Die
Bertelsmann-Szenographen haben es für die Expo 2000 in
ihren unerträglichen IT-Werbefilmen auf den Punkt
gebracht: Ein armer bosnischer Junge gibt ins Netzwerk die
Frage ein "Wer bin ich, woher komme ich?". Die Botschaft
geht um die Welt, schwirrt durch die Netze. Das Medium ist
die Massage. Von überall antworten die verschiedensten
Menschen. D.h. sie antworten nicht im strengen Sinn die
Wortes, sondern das Netz selbst scheint die Antwort zu sein.
(vgl. das imaginäre Hack der "
Planets
of Vision")
Und die
Wissenschaftsfiktionen? Das, was man vielleicht zu
Unrecht das Imaginäre des Cyberspaces nennen
können, das Imaginäre der Medien?
log.in: Snow Crash.
Simuliert einen kompletten Systemabsturz, ein mentales
Virus, auf so grundlegender kultureller Ebene, dass gerade
die Routinen des Computers infiziert werden, die die
Tastatur und den Elektrodenstrahl des Monitors
kontrollieren. Derart abgelenkt schweift er in ziellosen
Bahnen über den Screen und verwandelt jegliche
Datenkonstellation in wirbelndes Schneegestöber.
Schöner Absturz. Das Material wird recycelt und aus
dieser Unordnung des Datensalates heraus können sich
interessante Schreibaktionen entwickeln:
"Er greift in die Tasche und
zieht eine Hypercard heraus. Sie sieht aus wie eine
Visitenkarte. Die Hypercard ist eine Art Avatar. Sie dient
im Metaversum dazu, eine Gruppe von Daten zu
repräsentieren. Dabei kann es sich um Text, Audio,
Video, ein Standbild handeln oder um jede andere
Information, die digitalisiert werden kann. [...]
Eine Hypercard kann praktisch eine unendliche Anzahl von
Informationen enthalten. [...] auf dieser Hypercard
könnten sämtliche Bücher der
Kongreßbibliothek gespeichert sein oder jede Folge von
Hawai Fünf - Null, die je gedreht wurde oder
sämtliche Aufnahmen von Jimi Hendrix oder die
Volkszählungsergebnisse von 1950. Oder -
wahrscheinlicher - eine große Vielfalt gemeiner
Computerviren. [...](die das eigene Gehirn als auch
den eigenen Computer gleichermaßen versauen')."
(Neal Stephenson: Snow Crash, München 1994, OT: New
York 1992, S. 55-56)
Das klingt nach einen Cut-Up
aus dem HyperCard-Handbuch (einem der ersten massenhaft
verbreiteten Hypertext-Autorensysteme, das in den 80er
Jahren kostenlos von Apple verbreitet wurde und zu einem
Pool von Public-Domain-Literatur-Hypertexten geführt
hat - bis auf wenige Ausnahmen hauptsächlich im
amerikanischen Bereich) oder einer Neuauflage des
Knowledge-Navigators von Apple, der den Grund-Mythos
der so genannten Informationsgesellschaft in Szene setzt:
Ein Wissenschaftler wird von einem smarten
Informationsagenten mit dem allmorgendlichen
alltäglichen Informationsterror versorgt: Katastrophen
aus aller Welt, Spiel-Ergebnisse des
Lieblings-Football-Vereins, private Korrespondenzen und
Anzüglichkeiten, eine befreundete Wissenschaftlerin
überspielt Daten aus einem Referat, dass der universal
User gleich kopiert und in ein Vorlesungsmanuskript
einpastet. Das Interface soll intuitiv sein. Alle Aktionen
werden direkt mit einem leichten Antippen des Zeigefingers
ausgelöst. Der Zeitmanager mahnt, und während der
User duscht, vollendet der Wissens-Agent die gleich
benötigte Vorlesung. ... Aber wie immer ist trotz
avancierten Medieneinsatzes die Zeit knapp und auch die
Aufmerksamkeitsressourcen sind begrenzt. Während der
smarte Wissenschaftler schon auf dem Weg zu seiner Vorlesung
ist, läuft eine private Massage als Endlosschleife im
Abspann des Werbefilms: "Vergiss den Geburtstag deiner
Mutter nicht! Vergiss den Geburtstag deiner Mutter nicht!"
