|
|
|
|
www.dichtung-digital.de/Forum-Kassel-Okt-00/Idensen
|
|
Forum Ästhetik
Digitaler Literatur
Idensen: Odysseen im
Schreibraum
top
- 1
- 2
- 3
- 4
- 5
immer interagieren:
brechen, dekonstruieren,
programmieren?
Der
epistemologische Bruch, der sich angesichts digitaler
Interaktionsformen mit Texten, Bildern und Tönen in den
kulturellen Wissenssystemen vollzieht, liegt weniger in den
Interaktionsformen als solchen begründet - denn Texte
wurden und werden schon immer mittels der jeweiligen
medialen Aufschreibesysteme traktiert, umgeschrieben,
zerschnitten und wieder neu zusammengeklebt
[ 5]
-, als vielmehr in den Ausformungen dieser
Interaktionsformen. D.h. die Art und Weise wie sich diese
Interaktionen im Netzwerk digitaler Diskurse vollziehen,
ihre freie Gestalt- und Verfügbarkeit sind der
springende Punkt. Die Unterscheidung zwischen Schreiben und
Lesen, genauer gesagt zwischen den Akten des Schreibens und
Lesens, ist in digitalen Umgebungen zunächst einmal
medial verschoben: Wir können im Netz direkt auf jede
Seite schreiben, ohne noch irgendwelche Werkzeuge wie
Schere, Bleistift, Druckerpresse hinzuziehen zu müssen,
weil eben genau diese Werkzeuge als Tools und Programme, als
Client Plug-Ins, Server-Programme in derselben
Medienkonfiguration ausführbar sind, die auch für
das Anzeigen der Seite verantwortlich ist. Es vollzieht sich
also nicht die Begegnung des Regenschirms mit der
Nähmaschine auf dem Bildschirm der Worte, sondern es
handelt sich um ein Verschalten der (virtuellen)
Lesemaschinen und anderer konzeptueller Aufforderungen als
Angebot zur Mitarbeit der LeserInnen mittels neuer
,Schreibmaschinen', ,Druckerpressen' und
Aufschreibesysteme.[6]
Der vom Dekonstruktivismus
endlos durchkonjugierte Bruch, dass alle Texte aus anderen
Texten zusammengeschnitten sind, dass in jedem Buch ein
weiteres steckt, das heraus will, dass die Texte nicht bei
den Lesern ankommen, sondern sich als aktive
Rezeptionsprozesse genau um die Leerstellen der Texte,
Bücher und Diskurse herum neu konstituieren, ist jetzt
in den digitalen Diskursen universell in den Code selbst
eingeschrieben:
Crossreadings auf
Serverebene,[7]
Cut-Up-Maschinen zwischen Online-Zeitschriften, postmoderne
Thesis-Generatoren, Sonettmaschinen, universelle
Annotationstools, kollaborative Mitschreibeprojekte
[8]
feiern auf verschiedenen Levels einen interkulturellen
Textbegriff, die ältere offene Textverarbeitungen aus
literarischen Experimenten
[9]
und ästhetisch-sozialen Aufbruchsbewegungen wie
Surrealismus und Situationismus als allgemeine
Nutzerparadigmen wieder auferstehen lassen. Die in der
Literaturgeschichte vielfach wieder aufgenommene Parole
Lautréamonts: "Die Poesie soll von allem gemacht
werden, nicht von einem", hallt jetzt als vielfach
gebrochenes Echo aus den Untiefen des Netzes
wieder:
Die Texte, Index-Systeme,
Meta-Informationen, Verknüpfungsstrukturen zwischen den
Texten liegen als open source' im Netz bereit.
Hören wir endlich auf, zu lesen und zu schreiben und
die Geschichte immer wieder zu wiederholen, und fangen wir
an, gemeinsam zu Schreib/Lesern zu werden, d.h. unsere
kulturellen, mentalen, diskursiven Wissenssysteme zu
verknüpfen, unsere Lieblingsstellen und
Lektüre-Momente, Lesezeichen, Randbemerkungen,
Fußnoten auszutauschen und das Internet als einen
interkulturellen intertextuellen Diskursraum zu
benutzen.
Nicht mailbox, ebook,
publishing on demand oder Hypertext sind revolutionär,
sondern der Gebrauch, den wir davon machen!
Sicherlich wäre es
verfehlt, diese Gebrauchsweisen von Texten als Interface
für kulturelle, soziale und ökonomische
Datenströme, Austauschprozesse und Kommunikationsweisen
schon selbst für eine utopische Verwirklichung der
Träume und Konzepte von offenen Kunstwerken, für
eine ,Verwirklichung' ästhetischer Utopien zu halten.
Doch stellen sie sicherlich Momente der Öffnung dar,
durch die hindurch Textrevolutionen und Utopien der
verschiedensten künstlerischen und sozialen Bewegungen
neue Antriebe bekommen und vor allem neue Modelle und
Strukturen außerhalb rein ästhetischer oder
literarischer Kontexte praktiziert werden können. Durch
solche Synergieeffekte nehmen Prozesse, die vielleicht als
Text-Kollaboration im Netz begonnen haben, wiederum Einfluss
auf die Gestaltung' gesellschaftlicher Felder
(virtuelle Arbeit, virtuelles Geld, virtuelle Wissenschaft,
direkte Demokratie
...).[10]
... denn die Texte im Netz
sind niemals geschlossen, finden kein definitives Ende
[11]
, keinen Schlußpunkt wie dieser Text ...
