|
|
Michael
Böhler
Stichworte zu den Ausgangsthesen des
Rundgesprächs
These I
In Anlehnung an Lichtenbergs
Aphorismus, wonach die Begriffe immer wieder
überprüft werden müssen, weil die Sachen sich
ändern und die Wörter stehenbleiben, sollten im
Umgang mit den neuen Netzkunstformen von Hypertext und
Hyperfiction jeweils auch die Begriffskategorien, mit denen
sie beschrieben werden, einer Überprüfung auf ihre
Angemessenheit und Tragfähigkeit unterzogen
werden.
Dies gilt vor allem für
jene beliebten binären Oppositionsbegriffe wie z.B.
>linear< / >nicht-linear<, mit denen das Neue
der literarischen Netzkunst vom Alten der bisherigen
Literatur als etwas ganz Anderes abzugrenzen versucht wird.
Dazu weitere Thesen:
These II
Kultursoziologisch
betrachtet ist die Einordnung von Hyperfiction in das
Musterschema >Avantgarde< /
>Arrièregarde< ein problematisches Verfahren.
Denn dadurch werden die neuen Produkte in ein vorhandenes
Ensemble von Literatur und in den sozialen Raum eines
bestehenden literarischen Feldes eingereiht, aus deren Warte
sich dann ihre relative Position zum Gegebenen und im
Gegebenen bestimmen soll.
Indessen zeigt sich
möglicherweise gerade an den literarischen Formen der
Internetliteratur und der Hyperfiction besonders deutlich
jene Entwicklungstendenz der "kulturellen Segmentierung" und
der "Entvertikalisierung der Alltagsästhetik",
1
die Gerhard Schulze in seiner Kultursoziologie der Gegenwart
diagnostiziert hat der Tatbestand nämlich, dass
die Gegenwartskultur in unterschiedlichste Kulturmilieus
zerfällt, die nicht nur nicht mehr hierarchisch
aufeinander bezogen werden können und deren
Produktionen damit auch nicht mehr in ihrem Verhältnis
zu andern Kulturprodukten als mehr oder weniger neu bzw.
avanciert beurteilbar sind, sondern die weitgehend
losgelöst voneinander ihre je eigenen kontingenten
Ästhetiken und Geschmackskulturen pflegen und
entwickeln. 2
Das heisst dann aber auch,
dass eine neue, avantgardistische Kunstpraxis nicht mehr
notwendigerweise in ein bestehendes Kulturmilieu integriert
wird als deren >Neues<, sondern dass sie ein neues
Kulturmilieu bildet. Trifft dies zu, so wäre
Internetliteratur als Literaturpraxis und Kulturmilieu sui
generis zu betrachten und nicht als Fortschreibung eines
Alten mit neuen Mitteln.
These III
Strukturell wichtigste
Merkmale des Kultur- und Literaturmilieus der
Internet-Literatur und der Netzkunst sind ihre
- >Transversalität<
und
- >Transfugalität<.
Als
>transversal< hat Wolfgang Welsch in seiner
Philosophie der zeitgenössischen Vernunftkritik zwar
allgemeine Denk- und Gestaltungsformen der
Gegenwartsgesellschaft bezeichnet, die nun freilich im
Kontext von Internetliteratur und Hyperfictions nicht mehr
bloss metaphorisch zu verstehen sind, sondern geradezu
strukturbildenden Charakter haben, nämlich: "Denkformen
des Gewebes, der Verflechtung, der Verkreuzung, der
Vernetzung" statt der "alten Denkweisen sauberer Trennung
und unilinearer Analyse".
3
Und was Welsch in der
Sphäre der Kunst als ansatzweise Tendenzen dieser neuen
Denkformen ausmacht, das gilt wortwörtlich und
konstitutiv für die Internetliteratur als literarisches
Genre und kulturelle Praxis schlechthin: Eine "geradezu
auffallende Bereitschaft, die neue Verfassung [des
Denkens] zu erproben und ihr Ausdruck zu verleihen"
sowie die "künstlerischen Gestaltungen [...]
als Darstellungsexperimente von Pluralität und
Transversalität", als "Hybridformen" aufzufassen;
ferner die "Verkreuzung unterschiedlicher Codes":
Diese bleiben dabei
zwar im einzelnen klar erkennbar, aber keiner von ihnen
trägt allein durch die Gesamtgestalt hindurch, so
daß Übergängigkeit zwischen den Codes zur
Elementarverfassung der Gestaltung und zur Bedingung
ihrer Rezeption wird. Das Ganze besteht aus einer
Mehrzahl möglicher Durchgänge und
Übergänge. Das Geregelte, in Teilen auch
Übergeregelte, an Gelenkstellen aber immer auch
schon ein Stück weit Entregelte nimmt insgesamt
Züge des Ungeregelten und Unfaßlichen an.
Polyregularität ohne Totalitätsregel so
könnte man diese Struktur bezeichnen.
4
Mit dem zweiten Begriff, dem
des >Transfugalen<, soll der Tatbestand der
transitorischen Flüchtigkeit umschrieben werden, der in
mehrfacher Hinsicht die neue Literaturform
bestimmt:
Auf der Ebene des materialen
Datenträgers hat die elektronische Basis der Texte in
Form binärer Datenspeicherung und die generelle
Unkontrollierbarkeit des Mediums Internet zur Folge, dass
die einzelnen elektronischen Texte und Werke ebenfalls
höchst flüchtigen Charakter annehmen.
