www.dichtung-digital.de/Forum-Kassel-Okt-00/Idensen


Forum Ästhetik Digitaler Literatur

Idensen: Odysseen im Schreibraum

top - 1 - 2 - 3 - 4 - 5

Interaktion mit der Systemtheorie: Schreiben in nic-las

Das Wissenschaftsverständnis hat sich angesichts der postmodernen Informationstechnologien von einem passiven deskriptiven Paradigma (Relation zur Natur, Repräsentation von Fakten, Entdeckungen von ‚Geheimnissen' durch geniale Einzelwissenschaftler) zu einem konstruktivistischen Ansatz hin entwickelt: Hier stehen die Prozesse und Operationen im Vordergrund, durch die Erkenntnisse überhaupt erst erzeugt werden. Diese Prozesse und Operationen sind von vornherein als ein kollaboratives Netzwerk angelegt; komplexe Forschungen können nur noch im Teamwork [1] vollzogen werden.

Im Forschungsprojekt "Netz/Werk/Kultur/Techniken: kulturwissenschaftliche Wissensproduktion in Netzwerken" [2] suchte ich zusammen mit Studierenden der Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim nach Möglichkeiten, Hypermedia und Netzwerke nicht nur zu rezipieren (=lesen), sondern kulturkritische hypermediale Diskurse selbst zu initiieren, zu entwerfen, zu gestalten (=schreiben) und in die kommunikativen Strukturen der Netzwerke zurückzukoppeln - d.h. Eingriffe in die Felder hypermedialer Diskurstechniken vorzunehmen. Der oszillierende hybride Status von Netz-Texten im Spannungsfeld von Lese- und Schreiboperationen wurde zum zentralen Kulminationspunkt unserer Projektarbeit: Charakteristisch für Online-Texte ist das kollaborative Entwerfen und Strukturieren von Ideen, die Beschleunigung von Austausch- und Verteilungsprozessen, die Öffnung von Textstrukturen: Die Erstellung und Überarbeitung von Texten sowie ihre Einbindung in andere Kontexte vollziehen sich nicht mehr im Kopf einzelner Autoren, sondern digitale Textnetzwerke konfigurieren sich von vornherein im öffentlichen Raum. Jeder Teilnehmer an digitalen Diskursen ist potentiell gleichermaßen Sender und Empfänger, Schreiber und Leser, Produzent und Rezipient.

In einer Verschränkung von inhaltlicher Recherche und Aufbereitung aller im Forschungsprojekt angefallenen Materialien und Dokumente arbeiten wir gemeinsam mit Kooperationspartnern an der Optimierung und Adaption einer offenen Informationslandschaft nic-las: [3] :)

Basierend auf der Systemtheorie von Niklas Luhmann liegen die Basisoperationen in vielfältigen nicht-linearen Verknüpfungsmöglichkeiten von Textstellen und Zitaten (automatische Verknüpfungen nach keywords ebenso wie ein differenziertes Meta-Auszeichnungssystem etwa für Personen- und Sachregister oder Zuordnungen und Zugriffsrechte für verschiedene AutorInnen) und in dynamischen diskursiven und kommunikativen Operationen (wie intuitive und assoziative Annotation und Kommentierung). Gerade diese Verbindung von hierarchischen und rhizomatisch-chaotischen Strukturen ermöglicht eine intertextuelle Praxis des Schreibens mit Synergieeffekten zwischen Lesen und Schreiben wie sie in den emphatischen Debatten um den Text-Begriff in den 60er Jahren und dem Poststrukturalismus theoretisch entwickelt wurde. Die große Flexibilität im Interface-Design liegt vor allem darin begründet, dass für die Online-Schreib-, Kommunikations- und Archivprozesse keine neuen Metaphern oder Datenstrukturen vorgegeben werden, sondern dass jede Aktivität des Benutzers in der einfachsten möglichen Aktion besteht: im Anlegen einer ,Unterscheidung'.[4] Verschiedene AutorInnen schreiben nicht nur zeitversetzt am selben Dokument, tauschen nicht nur ihre Zettelkästen, Zitatdatenbanken oder Referenzen aus oder annotieren, kommentieren und ergänzen feststehende Texteinheiten, sondern entwerfen verschiedene Perspektiven, konstruieren Ein-, Aus- und Übergänge zwischen den Texten und re- und dekontextualisieren ihre Eingaben dabei permanent: Der Text wird zu einer Oberfläche, zu einer Schnittstelle für die Begegnung von Leser und Schreiber, Anbieter und Nutzer, Sender und Empfänger.

Ob solche Versuche wirklich längerfristig und nachhaltig neue Diskursformen herausbilden helfen, vielleicht sogar helfen, die von Hypertext-Theoretikern immer wieder geforderte (und von den Programmentwicklern bisher nie eingelöste) Hybridisierung zwischen Form und Inhalt, zwischen Text und Kontext, zwischen Produktion und Rezeption, zwischen Autorfiktionen und Leserimaginationen zu bearbeiten und zu managen - das wird die Zukunft gezeigt haben werden.

top - 1 - 2 - 3 - 4 > 5


Anmerkungen

[01] Ein Blick etwa in physikalische Forschungsliteratur zeigt Teams von mehr als 2000 WissenschaftlerInnen, die über Jahrzehnte zusammenarbeiten. Selbst bei einer Dissertation in einem solchen Arbeitskontext tauchen dann etwa die Namen von über 500 ‚Mitautoren' (in alphabetischer Reihenfolge) auf, so dass - trotz der restriktiven Regeln des zunftartig organisierten Wissenschaftsbetriebs - der einzelne Forscher ganz deutlich als Knoten in einem Geflecht von Querbeziehungen positioniert wird. Der Konzeption des WWW-Standards am CERN lag u.a. der Wunsch und die Notwendigkeit der Entwicklung eines einfachen Austauschformats für wissenschaftliche Texte im Netz zugrunde.

http://hoshi.cic.sfu.ca/~guay/Paradigm/History.html gibt einen sehr fundierten Überblick über die historischen Entwicklungen des Web-Konzepts aus den verschiedensten Quellen - (Bush, Nelson, Engelbart, CERN) nebst medientheoretischen Hintergrund (Mc Luhan, Landow). Siehe auch: Tim Berners-Lee (Ted Nelson and Xanadu), http://www.w3.org/pub/WWW/Xanadu.htm

[02] Alle Dokumente und Materialien des Projekts sind archiviert unter: http://www.hyperdis.de/netkult/

[03] Die Entwickler bezeichnen nic-las als ‚autopoetische Informationslandschaft': Das Akronym nic-las steht für nowledge integrating communication-based labelling and access system. http://www.nic-las.com/enzyklopaedie/

[04] Diese Unterscheidungen strukturieren schon während der Texteingabe den Datenbestand dynamisch und schreiben somit jede Veränderung in einem kleinen Detail in den Gesamtkontext ein und differenzieren so die Wissensstrukturen immer weiter aus. Personen-, Themen- und Zeitreferenzen vernetzen jede Texteinheit innerhalb verschiedener Kontexte.