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Forum Ästhetik
Digitaler Literatur
TanGo
& Co. - Bericht über einige Stuttgarter
InternetProjekte
Reinhard
Döhl
Der Tod
eines Fauns
| Pietistentango
| Worm
Applepie
| Poemchess
| Kill
the Poem
Als
sich 1994 auf dem Stuttgarter Symposium Max Bense
Wissenschaftler und Künstler trafen, ging es
retrospektiv um die internationalen Wechselbeziehungen
der Stuttgarter Gruppe / Schule
[Als
Stuttgart Schule machte].
Aber Johannes Auer
und ich begannen infolge dieses Symposiums auch, in der
Tradition früherer Stuttgarter Experimente
(Computertexte und -grafik; konkrete und visuelle Poesie)
die reproduktiven und produktiven Möglichkeiten des
Internets zu diskutieren, indem wir einzelne Texte dieser
Art zu den Spielregeln, d.h. technischen Bedingungen des
Internets eingaben,
- wobei
erstens für uns nahe lag, vom Gedanken der
poetischen Korrespondenz, der poetischen Vernetzungen
auszugehen,
- wobei
uns zweitens der bewußte Verzicht auf technisches
Überziehen vorrangig war zu Gunsten präziser
experimenteller Reflexion der grundlegenden
Möglichkeiten von Computer, Netz und
Literatur.
Ich habe
dies unter anderem dargestellt in Vom
Computertext zur Netzkunst
und rekapituliere
nur ein paar mir im heutigen Zusammenhang wichtige
Punkte:
Grundsätzlich
unterschieden und unterscheiden wir zwischen
- im Netz
lediglich veröffentlichten und
- Texten,
die nicht für das Netz geschrieben, aber für
eine Realisierung im Netz geeignet sind,
- und - in
ihrer Fortführung - schließlich Netztexten,
also Texten, die mit Hilfe des Computers zu den
Bedingungen des Internets erstellt werden.
Dabei gingen
und gehen wir aus vor allem von visuellen und akustischen
Texten nicht nur der konkreten Poesie, wie sie bereits um
1920, insbesondere in den 50er und 60er Jahren praktisch und
theoretisch auch in Stuttgart erprobt wurden. Diese lassen
sich nach unserem Verständnis nicht nur im neuen Medium
fortführen, sondern scheinen sogar - als Beispiel nenne
ich die Permutation wie jede Art von Textaleatorik -
für diese Möglichkeit der Realisierung geradezu
prädestiniert, ob nun als reine Hypertextstruktur, als
animiertes GIF, als Java-Applet oder -skript. Die
Möglichkeiten sind hier bei weitem noch nicht
ausgeschöpft.
Inzwischen
haben wir, um unsere These zu überprüfen, dass
diese früheren Experimente, Strukturen und Traditionen
die ästhetischen Spielmöglichkeiten des Internets
bereits antizipieren, einzelne Texte dieser Art zu den
Spielregeln, d.h. technischen Bedingungen des Internets
eingegeben: als permutationellen Text den Tod
eines Fauns
(1997),
als konkrete Texte Teile aus Das
Buch Gertrud
(1996), als visuelle Texte im Rahmen des TanGo-Projekts
von Martina Kieninger
den Pietistentango
und Kill
the Poem (1998) und
als aleatorischen Text Makkaronisch
für Niedlich
(1997).
Ich
gebe zunächst ohne weiteren Kommentar als Beispiel die
Permutation Tod
eines Fauns,
die,
ursprünglich als zweisprachiger Kommentar zu
Pinselzeichnungen entstanden, mein umfangreiches
Mallarmé-Projekt von 1989/1990
abschloss.
Diese und
andere in unseren Augen bereits produktive, mit Stuttgart
verbundene Internetbeiträge entstanden wie unsere
größeren Internetprojekte oft aus aktuellen
Anlässen:
Projekte,
die wir z.T. mit Ausstellungen verbanden oder die den
virtuellen Teil von Ausstellungen bildeten
[Kunstraum
/ Sprachraum. Graphik - Malerei -
Internet].
