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1.1 Demonstration
1.1.1 Hauptseite
Was
kombinatorische bzw. permutative Texte sind,
erschließt sich bereits im Umgang mit der Hauptseite
der Permutationen: Bei jedem neuen Aufruf variiert
sie ihren Titel typo- und orthographisch, ergänzt ihn
durch ein Anagramm, permutiert die Reihenfolge der
Überschriften ,,Permutationsdichtung``,
,,Kreisscheibendichtung``, ,,Diverse Kombinatoriken``, und
unterhalb dieser Überschriften auch die Liste der
einzelnen Dichtungen.
1.1.2 Optatianus Porfyrius, Carmen XXV
Auf der einfachsten Ebene
demonstrieren die ,,Permutationen``, daß
algorithmisch-permutative Dichtung nicht erst in
frühmodernen Avantgarden, von der konkreten Poesie oder
als Computerlyrik erfunden wurden. Prototypen sind der
Chiasmus und das auch ,,permutatio`` genannte Hyperbaton in
der antiken Rhetorik,2
das älteste in der Permutationen adaptierte
Textbeispiel ist Optatianus Porfyrius' permutativer
Carmen XXV aus dem vierten nachchristlichen
Jahrhundert. In diesem Gedicht können jeweils die
Wörter der ersten und vierten Spalte sowie der zweiten
und dritten Spalte in ihrer Reihenfolge vertauscht
werden.3
Da die Wörter der fünften Spalte fixiert sind,
bleibt das hexametrische Versmaß gewahrt. In meiner
Computer-Adaption permutiert der Text auf Knopfdruck und
nach dem Zufallsprinzip. Insgesamt gibt es 1,62 Milliarden
Permutationen des Gedichts.
Meine deutsche
Interlinearübersetzung lautet:
I Die Musen
komponieren beschwerliche Glücksgesänge
II Mißtönende Bänder verknüpfen
(sich) durch unebene Metren
III Die schroffen (Töne) beschweren und winden
die Brust des Sängers
IV Aus allseits zerstreuten Wörtern besteht
jeder einzelne (Ton) von ihnen.
Optatianus Porfyrius, der
auch ein wichtiger formaler Innovator der europäischen
Figurendichtung ist, läßt also sein Gedicht sich
ästhetisch selbst reflektieren und zerstreut diese
Reflexion wiederum durch den Wechsel der Wörter.
Bedeutsam wird dieses Gedicht für die Geschichte der
Lyrik, weil der Renaissance-Poetiker Julius Caesar Scaliger
1561 aus ihm die Definition einer kanonischen Gedichtform,
des Proteusverses, ableitet.4
1.1.3 Julius Caesar Scaliger, Proteus
Scaligers Beispielvers
,,Perfide sperasti divos te fallere Proteu`` (,,Treulos
hofftest Du, Proteus, die Götter zu täuschen``)
wird zum Prototyp von unzähligen
Wortpermutationsversen, die im 17. Jahrhundert sowohl auf
Latein, als auch in den neuen Nationalsprachen gedichtet
werden. Wie Optatianus' Carmen XXV, kann auch
Scaligers Vers nur eingeschränkt permutiert werden,
beachtet man den Hexameter. Im 17. Jahrhundert koinzidiert
die Rezeption Scaligers schließlich mit der Rezeption
der ,,ars`` von Raimundus Lullus und der christlichen
Kabbalistik. Was bei Lull noch ein Verfahren zur Erzeugung
von Aussagensätzen ist, wird nun zur generativen
Systematik enzyklopädischen Wissens.
Proteus-Versifikatoren wie Thomas Lansius, Georg Philipp
Harsdörffer und Quirinus Kuhlmann sind zugleich auch
Wissenschaftler und Sprachforscher.
