Dirk Schröder / 17. 02. 02
[www.dichtung-digital.de/Forum]1 Janus - ein unabhängiges Literaturmagazin in den 80er
2 Das Internet und die Kostenloskulltur
3 Online-Werbung und Webshops
4 Koexistenz Kostenloskultur und Vermarktung
5 dichtung-digital und die Frage der KostendeckungHallo Roberto,
Fuer Gedichte per Post gebe ich Geld aus. So manche Literaturzeitschrift habe ich abonniert. Deren Herausgeber verdienen an meinem Geld nichts. Gerade mal deckt es ein wenig von Druck und Versand.
Anfang der Achtziger arbeitet ich selbst an einem Literaturmagazin mit, das zwar ein richtig internationales war, aber so arm, dass nicht einmal der Druck finanziert werden konnte. Es erschien statt dessen auf Disketten. Einige Printausgaben hatte es zuvor gegeben, doch die habe ich nie gesehen. Disketten waren billiger und dennoch nicht umsonst. Auch sie mussten abonniert und bezahlt werden. Janus, so hiess das DiskMag, wurde uebrigens ganz ohne Vorsatz zu einem Magazin fuer digitale Literatur. Zwar erschienen dort kaum theoretische Beitraege, aber viele Werke - die einfach darum entstanden, weil die digitale Form dazu reizte. Ueber 6 Jahre Janus entstanden mehrere Textgeneratoren, viele doch zaghaft multimediale Texte und etliche Tonexperimente.
Schliesslich wurde Janus eingestellt - nicht aus wirtschaftlichen Gruenden - sondern weil die Macher auseinander liefen, Unijahre waren vorbei. Zuletzt gab es noch eine Mailbox, die die amerikanische Ausgabe ergaenzte. Und 1991-93 flackerte Janus als New Janus noch einmal kurz auf, als deutschsprachige Mailbox in Dresden - mit eher konventionellen Texten.
In seinen besten Zeiten soll Janus rund 400 Abonnenten gehabt haben. Sicher weis ich das nicht, aber mehr duerften es keinesfalls gewesen sein. Niemand hat je Geld damit verdient - niemand hat je ueber den Preis geschimpft.
Das Internet lernte ich kennen als eine Szene von Go-Spielern, die Uni-Rechner und Leitungen dazu missbrauchten, sich mit anderen Spielern zusammenzuschliessen und Go zu spielen. Dann kamen Grussbotschaften und Smalltalk hinzu, dann Go-Theorie und mit dem Web schliesslich huebsch aufbereitete Dokumente, Antworten auf FAQs zuerst, damit man es nicht immer wieder verschicken musste.
Lange schon bezahle ich meinen Netz-Zugang aus eigener Tasche und seit ein paar Jahren gibt es auch kommerzielle Anbieter von Go-Clubs, Programm-Downloads usw. Niemand stoert sich daran, dass es die gibt. Im Gegenteil: wer etwas kaufen will, tut das. Die freie Begegnung mit anderen ist weiterhin moeglich.
Doch letztlich muss auch der Server bezahlt werden, der das gemeinsame Go-Spiel ermoeglicht, die Begegnungs-Plattform, die Adresse fuers Kennenlernen, die Findedienste. Da geht es um dies Substanz. Weil diese von anderen bezahlt wurden, die von der eigenen Substanz nahmen, war ich stets in der Pflicht selbst zu geben.
Ein anderes Beispiel: Software, die mir nuetzlich war, erhielt ich oft umsonst, da viele, was sie fuer den eigenen Bedarf geschrieben haben, dann auch anderen zur Verfuegung stellten. Fand ich einmal nichts und konnte es selbst machen, tat ich das und stellte das Ergebnis dann meinerseits zur Verfuegung. Das ist fuer mich die "Kostenloskultur." Also nichts besonders Anspruchsvolles. Ein Konsens, der vielen gut tat.
Es war dennoch wichtig, was da geschah: eine neue Technik ermoeglichte den Austausch mit entfernten Menschen in einem weitgehend nur von eben der Technik bestimmten Rahmen. Es wurde ueber Regeln diskutiert und es wurden Regeln gefunden, die funktionierten. Wenn man davon absieht, dass die private Internet-Nutzung (die ersten sassen ja ganz und gar nicht privat am Terminal) eine ziemlich teure Beschaeftigung ist, ein Paradies! Das paradiesische daran: es war nicht einfach die Wiese vor der Stadt, sondern etwas hochgradig kuenstliches, dass da geldfreien Verkehr gestattete.
