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Abstract
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PHON:E:ME: Mark Amerikas
Theorie-Komposition
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Vorbemerkung: Dieser Text besteht aus zwei Schichten: die obere Schicht behandelt das Gesamtkonzept, dem als dahinterliegende Ebene seine jeweilige Entsprechung in der vokalen und textuellen Performance unterlegt ist. Die Struktur von PHON:E:ME
präsentiert sich so relativ klar: Der animierte
Titelvorspann löst sich - grün auf blau - in drei
die blaue Fläche aufteilende Linien auf. Die erste mit
dem Titel 're:mixes' führt zu der Liste mit den
Audio-Titeln, die über Real Player sofort abspielbar
sind. Die zweite Linie - 'hyper:liner:notes' - aktiviert die
Abfolge der Textsegmente - kurze, in sich lineare Aphorismen
zum eigenen Werk und zur Netzkunst im allgemeinen. Der
dritte Teil, 'film:texts', besteht vorerst nur aus
bannerartig ablaufenden Schlagworten, wobei die zentralen
Begriffe der 'hyper:liner:notes' wie eine Lichtzeile
auftauchen und wieder verschwinden. 're:mixes' und
'hyper:liner:notes' existieren unabhängig voneinander,
allerdings kann der Leser/Betrachter sich eine Komposition
wählen und dabei in die Textabfolge der
'hyper:liner:notes' eintauchen. Die relativ simple Struktur
aber täuscht: PHON:E:ME präsentiert sich so ambig
und verdächtig wie der Titel es schon ahnen
läßt: Heißt es nun 'Phon-e-me' oder 'Phone
me' oder doch eher 'Phony me', wie Die Phoneme proben den
Aufstand gegen den Zwang der Bedeutungs-Pragmatik: Auch wenn
die 'hyper:liner:notes' zunächst extrem theoretisch
anmuten und sich selbstreferentiell einerseits um das
drehen, was sie hervorbringt - das eigene Werk -,
andererseits dem Gedankenspiel rund um vernetzte Kunst
freien Lauf lassen, so ist dies doch nur die eine Seite der
hier vorgeführten Praxis der Schrift - also des Teils
der Sprache, der dem Regelsystem der 'langue' am
nächsten steht. Mark Amerika scheint sich
mit dem theoretischen Konzept von PHON:E:ME stark an
Dekonstruktion und Poststrukturalismus zu orientieren, geht
aber gleichzeitig über diese hinaus und hinter sie
zurück. Im Rekurs auf Saussure praktiziert er die
Zerlegung der Sprache in Laute und setzt diese in den Texten
zu bedeutungsvollem Theorieklang wieder
zusammen Es scheint, als wolle
Amerika die 'network resonance' (Brendan Palmer) des
Internets als neue, eigene, zwischen geschriebenem Text und
gesprochenem Wort, zwischen 'langue' und 'parole'
verschwimmende Sprachform etablieren. Der immaterielle
Charakter der elektronischen Impulse verleiht dieser einen
flüchtigen, fließenden, performativen Charakter.
