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keiner seiner Erfindungen hat der Mensch je eine so enge und
ambivalente Beziehung entwickelt wie zum Computer - von
emphatischer Bewunderung bis zu erschreckter
Dämonisierung reicht die breit angelegte
Emotionenskala. Das mag daran liegen, daß der Computer
als erste "Maschine" Aufgaben übernehmen kann, die bis
dato dem Menschen vorbehalten waren: Rechnen, Erinnern,
Planen, Organisieren - und diese Aufgaben erfüllt er in
einer Geschwindigkeit und Perfektion, wie sie der Mensch
nicht zu leisten im Stande ist. Diese Prozesse vollziehen
sich zudem auf Ebenen, die der Computeranwender niemals zu
Gesicht bekommt - die Maschine entwickelt ein Eigenleben,
das sich dem (normal)menschlichen Zugriff entzieht. Dies
sind Provokationen, die nicht unbeantwortet bleiben
können - und so erfand der Mensch die digitale Kunst.
Wie jede künstlerische
Bewegung des 20. Jahrhunderts sucht auch ihr jüngster
Sproß, die Abgründe, Grenzen und
Überschreitungsmöglichkeiten ihres Mediums
auszuloten - teilweise noch recht hilflos in der Fülle
von Programmen herumtastend, teilweise aber auch schon in
hochkomplexer und reflektierter Weise. Jacques Servins
Projekt
BEASTTM
gehört - obwohl es nach zwei Jahren Netzdasein fast
schon "historisch" zu nennen ist - eindeutig zur letzteren
Kategorie.
Schon die einleitenden
Seiten signalisieren das Thema: Ist der Mensch ein
computerbestimmter Cyborg? Die TM-Zeichen-Invasion der
Eingangssequenzen erinnert bedenklich an den Kampf der
Software-Firmen um Marktanteile, in dem bald jedes Wort -
WordTM - markengeschützt wird,
und die Diktion der scheinbar erklärenden Sätze
ähnelt den oft kryptischen Anweisungen in
Anwenderhandbüchern: "The options below will help you
to investigate options which will in turn orient you to
different configurations of options. Do not select options
which will orient you towards different configurations than
those to which you are inclined by nature." Die alte
Natur-contra-Kultur-Thematik also? Ja und nein. Denn
einerseits liefert Servin sein "Publikum" den
java-programmierten hypermedialen Effekten aus, andererseits
eröffnet er ihm dadurch neue Dimensionen der
Interaktivität. BEAST ist meines Wissens eines der
wenigen Netzkunstwerke, das eine Form gefunden hat,
unterschiedliche Medien (Text, Ton und Bild) nicht nur
nebeneinander zu stellen, sondern miteinander interagieren
zu lassen - in gegenseitiger Abhängigkeit
voneinander.
Verläßt der
Nutzer die Eingangsseiten, erscheinen fünf Karten -
Tarotkarten nachempfunden - "War", "System", "City",
"Future", "Peace". Der Klick auf eine der Karten löst
rege Ladetätigkeit aus, bunt unterlegte, fingierte
Systemmeldungen flackern über den Bildschirm, bis
schließlich weißer Text auf schwarzem Grund
erscheint. Die Abfolge der Textsegmente - Zitate von Walter
Benjamin, Gottfried Benn, aber auch Abschnitte aus
fiktionalen Texten sowie Einzelsätze von Jacques Servin
selbst - funktioniert computergesteuert, der Inhalt des
"Initialtextes" jedoch ist dem Thema der angeklickten Karte
eindeutig zugeordnet. Immer neue Textsegmente erscheinen -
allerdings nur begrenzte Zeit, denn passives Verhalten des
Lesers wird mit einer unangenehme Konsequenzen
ankündigenden Systemmeldung bestraft, die diesen zur
dringenden Aktion auffordert. Klickt man auf ein
Textsegment, so nimmt der nun folgende Abschnitt das
inhaltliche Thema des vorangegangen auf - jedoch bleibt kaum
Zeit zum Lesen, denn die Zitatesammlung schreibt sich selbst
zu schnell fort.
Die begleitenden
Tonsequenzen sind vertraut: der "Begrüßungssound"
von Windows, etwas, das verdächtig nach
Toilettenspülung klingt, Hundebellen, Vogelgezwitscher
- Laute des alltäglichen Lebens. Nach einiger Zeit, in
der der BEAST-Neuling verzweifelt mit den Textsegmenten und
Systemwarnungen kämpft, öffnet sich ein mit der
Maus navigierbares dreidimensionales Fenster mit "floating
images" - je nach vorangegangenem Textverlauf erscheinen
bestimmte, den Texten zugeordnete Symbole auf einem -
themengebunden variierenden - Hintergrund. Klickt man ein
Symbol an, wird die Tonuntermalung durch eine dem Bild
entsprechende Geräuschkulisse ergänzt (das
Lokomotivensymbol erzeugt z.B. typische Zuggeräusche),
ein entsprechendes Textsegment generiert sich gleichzeitig.
So besteht eine komplexe Interaktion der verwendeten Medien,
die der schon etwas geübtere Nutzer nach einiger Zeit
tatsächlich bewußt steuern kann.