Daraus stammt all die Rede von den Orten, der Wiederkehr der Agora, der virtuellen WG, Stadt usw., die den heutigen Nebel der Raumbegriffe in der Netztheorie mitverursacht hat.
Und all dem sagt das Schlagwort vom Ende der Kostenloskultur keineswegs den Kampf an. Es geht um ganz etwas anderes:
Als Schueler war ich 'im Nebenberuf' stolzer Reporter des lokalen Anzeigenblaettchens. Zuletzt sogar Alleinreporter. Da gab es stets Spannendes zu berichten. Den Leser kostete das nichts und ich erhielt bescheiden Honorare. Finanziert wurde das Blatt wie alle seiner Art ueber die Werbung der oertlichen Geschaefte und Handwerker. Spaeter kam des Privatradio hinzu, werbefinanziert wie die Anzeigenblaetter. 'Free TV.'
Und dann das Web. Das machte all den Mailboxes und Diskmags den Garaus, es war einfach billiger. Nicht umsonst - aber so billig, dass es sich nicht lohnte, die Unkosten durch Abonnements zu betreiben. Anders dachten natuerlich die gewerblich Anbieter, die auch nicht lange auf sich waren liessen. Die setzten auf die Einnahmen aus der Reklame und zahlten ihren Autoren Honorare. Viele von ihnen sind inzwischen gescheitert. Und dieses Scheitern ist es, das heute fuer Aufsehen und die gewaltig ueberdrehten Parolen sorgt.
Einige haben die Entwicklung der Werbepreise falsch eingeschaetzt. Im Gegensatz zum Katalog, sollten Webshops billig sein, im Gegensatz zur Fernsehwerbung und zur Hauswurfsendung bietet Online-Werbung Zugriff auf Benutzerdaten zur statistischen Auswertung. Werbefinanzierter Content schien der Schluessel zum Internetgewinn.
Offensichtlich ging die Rechnung nicht auf. Die Webshops wurden teuerer als jeder Katalog, weil die Gehaelter der Techniker und Designer bald jedes gewohnte Mass ueberstiegen, die Werbeeinnahmen sanken, weil die Shops nicht genuegend erwirtschafteten. Auf der Strecke blieben die Contentanbieter, die anfangs die Kostenspirale akzeptiert hatten, bald die Welt mit den Augen durchgeknallter Analysten sahen, die die Aussichten eines Unternehmens an seiner Cash burn rate massen. Die einzige Hoffnung, die das alles stuetzte, war immer wieder die gleiche: kuenftige Groesse. Dann wurde die Notbremse gezogen - musste gezogen werden. In Deutschland sind es inzwischen nur noch die oeffentlich-rechtlichen Rundfunkanbieter, die es sich leisten koennen, Webauftritte fuer mehrere hundert Millionen Euro ohne Aussicht auf Einnahmen zu betreiben. Als der Rauch des verbrannten Geldes sich verzogen hatte, war die Elite des westlichen Managements blamiert, desorientiert vom selben Wahn, der es auch der Kreissparkasse Kleinkleckersdorf ermoeglich hatte, ein paar Tausender fuer Letsbuyit.com oder Ricardo aus Omas Strickstrumpf zu ziehen.
Als Ausweg aus der Blamage wird gern die Beleidigung gewaehlt. So taten's die Herren von Bertelsmann, Springer, t-online und Co. Abstaubermentalitaet herrsche unter den Internetnutzern, Geld liesse sich darum dort nicht verdienen usw. Damit sei aber nun Schluss. Und dass nun Schluss sei, riefen sie zum "Ende der Kostenloskultur" aus. Grosse Worte. Allerdings eines Kaufmanns unwuerdig. Man stelle sich vor, einer riefe solches auf dem Markt aus. Dass per Web gar kein normaler Markt moeglich sei, ist aber nie den Netizens (auch das ein Woertchen aus der Raummetapherei) eingefallen, sondern den Herren des Geldes selbst. Den an der Boerse schnell erfolgreichen Verwertern der fruehen Geschenkoekonomie (s.o.), glaubten sie, besorgt etwas zu verpassen, zu bereitwillig, uebersehend, dass der Tausch 'virtueller Werte' eben keine anderen generiert. Nun geloben sie Besserung - tun das aber in Worten, die wie Kampfansagen klingen. Das provoziert und soll provozieren. Aber es provoziert zu unrecht und provoziert damit Ungerechtigkeit.