Ohne
konkreten Anlass realisierte sich unter Stuttgarter
Beteiligung Martina Kieningers TanGo-Projekts,
über dessen Stuttgarter Beiträge ich vor allem zu
sprechen habe.
Zum
TanGo-Projekt allgemein verweise ich auf Martina
Kieningers Arbeitsbericht, Vom
Schreiben auf glatten Oberflächen. Zur Geschichte
des MehrautorenProjekts Tango und über
Schwierigkeiten bei der Realisation eines mehrsprachigen
Projekts.
Über die Ausgangsseite des TanGo-Projekts
ebenfalls leicht erreichbar ist ein weiterer hier
einschlägiger Essay Johannes Auers, Der
Leser als DJ oder was Internetliteratur mit HipHop
verbindet.
Ein Teil
dieser Beiträge ist mit anderen Stuttgarter
Internetproduktionen auch in Beat Suters edition
cyperfiction auf der CD kill the poem. digitale
visuell-konkrete poesie und poem art leicht
zugänglich, und damit gewissermaßen auf
die Festplatte (zurück)gewandert. Wozu ich anmerken
möchte, daß unserer Auffassung nach die
Hervorbringungen neuer Mündlichkeit und
Schriftlichkeit in der CD das gemeinsame
Aufzeichnungsmedium gefunden haben. Die gelegentlich
vertretene These, eine solche Möglichkeit der
Aufzeichnung spräche gegen die Originalität
eines richtig verstanden nur im und durch das Netz
relevanten Netztextes / relevanter Netzkunst, greift
unserer Auffassung nach zu kurz.
Ich will
jetzt versuchen, einige dieser Stuttgarter Produktionen
etwas ausführlicher vorzustellen.
Die
Produktion des Pietistentango,
wie das ganze TanGo-Projekt, war von einer
mailart-Aktion begleitet, die anlässlich der
Projektvorstellung im Dezember 1998 im Goethe-Institut in
Montevideo dokumentiert wurde. In meinem Fall enthielten die
Karten an Johannes Auer alle möglichen sinnvollen
Buchstabenkombinationen des Worts Pietisten: z.B.
ist, piste, pisten, stein, steine, niest, nest, pest,
pein, pst, psi, sein, ein, nie, ei, niete undsofort.
Diese Buchstabenkombinationen treten in der Realisation in 6
Spielfeldern, die den 6 Silben des Wortes
Pietistentango entsprechen, zu wechselnden
Konstellationen zusammen, und zwar in einem Rhythmus, der
dem Schritt, Schritt, Wiegeschritt des Tango
entspricht.
Gleichzeitig
sind die 6 zwischen Schwarz und Weiß wechselnden
Spielfelder besetzt mit den Wörtern urbs (2mal),
niger, umbra, umbrae und vitae,
die von oben nach unten gelesen folgende Kombinationen
ergeben:
- Links
urbs niger, was natürlich Stuttgart meint und
mit Nikodemus Frischlins bekannterem Stuttgart-Gedicht,
genauer der Zeile urbs jacet ad Nicri colles in valle
reducta spielt.
- Rechts
zitiert umbra vitae die nachgelassene, von
Freunden zusammengestellte, und dabei textlich
manipulierte, düster gestimmte Gedichtsammlung Georg
Heyms, mit der er posthum populär wurde.
- Die in
der Mitte plazierte urbs umbrae verbindet
beide.
Wenn man so
will laufen beim Pietistentango also zwei Texte
gegeneinander, die sich kommentieren, die sich aber auch,
wenn man versucht, lediglich den Vorgang auf dem Bildschirm
wirken zu lassen, unambitioniert als kinetische Kunst
auffassen lassen.
Ähnliches
gilt für das Ziegenballett,
dem eine von mehreren Collage-Folgen zugrunde liegt, die mit
einer Fabel-Illustration Gustave Dorés, Les deux
chèvres, spielen.
