1.
Wer sich einen aktuellen
Überblick über das Thema "Hypertext" verschaffen
möchte, sieht sich binnen kürzester Zeit mit
einigen Eigenarten multimedialer Forschungstätigkeit
konfrontiert, die die Suche nach fachspezifischen
Informationen zu einem recht komplexen Unterfangen werden
lassen. Die Literatursituation im offline-Bereich etwa wird
in der Hypertext-Diskussion gerne zum Mysterium stilisiert,
sei es von HT-Kritikern, aber zuweilen auch von engagierten
HT-Interessierten, die sich - aus welchen Gründen auch
immer - auf die online-verfügbaren Quellen
beschränken lassen oder beschränken lassen wollen.
Die so voreilige wie
unzutreffende Vermutung, dass ja über ein derart neues
Phänomen, wie es die HT-Thematik fälschlicherweise
zu sein scheint, keine oder nur sehr wenig Literatur in
gedruckter Form vorliege, erfreut sich leider immer noch
viel zu oft großer Beliebtheit und bestärkt
vermeintlich jene in ihren Zweifeln, die dem hypertextuellen
Schaffen und Forschen bislang kritisch gegenüberstehen,
da die wissenschaftliche Legitimierung des HT, so
könnte man den Eindruck gewinnen, wohl nur über
printmediale Foren erreichbar zu sein scheint. Allein der Gedanke entbehrt
nicht einer gewissen Ironie - denn wenn man Hypertext
tatsächlich ernst nimmt, warum dann ein derartiges
Abhängigkeitsverhältnis zu gedruckten Medien
zulassen? Die gesamte Bandbreite der zur Zeit unternommenen
Bestrebungen lässt sich meines Erachtens vielmehr nur
ermessen, wenn sowohl offline als auch online erschienene
Literatur gewissenhaft rezipiert und weiterverarbeitet wird
im Sinne einer sukzessive forschreitenden
Forschungstätigkeit, die um Konstruktivität in
ihren Ergebnissen bemüht ist und über hastig
formulierte Statements hinausreichen möchte. Denn es
mangelt weniger an der Zahl engagierter Beiträge zur
Diskussion, als an wirklich fruchtbaren Ideen, die aus der
mittlerweile kaum überschaubaren Masse der on- und
offline publizierten Beiträge herausragen und die
HT-Debatte bereichern könnten. Vergleicht man die
Hypertext-Community in Deutschland mit ihrer großen
Schwester in den USA, so fällt zunächst auf, dass
beide in den letzten Jahren weitestgehend parallel
existierten, ohne sich gegenseitig besonders stark zu
beeinflussen - ein in Zeiten der globalen Vernetzung meines
Erachtens durchaus erstaunlicher Zustand. Wenn man nach
einer konkreten Beeinflussung sucht, so ist diese
vornehmlich in den jüngeren Werken deutscher Autoren
erkennbar, die oftmals auf die betreffenden Bücher von
George P. Landow, Jay D. Bolter und Michael Joyce aufbauen.
In der entgegengesetzten Richtung scheint die
Einflußnahme deutscher bzw. nicht-amerikanischer
Autoren generell auf die Szene in den USA - von wenigen
Ausnahmen abgesehen - jedoch so gut wie nicht existent zu
sein. Angesichts der gegebenen
technologischen Möglichkeiten im Netz, die eine globale
Kommunikation und speziell das Thema HT betreffend einen
Austausch von Ideen ja problemlos möglich machen,
handelt es sich hier offenkundig um ein folgenreiches
Missverhältnis. Da die Diskussion über
Netzliteratur, Hypertext und Hypermedia in vielen
Ländern in den unterschiedlichsten Formen geführt
wird, wäre ein Aufbrechen der jetzigen Zustandes hin zu
einer offenen Diskussionsstruktur, die die Beiträge
nicht unbedingt nach Herkunft sondern nach Relevanz und
Qualität wertet, ungleich fruchtbarer für den
gesamten Diskurs. Wer sich auf die Beschäftigung mit
der "amerikanischen Schule" beschränkt und diese als
einzig maßgebliche Instanz kommentarlos voraussetzt,
beschränkt damit die eigene Möglichkeit zur
Entdeckung neuer Ansätze und Zugänge, die die
HT-Diskussion weiterbringen könnten. HT in hiesigen Breiten ist
ein vergleichsweise junges Forschungsfeld, das bislang
überwiegend im Netz diskutiert wird und erst in den
letzten Jahren analog zum atemberaubenden Boom des World
Wide Web (WWW) zunehmend an die Öffentlichkeit
gelangte. In Zeitungen und Magazinen zu lesende, mal mehr,
mal weniger wohldurchdachte Überlegungen bieten
wahrlich keinen Grund zur Zufriedenheit mit der herrschenden
Art und Weise der Problematisierung. Der amtierende deutsche
Kultur-Staatsminister Michael Naumann wird in der
Spiegel-Spezial Ausgabe 10/99 zum Thema "Die Zukunft des
Lesens. Vom Buch zum Internet" etwa mit den Worten zitiert:
"Mit dem elektronischen Stilmittel des so genannten
Hypertextes wird im Grunde versucht, das Gehirn des Lesers
auszuräumen und zu ersetzen durch alle vorstellbaren
Assoziationsketten bis hin zur Absurdität. Es ist der
vergebliche Versuch, Phantasie durch Technik zu ersetzen,
letztlich ein Verlust von Freiheit im Namen von Vielfalt."
