www.dichtung-digital.de/Autoren/Rauwald/22-Dez-99

Zur Lage der Forschungsliteratur
eine Leseerfahrung

von Christoph Rauwald

1.

Wer sich einen aktuellen Überblick über das Thema "Hypertext" verschaffen möchte, sieht sich binnen kürzester Zeit mit einigen Eigenarten multimedialer Forschungstätigkeit konfrontiert, die die Suche nach fachspezifischen Informationen zu einem recht komplexen Unterfangen werden lassen. Die Literatursituation im offline-Bereich etwa wird in der Hypertext-Diskussion gerne zum Mysterium stilisiert, sei es von HT-Kritikern, aber zuweilen auch von engagierten HT-Interessierten, die sich - aus welchen Gründen auch immer - auf die online-verfügbaren Quellen beschränken lassen oder beschränken lassen wollen.

Die so voreilige wie unzutreffende Vermutung, dass ja über ein derart neues Phänomen, wie es die HT-Thematik fälschlicherweise zu sein scheint, keine oder nur sehr wenig Literatur in gedruckter Form vorliege, erfreut sich leider immer noch viel zu oft großer Beliebtheit und bestärkt vermeintlich jene in ihren Zweifeln, die dem hypertextuellen Schaffen und Forschen bislang kritisch gegenüberstehen, da die wissenschaftliche Legitimierung des HT, so könnte man den Eindruck gewinnen, wohl nur über printmediale Foren erreichbar zu sein scheint.

Allein der Gedanke entbehrt nicht einer gewissen Ironie - denn wenn man Hypertext tatsächlich ernst nimmt, warum dann ein derartiges Abhängigkeitsverhältnis zu gedruckten Medien zulassen? Die gesamte Bandbreite der zur Zeit unternommenen Bestrebungen lässt sich meines Erachtens vielmehr nur ermessen, wenn sowohl offline als auch online erschienene Literatur gewissenhaft rezipiert und weiterverarbeitet wird im Sinne einer sukzessive forschreitenden Forschungstätigkeit, die um Konstruktivität in ihren Ergebnissen bemüht ist und über hastig formulierte Statements hinausreichen möchte. Denn es mangelt weniger an der Zahl engagierter Beiträge zur Diskussion, als an wirklich fruchtbaren Ideen, die aus der mittlerweile kaum überschaubaren Masse der on- und offline publizierten Beiträge herausragen und die HT-Debatte bereichern könnten.

2.

Vergleicht man die Hypertext-Community in Deutschland mit ihrer großen Schwester in den USA, so fällt zunächst auf, dass beide in den letzten Jahren weitestgehend parallel existierten, ohne sich gegenseitig besonders stark zu beeinflussen - ein in Zeiten der globalen Vernetzung meines Erachtens durchaus erstaunlicher Zustand. Wenn man nach einer konkreten Beeinflussung sucht, so ist diese vornehmlich in den jüngeren Werken deutscher Autoren erkennbar, die oftmals auf die betreffenden Bücher von George P. Landow, Jay D. Bolter und Michael Joyce aufbauen. In der entgegengesetzten Richtung scheint die Einflußnahme deutscher bzw. nicht-amerikanischer Autoren generell auf die Szene in den USA - von wenigen Ausnahmen abgesehen - jedoch so gut wie nicht existent zu sein.

Angesichts der gegebenen technologischen Möglichkeiten im Netz, die eine globale Kommunikation und speziell das Thema HT betreffend einen Austausch von Ideen ja problemlos möglich machen, handelt es sich hier offenkundig um ein folgenreiches Missverhältnis. Da die Diskussion über Netzliteratur, Hypertext und Hypermedia in vielen Ländern in den unterschiedlichsten Formen geführt wird, wäre ein Aufbrechen der jetzigen Zustandes hin zu einer offenen Diskussionsstruktur, die die Beiträge nicht unbedingt nach Herkunft sondern nach Relevanz und Qualität wertet, ungleich fruchtbarer für den gesamten Diskurs. Wer sich auf die Beschäftigung mit der "amerikanischen Schule" beschränkt und diese als einzig maßgebliche Instanz kommentarlos voraussetzt, beschränkt damit die eigene Möglichkeit zur Entdeckung neuer Ansätze und Zugänge, die die HT-Diskussion weiterbringen könnten.

3.