Das
Ziegenballett besteht aus mehreren Orten, die
nacheinander besichtigt werden wollen. In der gedachten
Reihenfolge wäre dies zunächst ein virtueller
Ziegenstall, der aus zwei Abteilungen besteht, der
Originalbesetzung und einer bereits farbig
manipulierten Zweitbesetzung, die dann drittens das
Ballett tanzt.
Das
Ziegenballett leugnet seine Herkunft aus bildender
Kunst und über sie vermittelter Literatur nicht,
führt beides aber in doppelter Hinsicht fort, wobei die
32 Collagen der Originalbesetzung mit Methoden
erarbeitet wurden, die einer Grafik-Bearbeitung am
Bildschirm bewußt analogisiert sind, z.B. dem Zerlegen
des Bildes, dem Spiegeln und Drehen seiner Teile
usw.
Les deux
chèvres illustriert
eine Fabel, die von zwei Ziegen erzählt, die aus lauter
Rechthaberei und Dickköpfigkeit nicht aneinander vorbei
kommen (was von La Fontaine mit einem historisch/politischen
Fingerzeig ausgestattet wird (so, denk' ich, war's, als
mit dem Großen Ludwig schritt Spaniens Philipp der
Vierte weiland nach jenem Konferenzeneiland) [zit.
in der Übersetzung von Ernst Dohm].
Meine
Fortführung (diesen Begriff im Verständnis
der Stuttgarter Schule) besteht nun darin, daß ich die
Ziegen aneinander vorbeikommen lasse. Das Ballett wird also
von artifiziell in Freiheit gesetzten Ziegen getanzt, oder -
anders gesagt - von Ziegen, die sich gegenüber der
ihnen in der Fabel zugeschriebenen Rolle die Freiheit nehmen
- wiederum freilich in einer ihre Bewegungen festlegenden
Choreographie.
Ich
möchte hinzufügen, daß dies von mir, im
Vertrauen darauf, daß der Benutzer den
historisch/politischen Fingerzeig La Fontaines erinnert,
durchaus auch politisch gedacht ist.
Und ich
gestehe zugleich, daß ich hier misstrauisch sein
sollte, gewarnt durch das flachsinnige Verständnis, das
meinen Apfel nun schon seit über dreißig
Jahren begleitet, das allenfalls den Wurm im Apfel sieht und
dabei nicht einmal die Bedeutung der zuständigen
Redewendung reflektiert, geschweige denn gegenwärtig
hat, daß Äpfel, Wurm und/oder Schlange in der
Mythologie in der Regel Verhängnisvolles zur Folge zu
haben pflegen.
Wenn
in Johannes Auers Worm
Applepie
der vollgefressene Wurm sich zu seiner ursprünglichen
Größe zurückverdaut, hat er auch diese
Vergesslichkeit mehr als eine Wiederkehr des ewig Gleichen
im Sinn.
Dass
Johannes Auer das andere auch und zustimmend gesehen hat,
kann ich hier nur mit dem Hinweis auf eine einschlägige
Postkarte (mail art) mit der Inschrift Drei Stunden
später begann der dritte Weltkrieg
belegen.
Mit
Textspielen haben wir in Stuttgart in den
verschiedensten Formen experimentiert, mit Spielen, die sich
reproduktiv spielen lassen, und solchen, die produktives
Mitarbeiten der Benutzer verlangen, damit sie
glücken.
Für
den ersten Typus nenne ich das in der Tradition japanischer
Kettengedichte konzipierte Poemchess,
das sich auf verschiedene Weise spielen läßt:
einmal mit Hilfe der bereitgestellten Figuren Dame, Turm,
Läufer, Springer und ihren Bewegungsmöglichkeiten,
aber auch, indem man z.B. nach berühmten Endspielen die
Schachfelder anclickt und so ein reales Schachspiel in einen
internationalen virtuellen Text
übersetzt
- Dieses
Poemchess ist diologisch und international
(Schwäbisch, Deutsch, Französisch, Tschechisch,
Russisch, Japanisch, Türkisch und
Englisch).
