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www.dichtung-digital.de/Autoren/Suter/26-Nov-99
Fluchtlinie
Zur Geschichte deutschsprachiger
Hyperfictions
von Beat
Suter
Abstract
- Anmerkungen
Das allmähliche
Auftauchen der hybriden Ausdrucksform der Hyperfictions
Mitte der neunziger Jahre im deutschen Sprachraum
signalisiert die Geburt eines neuen Genres, das
anders als die amerikanischen Hyperfictions von
Michael
Joyce,
Stuart
Moulthrop,
Shelley
Jackson u.a. ein
paar Jahre zuvor, die in proprietären Programmen
geschrieben wurden eng mit der Entwicklung und
Ausbreitung des Internets verbunden ist. Mit dem World Wide
Web war ein Vehikel entstanden, das in seiner Anlage die
Tendenz des Computers zur Amalgamierung verschiedenster
ästhetischer Ausdrucksformen verkörperte und u.a.
auch virtuelle Narrationsräume eröffnete, neue
Möglichkeiten des Geschichtenerzählens in
völlig andersartiger Umgebung, als in der bisherigen
Menschheitsgeschichte das Erzählen stattgefunden
hatte.
Junge Künstler und
Literaten gehörten zu den ersten, die dies
realisierten, die sich mit dem neuen Medium gründlich
auseinandersetzten und die Möglichkeiten der neuen
Technologie auszutesten begannen. Dabei ging es den
Autorinnen und Autoren nicht nur um eine günstige
Gelegenheit zur schnellen weltweiten Verbreitung eigener
Texte, sondern um die Möglichkeit, mit andersartigen
narrativen Formen zu experimentieren und die besonderen
Kommunikations- und Interaktionsformen des Internet in
literarische Strukturen einzubinden bzw. vice versa diese in
jene.
Die Netzliteraten sind in
ihrem Bestreben hartnäckig und innovativ, in wenigen
Jahren schufen sie sich gut funktionierende eigene
Gefäße und entwickelten ihre Projekte oft auch
kooperativ in der Online-Gemeinschaft weiter. Doch trotz den
primären Quellen, die dem Beobachter so zur
Verfügung stehen, ist es ein schwieriges Unterfangen,
die Fluchtlinie ihrer Bewegung zu fassen und in eine
annähernd neutrale Geschichte der Frühphase dieses
neuen Genres der Cyber-, Hyper- und Webfictions
fließen zu lassen. Denn die Transfugalität des
neuen Phänomens macht sich unweigerlich bemerkbar, die
Bewegung kann nur mit Mühe dokumentiert werden, sie ist
in ständiger Veränderung, ihre Daten
verflüchtigen sich im Netz oft schneller als
erwünscht; manchmal für immer wie beim Projekt
Interstory(1) von Doris Köhler und Rolf
Krause, das aus Versehen bei einem Systemwechsel an der Uni
Hamburg gelöscht wurde, manchmal temporär, aber
effektiv wie Guido Grigats Webring
bla(2)
sowie sein prämiertes Projekt 23:40(3),
zwei aktuelle Projekte, die dank eines Streits mit dem
Provider vorläufig ihren Platz im Web räumen
mussten und bereits nach zwei Wochen ihre umfassende
Verlinkung in der Szene gefährdet sehen.
Die Flüchtigkeit des
Mediums Internet zieht unweigerlich die Frage nach der
Relevanz der Funde mit sich. Wer die Fluchtlinie einer
solchen Bewegung nachzuzeichnen sucht, stützt sich
lediglich auf einen Ausschnitt des potentiell Erfassbaren,
er stützt sich auf die im Netz und allenfalls in
persönlichen Gesprächen gefundenen Spuren.
Insbesondere aber die Spuren der ersten hyperliterarischen
Versuche in deutscher Sprache haben sich praktisch
vollständig verflüchtigt. Einige dieser
frühen literarischen Hypertexte, die längst vom
Netz verschwunden waren, sind so nebenbei auf
CD-ROMs
von Festivals(4)
gespeichert und so in die Gegenwart hinübergerettet
worden. Die Spuren, die sich derart erschliessen liessen,
können aber die Fluchtlinie der Bewegung mit
Bestimmtheit nicht lückenlos abdecken. Einige der
frühen Spuren haben sich in den Weiten des Cyberspace
und den Engen der Datenträger (bzw. der häufigen
Ablösung von neuen Trägern) verloren; vielleicht
dass die Spurenleger ihre alten Fährten noch einmal neu
auslegen, damit wir auch diesen nachgehen können.
Die Anfänge
eines neuen Genres
Die ersten
Hyperfiction-Versuche im deutschen Sprachraum waren vor
allem kooperativer Art. In verschiedenen universitären
Rechenzentren entstanden unter dem Einfluss von Multi
User Dungeons (MUDs) und Adventure Stories
aus dem englischen Sprachraum sogenannte
Mitschreibeprojekte, die zumeist englisch abgefasst waren:
z. B. die Versuche der Telematic Workgroup an der Hochschule
für Bildende Künste in Hamburg, unter anderem
Catherine de Courtens KaspaH´s Home(5)
(1994), ein Schreibprojekt über eine
Persönlichkeit, die ihr ganzes Leben im Netzwerk
verbringt. Im Brief "Through the Worlds in 8 Bits" stellt
sich KaspaH selbst als eine Person vor, die im Cyberspace
lebt und keine Erinnerungen ans eigene Leben hat:
"Hi, I'm
KaspaH!