Daraus leitet Amerika in einer zweiten, inhaltlichen
Dekonstruktionsbewegung schließlich einen neuen
Kunstbegriff mit dem entsprechenden Künstler-Typus ab:
dem 'Avant-pop-Artist', der Mark Amerikas elektronisches
Werk durchzieht und schon Struktur und Inhalt von
'Grammatron' bestimmte: PHON:E:ME personalisiert den
Avant-pop-Artist in den Aussagen der zehn 'sonolumniscent
conceptual characters', die alle Züge dieses neuen
Künstlertypus tragen: "Surf, sample, manipulate" ist
eines der Mantras, das in verschiedenen Variationen
motivisch wiederkehrt. Doch leider bleibt es bei der
Deklaration. Mögliche Konsequenzen und fundiert
ausgearbeitete Szenarien einer solchen Kunst, die nicht mehr
das Werk, sondern den Kreationsprozeß im und mit dem
Medium in den Mittelpunkt stellt, bleiben ungedacht und
ungeschrieben. Eine Konsequenz aus dem
neuen Charakter von Kunst als elektronisch vernetzter
Datenkompilation und -manipulation thematisiert Amerika
jedoch: Die Subversion des Urheberrechts durch die
Vernetzung. Amerika stellt dem Copyright das Copyleft
gegenüber - nicht schwer zu erraten, daß
letzteres die freie Kopier- und Verwertbarkeit der durch die
Vernetzung freigegebenen Daten bedeutet. Plagiarismus wird
zu Playgiarismus, eben zum "surf, sample, manipulate" der
kollektiven vernetzten Kreativität. Dennoch reicht diese
Einsicht nicht aus, um eine befriedigende Neuformulierung
einer vernetzten Ästhetik zu begründen: Die meist
rein deskriptive Charakterisierung von Kunst als Verwendung
des Mediums fällt ohne weitere
theoretische Grundlegung noch hinter die l'art pour
l'art-Bewegung zurück, bei der zumindest das Werk als
ästhetisches Erlebnis eine Brücke zwischen
Künstler und Rezipient bildete. Die kompilierende
Netzwerk-Arbeit des Avant-pop-Artists aber bleibt auf der
Destruktionsebene stehen - Werk- und Genie-Begriff werden
durch die Kopier- und Manipulationsarbeit mit vom
Urheberrecht befreiten Daten ausgehebelt -, ohne den Sprung
zur Neukonstruktion zu schaffen. Ein Grund dafür mag
sein, daß Amerika sich aus der Kunsttradition der
letzten 30 Jahre ausklinkt und die Datenkunst aus der rein
technischen Perspektive herleitet. Dabei bilden die
Grenzüberschreitungen zwischen Künstler, Kunstraum
und Betrachter, die verschiedene Kunstbewegungen in den
letzten Jahrzehnten praktizierten, eine wichtige Basis, auf
der vernetzte Kunst, verstanden als kreativer
Kommunikationsprozeß zwischen Menschen, aufbauen
könnte. Dieser ethische Aspekt der neuen vernetzten
Ästhetik bleibt bei Amerika völlig ausgeblendet
und reduziert seine Deklarationen zu einem 'les dates pour
les dates'. Da Nachdenken über
Vernetzung immer auch Reflexion von
Kommunikationsbedingungen bedeutet, wartet PHON:E:ME trotz
seines hohen theoretischen Anspruchs hier mit einer
signifikanten Leerstelle auf: Zwar taucht in den Texten
immer wieder der Gedanke der Distribution der Daten(-Kunst)
auf, die dadurch in den individuellen sozialen Zusammenhang
des jeweiligen Lesers/Hörers eingeordnet wird - die
programmatische Aussage "I link therefore I am" ( Die "Charaktere", die Mark
Amerika in den Texten sprechen läßt, haben so
auch nur konzeptuelle Form, kaum menschliche,
unverwechselbare Eigenschaften. Sie tragen keine Namen,
sondern Typenbezeichnungen (Network Conductor, The Hearing
Earman, Web Jockey, No Mo Pomo, The Conceptual Artist, The
Applied Grammatologist, The New Media Economist, etc.). Sie
treten nach dem In kurzen Vorspannsequenzen
fällt hin und wieder ein charakterisierendes Wort. So
entpuppen sich der Web Jockey und der Applied Grammatologist
als Frauen, erstere anscheinend identisch mit No Mo Pomo,
