von Beat
Suter This essay is an
extended version of a lecture which was held in
Mainz at the Gutenberg University during the
symposion «literatur@internet» on january
21 and 22, 2002. An intended publication of all
contributions to the event did not manifest. Three
years later it may seem odd to publish an essay on
reading hypertexts and the functions and meanings
of hyperlinks. By now most scholars have
"progressed" to researching "other" literary and
art-related digital expressions. “Und
Proust [...] meinte, dass sein Buch wie
eine Brille sei: probiert, ob sie euch paßt;
ob ihr mit ihr etwas sehen könnt, was euch
sonst entgangen wäre [...]. Findet die
Stellen in einem Buch, mit denen ihr etwas anfangen
könnt. Wir lesen und schreiben nicht mehr in
der herkömmlichen Weise. Es gibt keinen Tod
des Buches, sondern eine neue Art zu Lesen.”
(Deleuze,
Guattari)[1]
Innerhalb der deutschen Netzliteraturszene sowie innerhalb
der Theoretikerszene, die sich mit der digitalen
Ästhetik des Phänomens beschäftigt, fixiert
man sich in den Jahren 2000 bis 2002 mehr und mehr auf
multimediale Werke. Der inflationäre Gebrauch des
Begriffs Multimedia ist dabei überdeutliches Zeichen
einer Verschiebung vom Textmedium zu den Multimedia: Der
Text ist nicht mehr unangefochtener Sinnträger, sondern
reiht sich gleichrangig als ein Spielelement neben Ton, Bild
und Animation ein, die alle gleichermaßen in
binären Daten ausdrückbar sind. Doch im Kontext
digitaler Literatur scheint der Multimedia-Begriff
geeigneter zur Beschreibung der Modalität als zur
Bezeichnung eines Genres. Diese Ansicht nimmt lediglich eine
Außenseiterrolle in der Begriffsdiskussion zur
digitalen Literatur ein, denn Multimedia sind in. Die Gefahr
dieses Umstands liegt darin, dass die Lust an technischen
Effekten überbordet und keine semantische Hinterfragung
mehr statt findet: Es muss auf jeden Fall eine
Hypermedia-Lösung her, ganz gleich, ob damit eine
adäquate Lösung gefunden werden kann oder ob dann
am Ende einfach eine technische Ornamentalisierung des
Banalen herausschaut. Letzteres begegnet uns immer
öfters, so etwa in einer Reihe amerikanischer
Designer-Gedichte wie sie das Online-Magazin „Poems
that go“[2]
veröffentlicht: zum Beispiel die Flash-Gedichte „Love
in Death Valley“[3]
von June Hayes und „Sky“[4]
von Mitchell Kimbrough, die beide Ton und Animation
lediglich zur Untermalung des Gedichttextes verwenden.[5] Gerade
durch das große Spektakel, mit dem den multimedialen
Effekten vielerorts begegnet wird, geraten auf der andern
Seite Hypertext und Hyperlink mehr und mehr aus unserem
Gesichtsfeld heraus, obwohl sie die Basis schufen, mit denen
die multimedialen Dichter und Künstler nun weiter
arbeiten. Dabei sind wir eigentlich erst daran, uns
allmählich auf den elektronischen Hypertext
einzustellen. Die Hypertext-Ära ist noch längst
nicht zu Ende. Lediglich eine Minderheit der Internet-User
ist heute mit dem Konzept des Hypertexts wirklich vertraut.[6]
Die meisten Menschen haben nicht gelernt, wie mit einem
Hypertext umgegangen wird. Das gilt nicht etwa nur für
Leser und Surfer, sondern auch für viele Autoren und
Produzenten von Webseiten.[7]
Das zeigte sich auch überaus deutlich beim „literatur.digital“-Wettbewerb
2001.[8]
Unter den zahlreichen Beiträgen fanden sich einige, die
ihr neues Trägermedium lediglich wie ein Printmedium
nutzen. Der Beitrag „Neben mir“ des Autors
Wolfgang Flür zeigt exemplarisch, wie das „unbekannte“
Medium Internet falsch eingeschätzt werden kann. Der
Text von Flür ist von literarischer Qualität, die
medialen Erweiterungen sind aber nichts weiter als Staffage
einiger weniger Geräusche und Bilder, die den guten
Text teils kippen lassen. Glücklicherweise kommt der
Autor selbst zum Schluss, dass sein Versuch in Netzliteratur
nicht hingehauen hat. Er will sich fortan denn auch wieder
aufs traditionelle Schreiben und Publizieren konzentrieren.[9]
Leser
wie Autoren müssen sich zuerst an die multilinearen
Informationsbereiche gewöhnen. Und da hilft nichts
anderes als sich Zeit nehmen und Erfahrungen sammeln im sich
Zurechtfinden in großen, vernetzten Textmengen, im
Schreiben von Hypertexten und allenfalls im Zusammenstellen
von nützlichen Webseiten, um eine Hypertext-Kompetenz
zu erlangen. Davon ist die Mehrheit der Internet-User weit
entfernt, dies meint auch der Web-Usability-Spezialist Jakob
Nielsen. Er prognostiziert ”das Schreiben von guten
Hypertexten in größerem Umfang, wenn das Web voll
entwickelt ist und wenn Benutzerbedürfnisse befriedigt
werden, anstatt dass sich Webnutzer von der Neuartigkeit des
Mediums blenden lassen“[10]
– das wird in etwa fünf bis zehn
Jahren sein. 1.
Wie werden Links von den Literaturwissenschaftern
verstanden, die sich mit Netzliteratur und Hyperfiction
abgeben? Heiko
Idensen, einer der ersten deutschen
Hyperfiction-Pioniere, ist der Überzeugung, dass die
Poetik eines Links keineswegs in der bloßen Anspielung
liegt, sondern sich in einem wirklichen Sprung vollzieht.