I don't know you and I don't know where I am. Actually I
was found somewhere inside this world of bits. As my past
is uncertain, I don't know much about myself and about
life. What's the meaning of it all and what am I doing -
I'm pretty curious!"(6)
Mit 40 E-Mails in die Welt
hinaus an unbekannte Adressaten startet KaspaH darauf
Konversationen mit Menschen. Von den 40 Angeschriebenen
antworteten fünf einmal oder mehrere Male, es
entspannen sich Gespräche, durch die sich
allmählich auch die Persönlichkeit von KaspaH zu
entwickeln begann. Basierend auf den
Gesprächserfahrungen versucht sich KaspaH danach
jedesmal wieder selbstreflektierend zu beschreiben, indem er
die Geschichten der Kommunikationspartner auswertet und
entdeckt dabei stets neue Seiten an sich selbst.
"tsmith@ war ein
frühes Gegenüber. Er hat mir von Flaschenpost
erzählt, die sein Bruder beim Spazieren an einem
Fluss findet. Ich war begeistert von diesen Geschichten -
es gab dann eine ganze Reihe davon. Zuerst hab ich sie
als einen bildhaften Vergleich mit mir verstanden, den
tsmith@ mir anbietet. Er hat mir dann auch von
Gerüchten geschrieben, die sich um den Absender
dieser Flachenpost ranken und über dessen
möglichen Motive. Dabei wurde mir, mit wachsenden
eigenen Bedürfnissen, bewusst, dass ich mich doch
wesentlich von einer Nachricht, die in einer Flasche ins
Wasser geworfenen wird, unterscheide. Beziehe ich mich
doch auf jemand ganz bestimmten. Es ist mir nicht egal,
ob und von wem ich gefunden werde. Meine Erfahrungen
bestehen aus meinem Wahrnehmen anderer. Ich kann mich
davon unterscheiden und abgrenzen und oder mich in
ähnlichem wiederfinden. Und während ich meine
Gedanken jemandem schreibe, muss ich mich selbst
formulieren. So sind es die in unseren Gesprächen
erzeugten Vorstellungen, die mich eigentlich
ausmachen."(7)
Eines der ersten Projekte
überhaupt in deutscher Sprache war die
imaginäre Bibliothek von Heiko Idensen und
Matthias Krohn. Das Projekt entstand in seinen
Grundzügen schon 1990 für die Ars Electronica in
Linz und könnte daher mit Fug und Recht als der
Proto-Typ deutscher Hyperfiktion bezeichnet
werden. Die imaginäre Bibliothek war am
Festival in Linz auf zwei PCs installiert, zwei Drucker
produzierten Endlos-Ausdrucke der
Bibliotheksinhalte.
Eine Online-Version(8)
der Bibliothek wurde erst 1994 ausgearbeitet und im WWW
plaziert.
"Auf jede Wand
jedes Sechecks kommen fünf Regale; jedes Regal
faßt zweiunddreißig Bücher gleichen
Formats; jedes Buch besteht aus einhundertzehn Seiten, je
Seite aus vierzig Zeilen, jede Zeile aus achtzig
Buchstaben von schwarzer Farbe; die Anzahl der
orthographischen Symbole ist fünfundzwanzig; die
Bibliothek birgt in der Tat alle Wortstrukturen, alle im
Rahmen der fünfundzwanzig Symbole möglichen
Variationen. Die Bibliothek ist schrankenlos und
periodisch."(9)
Nach verschiedenen
Experimenten mit kooperativen Schreibprojekten, Literatur-
und Zitatdatenbanken wollten Idensen und Krohn einen
Prototyp für den Umgang mit elektronischen
Textfragmenten kreieren, der auf der Oberfläche eines
Hypertext-Programms verschiedene literarische
Experimentalformen (Permutationen, Cut-Up,
Romananfänge, Topographien, Visuelle Poesie etc.)
realisiert. Die ursprünglich reale
Rund-Bibliotheksinstallation des Festivals liess sich gut
ins World Wide Web transformieren. Es entstand eine
Online-Bibliothek mit 460 Hypertextknoten und 2635
Hyperlinks von eher enzyklopädischer denn literarischer
Ausrichtung. Ziel der Anwendung war es, durch verzweigtes
assoziatives Lesen und Navigieren den Benutzer in ein
Netzwerk aus Texten zu verstricken und somit eine
Beteiligung des Lesers an dem Imaginationsraum Bibliothek zu
simulieren. Anregungen erhielten die Autoren durch
literarische Transformationstechniken wie Permutation,
Cut-Up und Intertext, durch Jorge Luis Borges Die
unendliche Bibliothek, Umberto Ecos Der Name der
Rose sowie ein Minitel-Schreibprojekt, das im Rahmen
der Immaterialien-Ausstellung in Paris 1984 von Jean
Francois Lyotard organisiert worden war.