HT in hiesigen Breiten ist ein vergleichsweise junges Forschungsfeld, das bislang überwiegend im Netz diskutiert wird und erst in den letzten Jahren analog zum atemberaubenden Boom des World Wide Web (WWW) zunehmend an die Öffentlichkeit gelangte. In Zeitungen und Magazinen zu lesende, mal mehr, mal weniger wohldurchdachte Überlegungen bieten wahrlich keinen Grund zur Zufriedenheit mit der herrschenden Art und Weise der Problematisierung. Der amtierende deutsche Kultur-Staatsminister Michael Naumann wird in der Spiegel-Spezial Ausgabe 10/99 zum Thema "Die Zukunft des Lesens. Vom Buch zum Internet" etwa mit den Worten zitiert: "Mit dem elektronischen Stilmittel des so genannten Hypertextes wird im Grunde versucht, das Gehirn des Lesers auszuräumen und zu ersetzen durch alle vorstellbaren Assoziationsketten bis hin zur Absurdität. Es ist der vergebliche Versuch, Phantasie durch Technik zu ersetzen, letztlich ein Verlust von Freiheit im Namen von Vielfalt."

Auch die Mehrzahl der übrigen im Heft abgedruckten Stellungnahmen zeugt davon, dass eine wirkliche Auseinandersetzung mit HT in diesem Bereich noch gar nicht stattgefunden hat. Ein gerne gebrauchter Vorwurf an das literarische Schaffen im Web - nämlich dass jeder, der sich dazu berufen fühlt, seine Gedanken publizieren kann - erfährt im Spiegel-Spezial 10/99 eine unverhoffte Konkretisierung im printmedialen Bereich. Die betreffende Redaktion wollte oder konnte offensichtlich gar nicht über das Thema informieren, sondern lediglich einen Einblick in das aufgewühlte Gefühlsleben von Schriftstellern wie Johannes Mario Simmel ("Ich hasse das Internet, weil es den einfachsten Weg bietet, Viren in Computer einzuschleusen...") und Utta Danella ("Ich bin der Meinung, dass wir sowieso in einer lieblosen und oberflächlichen Welt leben, und halte es darum für höchst fehl am Platze, den Menschen noch mehr Werte und die Freude am Genuss zu nehmen.") gewähren. Eine fachliche Information findet hingegen nicht statt.

Auch im online-Bereich ist bei der Informationssuche durch Mailinglisten, Newsgroups etc. durchaus Vorsicht geboten. Wer glaubt, sich etwa über die Mailingliste Netzliteratur.de informieren zu können, wird in kürzester Zeit von einer schwerlich zu bewältigenden Flut an Beiträgen förmlich weggespült. Qualität und Quantität stehen hier in keinem Verhältnis zueinander, da viele interessante Gedanken in einer grossen Welle kurzer Statements oftmals untergehen. Vielversprechenden Ansätzen ist es leider nur zu selten vergönnt, aus diesem Forum heraus Gegenstand eines konstruktiven Diskurses zu werden.

Auch im akademischen Bereich fristet die wissenschaftlich fundierte Thematisierung des HT bislang noch ein Schattendasein. Leider bieten Universitäten hierzulande in ihren Kursen und Seminaren nur in seltenen Ausnahmefällen Platz für eine wissenschaftliche Annäherung an jenes exotisch anmutende Feld, das in seinen Auswirkungen auf die Literatur - und da stimmen selbst viele erbitterte Kritiker zu - unüberschaubare Folgen haben wird.

4.

Die Entwicklung in den USA steht im krassen Gegensatz zu den hiesigen Verhältnissen. Seit Vannevar Bush´s schon fast legendär gewordenem Artikel "As We May Think" im Jahre 1945 entwickelte sich zunehmend eine emsige Forschungstätigkeit, die zu der heute etablierten HT-Literatur von George P. Landow, Janet H. Murray etc. geführt hat. Bei der Lektüre der amerikanischen offline-Literatur stößt der Leser jedoch auf einige markante weil ungewohnte Vorgehensweisen, die nicht einfach stumm überlesen werden dürfen. Auffallend ist zunächst das stetige Bestreben vieler AutorInnen, die gewonnenen Erkenntnisse und Thesen möglichst fesselnd zu präsentieren, sodass neben den fachlichen Kriterien zusätzlich auch dem Anspruch des Lesers auf Kurzweil entsprochen wird. Dieses Bestreben führt mitunter allerdings dazu, dass die Grenzen zwischen Argument und Unterhaltung allzu leicht verschwimmen.