Nicht metaphorische oder implizite Bezugnahme mache die
Poetik des Links aus, sondern eine tatsächliche
Kopplung von Elementen. Er spricht daher von einer Poetik
des Transports. Da
ein Text stets mit anderen Texten gekoppelt ist, wird bei
Idensen jeder Text so zu einem Intertext. „Jeder Text
schreibt sich ein in ein intertextuelles Ensemble
künstlerischer / kultureller / formaler / kanonischer /
biographischer Konstellationen. Jedes Wort produziert
Bedeutungen erst im Kontext der umgebenden sprachlichen
Einheiten – alles Geschriebene ist 'Zitat': Entwendung
gelesener Schriften. Neu ist allein die konkrete
Zusammenschaltung sämtlicher Lese- und
Schreibvorgänge im Netz – auf einer einzigen
Oberfläche.“[11] Bei
der amerikanischen Literaturwissenschafterin und
Schriftstellerin J. Yellowlees Douglas, die seit mehr
als zehn Jahren zum Thema Hypertext arbeitet, taucht der
Begriff des „zentrifugalen Lesens“
auf.[12]
Sie
beschreibt damit eine unterschiedliche Art des Lesens, die
sich vor allem durch rekursive und konditionale Hyperlinks
ergeben kann. Durch Rekursion, Konditionalität und
anfängliche Unkenntnis von Umfang und
Narrationssträngen wirkt eine zentrifugale Kraft auf
den Leser einer Hyperfiction, so dass mancher sich vorkommt,
als bewege er sich lediglich im Kreis bzw. als ob er aus der
Geschichte hinaus geworfen werde. Freiheit
und Beschränkung liegen nahe beisammen. Hypertext ist
für Douglas ebenso ein Konzept wie eine Form von
Technologie. Leser interaktiver Narrationen können die
neu gefundene Freiheit der Auswahl und der Entscheidungen
genießen und selber bestimmen, wie das Ende der Story
aussehen wird. Doch andererseits wird bei vielen
Hyperfictions durch das Erkennen der limitierten
Auswahlmöglichkeiten klar, dass ein Hypertext-Leser
(beinahe) so eingeschränkt ist wie der Leser eines
konventionellen Textes, denn auch er begegnet ständig
Determinationen im Text und in der Knotenstruktur, die er
nicht umgehen kann. Eine solche Erkenntnis widerspricht der
verbreiteten Meinung, dass Hypertext einen nicht endenden
Text darstellt, der von der Dominanz des Lesers befreit
wurde. Immerhin: Der Leser findet dank der Hyperlinks eine
relative Freiheit, die ihm erlaubt, die Erfüllung zu
determinieren, aus der das Ende bereitet wird. Karin
Wenz beschreibt die Links in Hyperfictions als
Konjunktionen. Was „im traditionellen Text implizit
durch eine Vielzahl von Möglichkeiten der Junktion oder
auch des intertextuellen Bezugs erhalten war“, wird im
Hypertext explizit gemacht.[13]
Hyperlinks übernehmen dabei die Rolle der
Exteriorisierung von Relationen. Vergleicht man dabei
Hyperlinks mit Junktionen, so übernehmen Links laut
Wenz nicht integrative Funktion, sondern vor allem
aggregative Funktionen. Diese aggregativen Funktionen von
Links lassen sich erst im Nachhinein als temporal, kausativ,
additiv, adversativ etc. konkretisieren.[14]
Der
Frankfurter Literaturwissenschafter Uwe Wirth
wiederum konstatiert ein „Abduktives Lesen“. Der
Leser eines Hypertextes „übernimmt die Rolle
eines abduzierenden Detektivs, der die Spuren des Hypertexts
liest, den Links folgt und einen plausiblen Zusammenhang
zwischen den verschiedenen Textfragmenten herstellt. Die
Gefahr dabei liegt in einer rhizomatischen
Alles-ist-möglich-Verlinkung, die „willkürliche
Kohärenzbedingungen herstellt und Grenzen verwischen
kann zwischen relevanten und irrelevanten Aspekten“[15].
Wirths Hypertext-Lektüre entspricht der eines
diskursiven Spaziergangs. Roberto
Simanowski stellt in seiner Einleitung des Text +
Kritik-Bandes Digitale Literatur einen Vergleich
zwischen dieser Ansicht des peripathetischen Lesens von Uwe
Wirth und der Ansicht einer notwendigen Orientierung an.[16]
Simanowski bezieht sich dabei auf meine Beschreibung des
Lesers als Orientierungsläufer[17],
der nicht zuletzt auch an den Labyrinthtopos anknüpft.
Simanowski dazu: „Was auf den ersten Blick als
Flanieren durch die bereitgehaltenen Diskursangebote
erscheint, erweist sich auf den zweiten Blick als notwendige
Orientierung. Das Phänomen der diskursiven Abschweifung
bedeutet rezeptionsästhetisch fortwährend die
Option von Absprung oder Aufschub. Die Leser müssen bei
jedem Link entscheiden, ob sie den angebotenen Absprung aus
dem Text sofort vornehmen oder bis zur Beendigung des
laufenden Textes verschieben wollen.“[18]
2.
Pragmatischer Ansatz Von
den unterschiedlichen Hyperlink-Konzepten[19]
soll letzteres in den folgenden Abschnitten etwas genauer
erläutert werden, dies mit einem eher pragmatischen
Ansatz zum Verständnis des Hyperlink und der
Lektüre von Hyperfictions. Die Fragestellung ist in
erster Linie eine rezeptionsästhetische: Ist der
Hyperlink Pause, Leerstelle oder Flucht? Zuallererst
einmal ist der Hyperlink eine Schnittstelle eines Textes,
ein Ort, ein Interface beziehungsweise ein Interface
innerhalb eines Interfaces. Ein Hyperlink ist eine
Markierung einer elektronischen Textstelle auf einem
Bildschirm. Der Link besteht aus einem Anker und einem Ziel.
Der Anker ist ein Wort, Bild oder Multimedia-Element, das in
HTML als ebensolcher ausgezeichnet ist und auf das Ziel
verweist. Das Ziel selbst ist an sich nicht ausgezeichnet,
die Adresse des Ziels kann im Normalfall (ohne
Skriptverwendungen) beim Berühren des Links in der
Statuszeile erkannt werden. Das Ziel kann einfach nur ein
Dokument sein, es kann aber auch eine bestimmte
gekennzeichnete Stelle innerhalb eines Dokuments sein. Der
Beliebigkeit sind so selbstverständlich Tür und
Tor geöffnet, denn mit diesem System ist es
möglich, alles mit allem in Beziehung zu setzen.
