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Idensen: Odysseen im Schreibraum

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immer interagieren: brechen, dekonstruieren, programmieren?

Der epistemologische Bruch, der sich angesichts digitaler Interaktionsformen mit Texten, Bildern und Tönen in den kulturellen Wissenssystemen vollzieht, liegt weniger in den Interaktionsformen als solchen begründet - denn Texte wurden und werden schon immer mittels der jeweiligen medialen Aufschreibesysteme traktiert, umgeschrieben, zerschnitten und wieder neu zusammengeklebt [5] -, als vielmehr in den Ausformungen dieser Interaktionsformen. D.h. die Art und Weise wie sich diese Interaktionen im Netzwerk digitaler Diskurse vollziehen, ihre freie Gestalt- und Verfügbarkeit sind der springende Punkt. Die Unterscheidung zwischen Schreiben und Lesen, genauer gesagt zwischen den Akten des Schreibens und Lesens, ist in digitalen Umgebungen zunächst einmal medial verschoben: Wir können im Netz direkt auf jede Seite schreiben, ohne noch irgendwelche Werkzeuge wie Schere, Bleistift, Druckerpresse hinzuziehen zu müssen, weil eben genau diese Werkzeuge als Tools und Programme, als Client Plug-Ins, Server-Programme in derselben Medienkonfiguration ausführbar sind, die auch für das Anzeigen der Seite verantwortlich ist. Es vollzieht sich also nicht die Begegnung des Regenschirms mit der Nähmaschine auf dem Bildschirm der Worte, sondern es handelt sich um ein Verschalten der (virtuellen) Lesemaschinen und anderer konzeptueller Aufforderungen als Angebot zur Mitarbeit der LeserInnen mittels neuer ,Schreibmaschinen', ,Druckerpressen' und Aufschreibesysteme.[6]

Der vom Dekonstruktivismus endlos durchkonjugierte Bruch, dass alle Texte aus anderen Texten zusammengeschnitten sind, dass in jedem Buch ein weiteres steckt, das heraus will, dass die Texte nicht bei den Lesern ankommen, sondern sich als aktive Rezeptionsprozesse genau um die Leerstellen der Texte, Bücher und Diskurse herum neu konstituieren, ist jetzt in den digitalen Diskursen universell in den Code selbst eingeschrieben:

Crossreadings auf Serverebene,[7] Cut-Up-Maschinen zwischen Online-Zeitschriften, postmoderne Thesis-Generatoren, Sonettmaschinen, universelle Annotationstools, kollaborative Mitschreibeprojekte [8] feiern auf verschiedenen Levels einen interkulturellen Textbegriff, die ältere offene Textverarbeitungen aus literarischen Experimenten [9] und ästhetisch-sozialen Aufbruchsbewegungen wie Surrealismus und Situationismus als allgemeine Nutzerparadigmen wieder auferstehen lassen. Die in der Literaturgeschichte vielfach wieder aufgenommene Parole Lautréamonts: "Die Poesie soll von allem gemacht werden, nicht von einem", hallt jetzt als vielfach gebrochenes Echo aus den Untiefen des Netzes wieder:

Die Texte, Index-Systeme, Meta-Informationen, Verknüpfungsstrukturen zwischen den Texten liegen als ‚open source' im Netz bereit. Hören wir endlich auf, zu lesen und zu schreiben und die Geschichte immer wieder zu wiederholen, und fangen wir an, gemeinsam zu Schreib/Lesern zu werden, d.h. unsere kulturellen, mentalen, diskursiven Wissenssysteme zu verknüpfen, unsere Lieblingsstellen und Lektüre-Momente, Lesezeichen, Randbemerkungen, Fußnoten auszutauschen und das Internet als einen interkulturellen intertextuellen Diskursraum zu benutzen.

Nicht mailbox, ebook, publishing on demand oder Hypertext sind revolutionär, sondern der Gebrauch, den wir davon machen!

Sicherlich wäre es verfehlt, diese Gebrauchsweisen von Texten als Interface für kulturelle, soziale und ökonomische Datenströme, Austauschprozesse und Kommunikationsweisen schon selbst für eine utopische Verwirklichung der Träume und Konzepte von offenen Kunstwerken, für eine ,Verwirklichung' ästhetischer Utopien zu halten. Doch stellen sie sicherlich Momente der Öffnung dar, durch die hindurch Textrevolutionen und Utopien der verschiedensten künstlerischen und sozialen Bewegungen neue Antriebe bekommen und vor allem neue Modelle und Strukturen außerhalb rein ästhetischer oder literarischer Kontexte praktiziert werden können. Durch solche Synergieeffekte nehmen Prozesse, die vielleicht als Text-Kollaboration im Netz begonnen haben, wiederum Einfluss auf die ‚Gestaltung' gesellschaftlicher Felder (virtuelle Arbeit, virtuelles Geld, virtuelle Wissenschaft, direkte Demokratie ...).[10]