- Zwischen
den Dialogen seiner Autoren stellt der
LeserAlsSchachspieler mit seinen den Regeln
entsprechenden Zügen weitere mehrsprachige Dialoge
und damit seinen multilingualen Text her.
- Das
ergibt praktisch zwei sich überschneidende
Dialoge,
- einen ersten Autordialog aus 8 Kettengedichten, der das
Grundtextgerüst des Schachspiels
herstellt,
- und
einen zweiten zwischen diesem Grundtext und dem Leser,
der individuell und variabel nach den Regeln des Spiels
seinen
Text,
seine Texte herausliest.
Dass dieses
Unternehmen Marcel Duchamp gewidmet ist, versteht sich
beinahe von selbst.
Andere
Textspiel-Experimente,
die wir angestellt haben, verlangen vom Benutzer produktive
Mitarbeit, d.h. er kann und muss einen vorgegebenen Text in
Zeilen/Teilen oder zur Gänze verändern. (Auch dies
in der Stuttgarter Tradition der
Fortführungen).
In diesem
Fall haben wir wiederholt Texte zum Verändern in
Echtzeit bereitgestellt:
- anläßlich
der Ausstellung virtuelle
verrueckungen
- oder
des Stuttgarter Multimedia Avantgarde-Festivals
Filmwinter
- und eben
auch zum TanGo-Projekt.
In seinem
Fall hatten wir drei Basistexte zur Auswahl,
- eine
visuell sehr festgelegte Permutation über Das
Verschwinden des Tangos im Internet, die wegen ihrer
visuell-typografischen Festlegung ebenso ausschied
wie
- der
Vorschlag von Tango-Tankas, weil wir nicht darauf
vertrauen wollten, daß der/die Mitspieler sich in
der 5-7-5-7-7 Struktur des japanischen Tanka
auskennen.
So blieb als Textvorgabe
schließlich ein einfaches Mesostichon:
Tanga oder
Paris
Anfang
November
Gehen die Uhren nach
Oder Tango
Paris das
Reimt sich wie
Orte und Treibsand
Südlich der Milchstraße
Paris meine Liebe
Einmal noch - c'est
Kif-kif - noch einmal
Tango im Tanga
Dieses
Gedicht ist von Frank Amos so eingegeben, daß wir
nicht nur die Namen der Mitschreiber und oft auch ihre
Adressen haben, sondern daß die Textzustände
dokumentiert bleiben und abgerufen werden können. Ich
zitiere als Beispiel einen der meiner Meinung nach
spannendsten Textzustände einschließlich seiner
realen oder (meist) fingierten Autoren:
TangoTanga
28.04. '98
|
hab
sonne im herzen
|
caesar
flaischlen
|
|
und
vollmond überm bärensee.
|
fred
wiesen
|
|
mehr
wäre dazu nicht zu sagen
|
helmut
heißenbüttel
|
|
am
horizont erscheint
|
derselbe
|
|
verführerisch
der morgenstern
|
die
heiligen drei könige
|
|
tango
im tanga
|
melusine
|
|
keine
hoffnung auf donnerstag
|
freitag
|
|
freitags
fisch
|
melusine
|
|
die
schwänze sind auch nicht mehr
|
lichtenberg
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was
sie leipzigeinundleipzig mal waren
|
sächsischer
biederkopf
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|
überhaupt
zählen rücklage und
rückschritt
|
der
pfuinanzminiter
|
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eher
zu den fußnoten im brehm
|
günter
eich
|
|
und
zum kleinen einmaleins
|
hilbert
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|
konsperativ
im Ursprung
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detlef
biehn
|
|
wie
sonne im herzen
|
caesar
flaischlen
|
|
aber
sie dreht sich doch
|
doris
ernst
|
|
und
das bei diesen temperaturen
|
wetterfrosch
|
Dass der
vorgegebene Text im Laufe der Zeit im positiven wie mehr im
negativen Sinne den Anspruch wechseln würde, war uns
bewußt. Spannend blieb, was die Veränderungen
ablesen ließen. Ich darf hier einige unserer
Beobachtungen zusammenfassen.