1.1.4 Georg Philipp Harsdörffer,
Fünffacher Denckring
Der Nürnberger Dichter
Georg Philipp Harsdörffer dichtet nicht nur zwei
Proteusverse (die ebenfalls in den Permutationen
adaptiert sind), sondern auch eine deutsche
Wortkombinationsmaschine, den Fünffachen Denckring
der teutschen Sprache.5
An seinen Kreisscheiben sollten sich (idealiter)
sämtliche existenten und potentiellen Wörter der
deutschen Sprache bilden lassen. Harsdörffer rekurriert
hier nicht nur auf Lull, sondern auch auf den
Sprachwissenschaftler Justus Georg Schottelius, der die
kombinatorische Fügung sogenannter ,,Stammwörter``
als Grundprinzip der deutschen Sprache begreift und diese
antinominalistisch verstandenen ,,Stammwörter`` direkt
von der hebräischen und göttliche Sprache
ableitet.
1.1.5 Tristan Tzara, Dada-Gedicht
Geht es in den
Proteusdichtungen des 17. Jahrhunderts vor allem um die
Regelhaftigkeit und Berechenbarkeit der Permutation, so
werden in der Moderne dieselben Formen wiederbelebt unter
dem Vorzeichen der Unberechenbarkeit und des Zufalls. Der
Dadaist Tristan Tzara weist an, nach ein Gedicht zu
schreiben, indem man die Wörter eines Zeitungsartikels
ausschneidet, in einer Tüte mischt und in der gezogenen
Reihenfolge abschreibt.6
Trotz Tzaras antiklassischem Gestus ist seine Anleitung,
eine Menge von Wörtern zu selektieren, zu separieren
und zu permutieren regelkonform zu Julius Caesar Scaligers
Definition des Proteus-Gedichts. Es vertauschen sich
allerdings nicht nur die Vorzeichen von Determination und
Zufall, sondern auch von Offenheit und Geschlossenheit des
Systems. Alle vormodernen Permutationsgedichte versetzen ein
ihnen fest eingeschriebenes Set von Daten, während hier
nur noch ein Prozeß definiert wird, der mit beliebigen
Daten gefüttert werden kann.7
1.1.6 Here Comes Everybody (nach James Joyce,
Finnegans Wake)
Die Pemutationen
ergänzen ihre Archäologie um einige
selbsterfundene Automaten wie Finnegans
Wake-Prozessor, der die Poetik von Joyces Roman
maschinell imitiert, indem er dessen Text per Silbentrennung
und Pseudo-Markov-Ketten zu stets neuen Texten mit stets
neuen Schachtelwörtern rekombiniert.8
2 Sprachkombinatorik
und Computertext
Die Transposition
vor-digitaler kombinatorischer Dichtungen in
Computerprogramme ist zugegebenermaßen philologisch
unkorrekt; auch verwischt sie potentiell die Differenzen
zwischen einem theologisch und hermetisch geprägten,
antinominalistischen Sprachdenken der Frühneuzeit
einerseits und der Auffassung von Sprache als einem
arbiträr referenzierbaren Material in den modernen
Avantgarden andererseits. Indem die ,,Permutationen`` beide
Diskurse nebeneinander stellen, zeigen sie jedoch auf,
daß auch die älteren Texte heute nolens volens
nicht mehr lesbar sind ohne die perzeptive Vorprägung
durch Avantgardedichtung, Computerlyrik und
zeitgenössische Texttheorie.
Die Beeinflussung ist also
eine wechselseitige und somit auch der umgekehrte
Schluß erlaubt: daß nämlich ohne die
Reflexion von Sprachkombinatorik und algorithmisch
prozessiertem Sprachcode jeder Begriff von Dichtung in
Computernetzen nur ein restringierter sein kann. Trotz aller
historisch-diskursiven Unterschiede gibt es formale
Gemeinsamkeiten kombinatorischer Dichtungen, die aus meiner
Sicht auch für eine Poetik heutiger
Computernetzdichtung von Belang sind:
- Verdichtung
Aus einem denkbar
knappen Quellcode wird eine Abundanz von Text
erzeugt.
- Mikro-Grammatik
Indem
kombinatorische Dichtung die Wort- und
Satzbildungsmechanismen der Sprache nachbildet, dichtet
sie deren Code selbst.