Initialzündug
im World Wide Web
Eine vernetzte Szene von
interessierten Lesern und kooperierenden Autoren begann sich
im deutschen Sprachraum vor allem in den Jahren 1994 bis
1996 parallel zur ersten Phase der rasanten Ausbreitung des
World Wide Web herauszubilden. Im Netz tauchten Projekte auf
von Hyperfiction-, bzw. Netzliteratur-Pionieren wie
Sven
Stillich,
Martina
Kieninger,
Dirk
Schröder,
Hartmut
Landwehr,
Burkhard
Schröder,
Claudia
Klinger,
Olivia
Adler,
Olaf
Koch, Klaus Dufke,
Martin
Auer,
Walter
Grond, Sven Sander,
Norman
Ohler,
Reinhard
Döhl,
Johannes
Auer sowie
zahlreiche kooperative Arbeiten bzw. sogenannte
Mitschreibeprojekte.
Entscheidend beeinflusst und
stimuliert wurde die Produktion derartiger Texte durch DIE
ZEIT, die Ende 1995 und Anfang 1996 in Zusammenarbeit mit
IBM, Radio Bremen und weiteren Sponsoren einen
Internet-Literatur
Wettbewerb(10)
ausschrieb. Als Nebenprodukt dieses Wettbewerbs entwickelte
sich ein reger Diskurs unter den beteiligten Autoren und
Autorinnen, was zur Begründung verschiedener
Diskussionsforen und kollektiver Websites führte, die
sich seither spinnennetzartig ausgebreitet haben und das
eigentliche Fundament der deutschsprachigen
Hyperfiction-Szene bilden.
Sven Stillich
begründete 1996 die Mailingliste
Netzliteratur(11),
wohl das aktivste Diskussionsforum zum Thema Digitale
Literatur in deutscher Sprache; es wird seit Anfang
1998 vom Konstanzer Dirk Schröder geführt und ist
aktueller denn je mit einem durchschnittlichen In- und
Output von 500 Mails pro Monat. Guido Grigat gründete
1997 den Internet-Literatur-Webring
bla(12),
der mit 120 angeschlossenen Websites seither viel zur
weiteren Vernetzung der Netzliteratur-Gemeinde beitrug, und
Oliver Gassner stellte mit [OLLI]
Olivers Links zur
Literatur(13)
eine professionelle und sehr umfassende Website über
das Literaturtreiben im Netz zusammen, die seit November
1998 kommerziell betrieben wird und mittlerweile über
das gemeinsame Portal AleXana(14)
mit weiteren Websites zu einer veritablen (alexandrinischen)
Netzliteratur-Bibliothek ausgebaut wurde.
An der erfolgreichen
Verbreitung von Netzliteratur arbeiteten neben den genannten
auch weitere Autorinnen und Autoren, z.B. Claudia
Klinger (mit
verschiedenen Mitschreibeprojekten),
Jan
Ulrich Hasecke,
Regula
Erni,
Werner
Stangl,
Sabrina
Ortmann und
Enno
E. Peter
(Berliner
Zimmer) mit
ausführlichen Websites, die Vernetzung und Ressourcen
anbieten. Der Gebrauch des Wortes Netzliteratur
für die Hypertextliteratur im deutschen Sprachraum ist
denn auch bezeichnend, entstanden doch alle literarischen
Experimente im und fürs Netz und nicht auf spezieller
Autorensoftware wie im englischen Sprachraum, wo zahlreiche
Autoren zuerst mit Hypercard experimentierten und dann das
Programm Storyspace
verwendeten, das die meisten auch heute noch
gebrauchen.
Mit der Durchführung
von Kongressen wie der Hartmoderne(15)
1997 und der ambitiösen Softmoderne(16)
1997 und 1999(17),
verschiedenen Veranstaltungen und Beteiligungen an
Kongressen und Festivals mit verwandten Themen von Heiko
Idensen, Florian Cramer, Stephan Porombka und anderen
Protagonisten der Szene, den weiteren Wettbewerben von ZEIT
und IBM 1997 und 1998 sowie einigen eher unglücklichen
Versuchen der Kulturmagazine
von ZDF(18) und
ORF(19)
drang allmählich Kunde vom neuen Phänomen in die
Medien hinaus, wo sich (vor allem in den Feuilletons von
ZEIT, Frankfurter Allgemeine Zeitung,
Süddeutsche Zeitung, und Neue
Zürcher Zeitung) zaghaft eine Rezeption
abzuzeichnen begann, die zuerst das Neue zumeist mit wenig
Offenheit begrüsste und als Irrweg(20) in
die Schranken wies,
aber allmählich auch freundlichere Töne(21)
anschlug. Gar seltsam war dabei die Rolle der ZEIT, die sich
offenbar gern selbst in den Fuss schießt: Auf der
einen Seite wurde die unbekannte Internet-Literatur mit
Wettbewerben gefördert, was der Zeitung gestattete,
gezielt um eine neue, junge Generation von Leserinnen und
Lesern zu werben, auf der andern Seite wurde dem Web-Projekt
nie viel Platz im Print-Produkt eingeräumt und
wenn, dann oft in überaus kritischer und skeptischer
Manier wie im Artikel
von Christian Benne,
der kurz vor der Preisverleihung 1998 erschien.