- In
vielen Fällen unterschieden sich die
Textveränderungen nur geringfügig von
überall anzutreffenden
Graffiti-Elaboraten.
- Andere
Leser/Mitschreiber wollten sich nicht auf den Text
einlassen, sondern eigene Meinungen (nicht nur
politischer Art) loswerden.
- Wenn
auch inhaltliche Anspielungen verstanden und aufgegriffen
wurden, die ursprüngliche Mesostichonstruktur des
Textes blieb unentdeckt oder wurde einfach nicht
beachtet.
- Gelegentlich
- ich habe beim Textzustand vom 28.4.98 deshalb auch alle
von den Einsendern angegebenen Namen genannt - kam es
aber zu vergnüglichem Spiel im Spiel, wurde
Literatur zitiert: Heißenbüttel, einmal
authentisch, einmal fingiert, Günter Eich,
Lichtenberg, wenn man sein Fragment von
Schwänzen kennt, oder der Robinson Crusoe
mit dem Eintrag keine hoffnung auf donnerstag und
dem figierten Einsender freitag. Ähnlich wird
der in einem früheren Textzustand Klopstock
zugewiesene Vollmond überm Bärensee
jetzt dem unbedarften Herausgeber eines Stuttgarter
Wochenblatts zugeschrieben usw.
Trotz
solcher Ausnahmen haben uns die Erfahrungen mit diesen
Textspielen das anfängliche Vertrauen in eine
kollaborative Autorschaft gründlich ausgetrieben, so
dass wir heute, ähnlich übrigens wie Susanne
Berkenheger, vom gesteuerten Leser
ausgehen.
Es liegt im
Willen des im Internet veröffentlichenden Autors, wie
weit er dem Leser bei der Lektüre freie Hand geben
will, was die Frage nach der vielbeschworenen
Interaktivität, die wir lieber Dialog
nennen würden [Ansätze
und Möglichkeiten künstlerischen Dialogs und
dialogischer Kunst],
mit einschließt. Ich nenne wiederum Stuttgarter
Belege:
Das
Poet's
corner'le,
ein work
in progress aus Texten aller in Stuttgart geborenen und/oder
verstorbenen, kurzfristig oder länger anwesenden aber
auch vertriebenen Autoren, als eine offene und variable
Anthologie der Stuttgarter
Schriftkultur,
- offen,
weil die Autoren/Texte ständig um neue ergänzt
und soweit möglich vernetzt werden
können,
- variabel,
weil die eingegebenen Texte jederzeit auf Wunsch der
Autoren, der Leser oder der Herausgeber ausgetauscht
werden können und sollen,
- interaktiv,
weil ein Dialog zwischen Leser und Texten in ihrer
Vernetzung stattfindet.
Ich nenne
noch einmal Frieder Rusmanns auf diesem Symposion bereits
vorgestellten Fabrikverkauf
[art-wear] [walking
exhibition]
- der die
Affirmation von community und e-commerce
subversiv zum Anlass einer vom Nutzer selbst zu
gestaltenden Kunstperformance, eben der [walking
exhibition] nimmt.
Ich nenne
drittens die von Klaus Schneider angezettelten
Kettenmailsausderbadewanne
als ein Textunternehmen zu e-mail-Bedingungen:
- In ihnen
findet der Dialog zwischen einem Ausgangstext und einem
Leser/Autor statt, der mit seinem Text auf die Vorlage
reagiert und seine Version einem weiteren Leser/Autor zur
Reaktion und Redaktion überlässt der -
undsoweiter.