Auch die Mehrzahl der
übrigen im Heft abgedruckten Stellungnahmen zeugt
davon, dass eine wirkliche Auseinandersetzung mit HT in
diesem Bereich noch gar nicht stattgefunden hat. Ein gerne
gebrauchter Vorwurf an das literarische Schaffen im Web -
nämlich dass jeder, der sich dazu berufen fühlt,
seine Gedanken publizieren kann - erfährt im
Spiegel-Spezial 10/99 eine unverhoffte Konkretisierung im
printmedialen Bereich. Die betreffende Redaktion wollte oder
konnte offensichtlich gar nicht über das Thema
informieren, sondern lediglich einen Einblick in das
aufgewühlte Gefühlsleben von Schriftstellern wie
Johannes Mario Simmel ("Ich hasse das Internet, weil es den
einfachsten Weg bietet, Viren in Computer
einzuschleusen...") und Utta Danella ("Ich bin der Meinung,
dass wir sowieso in einer lieblosen und oberflächlichen
Welt leben, und halte es darum für höchst fehl am
Platze, den Menschen noch mehr Werte und die Freude am
Genuss zu nehmen.") gewähren. Eine fachliche
Information findet hingegen nicht statt. Auch im online-Bereich ist
bei der Informationssuche durch Mailinglisten, Newsgroups
etc. durchaus Vorsicht geboten. Wer glaubt, sich etwa
über die Mailingliste Netzliteratur.de informieren zu
können, wird in kürzester Zeit von einer
schwerlich zu bewältigenden Flut an Beiträgen
förmlich weggespült. Qualität und
Quantität stehen hier in keinem Verhältnis
zueinander, da viele interessante Gedanken in einer grossen
Welle kurzer Statements oftmals untergehen.
Vielversprechenden Ansätzen ist es leider nur zu selten
vergönnt, aus diesem Forum heraus Gegenstand eines
konstruktiven Diskurses zu werden. Auch im akademischen Bereich
fristet die wissenschaftlich fundierte Thematisierung des HT
bislang noch ein Schattendasein. Leider bieten
Universitäten hierzulande in ihren Kursen und Seminaren
nur in seltenen Ausnahmefällen Platz für eine
wissenschaftliche Annäherung an jenes exotisch
anmutende Feld, das in seinen Auswirkungen auf die Literatur
- und da stimmen selbst viele erbitterte Kritiker zu -
unüberschaubare Folgen haben wird. Die Entwicklung in den USA
steht im krassen Gegensatz zu den hiesigen
Verhältnissen. Seit Vannevar Bush´s schon fast
legendär gewordenem Artikel "As We May Think" im Jahre
1945 entwickelte sich zunehmend eine emsige
Forschungstätigkeit, die zu der heute etablierten
HT-Literatur von George P. Landow, Janet H. Murray etc.