Trotzdem wird das im Grossen und Ganzen so nicht getan, und
es spielen im Prinzip in Hypertext-Netzwerken dieselben
semantischen Regeln wie in traditionellen Texten und
Textkonvoluten. 2.1.
Lektüre von Hypertexten Aller
Anfang ist bekanntlich schwer, dies besonders dann, wenn die
Pfade nicht einfach linear und gut sichtbar weiter
führen. Einem Leser bieten sich in elektronischen
Hypertexten Netzwerke von Möglichkeiten an, in denen er
sich zurecht finden muss. Seine Lektüre gleicht einer
Spurensuche, wie sie etwa von Wirth beschrieben wird. Der
Leser sammelt Informationen, orientiert sich, fällt
Entscheidungen und legt sich so Schritt um Schritt einen
eigenen Narrationspfad, der durchaus auch ganz woanders
durchführen könnte. Dieses Vorgehen kommt einer
detektivischen Tätigkeit recht nahe. Zentral
für eine Lektüre sind dabei die Hyperlinks. Neben
den Texteinheiten bilden die Hyperlinks als zentrale
Verknüpfungs- und Entscheidungselemente von
Textsequenzen den zweiten grundsätzlichen Baustein, aus
dem eine Hyperfiktion besteht. Während die Gesamtheit
der Textelemente den eigentlichen Text darstellt, sind die
Links diejenigen Elemente, die einen Hypertext
überhaupt erst konstituieren. Der Link ist also das
signalstärkste Element eines Hypertextes. Hyperlinks
arrangieren Zuordnungen von Sequenzen oder Episoden, bzw.
Text- und Skripträumen, sie organisieren damit
Text-Territorien und bringen ein Element der Aktion in den
Text ein, das sich vom Umblättern einer Buchseite
fundamental unterscheidet. Idensen beschreibt diese Aktion
wie gesehen als Transport oder Sprung. Sobald man
nämlich einen Link anwählt, vollzieht man einen
Sprung zu einem anderen Dokument, in einen andern Textteil,
in eine andere Episode. Topografisch gesprochen vollzieht
man einen Sprung in einen anderen Raum, in einen anderen
Text- oder Skriptraum. Der
Hyperlink macht also ein sprunghaftes Voranschreiten
zwischen Lese- bzw. Erzähleinheiten möglich. Er
ermöglicht so ein direktes Anknüpfen an
Ereignisse, das heißt ein direktes Beschreiten von
Assoziationen. Der Leser kann so eine eigene Anordnung der
zur Verfügung stehenden Textsequenzen erstellen und
einen individuellen Leseweg beschreiten. Der Leseweg wird
durch die Auswahl und Anwahl der Links bestimmt. Jeder
angetroffene Hyperlink aber verlangt von uns eine
Entscheidung. 3.
Pause zur Entscheidungsfindung: Aufschub oder Ausstieg Wir
wissen, dass wir über das Anklicken eines Links an
einen neuen Ort gelangen. Wenn wir jedoch das Anwählen
des Links aufschieben, können wir noch eine Weile in
der aktuellen Sequenz verbleiben. Ein Link bietet uns also
nicht nur die Freiheit der Wahl (Option), sondern auch den
Zwang, sich zu entscheiden, ob nun die aktuelle Sequenz
verlassen und eine neue Perspektive geöffnet werden
soll. Dabei legen wir eine kurze Lektürepause ein.
Konkret stellt sich dem Leser in dieser Pause vor jedem Link
die Wahl zwischen den drei Möglichkeiten ‘ja’,
‘nein’ oder ‘noch nicht’. Während die
Ja-Entscheidung sofort zur neuen Texteinheit führt,
erscheinen ‘nein’ und ‘noch nicht’
vorerst identisch. Die Entscheidung des ‘noch nicht’
jedoch lässt mehr Spielraum offen, da sie immer auch
ein Zurückkommen auf den bereits getroffenen ‘Ja/Nein-Entscheid’
beinhaltet. So löst das ‘noch nicht’ in den
meisten Fällen das ‘nein’ auf – und
übrig bleiben lediglich die beiden Möglichkeiten ‘ja’
und ‘noch nicht’. Auf diese Unterscheidung nimmt
auch Markus Krajewski Bezug. Er sieht in diesem Aspekt des
Zwiespalts die Derridasche Unterscheidung des Begriffs ‘différance’
umgesetzt[20]:
einerseits die Abweichung und andererseits der Aufschub, die
Verschiebung. 4.
Leerstelle „Leerstellen“
bezeichnen bei Wolfgang Iser die Aussparungen im Text, die
eine Besetzung durch den Leser verlangen.[23]
Der Leser leistet durch die Besetzung der Leerstelle eine
Arbeit, die Iser selbst zumindest als „Betätigung
des Lesers im Text“ wertet.[24]
Die
zuvor festgestellte Lektürepause bei einem Hyperlink
könnte auf eine solche Leerstelle hinweisen. Dies
hieße, ein Hyperlink ließe sich unter dem Aspekt
einer Leerstelle betrachten. Iser konstatiert, dass der
Leser anhand der Leerstellen bisher verfügbare
Textteile kombinieren muss und deren Positionen bestimmen
soll. Diese Kombinationsleistung[25]
übt einen verstärkenden Einfluss auf die Wirkung
des literarischen Texts aus. Eine solche
Kombinationsleistung wird im Hypertext vom gesetzten
Hyperlink selbst geleistet.
Das heißt, dem Leser stellt sich nun die Aufgabe, die
Offenheit des Textes in der Lektüre zu schließen.
Der Leser kann aber die Leerstelle nur dann selbsttätig
schließen, wenn der Text ihm auch diese
Möglichkeit einräumt. Die Offenheit des Textes ist
also nur scheinbar der Freiheit des Lesers überlassen.
Genauso ist es beim Hyperlink. Die Vorstellung, wohin ein
Link führt, mag relativ offen sein. Was der Link dann
tut, ist eindeutig und vorgegeben. Mathez
konstatiert, dass Iser über die zentrale Funktion des
Werks das Autorkonzept beibehält. Der sich verdichtende
Widerspruch zwischen Offenheit und Steuerung durch die
Leerstellen macht deutlich, dass das Füllen der
Leerstellen nicht als Aufforderung zur realen Partizipation
des Lesers an der Textproduktion zu verstehen ist, sondern
als Impuls zur Rezeptionstätigkeit innerhalb der vom
Text beziehungsweise vom Autor vorgegebenen
Grenzen.[31]
Immerhin
bieten die Leerstellen dem Leser eine Chance zur Mitarbeit
und Sinnkonstitution. Iser nennt dies unter anderem auch
eine „kontrollierte Betätigung des Lesers im Text“.
