Lassen sie mich statt eines
Statements 7 Thesen vortragen. Sieben, weil das eine
übliche, eingeführte und magische Zahl ist
die 7 Geislein und 7 Tage.
Ich beschäftige mich
seit 1996 theoretisch und praktisch mit Netzliteratur,
Hyperfiction und Hypermedia. Meine Thesen waren und sind
(also) auch Arbeitshypothesen. Ergebnisorientiert werde ich
zu jeder These ein richtig oder falsch ausgeben oder in
Programmiersprache ausgedrückt ein true or false.
Zwischentöne, das Unentscheidbare findet sich im
Unpräzisen und Ungefähren, das durch
Widersprüche entsteht.
Im Internet ist jeder
Leser gleichzeitig Autor, da er über die Links, die er
anklickt, die Textgestalt bestimmt, oder anders
ausgedrückt: er collagiert oder kombiniert beim Lesen
seinen Text, stellt sich beim Lesen seinen Text
her.
Diese These ist falsch, da
das Konzept des Wreaders (also des Lesers = reader, der
gleichzeitig Autor = writer ist), nur als Ideologie
funktioniert. Denn (und ich beziehe mich hier auf
Überlegungen von
Uwe Wirth) genau in
dem Maße, in dem Hypertexte auf eine Struktur, bzw.
auf eine interne Kohärenz verzichten (die von einem
Autor / Autorenkollektiv vorbedacht ist), um sich ganz den
Entscheidungen des Lesers zu öffnen, werden sie
inhalts- und sinnlos. D.h. in einem fiktionalen Text
muß die Entscheidungsmöglichkeit des Lesers immer
durch die Regisseure oder Autoren beschränkt
werden.
Dennoch ist das
traditionelle Konzept des Autors, der ein "Werk" erschafft,
allein durch die technischen Bedingungen und medialen
Möglichkeiten des Internets in Frage gestellt. Die
Tendenz zum Dialog der Künste und Künstler im 20
Jahrhundert, die Reinhard
Döhl
konstatiert, findet im Internet ihre konsequente
Fortführung.
Diese These ist richtig. Als
Konsequenz eines multimedialen Mediums, das sehr gute
Computer- und im Idealfall
Programmierkenntnisse voraussetzt, könnte zwar
letztlich der "uomo universale", das technisch versierte
filmende, malende, schreibende Universal- und Orginalgenie
stehen, ein nun wirklich überholtes Konzept
oder: es entstehen Kooperationen zwischen Programmierern,
Schriftstellern und Künstlern kurz:
kollaborative Kunstwerke.
Der Hyperlink ist das A
und O der Netzliteratur.
Diese These ist falsch. Der
Link ist zwar aktuell das strukturelle und ästhetisches
Mittel zur Gestaltung von fiktionalen Texten im Internet.
Künftig sind aber auch andere Möglichkeiten
denkbar. Die Computer-Maus, die wie ein Wahrheitsdetektor
emotionale Zustände des Benutzers erkennen kann, ist
schon in Arbeit. Akustisch oder optisch gesteuerte
Interfaces ebenfalls. Wenn also Interaktivität ein
Grundmerkmal der neuen medialen Kunstform ist, so findet
diese Interaktivität ihre Beschränkung vor allem
im Interface. Kommt die Emo-Maus, sind beispielsweise
fiktionale Texte denkbar, die auf die emotionalen
Zustände des Lesers reagieren.
Netzliteratur darf nur im
Netz möglich, also nicht verlustfrei auf einem lokalen
Datenträger speicherbar sein.
Diese These ist falsch.
Üblicherweise wird unterschieden zwischen
elektronischem Text, digitalem Text und Netzliteratur. Dabei
wäre das Merkmal des elektronischen Textes, dass er das
Internet nur als neue Distributionsform nutzt, im
übrigen traditioneller, druckbarer Fließtext
bleibt. Digitaler Text wäre Literatur, die den Computer
genuin ästhetisch nutzt, allerdings auf lokale
Datenträger speicherbar ist (wie beispielsweise die
ganze amerikanische Hyperfiction um Michael Joyce). Wahre
Netzliteratur wäre gekennzeichnet durch das
Computernetz als ästhetische Bedingung und einzige
Existenzmöglichkeit.
Letzteres ist mir zu
puristisch. Ich denke auch digitale Literatur kann
Netzliteratur sein. Entweder dadurch, dass sie z.B.