... denn die Texte im Netz sind niemals geschlossen, finden kein definitives Ende [11] , keinen Schlußpunkt wie dieser Text ... [12] 

links

http://www.hyperdis.de/enzyklopaedie/
Odysseen des Wissens: vernetzte multilineare wissenschaftliche Schreibweisen in digitalen Diskursen; work in progress gemeinschaftlicher Recherche-, Schreib-, Editier- und Kommentierungsprozesse an einer Enzyklopädie, die von WissenschafterInnen und KünstlerInnen aus den verschiedensten Bereichen zusammengeschrieben wird.

http://www.hyperfiction.de
Im gemeinschaftlichen Science/Fiction "Odysseen im Netzraum" werden (ausgehend von verschiedenen Anfängen, Strängen, verschiedenen Ebenen einer Grunderzählung aus verschiedenen Materialien/Zitaten ...) weit verzweigte Geschichten zusammengeschrieben, -getragen und -gesammelt, in denen die Utopien, Szenarien, Wünsche und Erfahrungen des "Lebens im und um das Netz herum" von den BenutzerInnen direkt einfließen: an jeder Stelle dieses stetig wachsenden "Textbaumes" ("treefiction") kann eingehakt, weitergeschrieben, eine Umleitung eingeschlagen, können Kommentare, eigene Ideen ... eingefügt ... werden - auch eigene Erzählstränge können begonnen werden ...

http://www.hyperdis.de/pool/

Die "Imaginäre Bibliothek" (ein vernetzter Hypertext, in dem sich die LeserInnen wie in einer labyrinthischen Bibliothek verirren können ...), nebst Materialien zum Projekt "PooL-Processing" (mit Matthias Krohn), darunter Texte, die die UserInnen innnerhalb der Installation der "Imaginären Bibliothek" in den Jahren 1990-1994 wirklich in das System zurückgekoppelt haben:

http://www.hyperdis.de/netkult
"Ästhetische Strategien in Multimedia und Netzwerken" Texte, Materialien und Links zu kollaborativen Arbeitsoberflächen im Kontext eines Forschungsprojekts zur Netzwerkkultur und zur kulturwissenschaftlichen Wissensproduktion in Netzwerken.

http://www.hyperdis.de/txt/
Texte, Interviews, Artikel, Vorträge von Hei&co (Idensen), z.B. auch die Mitschriften von Workshops und Tagungen der letzten Zeit, u.a. auch des Forums "Ästhetik Digitaler Literatur" ("poetics of digital text") vom 20.-21. Oktober 2000 in Kassel, sowie Interviews, Pressematerialien und Feedback. Eine ausführliche Bio-Bibliographie findet sich im netz als pdf-datei (adobe acrobat) http://www.hyperdis.de/txt/heiko_idensen.pdf.

 

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Anmerkungen

[05] Die Imaginäre Bibliothek zeigt diese Prozesse auf: http://www.hyperdis.de/pool/

[06] Aufschreibesysteme im erweiterten Kittlerschen Verständnis als kulturell-mediale Diskursnetzwerke.

[07] Das CaterCapillar-Network: http://student.merz-akademie.de/catercapillar/ ermöglicht eine automatische Indizierung und Verknüpfung von Dateien auf verschiedenen Servern, eine Art Fortsetzung des Assoziationsblasters auf der Ebene der Netztopologien.

[08] Vgl. http://www.hyperdis.de.

[09] Solche Proto-Hypertexte sind im Detail beschrieben in: Idensen, Heiko, "Die Poesie soll von allen gemacht werden! Von literarischen Hypertexten zu virtuellen Schreibräumen der Netzwerkkultur", in: Literatur im Informationszeitalter, hg. v. Friedrich A. Kittler u. Dirk Matejovski, Frankfurt a. M. 1996, S. 143-184, online unter: http://www.hyperdis.de/txt/alte/poesie.htm

[10] So ist es auch kein Zufall, dass gerade die Macher des Assoziationsblasters sich engagieren für die "Freiheit von Links" im Netz und zur gemeinschaftlichen Durchsetzung ihrer Forderungen Instrumente für "Online-Demonstrationen" (http://www.online-demonstration.org/) entwickelt haben. Auch die längst fällige Ausdehnung der Ansätze freier Software auf den Inhalt der im Netzwerk zirkulierenden Dokumente ("open content") verweist auf die Entwicklung vielfacher Anschlüsse zwischen Initiativen und Projekten aus den verschiedensten Bereichen (etwa im Projekt Open Theory: http://www.opentheory.org/ oder Rolux: http://rolux.org/) Vgl. Volker Grassmuck: Die Wissensalmende: http://mikro.org/Events/OS/interface5/wissens-almende.html. - So nähern sich im Netz auch ästhetisch-künstlerische und netzpolitische Arbeit einander an.

[11] ... verkünden auch nicht einmal das "Ende des Buches oder der Literatur" wie die gängige Geste in avantgardistischen Kunstproduktionen, etwa, wenn am Ende von Godard-Filmen emphatisch das "Ende des Kinos" verkündet wird ...

[12] ... der im Netz kritisiert, ergänzt, weitergeführt, kommentiert ... werden kann unter: http://www.hyperdis.de/txt/feedback