstrukturierten englischen Sätzen, die jeweils auf
einer Rahmenebene (trans-frames) mit Blick auf Verb, Objekt
und Adjektiv katalogisiert und mit dem Attribut
before (cause) oder after (effect) versehen
wurden. Die automatische Texterzeugung erfolgt dann so, dass
zum cause in einem vom User eingegebenen Satz
passende effect-Sätze aus dem katalogisierten
Satzvorrat gesucht werden, wobei das Programm darauf achtet,
dass Verb, Objekt und Adjektiv der zu verbindenen Sätze
eine semantische Relation aufweisen. Auf diese Weise
produziert das Programm in Reaktion auf einen vom User
eingegebenen Satz automatisch einen 5 bis 20 zeiligen Text,
wie etwa den folgenden: "John became very lazy at work.
John lost his job. John decided to get drunk. He started to
commit crimes. John went to prison. He experienced bruises. John
cried. He looked at himself differently."
[35]
Zu einer ausführlichen Diskussion vgl. das Kapitel zu
Erzählmaschinen in meinem Buch Ästhetik des
Spektakels, dessen Erscheinen für 2006 geplant
ist.
[36]
Kac 2003, S. 184
[37]
Kac 2003, S. 184
[38]
http://www.ekac.org/translated.html (10. 3. 2005)
[39]
Wyman,
Jessica: "On
Eduardo Kac's Genesis", in: YYZ's zine, YYZ Artists'
Outlet, Toronto
2003 (www.ekac.org/jessica.yyz.html).
[40]
Tomasula,
Steve: "(GENE)SIS", in:
Dobrila, Peter T.
(Hg.):
Eduardo Kac: Telepresence, Biotelematics, and Transgenic
Art, Maribor 2000,
S. 85-96, Neudruck in: Phillip
Thurtle/Robert Mitchell (Hg.):
Data Made Flesh: Embodying Information,
London,
New York
2003 (www.ekac.org/tomasulgen.html).
[41] Nies,
Fritz: "Für die stärkere Ausdifferenzierung eines
pragmatisch konzipierten Gattungssystems", in: Wagenknecht,
Christian (Hg.):
Zur Terminologie der Literaturwissenschaft. Akten des
IX. Germanistischen Symposiums der Deutschen
Forschungsgesellschaft,
Stuttgart
1988, S.
326-336, hier S.
327
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