Doch BEAST ist auch ein
Beispiel dafür, daß ausgefeilte Technikanwendung
nicht notwendigerweise auf Kosten der inhaltlichen
"Substanz" gehen muß. Die Textzitate wie die
Gestaltung der magischen Bildwelt modulieren die
Mensch-Maschine-Problematik - plakative Illustrationen und
Symbole aus mystischen Kontexten schweben im virtuellen
Fenster mit fliessender Leichtigkeit an Bauplänen und
Abbildungen technischer Geräte vorbei, während die
Textsegmente die kritisch reflektierende Rolle
übernehmen. Das Symbol der Kanone kann so folgendes
Zitat aufrufen: "Whereas malfunctions like fear arise from
the friction of dried out humors or feelings, there are
other malfunctions that arise from an extended excess of
interhumoral liquids. [...]" (Geoffroi von Benthaus,
"Discrete Psychology in the Nuclear Age"). Das
Kriegsgerät wird mit einer biopsychischen
Erklärung für Emotionen konfrontiert, die damit
als Motivation zur Herstellung von Waffen entlarvt
werden.
Der zunächst eindeutig
erscheinende Titelbegriff bekommt damit eine ambivalente
Bedeutung: Zwar verselbständigen sich die vom Menschen
geschaffenen Geräte - was Servin den Benutzer auch
kräftig spüren läßt - der Ursprung
ihrer Existenz aber liegt in den Tiefen und Untiefen
menschlichen Denkens und Fühlens. Esoterik,
reflektierende Abstraktion und die Tendenz zur Schaffung
organisierender (und gleichzeitig chaotisierender)
Technologien sind nur verschiedene Artikulationsweisen des
Biests im Menschen. So navigiert man durch die Paradoxie
einer mit der extremen Synchronik medialer Interaktion
dargestellten Mensch-Maschine-Historie und wird mit (fast)
allen Sinnen in die emotionale, tiefenpsychologische und
reflexive Komplexität dieser Beziehung gestoßen -
zumal man sie nicht nur distanziert als Sinngehalt eines
Kunstwerks wahrnimmt, sondern sich gleichzeitig in ihr
befindet, sich ihr sogar ausliefert. Abstürze des
eigenen Computers gehören somit zur (ungewollten?)
Ästhetik dieser sich in der Tat biestig
gebärdenden Datenkunst.
Jacques Servin,
Programmierer und Autor zweier Science Fiction-Romane,
erlangte durch seine Manipulation des Computerspiels
SimCopter Berühmtheit. Er programmierte - angeblich im
Auftrag des künstlerischen
Computer-Sabotage-"Geheimbundes" rtmark
- knackige männliche Sims in engen Badeanzügen
zwischen die vorwiegend weiblichen Protagonisten des Spiels.
Wild alles küssend, was ihnen in den Weg kam -
einschließlich einander - sollten sie die
Selbstgefälligkeit testosterongeladener heterosexueller
Computerspieler irritieren. Auch BEAST zeigt deutlich Spuren
subversiver Tendenzen: Die Dämonisierung des Computers
als Bestie, dem der Benutzer ausgeliefert ist, wird durch
die ästhetische Ausstrahlung der interagierenden Medien
unterlaufen. Mit zunehmender Gewöhnung an den
"kognitiven Overkill", dem sich der Neuling zunächst
ausgesetzt fühlt, steigt auch das Gefühl der
eigenen Macht dem System gegenüber. Eine Art
cyborgische Harmonie zwischen Mensch und Maschine stellt
sich ein und nimmt vereinfachenden Polarisierungen den Wind
aus den Segeln.
BEAST könnte als
konstruktivistische Variante der Geschichte vom schönen
Menschen und dem häßlichen Monster gelten: Es
liegt am Menschen, ob er die Geduld und den Willen
aufbringt, sich auf dieses Werk einzulassen und seine
Ästhetik wahrzunehmen. Nur er kann die Harmonie in sich
herstellen, die aber niemals zum Dauerzustand, zum "Happy
End" führt - allein schon die Systemabstürze
stellen das Kräfteverhältnis immer wieder in
Frage. Auch hier gibt es keinen stabilen Zustand des
Gleichgewichts - nur Werden.
BEAST beruht zwar auf einem
Hypertextsystem, geht aber weit über das simple
Node/Link-Modell hinaus und läßt ahnen, daß
die derzeit dominierende Hypertextstruktur tatsächlich
nur eine Art Kinderkrankheit auf dem Weg zu einem
"humaneren" (Servin) - das heißt letztlich
interaktiveren - Umgang mit dem neuen Medium darstellen
könnte. Obwohl als Work-in-Progress konzipiert, wurden
die in Servins eigenem
Statement
zu BEAST angekündigten Weiterentwicklungen sowie die
eigene
Domain nie
verwirklicht. Jacques Servin selbst ist seit einiger Zeit
aus der Netzkunstszene verschwunden - schade, denn sie
würde ihn dringend brauchen.
BEAST ist - neben der hier
angegebenen Linkadresse noch unter einer weiteren Adresse
zugänglich: http://www.pinwand.mda.de/beast/
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