Diese bis zu einem gewissen Grad fingierte Mitarbeit
lässt den Leser die von ihm komponierte Intention nicht
nur für wahrscheinlich, sondern auch für real
halten. Dies, so bemerkt bereits Iser selbst, ist
beispielsweise auch kennzeichnend für „gute
Propaganda“ und „gute Reklame“, die immer
mit dem Leerstellentyp der offen gelassenen, wenngleich
gelenkten Ja/Nein-Entscheidung arbeiten.[32]
5.
Hyperlink als Diskursunterscheidung Der
rezeptionsästhetische Aspekt des Hyperlinks als
Leerstelle, greift aber wohl diskurstheoretisch etwas zu
kurz, denn er berücksichtigt die Beziehungen zwischen
zwei Einheiten, die ein Hyperlink ja in erster Linie regelt,
als solche zu wenig. Hyperlinks stellen immer Beziehungen
zwischen zwei Einheiten, Themen oder Objekten dar. Deshalb
machen Diskursunterscheidungen auch für Hyperlinks
Sinn. In meiner Arbeit zu „Hyperfiktion und
interaktive Narration“[33]
versuche ich einige wichtige Unterscheidungen
darzulegen. 5.1.
Narrationspfade Elektronische
Hypertexte zeichnen sich oft dadurch aus, dass sie keinen
eindeutigen Narrationspfad vorgeben, sondern ganze Netzwerke
von Möglichkeiten anbieten. Raum und Zeit nehmen dabei
wie in traditionellen Texten eine zentrale, ‘erzählungskonstituierende’
Rolle ein. Raum- und Zeitdimensionen werden in
Hyperfiktionen über das Prinzip des Weges
verknüpft. Anhand einer einfachen Hyperfiktion wie ‘Zeit
für die Bombe’ von Susanne Berkenheger kann man
feststellen, dass die Texteinheiten den fiktiven Raum
generieren, während die Links die Zeitdimension
liefern, bzw. mittels Links eine Zeitdimension erstellt
wird. Eine Geschichte entwickelt sich erst durch die
Verknüpfung von Raum und Zeit, welche der Leser durch
das Aktivieren der Links vornimmt. Durch das Anklicken eines
Links aber wird der Leser zeitlich sowie räumlich
transportiert, er unternimmt quasi eine Reise. Dieser
Vorgang wiederholt sich, sobald die nächste Texteinheit
gelesen und ein neuer Link angewählt worden ist: Die
Reise führt nun eine Etappe, bzw. Episode weiter. Beim
Lesen einer Hyperfiktion geschehen so zahlreiche Transporte,
die als ganzes eine Kette ergeben, bzw. die Spur des Lesers
durch eine Datenansammlung darstellen. Aus der Sicht des
Lesers entsteht ein Pfad, ein selbst bestimmter Reiseweg,
der sich im nachhinein auch ohne weiteres zurück
verfolgen lässt. Ein wichtiger Aspekt, denn der Leser
befindet sich in einer vorerst unübersichtlichen,
labyrinthischen Struktur, in der das Legen einer Spur wie im
antiken Mythos des Minotaurus oder im Grimmschen
Märchen von Hänsel und Gretel eine vorrangige
Bedeutung erlangt. Das Legen der Spur – in den
WWW-Browsern bequem automatisiert mit dem Anlegen eines
Verlaufsprotokolls (‘History’) – ist eine
notwendige Voraussetzung, um die Orientierung innerhalb
eines Rhizoms zu finden bzw. zu behalten, denn nur das
Zurückverfolgen (‘Retracing’) der eigenen
Spur ermöglicht ein gezieltes zweites Hinsehen (‘Rereading’)
und das Wiedererwägen einiger Entscheidungen. Der Pfad,
den der Leser aus den multiplen Möglichkeiten einer
Hypertext-Fiktion auswählt, erhält durch das
Beschreiten narrative Eigenschaften, die ihn von jedem
andern Pfad im gleichen Text unterscheidet. Es entsteht ein
eigenwilliger Weg durch den fiktiven Raum mit einer ihm
eigenen Erzählzeit sowie einer eigenen Geschwindigkeit
und Dauer. Dies allerdings ist ein Analogon zu einer
Erzählung in Buchform, nur bietet jene meist lediglich
einen einzigen Weg an, da sie in der Regel der
Linearität des sprachlichen Signifikanten
gehorcht. 5.2.
Exploring Im
Grunde genommen unterscheiden sich Cybertexte
(Hyperfiktionen eingeschlossen) und konventionelle Texte vor
allem in einem: der direkt möglichen Navigation –
egal mit welchen Mitteln diese vonstatten geht. Der Leser
oder Datensurfer findet sich dabei in der Situation eines
Orientierungsläufers, der mit persönlichem Gewinn
auf die Suche geht – mit dem Unterschied allerdings,
dass ein Orientierungsläufer sich um Einhaltung der
richtigen Orientierung bzw. des Anlaufs der Punkte in
richtiger Reihenfolge bemühen muss, während es
für den Leser einer Hyperfiktion grundsätzlich
einmal keine falsche Orientierung gibt, er sich also
durchaus einen unbeschwerten Spaziergang erlauben darf. 6.