sie trinken hin und wieder mal ein Bier miteinander,
schlafen miteinander, aber diese zwischenmenschlichen
Ereignisse bleiben tatsächlich ebenso rein konzeptuell
wie die 'Personen' Die menschlichen Personen
werden von - etwas weniger häufig auftretenden -
maschinellen Charakteren nahtlos ergänzt: 'Quicktime
Marketmail', 'Spiritual Consciousness', das hin und wieder
von einer der menschlichen Personen Besitz ergreift,
'Groupthink Psyche', 'Dreamtime Marketmail'... Mensch,
Maschine und geistige Konzepte bewegen sich auf derselben
Ebene, durch ihre Benennung voneinander abgetrennt. Alle
aber haben durch ihre einsame intellektuelle Tätigkeit,
bei der Gedanken und Formulierungen wie
Feuerwerkskörper abgeschossen werden, den Daran wird umso mehr
deutlich, daß für Amerika der Schwerpunkt der
Vernetzung nicht auf der Kommunikation liegt (zumal, wie
Mark Amerika in einem 'Das scheinheilige Selbst'
ist somit die logische Konsequenz aus dieser These. Das
unverwechselbare Subjekt wird sowohl durch die
Konzeptualität der Charaktere, als auch in deren
Aussagen geleugnet - jede gegenteilige Behauptung und
Aufrechterhaltung einer eigenen, genuinen Kreativität
und Unverwechselbarkeit ist im Zeitalter der
offensichtlichen Intertextualität und Vernetzung der
Gedanken pure Scheinheiligkeit. Dies gilt wiederum auch
für das vorliegende Werk, das aus der Zusammenarbeit
mehrerer Künstler entstand (Erik Belgum und DJ Brendan
Palmer zeichnen für die Kompositionen, Anne Burdick und
Cam Merton für Design und Programmierung
verantwortlich), Mark Amerika selbst Der vernetzte Mensch als
Cyborg, dem der Körper nur als Wahrnehmungsapparat
dient, der aber geistig im kollektiven hypertextuellen und
hyperrhetorischen Bewußtsein aufgeht - ist das nun die
Antwort auf die Frage nach der Alternative zum verlorenen
Individuum? Amerika versucht hier zwar, den Tod des Subjekts
im neuen Geist einer vernetzten immateriellen Datenwelt
aufzulösen, zieht sich aber selbst den Boden unter den
Füßen weg, da er über ein Konzept von
Vernetzung um der puren Datendistribution willen nicht
hinauskommt. So tut sich eine merkwürdige Diskrepanz
zwischen der Arbeit mit der Postmoderne und den propagierten
Szenarien auf, die ein gewisses Unbehangen erzeugt: Denn
ohne die Neuformulierung einer ethischen Komponente
erscheinen diese Gedanken allzu flach konstruiert. Der
Theorie-Komposition fehlt die Auflösung in der Utopie -
sie erhebt sich nicht über den Thesencharakter und
bleibt in der assoziativen Collage stecken. Mark Amerika befindet sich
hier noch auf der Stufe der Arbeit mit dem Medium, die in
der Auslotung der technischen Möglichkeiten für
ästhetische Zwecke besteht. Doch interessant und
provokant wird Kunst erst, wenn sie anfängt, gegen ihr
Medium zu arbeiten. Diese Subversion, die es möglich
macht, über den Begriff von Ästhetik als
lebensweltlich abgekoppelter Werkschöpfung
hinauszugehen und die dem Medium inhärenten
Veränderungen, Konflikte und Probleme deutlich zu
machen, fehlt bei Mark Amerika völlig - mehr noch: er
verbaut sie sich durch seine reduktionistische Definition
von Vernetzung als reiner Datendistribution. Damit vergibt
er die Chance, ein wirkliches 'Netz-Werk' zu schaffen, das
sich des Mediums Internet bedient, mit allen drei Ebenen
dieses Mediums - der technischen, ästhetischen und
sozialen - spielt und so die allgemeine Praxis der
Mediennutzung reflektieren und unterlaufen könnte. Denn
gerade im Internet bieten sich durch die Vernetzung die
besten Möglichkeiten für eine Zusammenführung
von sozialen und künstlerischen Räumen, die so der
Kunst neue Sphären der Entlarvung und Dekonstruktion
gesellschaftlicher Zusammenhänge