Wobei
es sicher richtig ist, hier an den Briefroman und seine
Spielformen zurückzudenken, in deren Tradition sich
diese Kettenmails auch lesen ließen, wie
überhaupt das Netz die Chance einer neuen Briefkultur
böte, was im Verlaufe unserer Diskussion ja ebenso
angesprochen wurde wie die denkbare Tradition einer
Fußnotenprosa, Zettelkastenpoesie oder der
Collage-Technik.
Und ich
nenne noch einmal und viertens das in der Tradition
japanischer Kettengedichte konzipierte
Poemchess.
Dienten
das Poemchess und die offenen Textspiele dazu,
Texte mit Hilfe der Benutzer zu verändern und variabel
zu halten, zielt ein letztes Beispiel aus dem
TanGo-Projekt, Johannes Auers Kill
the Poem,
auf Text-Zerstörung und Infragestellung des
Autors.
Gegeben ist
erstens ein permutationeller Text:
keine
faxen mit tango ist ernst kein tango ist ernst mit faxen
keine faxen ist tango mit ernst mit tango ist ernst ohne
faxen mit ernst sind faxen ohne tango mit tango ist faxen
ohne ernst mit faxen ist
ernst
[...].
Gegeben ist zweitens die
Möglichkeit, mit martialischem Gestus schrittweise
einzelne Wörter aus diesem Text
herauszuschießen, zunächst faxen, dann
- ich fasse zwei Schritte zusammen - die Wörter
ohne und mit, dann - ich fasse wieder zwei
Schritte zusammen - die Wörter kein(e) und
ist/sind, dann
ernst und als letztes tango, bis
schließlich der ganze Text abgeschossen ist, mit
der Möglichkeit freilich, ihn danach neu zu
laden.
Was Johannes
Auer dem bildschirmaktiven Leser demonstrieren will, was der
Leser bei seinem Tun erkennen soll, ist, wenn ich es recht
verstehe, dasselbe, was ich mit dem Verschwinden des
Tangos im Internet
wollte, einmal die
Demontage eines Artefakts und zugleich die Demonstration
seiner Unzerstörbarkeit. Wir sind jedenfalls davon
überzeugt, daß auch Kunst sterben darf und
zugleich wieder aufersteht, und fordern dies sogar als ihr
Grundrecht.
Das
läßt sich in Kürze nicht weiter
ausführen. Ich verweise stattdessen auf eine uns
wichtige Parallele aus der Kunstgeschichte, den Moment
nämlich,
- als Hans
Arp vorschlug, Laokoon zu klistieren, um ihm nach
tausendjährigen Ringkampf mit der
Klapperschlange endlich das Austreten zu
ermöglichen, wichtiger noch,
- als
Marcel Duchamp die Mona Lisa mit Bärten und der
Subscriptio L.H.O.O.Q [Elle a chaud au
cul] ausstattete, um dies 1965 mit einem
L.H.O.O.Q. rasée
zurückzunehmen.
Arps
Purgierungsaktion, Duchamps ready made zielen dabei nur
vordergründig auf des Portrait Leonardo da Vincis, die
Laokoongruppe, im Grunde haben sie deren Rezeption, eine
sich an ihr orientierende Kunstauffassung und -produktion im
Visier.
Entsprechend
fordert Kill the Poem den Leser nicht nur zu
ikonoklastischer Tat auf, sondern bietet ihm die
Möglichkeit, seine Tat zumindestens
äußerlich ungeschehen zu machen. Er sollte aber
auch anregt werden, seine spontane Bereitschaft zu
inkonoklastischem Tun zu reflektieren. Wobei
interpretatorisch nicht unwichtig ist, daß hier kein
literaturgeschichtlich sanktionierter Text, kein zur
Anbetung aufbereiteter Künstler zum Abschuß
bereitgestellt ist, sondern ein Text in der Tradition des
konkret permutationellen Gedichts mit nur geringer
Autorpräsenz.
Ihr
Kommentar

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