Flucht Zu
Beginn haben wir festgestellt, dass Hyperlinks Zuordnungen
von Text- und Skripträumen arrangieren und haben analog
zu Idensen die ausgeführte Aktion beim Linkvollzug als
Sprung bezeichnet. Diesen Sprung in einen anderen Text- oder
Skriptraum können wir auch unter dem Aspekt der Flucht
betrachten. Dies leuchtet insbesondere dann ein, wenn aus
einem Text hinaus in ein neues externes Dokument gesprungen
wird, das keine unmittelbare narrative Kohärenz mit dem
Ausgangsdokument aufweist. Der Sprung wird hier zum Absprung
und die Aktion zur Flucht aus dem Text. Christian Bachmann
formuliert dies folgendermaßen: „Verstehen wir
Text als Zusammensetzung von Scriptons, so entspricht ein
Hyperlink einem potenziellen Deterritorialisierungsvektor
innerhalb der Erzählung, weil er ganz konkret die
Flucht von einem Text anbietet.“[34]
Auch bereits bei der Beschreibung des Aspektes der Pause
konnten wir verfolgen, dass das Anklicken eines Links den
sofortigen Ausstieg aus der aktuellen Textsequenz bedeutet
und der Lesevorgang innerhalb einer Lesesequenz abgebrochen
wird. Dieser Ausstieg ist gleichsam eine Flucht, die an
einem anderen Ort zum Start einer neuen Lesesequenz
führt. Auch
unter dem Aspekt der Flucht ist der Hyperlink selbst (als
Wort, Satzteil, Bild etc.) immer ein lesbarer Text, der zu
einem Ort der Konkretisation werden kann. Der bereits
beschriebene Aspekt des Hyperlinks als Pause impliziert,
dass Hyperlinks stets Stellen erhöhter Aufmerksamkeit
im Text sind. Diese Stellen verlangen wie gesehen
Entscheidungen und bringen Unterscheidungen zum Ausdruck.
Bachmann beschreibt nun daraus ein Paradox des Hyperlinks,
der versucht, „dem unendlich heterogenen Feld an
Semantiken und Assoziationen seiner Leser zu genügen“[35],
doch schließlich lediglich jenen Sprung
auszuführen vermag, den der Autor oder Herausgeber
angelegt hat. Der Leser nimmt also keine wirklich kreative
Rolle ein, sondern leistet lediglich den Nachvollzug fremder
Assoziationen. „ Die kreativen Momente entstehen
vielmehr in der Arbeit an den Text-Territorien, welche sich
der Leser zusammenstellt, um einen Link und dessen
komprimierte Dichte zu interpretieren.“[36]
Diese Ansicht entspricht nicht
zuletzt auch der im Abschnitt „Leerstelle“
geäußerten Ansicht, dass der Hyperlink nicht zur
Partizipation an der Textproduktion einlade, sondern
vielmehr als Impuls zur Rezeptionstätigkeit innerhalb
der vom Text beziehungsweise vom Autor vorgegebenen Grenzen
zu verstehen sei. Der Hyperlink selbst nimmt also laut
Bachmann eine reterritorialisierte Komponente innerhalb
einer Hyperfiktion ein. 7.
Konklusion: Auktoriale Hervorhebung von Text Ein
Hyperlink mag zwar vorgeben, dass der Leser die Kontrolle
über den Text erhält, in Wahrheit aber erhält
der Leser lediglich Kontrolle über seine eigenen
Assoziationen bzw. gedanklichen Verbindungen der
Text-Territorien bzw. Scriptons, die er während seiner
Lektüre anlegt. Der Autor oder Herausgeber bestimmt
über den Hyperlink. Das heißt: Der Hyperlink ist
eine auktoriale Hervorhebung von Text.[37]
Ein
Link muss nicht auf den Text verweisen, den sich der Leser
vorstellt, sondern ist eine markante Stelle im Text (Pause,
Leerstelle, Absprungsort), die den Leser anspricht oder auch
nicht. Der Autor oder Herausgeber bestimmt ganz alleine
darüber, wie diese Stelle aussieht und wo er sie setzt.
Er wird dabei in der Regel versuchen, die Vorstellungen
seiner Leser einzubeziehen, sei dies nun affirmativ oder
kontrastiv, hierbei sind ihm jedoch Grenzen gesetzt. Dem
Leser bleibt die Interpretation der Leerstelle aufgrund
seiner bisherigen Lektüre bzw. der Text- und
Linkkonstellationen, denen er bereits begegnet ist und die
er nun im vorliegenden Text-Territorium
vorfindet. Deutlich
tritt dieses auktoriale Prinzip in der neuesten Hyperfiction
von Susanne Berkenheger zu Tage. Ist die Auktorialität
in der Hyperfiction „Zeit für die Bombe“
noch nicht ausdrücklich thematisiert, aber durchaus
präsent, indem einige Sequenzen filmmässig
ablaufen und lediglich eine beschränkte Zahl von
Wahlmöglichkeiten für den Leser bestehen, so wird
sie in „Hilfe! Ein Hypertext aus vier Kehlen”[38]
bereits deutlicher , wenn die Fensterchen
ihre Dialoge miteinander führen, die jeweils lediglich
eine oder höchstens zwei Repliken erlauben. In der
neuen Hyperfiction der „Schwimmmeisterin“[39]
geht Susanne Berkenheger noch einen Schritt weiter: Die
Erschafferin der Schwimmmeisterin und die Konstrukteurin des
Sprudelbades gewinnt nämlich nicht nur inhaltlich,
sondern auch technisch die Kontrolle über den ganzen
Text zurück. Der Leser als Praktikant der
Schwimmmeisterin muss einen Virus laden, damit er Zugang zu
den Geschehnissen erhält. Ein zweiter Mauszeiger
übernimmt danach automatisch die Kontrolle über
die Anwahl des Hyperlinks und degradiert den
Hyperfiction-Surfer zum Beobachter, der nicht mehr
eingreifen kann, denn er kann lediglich noch die Pfadwahl
des Autors nachvollziehen. Bei Berkenheger befreit sich der
Autor also von der neu gewonnenen Freiheit des Lesers als
Mitautor. Selbst die Wahl des Pfades gehört wieder dem
Autor. Oder aus der Sicht des Lesers formuliert: Die offenen
Möglichkeiten des Hyperlinks werden zurückgenommen
und die auktoriale Hervorhebung des Textes betont. Der Leser
wird vom Autor gegängelt.
[1]
Deleuze, Gilles, u. Guattari, Félix: Rhizom. Berlin
1977, S. 40. [2]Sapnar,
Megan und Ankerson, Ingrid u.a.: poems that go. Dito. 2002.
< http://www.poemsthatgo.com/index.htm>
(08.09.2002). [3]June
Hayes: Love in Death Valley. Poems that go. 2000.
<http://www.poemsthatgo.com/gallery/fall2000/deathvalley/launch.html>
(08.09.2002). [4]
Mitchell Kimbrough: Sky. Poems that go. 2002.