>Speichern< und >Löschen< bestimmen
über Verfügbarkeit oder Verlust, über
Präsenz oder Absenz der elektronisch gesicherten Daten,
die den Text der elektronischen Werke
konstituieren.
So sind denn viele der
Texte, welche die ersten Gehversuche von Hyperfictions
repräsentierten, schon jetzt wieder von den
Server-Computern gelöscht, mithin aus dem Raum der
Internetliteratur verschwunden und einer weitern Rezeption
unwiderruflich entzogen. Die bereits getilgten Texte
hinterlassen zwar im Netz meist Spuren, doch eine komplette
Regenerierung erweist sich wenn die Texte nicht auf
einem separaten Datenträger gespeichert wurden
oft als nicht mehr möglich. So ist der
Internetliteratur und den Hyperfictions der prekäre
Status des Flüchtigen, einer steten Fluchtbewegung
durch das Medium Internet hindurch eingeschrieben, das sie
gleichsam nur temporär passieren; im Sinne von Gilles
Deleuze und Claire Parnet liesse sich auch von einem steten
Prozess der >Deterritorialisierung<, der
temporären >Reterritorialisierung< und erneuten
>Deterritorialisierung< sprechen.
5
Aber nicht nur auf der
materialen Ebene des Mediums gilt dieses Konstitutionsmoment
des Transfugalen; es bestimmt auch die Modalitäten des
Umgangs, der Produktion und der Rezeption, ebenso wie der
Textstruktur: Ihnen allen ist die Bewegung der Durch-Flucht
eingezeichnet.
These IV
Ästhetisch betrachtet
ist Hyperfiction weniger eine neue literarische Textform als
eine neue Lektüreweise und ein neues
Text-Leser-Verhältnis. Darin wird der Ort des
literarischen "Theaters" aus dem Gehirn-Innenraum mentaler
Prozesse in den äussern Interaktionsraum sensorieller
Wahrnehmungs- und haptischer Selektionshandlungen verlagert.
Aus der stillen Kontemplationslektüre wird die bewegte
Perfomance-Lektüre Hyperfiction: die
Externalisierung des Imaginären.
So kann zum Beispiel die
über unterschiedliche Typen von Verknüpfungen
hergestellte Variations- und Permutationsstruktur eines
Hypertexts neben ihrer unmittelbar fassbaren Funktion des
Angebots verschiedener narrativer Parcours durch ein
Handlungs- oder Ereignisgeschehen auch als externalisierte
Bereitstellung eines mehrfachen Schriftsinns betrachtet
werden, wie ihn der traditionelle Leser in der Textdeutung
gemäss den hermeneutischen Grundregeln aus seinem
kulturellen Repertoire innerlich abrief und durchspielte.
Oder die häufig anzutreffende interaktive Spielform des
Hypertexts bzw. seine Verschmelzung mit Adventure Games etc.
externalisiert den hermeneutischen Prozess des Verstehens
als Hin und Her eines Sinngebungsentwurfs und seiner
laufenden Anpassungen bzw. Abwandlungen in der
fortschreitenden Lektüre und "entmetaphorisiert" damit
die Rede vom Spielcharakter des Verstehensprozesses im Sinne
Gadamers und der Rezeptionsästhetik.
________________________________________________
==>
Jürgen
Daiber
/ top
/ Rundgespräch
/ index-Forum
1
Schulze, Gerhard: Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie
der Gegenwart. Frankfurt a.M.: Campus Verlag 1993,
S.166f.
2
vgl. dazu auch: Herrnstein Smith, Barbara: Contingencies of
Value: Alternative Perspectives for Critical Theory.
Cambridge, Mass. & London: Harvard University Press
1988: "Since the relativist knows that the conjoined systems
... of which her general conceptual taste and specific
conceptualization of the world are a contingent function are
probably not altogether unique, she expects some other
people to conceptualize the world in more or less the same
ways she does ... She may have found it worth her while to
seek out such fellow relativists, to promote conditions that
encourage their emergence, and, where she has had the
resources, to attempt to cultivate a few of them herself:
>worth her while< because, since she cannot herself
live any other way, she's glad for a bit of company."
(184f.)
3
Welsch, Wolfgang: Die zeitgenössische Vernunftkritik
und das Konzept der transversalen Vernunft. Frankfurt a.M.
1996, S.774.
4
Ebd. S.775.
5
Deleuze, Gilles / Parnet, Claire: Dialogues. Paris 1977;
dt.: Dialoge. Frankfurt a. Main 1980. Was hier im Kap. II
als die Überlegenheit der anglo-amerikanischen
Literatur gegenüber der kontinental-europäischen
beschrieben wird, kann strukturell tel quelle für
Internetliteratur und Hyperfictions in Anspruch genommen
werden: "Die anglo-amerikanische Literatur ist eine
fortwährende Darstellung dieser Brüche, dieser
Figuren, die ihre Fluchtlinie und sich selbst kraft der
Fluchtlinie erschaffen. [...] Da ist Abreise,
Werden, Übergang, Sprung, Leidenschaft, Blick nach
draußen. Sie schaffen eine neue Erde. Doch ist es
gerade nicht ausgeschlossen, daß die Bewegung der Erde
die Deterritorialisierung selbst ist. Die amerikanische
Literatur folgt geographischen Linien: die Flucht nach
Westen, die Entdeckung, daß der wahre Osten im Westen
ist, das Gespür für Grenzen als für etwas,
das überschritten, zurückgedrängt, aufgehoben
werden muß." (S. 45)
|
|