Als Beispiel seien die autobiografischen Ausführungen Janet H. Murray´s in "Hamlet on the holodeck" angeführt, die nicht selten in ihre fachspezifische Argumentation einfließen. Der Schock ihrer Großmutter, als zum ersten Mal eine Stimme aus dem Radio zu ihr sprach und sie diese für einen Geist hielt, ist nicht mehr als eine hübsche Anekdote, die den Leser im ausklingenden zweiten Jahrtausend erheitern mag. Die Konfrontation mit neuen Technologien findet heute allerdings unter völlig anderen Vorzeichen statt und ruft dementsprechend andere Reaktionen hervor. Zudem ist das Phänomen des HT ja beileibe kein neues, es vollzieht vielmehr schon seit Jahrzehnten eine Entwicklung, deren Auswirkung auf die vertraute Buchkultur nicht erst seit gestern Forschungsgegenstand ist. Auch die aus einer Star-Trek Episode entnommene Szene eines Angriffs durch Aliens, die in Gestalt ihres geliebten Freundes Kapitän Kathryn Janeway mit einem Kuss paralysieren, ist ein durchaus fragwürdiger Vergleich mit den Befürchtungen, die die Erfindung des Buchdrucks, der Kamera oder des Fernsehbildschirms bei vielen Menschen hervorgerufen haben.

Mag Murray´s eindringliche Verbildlichung verschiedener Sachverhalte für amerikanische Leser nichts ungewöhnliches sein, so darf der nichtamerikanisierte Leser hier mit Recht stutzen. Scheint doch jene Arbeitsweise, das eigene im Laufe der Jahre erworbene Verständnis von wissenschaftlichem Arbeiten im Hinterkopf behaltend, Anlass zu erhöhter Aufmerksamkeit zu geben. Damit sei ausdrücklich nicht gesagt, dass Murray und ihre Kollegen unwissenschaftlich arbeiten. Es sei allerdings auf eine Differenz in der Art und Weise wie Forschung betrieben wird hingewiesen, die bezüglich einer angestrebten Etablierung der HT-Thematik in der hiesigen Forschungslandschaft von Relevanz sein muss, da eine Übernahme der aus den USA vorgegebenen Ansätze - ihre Bedeutung für die internationale Forschung in allen Ehren - einer doch recht restriktiven Beschränkung gleichkäme und mit Recht Anlaß zu Kritik gibt.

*

Die hohe Kunst der Information in der Multimediagesellschaft ist generell eine schwierige Herausforderung, deren Unwegsamkeiten ich für das Gebiet des HT in diesem Beitrag aus meiner eigenen Erfahrung heraus versucht habe darzustellen. Fängt die alltägliche Informationsbeschaffung vieler Menschen bereits bei der Wahl der Zeitung, des Rundfunksenders oder der Nachrichtensendung im Fernsehen an, die je nach Präferenz einen massgeblichen Einfluß auf die Meinungsbildung haben, so stehen dem wissbegierigen HT-Intersessierten beim Versuch sich einen Überblick über den aktuellen Stand der HT-Forschung zu verschaffen zwar ebenfalls zahlreiche Möglichkeiten offen; jedoch in der kaum mehr überschaubaren Masse an Informationen jene Ergebnisse herauszufiltern, die der Beschäftigung tatsächlich lohnen, ist angesichts der Dynamik des Mediums und der daraus resultierenden geringen Halbwertszeit von Wissen kein im Handumdrehen zu bewerkstelligender Prozeß. Bei aller Geschwindigkeit des Mediums bedarf es bei der Informationssuche und Beschäftigung mit HT vielmehr der notwendigen Zeit, um sich mit einem derart facettenreichen Gebiet vertraut zu machen, denn Dampfplauderer gibt es auch in diesem Feld schon mehr als genug.

- Burgdorff, Stephan und Salzwedel, Johannes: Schöner als Parfüm, Kultur-Staatsminister Michael Naumann über die Zukunft des Buches, in: Spiegel Spezial Nr. 10, Hamburg 1999, S. 34.
- Murray, Janet Horowitz: Hamlet on the holodeck, The Future of Narrative in Cyberspace, MIT-Press, Cambridge MA 1997.


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