<http://www.poemsthatgo.com/gallery/summer2002/sky/index.htm>
(08.09.2002). [6]Verschiedene
Usability-Studien zeigen ein deutliches Bild dieses
Kompetenzmankos bei den sogenannten „gewöhnlichen
Usern“ von Webseiten. So die Studie von Zeix Ende
2001, welche das Wissen von Zürcher Surfern
exemplarisch in Straßeninterviews untersuchte und
dabei feststellen musste, dass 80 Prozent der Surfer ein
ungenügendes Basis-Wissen aufweisen. Zeix: „Was
wissen Zürcher übers Internet?“ In: Zeix
Homepage. (2001). <http://www.zeix.com/usability/reports.htm>
(19.03.2005). [7]Dass
manche Webdesigner und –publisher ebenfalls Mühe
haben im Umgang mit der Präsentation und Nutzbarmachung
der Informationen im Web durch Hypertext und sich oft durch
technische Möglichkeiten zu Konstruktionen verleiten
lassen, die dem User das schnelle Finden von Informationen
erschweren, zeigen diverse Usability-Studien und –Artikel
in Fachzeitschriften. So der Artikel von Gerhard Himmelein
in c’t oder der Beitrag des Autors dieses Aufsatzes in
Marketing und Kommunikation: [10]
Nielsen, Jakob: Designing Web Usability. München 2000,
S.15. [11]
Idensen, Heiko. „Hyperdis.“ Hyperdis. 2002.
<http://www.hyperdis.de>
(11.01.2002). [12]
Vgl. Douglas, J. Yellowlees: The End of Books – or
Books without End? Ann Arbor: The University of Michigan
Press 2000. [13]
Vgl. Wenz, Karin. „Eine Lese(r)reise: Moving text into
space.“ In: Arnold, Heinz Ludwig / Simanowski,
Roberto: Digitale Literatur. Text + Kritik Heft 152.
München: edition text + kritik 2001, S. 43 – 53. [16]
Vgl. Simanowski, Roberto: „Autorschaften in digitalen
Medien.“ In: In: Arnold, Heinz Ludwig / Simanowski,
Roberto: Digitale Literatur. Text + Kritik Heft 152.
München: edition text + kritik 2001, S. 3 – 21,
S. 8.) [17]
Vgl. Suter, Beat:: Hyperfiktion und interaktive Narration im
frühen Entwicklungsstadium zu einem Genre. Zürich:
update Verlag 2000, S. 159f. [18]
Simanowski 2001, S. 8. [19]
Weitere interessante hier nicht
berücksichtigte Link-Konzepte liefern zum Beispiel Jim
Rosenberg und Hanjo Berressem. Jim Rosenberg ist der
Überzeugung, dass Hyperlinks aus Bildschirmelementen
Schalter oder „GO TO-Befehle“machen. Und Hanjo
Berressem beschreibt den Hyperlink als Falte: Der neue
Textabschnitt falte sich uns entgegen. Der Leser mache dabei
keine räumliche Bewegung von einem Ort zum
nächsten. [20]
Vgl. Krajewski, Markus: Spür-Sinn: Was heißt
einen Hypertext lesen? In: Gräf, Lorenz und Krajewski,
Markus (Hgg.): Soziologie des Internet: Handeln im
elektronischen Web-Werk. Frankfurt a. M.: Campus 1997, S. 60
– 78, S. 63f. [21]
Dementsprechend sieht Uwe Wirth eine Hauptfunktion des
Hypertextes darin, dass er es darauf anlege, den Lesefluss
mit Links zu unterbrechen und den Leser in einen „Taumel
der Möglichkeiten“ zu stürzen.
[22]
Berkenheger, Susanne: Zeit für die Bombe. Wargla. 1997.
<http://www.wargla.de/index.htm>
(08.09.2002). [23]
Vgl. Iser, Wolfgang:
Der Akt des Lesens: Theorie ästhetischer Wirkung.
München: Fink 1994 (1976), S. 266ff. New York:
Routledge 2000, 3. [24]
Iser 1994, S. 267. [25]
Vgl. Iser 1994, S. 284. [26]
Vgl. Mathez, Judith: "Wie soll die Geschichte weitergehen?"
Konkreative Kinder- und Jugendliteratur. CD-ROM.
Lizentiatsarbeit Universität Zürich 2000
(unveröffentlicht). [27]
Vgl. Iser 1994, S. 315. [28]
Vgl. Iser , Wolfgang: Der implizite Leser:
Kommunikationsformen des Romans von Bunyan bis Beckett.
München: Fink 1991 (1972), S. 249. [30]
Iser 1994, S. 329. [31]
Vgl. Mathez 2000, Abschnitt zu Isers Leerstellen. [32]
Vgl. Iser 1994, S. 296. [33]Vgl.
Suter 2000, S. 139ff. [37]
Vgl. Bachmann 2000, S. 64f. [38]
Berkenheger, Susanne: Hilfe! Ein Hypertext aus vier Kehlen.
Zürich: update Verlag 2000. Siehe: <http://www.cyberfiction.ch/hilfe.html>
(19.03.1005). [39]
Berkenheger, Susanne: Die Schwimmmeisterin.
Netzliteratur.net. 2002. <http://www.schwimmmeisterin.de>
(19.05.2005). ***This
essay is an extended version of a lecture which was held in
Mainz at the Gutenberg University during the symposion
"literatur@internet" on january 21 and 22, 2002.
(back)
Der
Hyperlink in der Lektüre
Pause,
Leerstelle oder Flucht?
But the situation in early 2002 was not that much
different. The year before scholars of new media
and journalists of the old media had announced the
death of hypertext and the triumph of multimedia.
Everyone seemed to agree on the banality of
hypertext and its foremost praised element
hyperlink. This was exactly the time when hypertext
had in fact just established itself among the
masses of electronic network users as a
communication standard. They would have needed more
support on how to live with hypertext. But since
hypertext was now a standard for the masses it
seemed no longer of interest to the academic
community which prior to this shift was heavily
involved in researching literary hypertexts and
related digital literature.
At that point I tried looking into what had been
established by the scholars so far. I put on
"Proustian glasses" which according to the
introductory quote will be the hypertext, checked
if they fitted me and took a closer look at what
others don't see anymore – the "important
locations in a text", the topoi, the underlined
passages, alas: the hyperlinks.