"Lesen im Internet
ist wie Musikhören übers Telephon.
[...] Literatur im Netz ist eine Totgeburt. Sie
scheitert schon als Idee, weil ihr Widersinn
womöglich nur noch von Hörspielen aus dem Handy
übertroffen wird. [...] Literatur
[...] kann allein in der Schrift von Generation
zu Generation weitergegeben werden. Littera scripta
manet. [...] Noch viel weniger als das Buch wird
sie (die Internet-Literatur) in der Lage sein, eine
moderne literarische Öffentlichkeit zu schaffen. Im
Netz sind allen Chats zum Trotz, Lektorat und
konstruktive Kritik so unvorstellbar wie ein
WWW-Äquivalent zu dem Tisch mit den
Neuerscheinungen. Im gigantischen Durcheinander des
Internet regiert Zufall, nicht Qualität."(22)
Es erstaunt nicht, dass
durch dieses grundlegende Missverständnis eines neuen
gesellschaftlichen und kulturellen Feldes die Allianz der
kulturarrivierten ZEIT mit dem Koorganisator IBM mehrmals
auseinander zu brechen drohte und schliesslich nach dem
Wettbewerb 1998 unweigerlich aufgelöst werden
musste.
Anders die unbeteiligte Neue
Zürcher Zeitung, wo bsp. Hanns-Josef Ortheil die
Gelegenheit hatte, die Grenzen und Chancen der neuen Texte
anhand einer fundierten Analyse des Lesens und Schreibens
auszuloten. Er weist daraufhin, dass eine Vielzahl der
Reflexionen über die neuen Medien und ihre
künstlerischen Ausprägungen unzweifelhaft in der
Buchkultur verhaftet sind. Dies verschließt vielen
Kritikern die Augen vor neuen Strukturen und
Paradigmenwechseln, während sich dem unvoreingenommenen
Leser unbegrenzte Räume von Freiheiten öffnen und
der Autor sich dabei langsam aufzulösen scheint zu
Gunsten des mitarbeitenden Lesers.
"Die neuen Medien
des elektronischen Zeitalters machen immer deutlicher,
wie sehr dieser Gedanke ein Buchgedanke ist, ein Konzept
also, das seine Wurzeln im stetigen Lernen und in der
Auseinandersetzung mit Büchern und Lehrern hat, die
als Autoritäten wirken. [...] Begreift man
die Computertexte nicht mehr als Werke, so
fällt bald auch die Unterscheidung zwischen Autor
und Leser weg. In dem Moment, in dem der Text dem Netz
eingeschrieben wird, löst er sich von seinem Autor
und kann von den Lesern, die in unermüdlichem
Wechsel zu Autoren und wieder zu Lesern werden,
umgeschrieben werden. Statt in sich ruhender
Werke entsteht so ein
Lese-Schreibe-Kontinuum, in das die
Empfänger jederzeit einsteigen können. Die
Strukturen in diesem Kontinuum sind frei fluktuierende
Zeichen, die nicht mehr auf einen Autor verweisen,
sondern sich um das neue Zentrum, den Leser (oder besser:
den Empfänger), scharen."(23)
Die physische
Vermittlung des Virtuellen
Trotz der regen
Kommunikation im Netz erwiesensich schliesslich die
physischen Treffen der Netzliteraturexponenten als
wegweisend und impulsgebend. Einige der Pioniere
deutschsprachiger Netzliteratur lernten sich an den
Veranstaltungen von ZEIT und IBM 1997 in Hamburg und 1998 in
Karlsruhe bei der Bekanntgabe der Preisträger der
Internet-Literatur-, bzw. Pegasus-Wettbewerbe
erstmals kennen. Wichtiger aber war für die Autorinnen
und Autoren das Treffen der Mailingliste Netzliteratur am
Bodensee
Ende Juli 1998, als
sich über ein Dutzend der Pioniere zum
Gedankenaustausch zusammenfand. Auch 1999 fand im August
wieder ein Treffen statt, diesmal
in Vaihingen bei
Oliver Gassner zur vollkommenen Sonnenfindernis, wo eine
Neukonzeptionierung der Foren der Mailingliste Netzliteratur
in Angriff genommen wurde.
Im Januar 1999 trafen sich
auf Einladung des Kulturprozentes der Migros 30
Cyberliteraten und wissenschaftliche Kenner zum
Symposium
Digitaler
Diskurs in der
ältesten Klosteranlage der Schweiz in
Romainmôtier nahe beim Genfersee. Die Veranstaltung
brachte Hyperfiction-Pioniere Theoretiker
und Praktiker aus unterschiedlichen Szenen und
Institutionen zusammen, führte zu fruchtbaren
Gedankenverknüpfungen und löste neue Diskussionen
und Projekte aus. In der Folge des Symposiums erschien im
Oktober 1999 in Zusammenarbeit mit einem Arbeitskreis der
Universität Zürich unter dem Titel
Hyperfiction
ein hyperliterarisches Lesebuch(24), das nicht nur
theoretische Essays und Erfahrungsberichte der
Symposiumsteilnehmer sammelt, sondern als zentrales Element
über eine CD-ROM verfügt, die eine
repräsentative Kompilation hyperfiktionaler,
literarischer Texte in deutscher Sprache enthält und
diese in erster Linie über das gewohnte Umfeld für
Literatur, den Buchhandel, bekannt zu machen
sucht.