Niemand bestreitet das Existenzrecht kommerzieller Anbieter. Reden die aber gegen das Recht auf Zeit ohne Geldausgabe, machen Sie sich selbst zum Teufel. Da es um nichts geht, reden alle aneinander vorbei.
Ich mag das kostenlose Web. Ich pflege das, was man in den Hobbybranchen "Nischeninteressen" nennt und freue mich an der Begegnung mit Gleichgesinnten. Ich zahle fuer die Kommunikationstechnik, aber ich bin nicht daran interessiert, zusaetzlich zu konsumieren. Als Anhaenger des kommerzfreien Netzes, besser: kommerzfreier Netze, will ich dem Kaufmann seinen Laden nicht verbieten - wie kaeme ich dazu? Aber er interessiert mich nicht. Gehe er seinen Geschaeften nach, aber behellige er mich nicht. Bei einer privaten Feier will ja auch niemand Gespraeche mit Vertretern ueber Versicherungen und Geldanlagen fuehren.
Mehr als das Weiterbestehen nicht-kommerzialisierter Begegnungsmoeglichkeiten will die Kostenloskultur nicht. Die sind bedroht - aber nicht durch Bezahl-Content-Anbieter und Haendler. Der Streit mit diesen ist, wie gesagt, ein ungerechter und vor allem ein unsachlicher. Dies von beiden Seiten. Weder ist geplant, die Kuesse der Liebenden mit Gebuehren zu belegen, noch hindert ein Versandhauskatalog im Briefkasten wirklich den Liebesbrief. Darum geht es nicht. Auch die Vermarkter uebertreiben. Eine der beliebtesten Uebertreibungen: Gratis-Content tauge nicht. Ein Satz, der den Finger in eine eigne Wunde legt.
Ein Markt ist naemlich ein Markt, ist... Wenn das, was Bild Online etc. bieten, taugt, also Kunden findet, rechnet es sich ja auch. Wer Inhalte gegen Geld anbietet, hat nichts zu jammern, sondern hat zu rechnen und zu arbeiten. Das Angebot muss stimmen, dann klappt's auch mit dem Geldverdienen. Da bringt es wenig zu sagen, bezahlt sei's besser - es muss besser sein. Und daran hapert es durchaus. Fast schon ist das Woertchen Content zum Schimpfwort verkommen. Meint es doch selten anderes als das Zumuellen von Konsumenten mit unter Zeitdruck zusammengeschusterten Bildchen und Textchen und Filmchen, die oft tatsaechlich nicht mit den Hobbyseiten engagierter Homepager konkurrieren koennen. Einen Vorteil erzielen die Vermarkter nur ueber ihre Groesse, durch die Sammlung von sehr vielen auf einer Plattform. Und natuerlich durch ihren laenger schon bekannten Namen, ihren kontinuierlichen Werbeaufwand und ihren laengeren Atem. Wer bleibt, der bleibt auch. Wer Zeit hat, Details nachzuspueren, der findet auf den Websites der Universitaeten und auf privaten Homepages oft tiefer gehenderes und nuetzlicheres als beim digitalen Grossverlag.
Das wird als Nische auch so bleiben. Zum Teil gilt das auch fuer Unterhaltung. Es gilt aber nicht fuer die Filmproduktion, es gilt nicht fuer umfangreiche und doch aktuelle Magazine usw. Der tautologische Satz von der Professionalitaet des Professionellen (zu bezahlenden) meint i.d.R. nicht den einzelnen Text, die einzelne Recherche, er meint das Gesamtangebot. Und das wird durchaus bestehen koennen. Dass sich keiner finden koennte, der fuer BILD oder Spiegel auf seinem Bildschirm zahlt, glaube ich nicht.
Das Online-Magazin dichtung digital will nun Geld fuer seine Archive und der Herausgeber rechnet damit, dass dies die "Information-wants-to-be-free-Keule" auf den Plan rufen wird. Das koennte sein - aber wenn, dann aus dem Missverstaendnis heraus, das ich oben beschrieb. Denn dichtung digital will weder des Netizens Moeglichkeiten beschneiden, noch Informationen vermarkten. Lediglich die Kosten fuer die Arbeit am Magazin, die Beschaffung, Zusammenstellung, Aufbereitung und Bereitstellung von Informationen sollen wieder herein kommen. dichtung digital ist als nichtkommerzielles Projekt zum Scheitern verurteilt, wie es Janus nie gegeben haette, wenn keiner fuer das Abonnement bezahlt haette.