Möglichkeiten von Browsersoftware ästhetisch
nutzt, also von Komponenten der Bildschirmoberfläche,
durch die sich in der Regel das Internet für uns
visualisiert (ich denke hier an Susanne Berkenhegers
Hilfe!
oder Olia Lialinas My
Boyfriend came back from the
war).
Oder wenn sie auch
dann wird für mich digitale Literatur zu
Netzliteratur beispielsweise während des
Entstehungsprozesses zu den Bedingungen des Internets
kommuniziert, etwa per E-mail kollaborativ erarbeitet wurde
oder, als "work in progress" in einer Mailingliste oder auf
einer Webpage veröffentlicht, sich der Diskussion
stellt. Last but not least kann auch durch den
Rezeptionsprozess digitale Literatur zu Netzliteratur
werden.
Das, was wir als
ästhetisches Produkt auf dem Bildschirm zu sehen
bekommen, hat, wenn es Netzkunst ist, zwei weitere Ebenen,
eine technische (Programmierung) und eine soziale
(Interaktion der Nutzer).
Das ist absolut richtig,
stammt als These von Reinhold Grether, der diese drei Ebenen
Desk, Tech, Soz genannt hat. Dabei
können diese Ebenen jeweils ein verschiedenes Gewicht
bekommen. Der letztweihnachtliche etoy
/ etoys-Konflikt, bei dem eine Internetfirma gegen eine
Künstlergruppe vorzugehen versuchte und durch den
"Toywar", einer Straf-Performance der Netz-Community, die
Hälfte ihres milliardenschweren Börsenwertes
einbüßte, dieser "Toywar" gerade beim Prix
Ars Electronica mit einer lobenden Erwähnung
ausgezeichnet hat aufs eindrucksvollste die Bedeutung
der Soz-Ebene bestätigt. Dass Reinhold
Grether diesen
Toywar
im Rückgriff auf Beuys als soziale Plastik bezeichnete,
führt weiter zur nächsten These.
Internetkunst reaktiviert
alte Avantgardekonzepte.
Erstaunlich aber wahr. Ein
gutes, altes Avantgardekonzept ist die
Selbstreferentialität. Also die Untersuchung der Mittel
der Kunstproduktion und ihre Reflexion. So rückte im
Impressionismus die Farbe ins Zentrum der
künstlerischen Auseinandersetzung, der Kubismus
thematisierte die Bildoberfläche oder Nam June Paik
untersuchte alles, was man mit dem Videomonitor nicht machen
sollte etc. ...
Im Netz visualisiert
Lisa
Jevbrett mit
großem Programmieraufwand die technischen
Infrastruktur des Internets. Netzkunstduo Jodi
wurde von seinem Provider vor die Tür gesetzt, weil es
mit einem Javascript die Surfsoftware der virtuellen
Besucher zum Tanzen brachte. Es gibt als Kunstprojekt einen
Webshredder,
der auf Wunsch jede wohlgeordnete Website durch den
virtuellen Fleischwolf dreht, oder den Assoziationsblaster,
Gewinner beim letztjährigen Ettlinger
Literaturwettbewerb, der sich durch "Materialprüfung"
auszeichnet, wie Tilmann
Baumgärtel das
ironisch nennt. Beim "Assoziationblaster" wird die
assoziative Verknüpfung des Hyperlinks zum
Thema.
Netzliteratur ist
lesbar.
Ja natürlich!
Allerdings unter der Voraussetzung, dass mit dem genuinen
Material des Netzes gearbeitet wird als Ausdrucksmittel
für Inhalte. Selbstreferentielle Ironiespiele
(Beispiel: der Assoziationsblaster)
erschöpfen sich meines Erachtens ebenso schnell, wie
bloße Illustrierungen von postmoderner
Theorie.
Kurz: die Notwendigkeit der
Kongruenz von Inhalt und Form gilt auch im Internet. Und als
gutes Beispiele für eine so gewonnene Lesbarkeit
möchte ich abschließend nochmals auf Susanne
Berkenhegers Projekt Hilfe!
verweisen, das gerade durch die Kongruenz von Inhalt und
Form überzeugt. Michael
Charlier hat in
seiner Laudatio zum Ettlinger Literaturwettbewerb sehr
richtig hervorgehoben, dass der Bildschirm der Lebensraum
von Hilfe!
ist und dass die Windows und Rahmen vor unseren Augen zu
Personen werden, die miteinander reden und jeweils ihre
eigene Geschichte erzählen.