geführt hat. Bei der Lektüre der amerikanischen
offline-Literatur stößt der Leser jedoch auf
einige markante weil ungewohnte Vorgehensweisen, die nicht
einfach stumm überlesen werden dürfen. Auffallend
ist zunächst das stetige Bestreben vieler AutorInnen,
die gewonnenen Erkenntnisse und Thesen möglichst
fesselnd zu präsentieren, sodass neben den fachlichen
Kriterien zusätzlich auch dem Anspruch des Lesers auf
Kurzweil entsprochen wird. Dieses Bestreben führt
mitunter allerdings dazu, dass die Grenzen zwischen Argument
und Unterhaltung allzu leicht verschwimmen. Als Beispiel seien die
autobiografischen Ausführungen Janet H. Murray´s
in "Hamlet on the holodeck" angeführt, die nicht selten
in ihre fachspezifische Argumentation einfließen. Der
Schock ihrer Großmutter, als zum ersten Mal eine
Stimme aus dem Radio zu ihr sprach und sie diese für
einen Geist hielt, ist nicht mehr als eine hübsche
Anekdote, die den Leser im ausklingenden zweiten Jahrtausend
erheitern mag. Die Konfrontation mit neuen Technologien
findet heute allerdings unter völlig anderen Vorzeichen
statt und ruft dementsprechend andere Reaktionen hervor.
Zudem ist das Phänomen des HT ja beileibe kein neues,
es vollzieht vielmehr schon seit Jahrzehnten eine
Entwicklung, deren Auswirkung auf die vertraute Buchkultur
nicht erst seit gestern Forschungsgegenstand ist. Auch die
aus einer Star-Trek Episode entnommene Szene eines Angriffs
durch Aliens, die in Gestalt ihres geliebten Freundes
Kapitän Kathryn Janeway mit einem Kuss paralysieren,
ist ein durchaus fragwürdiger Vergleich mit den
Befürchtungen, die die Erfindung des Buchdrucks, der
Kamera oder des Fernsehbildschirms bei vielen Menschen
hervorgerufen haben. Mag Murray´s
eindringliche Verbildlichung verschiedener Sachverhalte
für amerikanische Leser nichts ungewöhnliches
sein, so darf der nichtamerikanisierte Leser hier mit Recht
stutzen. Scheint doch jene Arbeitsweise, das eigene im Laufe
der Jahre erworbene Verständnis von wissenschaftlichem
Arbeiten im Hinterkopf behaltend, Anlass zu erhöhter
Aufmerksamkeit zu geben. Damit sei ausdrücklich
nicht gesagt, dass Murray und ihre Kollegen
unwissenschaftlich arbeiten. Es sei allerdings auf eine
Differenz in der Art und Weise wie Forschung betrieben wird
hingewiesen, die bezüglich einer angestrebten
Etablierung der HT-Thematik in der hiesigen
Forschungslandschaft von Relevanz sein muss, da eine
Übernahme der aus den USA vorgegebenen Ansätze -
ihre Bedeutung für die internationale Forschung in
allen Ehren - einer doch recht restriktiven
Beschränkung gleichkäme und mit Recht Anlaß
zu Kritik gibt. Die hohe Kunst der
Information in der Multimediagesellschaft ist generell eine
schwierige Herausforderung, deren Unwegsamkeiten ich
für das Gebiet des HT in diesem Beitrag aus meiner
eigenen Erfahrung heraus versucht habe darzustellen.
Fängt die alltägliche Informationsbeschaffung
vieler Menschen bereits bei der Wahl der Zeitung, des
Rundfunksenders oder der Nachrichtensendung im Fernsehen an,
die je nach Präferenz einen massgeblichen Einfluß
auf die Meinungsbildung haben, so stehen dem wissbegierigen
HT-Intersessierten beim Versuch sich einen Überblick
über den aktuellen Stand der HT-Forschung zu
verschaffen zwar ebenfalls zahlreiche Möglichkeiten
offen; jedoch in der kaum mehr überschaubaren Masse an
Informationen jene Ergebnisse herauszufiltern, die der
Beschäftigung tatsächlich lohnen, ist angesichts
der Dynamik des Mediums und der daraus resultierenden
geringen Halbwertszeit von Wissen kein im Handumdrehen zu
bewerkstelligender Prozeß. Bei aller Geschwindigkeit
des Mediums bedarf es bei der Informationssuche und
Beschäftigung mit HT vielmehr der notwendigen Zeit, um
sich mit einem derart facettenreichen Gebiet vertraut zu
machen, denn Dampfplauderer gibt es auch in diesem Feld
schon mehr als genug. - Burgdorff, Stephan und
Salzwedel, Johannes: Schöner als Parfüm,
Kultur-Staatsminister Michael Naumann über die Zukunft
des Buches, in: Spiegel Spezial Nr. 10, Hamburg 1999, S.
34.
Zur Lage der
Forschungsliteratur
eine Leseerfahrung
- Murray, Janet
Horowitz: Hamlet on the holodeck, The Future of Narrative in
Cyberspace, MIT-Press, Cambridge MA 1997.
Ihr
Kommentar