Frieder Rusmann:
Fabrikverkauf Johannes Auer Die Vorbemerkung
[kommerziell] E-commerce als Anlass oder
Material eines Netzkunstprojektes hat seinen Produktzyklus
seinen Hype meines Erachtens hinter sich, ist als Thema
für ein neues Projekt verbraucht und ausreflektiert.
Anders als vor einem Jahr als die New Economy noch im vollen
Glaubenssafte stand, anders als vor einem Jahr, als noch
keine großen Spielzeugkriege riesige dot-com Konzerne
geschleift hatten. Lassen sie sich also von mir mitnehmen
ins goldene Zeitalter des Herbsts 1999, der Geburtsstunde
von "Fabrikverkauf", als Startup noch ein Zauberwort
und e-commerce der Zauberstab waren. Fabrikverkauf
[www.fabrik-ver-kauf.de] nimmt die Affirmation
von "community" und "e-commerce" zum Anlaß einer vom
Nutzer selbst zu gestaltenden Kunstperformance, der
[walking exhibition]. Dazu muß der Kunde via
Internet im e-shop von "Fabrikverkauf" ein T-Shirt
bestellen, das mit von mir entworfenen Kunstmotiven bedruckt
ist. Mit Lieferung des T-Shits erhält der Käufer
gleichzeitig ein Passwort, mit dem er sich auf der Web-Site
von "Fabrikverkauf" einloggen kann, um dort öffentlich
zu machen, wann und wo er das T-Shirt, tragen wird, wo die
von ihm am Leib getragene Kunst, die Ausstellung, die er
damit durchführt, also sein Termin der [walking
exhibition] zu besichtigen ist. Die [walking
exhibition] umfasst bisher über 120
Ausstellungstermine weltweit. Die Familienbande
[historisch] Wer ist für
dieses Projekt mitverantwortlich, welche Familienbande
sichern es historisch ab? Taufpate ist natürlich
Andy Warhol. Verkauf von seriell gefertigten populären
Fertigprodukten wird auf immer mit seinem Namen verbunden
sein. Ich zitiere Beat Wyss aus seinem passend genannten
Buch 'Die Welt als T-Shirt': "Täglich ereignet sich die
Epiphanie von Andys Geist in allen Supermärkten (bitte
e-shops gedanklich ergänzen, J.A.) der Welt: Die
mystische Einheit von Ware, Werbung und Kunstform in
Realpräsenz! Die Prophetie der Avantgarde hat
sich erfüllt: Kunst ist lebend geworden und wohnt jetzt
mitten unter uns" (WaT, S.117). Und so ist Fabrikverkauf ein
namentlicher Kniefall, na sagen wir Knicks vor Andys
Factory. Knicks, weil wir in
Andys Familiengeschichte natürlich sofort auf
seinen Großonkel, treffen von Beat Wyss, wie eben
zitiert, die "Prophetie der Avantgarde" genannt. Auch wenn's die Aura
verloren hat. Recht hat Großpate Benjamin: wenns
technisch reproduziert wird, geht beim Kunstwerk die Aura
flöten - auch bei einem T-Shirt. Und das ist schlecht
fürs Geschäft. Wer will sich schon ein auraloses
Mehrfachkunststück ins Haus holen und dafür auch
noch bezahlen? Sorry Walter, da müssen
wir ein wenig trixen und an die Aura des T-Shirt
Trägers ran. Und da bist du selbst Schuld: hast du,
Walter, nicht gesagt, dass - ich zitiere dich wörtlich
- "jeder heutige Mensch einen Anspruch vorbringen (kann),
gefilmt zu werden" (I, 2, 493), mit anderen Worten das Recht
hat, für 15 Minuten ein Star zu sein, wie es
Andy griffiger formulierte? Also: wird nicht durch
das Tragen des T-Shirts die Aura des reproduzierten
Kunstwerks wiederbelebt, indem sie quasi parasitär an
der Infusion der temporären Star-Einzigartigkeit des
Trägers hängt, an die dieser natürlich fest
glaubt? Der T-Shirt Träger, das ist der Trick, macht ja
erst die Kunst, wenn er die [art wear], also das
T-Shirt, in der [walking exhibition] zur Schau
stellt. Und so ein getragenes
T-Shirt, das liegt ja direkt auf der Haut, streichelt und
massiert sie sanft mit jeder Bewegung, gerade so wie das
Stiefonkel Marshall McLuhan gesagt hat: "the medium is the
massage". Wir wissen von dieser genealogischen Beziehung
Dank eines Hinweises von Reinhard Döhl. Zum familiären
Abschluß noch im Vorbeiflug ein Blitzbesuch bei
Lieblingsonkel Beuys. Der macht es uns leicht, dessen
anglisierte Namensanmutung (buys) bindet ihn eh dicht ans
Projekt. Außerdem hat er uns die soziale Plastik
geschenkt. Und da wollen wir uns ganz artig mit der
[walking exhibition] bedanken. Obwohl die Geschichte nun
schon fast geklärt ist und beinahe alles erklärt
hat, hat sie uns auch ein gesichertes Fundament gegossen und
auf diesem wollen wir nun den Direktkontakt mit
"Fabrikverkauf" wagen. "Fabrikverkauf" ist ein
hybrides Projekt: findet als e-shop und Community-Plattform
im Internet statt und hat eine starke real life Komponente
in der [walking exhibition]. Die [walking
exhibition] ist sozusagen der traditionelle
Ausstellungsarm des Projektes. Und Ausstellungen werden
herkömmlich mit Einladungskarten beworben und mit Reden
eröffnet. Folglich wurde auch für
"Fabrikverkauf" ein Einladungskärtchen entworfen,
gedruckt und verschickt. Passend zu einem e-commerce
Vorhaben in Form eines Dollars und natürlich Projekt
entsprechend überarbeitet: Die Rede zur
Ausstellungseröffnung besorgte Reinhard Döhl ohne
zu reden, denn sein Text wurde, wie auf der Einladungskarte
angekündigt, Tag gerecht im Internet
veröffentlicht. Die Annäherungen
I [textlich] Frieder
Rusmann: Reinhard
Döhl: Ulrike
Knöfel: noch ![]() |