Nicht zuletzt muss aber bei
einer Aufarbeitung der kurzen Geschichte deutschsprachiger
Hyperfictions auch eines der neueren, aber bereits sehr
wirkunsgvollen Prokjekte erwähnt werden, das es erst
seit Juni 1999 gibt: das Online-Journal dichtung
digital(25),
in dem dieser Artikel erscheint. Das Journal wird
herausgegeben von Roberto Simanowski an der Harvard
University (unter Mithilfe von Anja Rau und Christiane
Heibach in Frankfurt), es umfasst Werke, Rezensionen und
theoretische Beiträge zum Thema Netzliteratur, bzw.
soll eine "kritische Sichtung des Terrains"(26) liefern.
Dichtung digital entsteht im akademischen Milieu
und ist wie das hyperliterarische Lesebuch ein Versuch,
einerseits die unterschiedlichen Interessen und Sichtweisen
auf ein junges Genre zum Ausdruck zu bringen und
andererseits die Vermittlung eines in der Entwicklung
befindlichen literarischen Phänomens an den
herkömmlichen Literatur- und Wissenschaftsbetrieb zum
Gelingen zu bringen. Dies scheint im gegenwärtigen
Zeitpunkt beinahe eine Notwendigkeit, denn weder der
bisherige Wissenschaftsbetrieb der Geisteswissenschaften,
noch der herrschende Literaturbetrieb haben sich in ihrer
Alltagsarbeit die Mühe genommen, sich auf die neuen
Kommunikationsformen einzustellen.
Die Wettbewerbe: in
4 Jahren vom Aufbruch zur Endzeit
Das musste zum wiederholten
Male auch Oliver Gassner bei den Veranstaltungen zum
Internet Literaturwettbewerb 1999 erfahren. In die Bresche,
die der ZEIT/ IBM-Wettbewerb hinterliess, sprang
nämlich 1999 im Rahmen der Literaturtage
Baden-Württemberg die Stadt Ettlingen mit dem
Ettlinger
Internet-Literaturwettbewerb(27).
Konzeption und Organisation leistete Oliver
Gassner(28) in
Zusammenarbeit mit dem Kulturamt Ettlingen, er versuchte
dabei Offline-Literatur und Online-Literatur in einem
Festival zusammen zu bringen. Bei den Veranstaltungen im
Rahmen der Literaturtage standen die Türen stets weit
offen, doch die Netzliteraten blieben im trauten Kreis.
Einmal mehr verpasste das literarisch interessierte Publikum
die Gelegenheit, das junge Phänomen, seine Exponenten
und ihre Diskurse kennenzulernen und herauszufinden, ob da
wirklich eine literarische Aventgarde heranwächst. Und
auch der Idee einer Kooperation zwischen Netzliteraten und
herkömmlichen Literaten war wenig Erfolg beschieden:
Autor Bert Papenfuss´ Kooperation mit der Netzliteratin
Martina
Kieninger jedenfalls
notabene die einzig zustandegekommene von dreien
bestand darin, dass der Papierautor der Netzliteratin
ein meterlanges Fax mit einem seltsamen Piratendrama
ein Manuskript aus der Schublade schickte und sie
dann damit sitzen liess. Kieningers Reaktion darauf war
hingegen sehr schlagfertig: "Es gab nur eins Schiffe
versenken!" Sie ironisierte Kooperation und Text und
kreierte in wenigen Tagen ein Bildschirmmeer, auf dem
Piratenschiffe kreuzen, sich Worte wie Enterhaken
entgegenwerfen, Gefechte liefern und einander
versenken.
Der Wettbewerb von Ettlingen
an sich aber war ein Erfolg. Zum ersten Mal saßen
mehrere Kenner und Exponenten der neuen Szene in der Jury ,
zum ersten Mal wurde eine Unterteilung der Preise in
Kategorien versucht, wenn auch in Zukunft aktiv daran
weitergedacht werden muss und zum ersten Mal fand eine
fruchtbare Präsentation und Diskussion der
Beiträge in einer Veranstaltung am Tag danach
statt.
In lediglich vier Jahren hat
sich der Wettbewerb
schon beträchtlich weiterentwickelt. Noch 1996 bestand
die Jury vorwiegend aus Kritikern des Feuilletons, die weder
gross etwas mit den neuen Texten anfangen konnte, noch
überhaupt mit Computern umzugehen wussten ein
schlechtes Omen für das erst im Entstehen begriffene
neue Genre. 1996 und 1997 hatte sich die ZEIT mittels der
ersten Wettbewerbe schlicht und einfach auf die Suche nach
dem Zeitgeist begeben. Die durchaus verdienstvolle
Pioniertat verkümmerte aber durch die
Unaufgeschlossenheit und Verunsicherung der Macher.
