Das
Wissenschaftsverständnis hat sich angesichts der
postmodernen Informationstechnologien von einem passiven
deskriptiven Paradigma (Relation zur Natur,
Repräsentation von Fakten, Entdeckungen von
Geheimnissen' durch geniale Einzelwissenschaftler) zu
einem konstruktivistischen Ansatz hin entwickelt: Hier
stehen die Prozesse und Operationen im Vordergrund, durch
die Erkenntnisse überhaupt erst erzeugt werden. Diese
Prozesse und Operationen sind von vornherein als ein
kollaboratives Netzwerk angelegt; komplexe Forschungen
können nur noch im Teamwork
[
1]
vollzogen werden.
Im Forschungsprojekt
"Netz/Werk/Kultur/Techniken: kulturwissenschaftliche
Wissensproduktion in Netzwerken"
[2]
suchte ich zusammen mit Studierenden der
Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim nach
Möglichkeiten, Hypermedia und Netzwerke nicht nur zu
rezipieren (=lesen), sondern kulturkritische hypermediale
Diskurse selbst zu initiieren, zu entwerfen, zu gestalten
(=schreiben) und in die kommunikativen Strukturen der
Netzwerke zurückzukoppeln - d.h. Eingriffe in die
Felder hypermedialer Diskurstechniken vorzunehmen. Der
oszillierende hybride Status von Netz-Texten im
Spannungsfeld von Lese- und Schreiboperationen wurde zum
zentralen Kulminationspunkt unserer Projektarbeit:
Charakteristisch für Online-Texte ist das kollaborative
Entwerfen und Strukturieren von Ideen, die Beschleunigung
von Austausch- und Verteilungsprozessen, die Öffnung
von Textstrukturen: Die Erstellung und Überarbeitung
von Texten sowie ihre Einbindung in andere Kontexte
vollziehen sich nicht mehr im Kopf einzelner Autoren,
sondern digitale Textnetzwerke konfigurieren sich von
vornherein im öffentlichen Raum. Jeder Teilnehmer an
digitalen Diskursen ist potentiell gleichermaßen
Sender und Empfänger, Schreiber und Leser, Produzent
und Rezipient.
In einer Verschränkung
von inhaltlicher Recherche und Aufbereitung aller im
Forschungsprojekt angefallenen Materialien und Dokumente
arbeiten wir gemeinsam mit Kooperationspartnern an der
Optimierung und Adaption einer offenen
Informationslandschaft nic-las:
[3]
:)
Basierend auf der
Systemtheorie von Niklas Luhmann liegen die Basisoperationen
in vielfältigen nicht-linearen
Verknüpfungsmöglichkeiten von Textstellen und
Zitaten (automatische Verknüpfungen nach keywords
ebenso wie ein differenziertes Meta-Auszeichnungssystem etwa
für Personen- und Sachregister oder Zuordnungen und
Zugriffsrechte für verschiedene AutorInnen) und in
dynamischen diskursiven und kommunikativen Operationen (wie
intuitive und assoziative Annotation und Kommentierung).
Gerade diese Verbindung von hierarchischen und
rhizomatisch-chaotischen Strukturen ermöglicht eine
intertextuelle Praxis des Schreibens mit Synergieeffekten
zwischen Lesen und Schreiben wie sie in den emphatischen
Debatten um den Text-Begriff in den 60er Jahren und dem
Poststrukturalismus theoretisch entwickelt wurde. Die
große Flexibilität im Interface-Design liegt vor
allem darin begründet, dass für die
Online-Schreib-, Kommunikations- und Archivprozesse keine
neuen Metaphern oder Datenstrukturen vorgegeben werden,
sondern dass jede Aktivität des Benutzers in der
einfachsten möglichen Aktion besteht: im Anlegen einer
,Unterscheidung'.[4]
Verschiedene AutorInnen schreiben nicht nur zeitversetzt am
selben Dokument, tauschen nicht nur ihre Zettelkästen,
Zitatdatenbanken oder Referenzen aus oder annotieren,
kommentieren und ergänzen feststehende Texteinheiten,
sondern entwerfen verschiedene Perspektiven, konstruieren
Ein-, Aus- und Übergänge zwischen den Texten und
re- und dekontextualisieren ihre Eingaben dabei permanent:
Der Text wird zu einer Oberfläche, zu einer
Schnittstelle für die Begegnung von Leser und
Schreiber, Anbieter und Nutzer, Sender und
Empfänger.
Ob solche Versuche wirklich
längerfristig und nachhaltig neue Diskursformen
herausbilden helfen, vielleicht sogar helfen, die von
Hypertext-Theoretikern immer wieder geforderte (und von den
Programmentwicklern bisher nie eingelöste)
Hybridisierung zwischen Form und Inhalt, zwischen Text und
Kontext, zwischen Produktion und Rezeption, zwischen
Autorfiktionen und Leserimaginationen zu bearbeiten und zu
managen - das wird die Zukunft gezeigt haben
werden.
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Anmerkungen
[01]
Ein Blick etwa in physikalische Forschungsliteratur zeigt
Teams von mehr als 2000 WissenschaftlerInnen, die über
Jahrzehnte zusammenarbeiten. Selbst bei einer Dissertation
in einem solchen Arbeitskontext tauchen dann etwa die Namen
von über 500 Mitautoren' (in alphabetischer
Reihenfolge) auf, so dass - trotz der restriktiven Regeln
des zunftartig organisierten Wissenschaftsbetriebs - der
einzelne Forscher ganz deutlich als Knoten in einem Geflecht
von Querbeziehungen positioniert wird. Der Konzeption des
WWW-Standards am CERN lag u.a. der Wunsch und die
Notwendigkeit der Entwicklung eines einfachen
Austauschformats für wissenschaftliche Texte im Netz
zugrunde.
http://hoshi.cic.sfu.ca/~guay/Paradigm/History.html
gibt einen sehr fundierten Überblick über die
historischen Entwicklungen des Web-Konzepts aus den
verschiedensten Quellen - (Bush, Nelson, Engelbart, CERN)
nebst medientheoretischen Hintergrund (Mc Luhan, Landow).
Siehe auch: Tim Berners-Lee (Ted Nelson and Xanadu),
http://www.w3.org/pub/WWW/Xanadu.htm
[02]
Alle Dokumente und Materialien des Projekts sind archiviert
unter: http://www.hyperdis.de/netkult/
[03]
Die Entwickler bezeichnen nic-las als autopoetische
Informationslandschaft': Das Akronym nic-las steht für
nowledge integrating communication-based labelling and
access system. http://www.nic-las.com/enzyklopaedie/
[04]
Diese Unterscheidungen strukturieren schon während der
Texteingabe den Datenbestand dynamisch und schreiben somit
jede Veränderung in einem kleinen Detail in den
Gesamtkontext ein und differenzieren so die
Wissensstrukturen immer weiter aus. Personen-, Themen- und
Zeitreferenzen vernetzen jede Texteinheit innerhalb
verschiedener Kontexte.