Leider ist aber die Atmosphaere schon vorgeheizt, leider liegt die Keule wirklich so einfach herum, leider laesst auch Roberto Simanowski sich zu Saetzen hinreissen wie "Die Folge des kostenlosen Hobbyunternehmens ist letztlich die Bereitstellung kostenloser Hobbytexte." Er weis es besser, erweitert flugs auf Umfang und Kontinuitaet des Angebots (denn zu einfach waere es, einen beliebigen Artikel aus dichtung digital einem beliebigen Hobbytext nachteilig gegenueber zu stellen). Aber wo die Gemueter erhitzt sind, haengt man sich schnell an der erstbesten Gelegenheit auf und so fallen die Kinder in den Brunnen.
Nuechtern besehen aber ist die Einfuehrung kostenpflichtiger Archive kein Politikum, erst recht keine Frage intellektueller Moral. Es ist eine wirtschaftliche Frage und als solche zu diskutieren. Und damit gleicht sie der von Bild Online: bringt es das? dichtung digital kann ohne Erloese nicht leben - aber kann es mit Erloesen leben, werden die ausreichen?
Nicht von der Hand weisen laesst sich allerdings, dass dichtung digital mit diesem Schritt kein Teil des geschenkoekonomischen Netzes mehr ist. Damit wird es fuer die, die nur das wollen nicht zum Gegner - aber es faellt eben heraus, wird uninteressant und wahrscheinlich nicht abonniert. (Den Fall des gut gemachten, spannenden und nicht billigen Printmagazins "Die Geschenkoekonomie" haben wir leider nicht, das waere etwas richtig Aufregendes.) Auch stellt sich fuer manche Autoren vielleicht bald die Frage nach Honoraren.
Daneben - und fuer alles Weitere - stehen die betriebswirtschaftlichen und Marketing-Fragen. Wer ist die Zielgruppe? Welcher Preis ist tragbar? usw. Die mag sich der Herausgeber vorknoepfen. Meine kommen von der anderen Seite, reduzieren sich letztlich auf eine einzige: werde ich bezahlen?
Sie ist so einfach nicht. dichtung digital ist ein herausragendes Magazin. Es ist das, was ich mir in all den Jahren mit der Mailingliste Netzliteratur stets gewuenscht habe. Die Listenteilnehmer - mich eingeschlossen - haben es nicht zustande gebracht. Nun gibt es dieses Angebot - und an sich waere ich bereit, dafuer zu bezahlen. Aber es gibt auch anderes Wichtiges, das ebenfalls bezahlt werden will. Immer mehr will bezahlt werden. Meine eigenen Webprojekte aber bleiben weiter einnahmelos, weil ich das ja so will. Woher soll ich das Geld nehmen? Nun gut: Buecher zur digitalen Literatur habe ich bereits gekauft, die Archiv-CD von dichtung digital ebenfalls. Gerade wenn die Zukunft des Magazins auf dem Spiel steht, bin ich vielleicht mit der mir lokal verfuegbaren CD besser bedient.
Aber kann ich mir das leisten? Sage ich jetzt "Ja" - wie oft sage ich dann noch "Ja"? Bis meine Mittel erschoepft sind? Bis ich "Nein" sagen muss, weil nichts mehr uebrig ist? Dann bin ich beim gewoehnlichen Einkauf. Und in der Tat: genau da sehe ich mich gleich. Eine Situation, die an Gewoehnlichkeit kaum noch zu ueberbieten ist. Da ist nichts zu diskutieren.
Andererseits wuerde ich mich freuen, waere dichtung digital in den Bibliotheken vertreten. Ist es das nicht, so wird die gegenwaertige Phase der web-gestuetzten digitalen Literatur genau so spurlos verschwinden, wie die der DiskMags, und Spaeteren bliebe es ueberlassen wieder alles aufs Neue zu erfinden. Aber vielleicht besser in Form lokal verfuegbarer Medien? Oder beides? Je laenger ich darueber nachsinne, desto idealer scheint mir der Zeitpunkt fuer einen Spendenaufruf. Der aber braechte ueber den Tag hinaus so wenig wie Schulterklopfen.
Herzlichen Gruss,
dirk [http://www.textgalerie.de]