Internet-Literatur war den Machern und Juroren weitgehend
unbekannt und vielleicht sogar suspekt. Das Neue war
schwierig einzuschätzen, zugegebenermassen, denn
Techniken und Aufschreibesysteme waren und sind in
ständiger Entwicklung und veränderten und
verändern auch die kreativen Anwendungen fortlaufend.
Man behalf sich mit Restriktion und Rückgriff auf
klassische Genres.
Zur Teilnahme eingeladen
waren alle, die die ästhetischen und technischen Mittel
des Internet einsetzten, um Sprache zu gestalten und neue
Ausdrucksformen zu entwickeln. Darüber hinaus wollte
man nicht konkreter formulieren, wie Internet-Literatur
auszusehen habe. Dies stand so in der Ausschreibung zum
zweiten Internet-Literaturpreis. Die ZEIT war vorsichtig
geworden, denn ihre Ausschreibung zum allerersten
Internet-Literaturpreis in deutscher Sprache Ende 1995 und
Anfang 1996 hatte zu heftigen Diskussionen unter den
Teilnehmenden geführt. Anlass dazu hatten vor allem
zwei Dinge gegeben: die offensichtliche Unkenntnis der Jury
in Sachen Internet sowie die drastische Beschränkung
der Texte auf Dateien von 60 Kbyte Grösse. Multimediale
Texte waren von vornherein ausgeschlossen, kein Film, kein
Ton, kein Java war erlaubt, neben 20 Kbyte Text durfte man
40 Kbyte Grafik und 8 Kbyte HTML-Code verwenden, um sein
Werk darzustellen. Das ist etwa so, wie wenn man einem
Architekten Zwei Kubikmeter Holz, ein bisschen Gips und
Farbe gibt und erwartet, dass er damit eine Kathedrale
baut.
Da stellte sich
natürlich sofort die Frage, wer durfte wem
vorschreiben, wie diese neue Art von Literatur auszusehen
habe. Die Jury wurde denn auch hart angegriffen und von
einem Teilnehmer beispielsweise als "Lordsiegelbewahrer der
deutschen Kulturburschwasie" bezeichnet. Doch auch nach
langen Diskussionen in den elektronischen Foren wurde die
Ausschreibung nicht mehr geändert und die aus
Literaturkritikern und Redakteuren zusammengestellte Jury
kam nach der Sichtung aller 184 Beiträge an einem
einzigen Wochenende zu einem klaren Entscheid: Der erste
Preis ging an Martina
Kieninger, die ein
witziges, ironisches Theaterstück aus Text und
Ascii-Grafiken entworfen hatte. Zusätzlich wurden
drei
weitere Preise
vergeben sowie ein Sonderpreis für das Fernseh- oder
Videogedicht Verwunschlos
von Sven Stillich, der sich bewusst nicht an die technischen
Vorgaben gehalten hatte.
Selbstverständlich
waren viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer enttäuscht
über diese Wahl. Wer gutes Webdesign forcierte, konnte
sich mit den einfachen Ascii-Grafiken nicht anfreunden. Wer
mehr Inhalt forderte, konnte sich mit manchem Effekt wie
blinkenden und sich bewegenden Worten nicht anfreunden. Und
wer mehr Innovation verlangte, konnte die beim besten Willen
nicht finden. Dabei hatte jeder das Gefühl,besser zu
wissen, wie Netzliteratur aussehen sollte und jedem stand
sein eigener Text am nächsten.
Im Vordergrund stand beim
ersten
Wettbewerb 1996
eindeutig der Text; ein Hypertext, der möglichst nahe
beim klassischen linearen Text anzusiedeln war. Die unklare
und ratlose Einschätzung der Werke durch die Jury war
auch daran zu erkennen, dass sie ein Drama, ein Gedicht,
eine Kurzgeschichte sowie ein Bild/Text-Experiment
prämiert hatte, also in ihrer Hilflosigkeit indirekt
eine klassische Gattungsunterscheidung zu evozierte und
nicht etwa versuchte, Kriterien nach einer möglichen
Ästehtik des Netzes zu entwerfen. Im Rückblick ist
zu sagen, dass trotz allseitiger Unklarheiten ein
ansprechendes Resultat herausschaute. 1996 wurde keine
Eintagesfliege prämiert, sondern mit Martina Kieninger
eine engagierte und aktive Exponentin der Netzliteratur, die
ihre narrativen Hypertexte seither ein gutes Stück
weiterentwickeln konnte und ein aufmerksames Publikum
gefunden hat. Wichtigstes Resultat aber war: Der umstrittene
Wettbewerb hatte in der Auseinandersetzung die Steine ins
Rollen gebracht und eine Community im Web erst richtig
konstituiert.