Ja, Ja, diese Werbefilme der
IT-Konzerne, sie liegen in dem, was sie zum Massenverkauf
und zur Benutzung frei geben und auf den Markt werfen, immer
haarscharf daneben und schaffen es doch immer wieder, einem
fast das Gefühl zu vermitteln, diese aufbereiteten
Technik-Visionen seien genau das, was man sich schon immer
gewünscht hat.
Aber was man wirklich
braucht, um gegen Infotainment und Information-Overload
ankämpfen zu können, ist ein brauchbarer
Informations-Agent.
"Der Bibliotheksdaemon sieht
wie ein lebenswerter bärtiger Mann Mitte Fünfzig
aus, mit silbernem Haar und hellblauen Augen, der einen
Pullover mit V-Ausschnitt über einem Baumwollhemd und
dazu eine grob gewobene Krawatte trägt. Die Krawatte
ist gelockert, die Hemdsärmel hochgekrempelt. Obwohl er
nur ein Stück Software ist, hat er allen Anlaß,
fröhlich zu sein; er kann sich so behende wie eine
Spinne durch die fast unvorstellbaren Informationsmengen der
Bibliothek bewegen, die durch ein weites Netz von
Querverweisen krabbelt. [...] das einzige, was er
nicht kann, ist denken" (Neal Stephenson: Snow Crash,
München 1994, OT: New York 1992, S.128).
Aber intelligente Such- und
Filterroutinen sind auch schon ganz nützlich - als
Vorbereitung oder Vorstufe zum Denken vielleicht
...
"Ich besitze die
einprogrammierte Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen.
[...] Ich wurde nicht von einem professionellen
Hacker programmiert, sondern von einem Forscher der
Kongreßbibliothek, der sich das Programmieren selbst
beigebracht hat [...] Er hatte sich dem allgemeinen
Problem gewidmet, daß man sich durch gewaltige Mengen
irrelevanter Details durcharbeiten muß, um wichtige
Juwelen an Informationen zu finden" (Snow Crash, S.
130).
Das zentrale Problem des
Suchen, Findens und Selektierens in komplexen
Datenbeständen (seien es Bibliotheken, Datenbanken oder
schlichte sequentielle Files) stellt sich natürlich
auch besonders in kollaborativen Schreibprojekten, bei denen
noch erschwerend hinzukommt, dass die Daten hier auch noch
von verschiedenen Nutzern nach durchaus sehr
unterschiedlichen Systematiken und Modellen abgelegt und
modelliert werden.
Die erste Frage für
Neueinsteiger ist oft die nach der Größe des
schon kumulierten Datenbestandes.
"Wie viele Hypercards sind
hier drinnen?"
"Zehntausendvierhundertdreiundsechzig",
sagte der Bibliothekar.
"Ich habe keine Zeit, sie
alle anzusehen", sagt Hiro. "Können Sie mir einen
Überblick darüber verschaffen [...]?"
(ebd., S. 248)
Der Informationsassistent
kann neben der Anzahl lediglich die Titel der einzelnen
Informationseinheiten vorlesen. Auf die Frage nach der
Interpretation einzelner Sätze und nach der
Gesamtstrategie und -intention eines Textes, nach dem
sprichwörtlichen Zusammenhang' kommt als
Antwortfloskel immer wieder: "Es gibt weitverzweigte
Zusammenhänge. Sie zusammenzufassen würde
Kreativität und Urteilskraft erfordern. Als mechanische
Einheit besitze ich beides nicht" (ebd., S. 248).
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