Hyperlink-Beispiel
1: Der Aspekt des Transports: Der
Link transportiert uns
augenblicklich
in einen völlig neuen Text – hier die
Inhaltsseite des digitalen Werks „kill the poem“
von Johannes Auer und Reinhard Döhl.
Hyperlink-Beispiel
2: Potenzieller Hinauswurf: Der Link wirft
uns aus dem ursprünglichen
Text –
hier manifestiert sich der Hinauswurf durch das
unerwartete Erscheinen einer Error-Page, da die
gewünschte Seite gerade Kaffepause macht.
Hyperlink-Beispiel
3: Junktion: Der Link verbindet
die Szenen
der „Aaleskorte der Ölig“nach
vorgegebenen Kombinations- bzw. Wahlmöglichkeiten –
hier die Übersicht der Szenenzusammenstellung des
Drehbuchs für den „Film“, nachdem der
Leser die Szenen miteinander verknüpft hat. Und
hier
stellen Sie
ihren Film selbst zusammen.
Hyperlink-Beispiel
4: Diskursiver Spaziergang: Die Spurensuche
im Internetkrimi
„Spätwinterhitze“ von Frank Klötgen – der
Leser kommt nur schrittweise voran. Und
hier
ist die Startseite
der Ende 2004 erschienenen „Spätwinterhitze“.
Hyperlink-Beispiel
5: Notwendige Orientierung: Ohne klare Navigation geht
nichts, digitale Literatur, wissenschaftliche Essays,
Events und rhizomatische Erweiterungen werden mittels
"Dynamic Layers" metaphorisch illustriert, damit der
gewünschte
Link zu den Essays,
der mit einem Buch illustriert ist, schnell gefunden
wird.
Hyperlink-Beispiel
6: Link als signalstärkstes Element: Die
„Imaginäre
Bibliothek“
von Heiko Idensen und Matthias Krohn (1994) teilt dem
Link unverkennbar die wichtigste Rolle im Text zu. Und
hier
geht es zur Online-Version und
Dokumentation
der imaginären Bibliotek, der Vorläuferin aller
Wikipedias, Assoziations-Blaster und literarischen
"Alphabetereien".
Der Noch-Nicht-Entscheid ist aber nichts weiteres als ein
Aufschub. Der Leser verzögert die Entscheidung, weil er
noch nicht genügend Informationen zur Wahl des Links A
gesammelt hat. Er liest lieber zuerst einmal die gesamte
Textsequenz zu Ende, um eventuell dann in einer
Relektüre zu diesem Link zurückzukehren.
Anders die Wirkung der Ja-Entscheidung: Das schnelle
Anklicken des Links A hat einen sofortigen Ausstieg aus der
aktuellen Textsequenz zur Folge. Der Lesevorgang innerhalb
einer Lesesequenz wird damit abgebrochen, und der Leser
steigt aus der aktuellen Sequenz aus. Dieser Ausstieg (auch
Abweichung) ist aber zugleich wieder Einstieg in eine neue
Textsequenz, in welcher dieselben Entscheidungsabläufe
spielen.
Damit wird klar, dass wir bei jedem Link wieder neu vor der
Entscheidung ”Ausstieg” oder ”Aufschub”
stehen. Die jeweilige Entscheidung macht eine Differenz
für unser Verständnis der Geschichte aus, ja sie
kann uns gar eine unterschiedliche Geschichte ”zusammenlesen”
lassen. Je mehr Hyperlinks vorhanden sind, desto komplexer
kann ein Leseprozess und desto einschneidender scheint ein
Entscheidungsprozess zu werden. So unterbricht der Leser
jeweils beim Wahrnehmen eines Hyperlinks den Leseprozess
zumindest für einen kurzen Moment, bevor er dann an
gleicher Stelle oder eventuell an einer ganz andern Stelle
wieder weiterliest. Diese Unterbrüche des Leseflusses
signalisieren eine ungewohnte Art der Mitwirkung des Lesers
am Text. Sie stellen kurze Lektürepausen dar, die nicht
einfach ein Einstellen aller vorherigen Aktivitäten
bedeuten, sondern im Gegenteil aktiv genutzt werden
(müssen), um den Fortgang der Geschichte (innerhalb
eines vorgegebenen Spektrums) entscheidend
mitzubestimmen.[21]Hyperlink-Beispiel
7: Aufschub oder Ausstieg: Weiterlesen oder Klicken ...
der
Link als Pause,
eine Entscheidung ist gefordert – hier in Susanne
Berkenhegers „Zeit für die Bombe“(1997)[22].
In ihrer Arbeit zur konkreativen Jugend- und Kinderliteratur
beschreibt Judith Mathez, die Forscherin des
Schweizerischen
Instituts für Kinder- und Jugendmedien
(SIKJM), die
Funktionen der Iserschen Leerstelle, insbesondere die
Funktion als Movens für die Vorstellungsbildung der
Leser.[26]
Sie stellt fest, dass bei Iser nicht nur eine Interaktion
zwischen Text und Leser statt findet, sondern auf Grund der
Lektüre auch zwischen den verschiedenen Vorstellungen
des Lesers. Eine Leerstelle lässt also dem Leser
Spielraum zur Interpretation. Die Leerstelle selbst wird
denn auch allgemein als Markierung der Offenheit eines Texts
charakterisiert.[27]
Dabei ist die Offenheit des literarischen Texts an den
Lektüreakt gebunden.[28]
Das heißt also, dass die Leerstelle Hyperlink wie die
Isersche Leerstelle nicht nur als Aktivierung der
Lesetätigkeit funktioniert, sondern zugleich immer auch
eine Lenkung[29]
oder Steuerung dieser Lesetätigkeit ist. Der Leser
braucht die Leerstelle nur aufzufüllen. Dies
veranschaulicht nicht zuletzt auch Isers Gebrauch der
Sartreschen Metapher (vorgegebene) „Hohlform“
für die Leerstellen. Auch eine Hohlform braucht
lediglich noch aufgefüllt zu werden. „Die
Besetzung dieser Hohlform durch die Vorstellungen des Lesers
bewirken eine Situierung des Lesers zum Text. Ihn in eine
solche vom Text vorgezeichnete Position zu manövrieren
ist deshalb notwendig, weil der Leser immer diesseits des
Textes steht und daher nur vom Text an den ihm zugedachten
Ort versetzt werden kann.“[30]
Hyperlink-Beispiel
8: Leerstelle Hyperlink und Isersche Leerstelle: Der
Link
als Impuls zur
Rezeptionstätigkeit
– lässt er Raum zum Nachdenken und Partizipieren?