1997
bestand die Jury wieder vorwiegend aus Kritikern aus dem
Literaturbereich mittlerweile etwas vertrauter mit
Computern mit einer Ergänzung:
Sonderpreisgewinner Sven Stillich wurde gnädigerweise
als Stimme der Internet-Community ins Gremium
aufgenommen. Stillich sorgte auch sofort dafür, dass
keine unsinnigen technischen Restriktionen mehr in die
Ausschreibung kamen, eine Massnahme, die das Spektrum
deutlich erweiterte. Im Prinzip war nun alles erlaubt, was
plattformübergreifend einsehbar war.
Ende gut, alles gut?
Mitnichten! Die Jury, die unter 163 Einsendungen
auszuwählen hatte, teilte den Preis auf die beiden
Beiträge von Susanne Berkenheger (Zeit
für die Bombe)
und Peter Berlich (CORE)
auf. Sie galten der Jury gleicherweise als "gelungene
Verknüpfung von Idee, Text und Hyperlink-Technik". Doch
sofort tobte im Internet-Forum der ZEIT ein Sturm der
Entrüstung los. Die Unmutsäusserungen bezogen sich
aber nicht auf die Auswahl der Preisträger, sondern auf
die Art und Weise der Wahl. Die Jury hatte nämlich
kulturdiktatorisch verlauten lassen, dass sie "die
intendierte Verbindung von literarisch gestalteter Aussage
und technischen Möglichkeiten des Internet" in keinem
(!) Beitrag "in preiswürdiger Form verwirklicht" sah
und daher "ihre diesjährige Entscheidung in erster
Linie als Ermutigung der Teilnehmer, ihre Anstrengungen
künftig stärker auf diese Verbindung auszurichten"
betrachte. Das war für viele Wettbewerbsteilnehmer dann
doch etwas starker Tabak. Sie interpretierten
diese Aussage als (arrogante) Disqualifikation ihrer
Bemühungen und warfen der Jury vor, sie hätte
nicht gewusst, nach welchen Kriterien sie die Beiträge
bewerten sollte und hätte wohl etliche der
Beiträge auch nicht gelesen.
Letzteres lag auf der Hand,
da die Jury alle 163 Beiträge an einem einzigen
Wochenende gesichtet hatte ein Ding der
Unmöglichkeit, dabei alles zu lesen. Und ersteres wurde
dann von Juryvertreter Hermann
Rotermund bestätigt,
als er in seiner Laudatio sagte: "Wir wissen
tatsächlich noch nicht, was Internet-Literatur IST. Wir
koennen anhand der vorhandenen Elemente nur ahnen, was sie
WIRD oder werden koennte." Rotermund hatte aber dabei nicht
die Absicht, den kritischen Teilnehmern klein beizugeben, er
wollte vielmehr festhalten, dass solange sich die
Internet-Literatur noch in ihrem Anfangsstadium befindet und
keine klaren Konturen hat, die Jury trotz immer stärker
aufkommender Multimedialität nach der Maxime handeln
wird: Wer Internet-Literatur machen will, muss zumindest
etwas von Literatur verstehen.
Der Rückblick auf 1997
zeigt, dass wiederum der Text im Vordergrund stand. Diesmal
aber eindeutig als Fiktion. Das narrative Element war zum
wichtigsten Kriterium geworden. Die beiden prämierten
Fiktionen setzten ihre technischen Effekte integral als
literarische Mittel ein und konnten so nicht nur die Jury
überzeugen. Seit diesem Wettbewerb haben die beiden
Autoren Susanne
Berkenheger und
Peter
Berlich neue Werke
entwickelt, die wiederum mit sorgfältigen Innovationen
die Erzählstrategien zu erweitern wissen.
1998 hatte die Jury nicht
mehr Bewertungskriterien zur Hand als im Vorjahr. Es schien
gar, als sei ihr das Hauptkriterium, nämlich dass es um
Literatur ginge, auch noch abhanden gekommen. Der Pegasus 98
nannte sich lediglich noch Internet-Wettbewerb. Der
Literaturbegriff war den Feuilletonisten wohl zu eng
geworden, nachdem schon im Jahr zuvor die eingesandten
Beiträge zunehmend Text, Design, Bild, Ton
kombinierten. Ausserdem wollte man nun die
Programmierung als Teil der
Autorschaft
anerkennen(29) ohne aber dabei den literarischen Fokus zu
verlieren.
Der Wettbewerb beschritt
damit den Weg vom Textmedium zu den Multimedia:
Prämiert wurden durchwegs multimediale Projekte. Die
Gewinner des Wettbewerbs waren Frank Klötgen und Dirk
Günther mit ihrem Bilderdrama Die
Aaleskorte der
Ölig(30),
ein Bilderdrama in 20 Szenen, die vom Leser selbst anhand
von Fotografien der Personen und Regieanweisungen zu einem
Film zusammengestellt werden müssen und die in immer
neuen Versionen abgedreht werden, 6,9 Milliarden mal, wenn
man denn Zeit und Musse hätte dafür. Den zweiten
Preis erhielt das multimediale Werk von Jürgen Daiber
und Jochen Metzger Trost
der Bilder(31).