- Algorithmische
Prozessierung
Kombinatorische
Dichtung nutzt formalisierte Verfahren, um Sprache zu
prozessieren, Text zu filtern und zu transformieren. Hier
zeigt sich auch das poetische Potential von
Rechenmaschinen jenseits der bloßen
Übermittlung fixierter Zeichenmengen auf, die
Tatsache also, daß Computer nicht nur
Transportmedien, sondern auch Sender und Empfänger,
Schreiber und Leser von Text sein
können.
Da der
Computer die gesamte Strecke der Kommunikation bedient, ist
er eine universelle Zeichenmaschine und nicht bloß ein
Medium. Mit der geisteswissenschaftliche Fehllektüre
des Computers als bloßem Medium wurde Netzwissenschaft
als ,,Medienwissenschaft`` (statt als Semiotik)
mißverstanden und, in direkter Folge, Netzkunst als
sogenannte ,,Medienkunst``. 9Diese
Fehllektüre hat, so scheint es, dazu geführt,
daß ein seit Kracauer und McLuhan an Film, Fernsehen,
Radio und Video geschultes Begriffs- und
Analyseinstrumentarium einfach auf Computer und Internet
übertragen wurde. Analog wurden Begriffe wie
,,Multimedialität``, ,,Interaktivität`` und
,,Nonlinearität`` in texttheoretisch und poetologisch
fragwürdigen Definitionen in den Diskurs der
Netzliteratur importiert und hinterließen dort einen
konzeptuellen Trümmerhaufen, der bis heute noch nicht
vollständig abgeräumt ist.
Auch wenn Textgeneratoren
wie jene, die die ,,Permutationen`` versammeln, aus Sicht
der Computerprogrammierung äußerst primitiv sind,
so lenken sie wenigstens die Aufmerksamkeit des Lesers auf
die Algorithmik ihres Code, auf die maschinelle
Ausführbarkeit des Computertexts. Dies geht gegen
Gleichsetzungen des Computernetzes mit einem bloßen
Übertragungsmedium oder gar einem typographischen
Interface, gegen die Verwechselung des Netzes mit der
arbiträren Protokollschicht des World Wide Web, gegen
die Verwechselung von Netz und Web-Browser und somit auch
gegen alle restringierenden Gleichsetzungen von
Computernetzliteratur mit dem sogenannten ,,Hypertext`` und
den sogenannten ,,Multimedia``. Es trügt der Schein,
daß computergenerierter Text den letzteren
gegenüber ein marginales Phänomen geblieben ist.
Maschinell erstellte Rechnungen, Bankauszüge,
Mahnbriefe, die Suchmaschinen und die ,,personalisierten``
Portale und Versandhaus-Seiten im Netz zeigen, daß
algorithmisch manipulierte Sprache subtil, aber wirkungsvoll
in die Alltagskultur eingedrungen ist. Es erstaunt,
daß nur wenige Netzliteratur diesen status quo
reflektiert. Die Makroviren Melissa und I LOVE
YOU, kleine, in Programmiersprache geschriebene
Computertexte, sind deshalb vielleicht die interessanteste
und dichteste Netzpoesie der letzten Jahre. Das Prinzip
kombinatorischer Dichtung, aus einem denkbar knappen
Quellcode eine Abundanz der Sprache zu schöpfen, wird
in ihnen durch Infektion, Selbstreplikation und Mutation von
Zeichen noch erweitert. An Computerviren zeigt sich,
daß Netzdichtung mit einem Code dichtet, dessen
bloße Syntax von explosiver Brisanz ist, da globale
technische Infrastrukturen von ihm abhängen.
Es scheint mir deshalb zur
Zeit noch interessanter, die Bedingungen der Codierung von
Netzliteratur zu reflektieren, als sich Netzliteratur auf
der Wahrnehmungsebene zu beschreiben. Man sollte sich also,
so meine These, erst über die technische Poetik (und
Poetologie) von Netzliteratur verständigen, dabei die
Position des bloßen Beobachters auch gelegentlich
verlassen, bevor man sich der Computernetzliteratur als
ästhetischem Phänomen nähert. Die
,,Permutationen`` sind, indem sie ihrem gesammelten Material
auf die algorithmischen Sprünge helfen und die
Philologen-Hände ihres Programmierers schmutzig machen,
nichts anderes als eine solche Übertretung der
Beobachterstandpunkts aus poetologischem
Interesse.