Eine erste, simple aber grundlegende Unterscheidung ist jene
in notwendige und optionale Links: Kann ein Link nicht
umgangen werden, um eine weitere Leseeinheit zu erreichen,
so ist er notwendig. Befinden sich auf einer Webseite
mehrere Links, die dem Leser zur Auswahl stehen, so sind
diese optional.
Die Unterscheidung in syntagmatische und paradigmatische
Links greift auf das linguistische Zwei-Achsen-Modell von
Roman Jakobson zurück und orientiert sich an den
Modalitäten Kombination und Selektion. Kombination
heißt hier, die Leseeinheiten sind über
Kontiguitäten ‘verlinkt’ und konstituieren
sich auf der syntagmatischen Achse. Und Selektion
heißt, die Einheiten sind über Ähnlichkeiten
miteinander in Beziehung und befinden sich auf der
assoziativen bzw. paradigmatischen Achse. In einfachen
narrativen Geschichten sind Hyperlinks, die biografische
Einheiten öffnen, oftmals paradigmatisch, während
Links, die die Geschichte weitertreiben, meist syntagmatisch
zugeordnet sind.
Die Unterscheidung in präskriptive und performative
Hyperlinks macht ein Leser wohl oft automatisch. Hyperlinks
vermögen knappe Informationen zu liefern. Dabei zeigt
sich, dass zahlreiche Links präzise beschreiben, welche
Information der Leser über den Link erreichen kann: Der
Linktext ‘Jakob
Nielsen´s Homepage’
zeigt uns an, dass wir mit einem Mausklick Nielsen´s
Homepage erreichen können; dieser Link hat also
ausgesprochen präskriptiven Charakter. Andere Links
zeigen eher produktive und performative Aspekte. Das
einfachste Beispiel eines performativen Links ist wohl der
E-Mail-Adressen-Link literatur@internet.org:
Er führt den Leser auf ein adressiertes Formular und
fordert ihn zu einer Handlung auf – eine Antwort zu
schreiben und abzuschicken. Vor allem kollaborative
Hyperfictions bzw. konkreative Projekte arbeiten mit
performativen Links, die den Leser zur Eingabe weiterer
Texteinheiten auffordern oder anregen.Hyperlink-Beispiel
9: Performativer Link: Das konkreative Projekt „The
Neverending Tale“fordert
den Leser auf,
an dieser Stelle die Geschichte weiter zu schreiben. Und
hier
finden Sie die originalen Seiten
des
"Neverending Tale", die sich nach wie vor stetig
vermehren.
Der Orientierungsläufer erhält beim Start zum
Wettkampf eine detaillierte Karte mit den eingezeichneten
Anlaufpunkten mit auf den Weg und muss mit diesem
Hilfsmittel sowie einem Kompass, bzw. seinem eigenen
Orientierungssinn die zumeist sehr waldige und hügelige
Gegend auskundschaften, bzw. er muss den schnellsten Weg zum
ersten Anlaufpunkt entdecken. Der Leser einer Hyperfiktion
findet sich bei Beginn des Lesens in einer (vorerst)
labyrinthischen Struktur wieder, in der er einen valablen
Weg durch den Text finden muss – und dies zumeist ohne
Kartenhilfsmittel und Kompass, dafür jedoch steht er
nicht unter Zeitdruck. Auch für den Leser einer
Hyperfiktion ist das Auskundschaften (‘Exploring’)
eines Raumes deshalb ein sehr wichtiges Element. Mit Raum-
und Labyrinthstruktur wird im Text eine Spannung aufgebaut
wie in Spielen oder Rätseln. Orientierung ist eine
Notwendigkeit. Nicht einmal der unbeschwerte ziellose
Spaziergänger kommt ganz ohne Orientierungspunkte aus.
Der Leser muss sich Mühe geben, sich zurechtfinden, sei
dies nun in einem Labyrinth oder in einem Rhizom. Denken und
Handeln werden fokussiert, um einen Ausgang aus dem
Labyrinth zu finden. Der Leser strebt nach einer aktiven
Auflösung der Geschichte.
Hyperlink-Beispiel
10: Ausstieg als Flucht: Der Link in Roger Grafs
Internetkrimi (1997) macht die
Flucht aus dem Text
perfekt, sie bringt uns auf eine externe Seite der Stadt
Ravensburg, von der wir nicht mehr zurück in den
Krimi finden können.
Hyperlink-Beispiel
11: Der Hyperlink ist eine auktoriale Hervorhebung von
Text: Der Autor oder Herausgeber
bestimmtDer
Autor oder Herausgeber
bestimmt
über den Hyperlink, der Leser bestimmt lediglich
über seine eigenen Assoziationen.
Himmelein, Gerhard: Herzlich willkommen! Webseiten für
Surfer und Suchmaschinen gleichermaßen attraktiv
machen. In: c’t 15/2002, S.176 – 179.
Suter, Beat: "Wo die Freiheit ihre Grenzen findet." Zum
Thema Web-Usability. In: Marketing und Kommunikation, Nr.
1/2002, 30. Jahrgang. Zürich, Januar 2002. [Auch
in: Update AG, Webwissen. 2002. <http://www.update.ch/
webwissen/anwendungen/web-usability.shtml>
(14.05.2002).]
In Bezug auf die Zusammenschaltung sämtlicher Lese- und
Schreibvorgänge im Netz auf einer einzigen
Oberfläche verweist Idensen auf die Website Starship
Rolux. Vgl. Luetgert, Sebastian. „Einfuehrung in eine
wahre Geschichte des Internet.“ Rolux. 1999.
<http://rolux.org/starship/>
(10.01.2002).
Vgl. Wirth, Uwe: Literatur im Internet: Oder: Wen
kümmert‘s, wer liest? In: Münker, Stefan und
Roesler, Alexander (Hgg.): Mythos Internet. Frankfurt a.M.:
Suhrkamp 1997, S. 319-337, S. 319f.
published
in dichtung-digital
2/2005