Sie treiben ein Psychospiel mit dem Leser. Nach vielen
Versprechungen sollen Geschichten einstweilen den Leser
trösten, doch es passiert einfach nichts. Das
Stück ist grafisch durchgestylt und mit Text, Ton, Bild
und animierter Navigation garniert. Auch die beiden Projekte
von Florian
Cramer(32) und
Batsian Böttcher, die je einen Sonderpreis gewannen,
überzeugen vor allem durch ihre Multimedialität:
Böttcher kreierte mit Looppool(33)
einen Rapomaten, dem der Leser einen Rap
entlocken kann, und dessen einzelne Verse er selbst durch
Kombination des Weges im ornamentalen Labyrinth
zusammenstellen kann. Zusammenfassend ist zu sagen, dass
1998 ein zuerst zaghafter, aber dann mutiger Schritt in
Richtung Multimedialität getan wurde, und zumindest in
der Aaleskorte steht die Narration der
Multimedialität nicht nach.
1999 stand die
Interaktivität im Mittelpunkt. Prämiert wurden in
Ettlingen fast ausnahmslos sogenannte interaktive
Texte und Projekte, bei denen der Leser die
Möglichkeit hat, selbst einzugreifen die
Interaktivität ist jedoch stets eine asynchrone. Die
prämierten Projekte sind sehr dokumentarisch gehalten
und erinnern stark an oral history wie das
Generationenprojekt(34)
und zu einem gewissen Grad auch 23:40(35),
oder sie sind sehr spielerisch und experimentell im Gebrauch
von und im Umgang mit Sprache und Text, aber machen keinen
Gebrauch mehr von Fiktion und Narration wie der
Assoziationsblaster.
Preise wurden erstmals in
drei Kategorien vergeben: dem Themenwettbewerb zur
jahr.1000.www.ende, einem Autorenpreis und einem
Projektpreis. Der Themenwettbewerb ging an das
Generationenprojekt von Jan Ulrich Hasecke und an den
Assoziationsblaster der beiden Stuttgarter Alvar Freude und
Dragan Espenschied.Beide Arbeiten bieten ihren Lesern die
Möglichkeit in den Text einzugreifen. Das
Generationenprojekt sammelt alltägliche
Erinnerungen an Ereignisse der letzen 50 Jahre während
der Assoziationsblaster(36)
seine Besucher dazu einlädt, mit Gedanken
Assoziationsketten zu einem dichten Netz von Eindrücken
zu verknüpfen. Den Projektpreis erhielt die Arbeit
23:40 des Hamburgers Guido Grigat. Auch hier ist
der Leser zur direkten Mitarbeit aufgefordert. Jede Minute
des Tages kann mit einem Text oder Bild gefüllt werden,
doch die in einer Datenbank abgelegten Fragmente sind danach
nur zu jeweils dieser Minute des Tages sichtbar: Für
einmal also behält das Internet Daten zurück,
anstatt sie zur ständigen Verfügung zu halten. Den
Autorenpreis erhielt Susanne Berkenheger aus München
für ihre Hyperfiction "Hilfe!"(37),
in der sie mit kleinen und grossen Browser-Fenstern und
kurzen dialogischen Sätzen arbeitet. Ein
Flugzeugabsturz lässt die verzwickten Beziehungen von
vier Personen nochmals Revue passieren. Das Faszinierende an
Berkenhegers Geschichte ist, dass die Figuren auf dem
Bildschirm entstehen und nach dessen eigenen Gesetzen zu
agieren vermögen. Berkenhegers "Hilfe!" ist auch die
Ausnahme unter den prämierten Texten von 1999: eine
klare abgeschlossene Hyperfiktion einer einzigen Autorin mit
Betonung der Fiktion und der Verwebung technischer Elemente
zu literarischen Mitteln.
Die klare Veränderung
des Internet Literaturwettbewerbs in seinen vier Jahren
zeigt gleichsam auch in etwa die Entwicklungsrichtung der
deutschsprachigen Netzliteratur, bzw. Webfiction in ihren
ersten fünf Jahren auf. Zusammenfassend, so kann man
wohl sagen, war im Jahre 1996 eindeutig die
Auseinandersetzung mit Text/ Hypertext das dominante Element
der Netzliteratur. 1997 wurde der Aspekt der Fiktion
besonders stark herausgearbeitet. 1998 dann wurde ein erster
Schritt vom Textmedium zu den Multimedia versucht und dabei
das Handwerk des Programmierens eindeutig
aufgewertet. Und 1999 weisen die Bemühungen in Richtung
der Interaktivität bzw. einer asynchronen
Interaktivität, die den Leser zum sorgfältigen
workshopmässigen Mitarbeiten am Text auffordert.
Selbstverständlich sind die Experimente in keine der
Richtungen abgeschlossen, sondern nach dem Abschluss der
Endzeit an der Jahrtausendwende ganz unaufgefordert wieder
beim Aufbruch angelangt. Dabei zieht sich zumindest ein
dominierender Aspekt als roter Faden durch die kurze
Geschichte der Frühphase der Hyperfictions: die
innovative und sowohl sprachlich als auch technisch
geschickte und geschulte Anwendung von Erzählstrategien
in neuen Mustern und Formen.
Ihr
Kommentar

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