Auch wenn sich trefflich
argumentieren läßt, daß zum Beispiel der
,,Hypertext`` - zugleich Codierung und ästhetisches
Programm der meisten Netzdichtung - sich nur in die oberste
Oberfläche des Textgebildes Internet schreibt, leitet
sich daraus kein Anspruch ab, daß alle
Computernetzdichtung ihren Text gefälligst
algorithmisch ausführbar machen soll und simultan mit
den Codes der natürlichen Sprache, der
Programmiersprachen und der Netzwerkprotokolle dichten. Dies
zu fordern, wäre nicht nur vermessen, sondern auch
ästhetisch naiv. Nicht vermessen jedoch scheint mir der
Anspruch, daß Computernetzdichtung auch in technisch
restringierter Codierung ihre semiotischen und technischen
Bedingungen so reflektiert, wie es zum Beispiel die
konzeptualistische Netzkunst von jodi.org,
I/O/D, Mongrel, Heath Bunting, des
ASCII Art Ensemble und von
0100101110101101.org bereits tut und getan
hat.10
Ihr
Kommentar

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Fußnoten:
1Kombinatorische
Dichtung sei hier definiert als Dichtung, die ihren Text
nach festgelegten Regeln umstellt und variiert, in
Anagrammen, Proteusversen und Zufallsmontagen zum Beispiel,
und die oft nicht diesen Text, sondern nur die
poetisch-mathematische Spielanleitung notiert.
2[lieder:spiel],
Bd.2, S.160ff.
3[optatian:carmina],
Bd.1, S.99
4[scaliger:poetices],
o.S.
5[harsdoerffer:erquickstunden],
Bd. 2, S.517
6[tzara:poeme]
7Die
Computerprogramm-Fassung in den Permutationen
profitiert davon besonders, da sie erlaubt, diese Daten
beliebig aus dem World Wide Web zu beziehen.
8Das
umgekehrte Verfahren einer Verknappung des Texts durch
Mesosticha auf den Namen ,,James Joyce`` verwendet John Cage
für sein Hörspiel Roaratoria. Das
Verfahren, Text durch stochastische Algorithmen
(Markov-Ketten) zu erzeugen, verwendeten bereits in den
1950er Jahren Max Bense (vgl. [doehl:zuse]),
später Hugh Kenner und Charles O. Hartman, das von
Franz Josef Czernin konzipierte DOS-Programm POE
([czernin:poe])
sowie der Cybernetic Poet von Ray
Kurzweil.
9Um
so erfreulicher ist, daß diese Veranstaltung an einem
Lehrstuhl für Semiotik stattfindet und mehrere
Semiotiker involviert.
10Diese
Kritik trifft natürlich auch die
Permutationen, weshalb ich weder glaube, noch
behaupte, daß sie relevant als zeitgenössische
Netzliteratur sind.
Literatur:
- [czernin:poe]
- Franz Josef
Czernin. (Vortrag über das Programm POE).
Unveröffentliches Manuskript, 1997.
- [doehl:zuse]
- Reinhard Döhl. Von
der ZUSE Z 22 zum WWW. Helmut Kreuzer zum 70sten, 1998.
http://www.stuttgart.de/stadtbuecherei/zuse/zuse_www.htm.
- [harsdoerffer:erquickstunden]
- Georg Philipp
Harsdörffer. Mathematische und philosophische
Erquickstunden. Texte der frühen Neuzeit. Keip,
Frankfurt (Nürnberg), 3. Auflage, 1990
(1636).
- [liede:spiel]
- Alfred Liede.
Dichtung als Spiel. De Gruyter, Berlin und New
York, 1992 (1963/66).
- [optatian:carmina]
- Publilius Optatianus
Porfyrius. Publilii Optatiani Porfyrii Carmina.
Turin, 1973.
- [scaliger:poetices]
- Julius Caesar
Scaliger. Poetices libri septem. Lyon,
1561.
- [tzara:poeme]
- Tristan Tzara. Pour fair
une poème dadaïste. In Oeuvres
complètes. Gallimard, Paris,
1975.
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