eröffnet. Die doppelte
Selbstreflexivität von PHON:E:ME - einerseits Werk-,
andererseits Netzwerkreflexion - tut des Guten letztlich
zuviel. Das Wort 'Metafiktion' beschreibt es vielleicht am
besten: Zwar wird entworfen, was Netzkunst alles leisten
soll, dies aber von dem Werk technisch und inhaltlich nicht
eingehalten. Zum einen interagieren beide Komponenten nicht
wirklich miteinander, ihre Performance läuft technisch
unabhängig voneinander ab. Eine engere Kopplung beider
Komponenten würde PHON:E:ME etwas von seiner
theoretischen Schwere nehmen, die es trotz des teilweise
spielerischen Umgangs mit der Sprache hat, und könnte
dann für sich beanspruchen, neue ästhetische Wege
beim Einsatz von Multimedialität gegangen zu sein. So
aber werden die Texte durch die Audio-Files ergänzt
(oder umgekehrt), aber beide bedingen einander
nicht. Von ihrem Anspruch her
sollen die 'hyper:liner:notes' die narrative Praxis neu
definieren: Dieses Ziel verfehlen sie aber letztlich. Die
Verdeutlichung von Sprachrhythmus durch Wort- und
Satzkomposition ist ein formales Element (das in anderem
Rahmen schon von der Onomatopoesie praktiziert wurde), der
Rückgriff auf konventionelle narrative Elemente durch
die Konstruktion von 'Szenen', in denen sich die Charaktere
äußern, wirkt aufgesetzt. Die Gedanken sind
zweifellos interessant, lassen allerdings wirkliche
intellektuelle Innovationen vermissen, und das ständige
selbstreferentielle Kreisen der Texte um das eigene Werk
macht das Lesen mühsam. Anders bei 're:mixes': Die
Audio-Stücke üben eine eigenartige Faszination aus
und sind eine gelungene Komposition aus Sprache und
elektronisch-rhythmischer bzw. meditativer Vertonung. Es
geht dabei nicht um die Erzeugung von musikalischen
Harmonien, sondern tatsächlich um das "surf, sample,
manipulate" von Datenübertragungsgeräuschen,
menschlichen Lautformungen, um die Verfremdung und
Entfremdung der Stimme in den Kabeln - kurz: um die Kreation
einer Netzwerk-Audio-Sphäre. Leider hat PHON:E:ME
insgesamt aber wenig Netzwerkcharakter im 'copyleft'-Sinn:
Es handelt sich letztlich um ein abgeschlossenes Werk, das
der Benutzer nur sehr eingeschränkt beeinflussen kann -
er kann nur den Fluß der Texte auslösen, deren
Reihenfolge aber nicht bestimmen, da sie computergesteuert
variiert wird. Die Audiofiles sind zwar frei als MP3-Files
herunterladbar, das Erscheinen einer separaten CD mit einer
47-minütigen Komposition unter demselben Titel
trägt aber eindeutig Vermarktungsgeist und
unterstreicht zudem die relative Unabhängigkeit von
Audio und Text. An diesem Punkt verstößt Mark
Amerika gegen seine eigenen Thesen und entlarvt sich selbst
als 'phony me': Er hält am abgeschlossenen
Werkcharakter und - trotz der kollaborativen
Entstehungsgeschichte von PHON:E:ME - an seinem
Autorenstatus fest. Es mag sein, daß sein Werk durch
'surf, sample, manipulate' zustande gekommen ist, er gesteht
dieses Recht aber nicht den Lesern/Hörern zu, sondern
fesselt sie mit 'hyper:liner:notes' an die
computergenerierte Textabfolge. Es handelt sich also hier
keineswegs um vernetzte Kunst, weder im technischen, noch im
sozialen Sinne. Der Verkauf einer zusätzlichen CD ist
so nur eine weitere Konsequenz aus diesen
Abgrenzungstendenzen, weist aber den so eifrig proklamierten
Thesen Amerikas nochmal deutlich den Status einer reinen
intellektuellen Spielerei zu. Die angestrebte multimediale
Dekonstruktion des Wortes ist so die einzige der
erklärten Absichten, die dem Werk gelungen ist, - als
vernetztes 'Gesamtdatenwerk' leistet PHON:E:ME jedoch zu
wenig innovative, revolutionäre Arbeit und bleibt auf
der Stufe einer harmlosen Thesen-Collage |