[12]
links
http://www.hyperdis.de/enzyklopaedie/
Odysseen des Wissens: vernetzte multilineare
wissenschaftliche Schreibweisen in digitalen Diskursen; work
in progress gemeinschaftlicher Recherche-, Schreib-,
Editier- und Kommentierungsprozesse an einer
Enzyklopädie, die von WissenschafterInnen und
KünstlerInnen aus den verschiedensten Bereichen
zusammengeschrieben wird.
http://www.hyperfiction.de
Im gemeinschaftlichen Science/Fiction "Odysseen im Netzraum"
werden (ausgehend von verschiedenen Anfängen,
Strängen, verschiedenen Ebenen einer
Grunderzählung aus verschiedenen Materialien/Zitaten
...) weit verzweigte Geschichten zusammengeschrieben,
-getragen und -gesammelt, in denen die Utopien, Szenarien,
Wünsche und Erfahrungen des "Lebens im und um das Netz
herum" von den BenutzerInnen direkt einfließen: an
jeder Stelle dieses stetig wachsenden "Textbaumes"
("treefiction") kann eingehakt, weitergeschrieben, eine
Umleitung eingeschlagen, können Kommentare, eigene
Ideen ... eingefügt ... werden - auch eigene
Erzählstränge können begonnen werden
...
http://www.hyperdis.de/pool/
Die "Imaginäre
Bibliothek" (ein vernetzter Hypertext, in dem sich die
LeserInnen wie in einer labyrinthischen Bibliothek verirren
können ...), nebst Materialien zum Projekt
"PooL-Processing" (mit Matthias Krohn), darunter Texte, die
die UserInnen innnerhalb der Installation der
"Imaginären Bibliothek" in den Jahren 1990-1994
wirklich in das System zurückgekoppelt
haben:
http://www.hyperdis.de/netkult
"Ästhetische Strategien in Multimedia und Netzwerken"
Texte, Materialien und Links zu kollaborativen
Arbeitsoberflächen im Kontext eines Forschungsprojekts
zur Netzwerkkultur und zur kulturwissenschaftlichen
Wissensproduktion in Netzwerken.
http://www.hyperdis.de/txt/
Texte, Interviews, Artikel, Vorträge von Hei&co
(Idensen), z.B. auch die Mitschriften von Workshops und
Tagungen der letzten Zeit, u.a. auch des Forums
"Ästhetik Digitaler Literatur" ("poetics of digital
text") vom 20.-21. Oktober 2000 in Kassel, sowie Interviews,
Pressematerialien und Feedback. Eine ausführliche
Bio-Bibliographie findet sich im netz als pdf-datei (adobe
acrobat) http://www.hyperdis.de/txt/heiko_idensen.pdf.
Ihr
Kommentar

home
Anmerkungen
[05]
Die Imaginäre Bibliothek zeigt diese Prozesse auf:
http://www.hyperdis.de/pool/
[06]
Aufschreibesysteme im erweiterten Kittlerschen
Verständnis als kulturell-mediale
Diskursnetzwerke.
[07]
Das CaterCapillar-Network: http://student.merz-akademie.de/catercapillar/
ermöglicht eine automatische Indizierung und
Verknüpfung von Dateien auf verschiedenen Servern, eine
Art Fortsetzung des Assoziationsblasters auf der Ebene der
Netztopologien.
[08]
Vgl. http://www.hyperdis.de.
[09]
Solche Proto-Hypertexte sind im Detail beschrieben in:
Idensen, Heiko, "Die Poesie soll von allen gemacht werden!
Von literarischen Hypertexten zu virtuellen
Schreibräumen der Netzwerkkultur", in: Literatur im
Informationszeitalter, hg. v. Friedrich A. Kittler u. Dirk
Matejovski, Frankfurt a. M. 1996, S. 143-184, online unter:
http://www.hyperdis.de/txt/alte/poesie.htm
[10]
So ist es auch kein Zufall, dass gerade die Macher des
Assoziationsblasters sich engagieren für die "Freiheit
von Links" im Netz und zur gemeinschaftlichen Durchsetzung
ihrer Forderungen Instrumente für
"Online-Demonstrationen" (http://www.online-demonstration.org/)
entwickelt haben. Auch die längst fällige
Ausdehnung der Ansätze freier Software auf den Inhalt
der im Netzwerk zirkulierenden Dokumente ("open content")
verweist auf die Entwicklung vielfacher Anschlüsse
zwischen Initiativen und Projekten aus den verschiedensten
Bereichen (etwa im Projekt Open Theory:
http://www.opentheory.org/ oder Rolux: http://rolux.org/)
Vgl. Volker Grassmuck: Die Wissensalmende: http://mikro.org/Events/OS/interface5/wissens-almende.html.
- So nähern sich im Netz auch
ästhetisch-künstlerische und netzpolitische Arbeit
einander an.
[11]
... verkünden auch nicht einmal das "Ende des Buches
oder der Literatur" wie die gängige Geste in
avantgardistischen Kunstproduktionen, etwa, wenn am Ende von
Godard-Filmen emphatisch das "Ende des Kinos" verkündet
wird ...
[12]
... der im Netz kritisiert, ergänzt,
weitergeführt, kommentiert ... werden kann unter:
http://www.hyperdis.de/txt/feedback
|
|