Erstens: Inwieweit
unterscheidet sich traditionelle Literatur, wie sie uns in
Buchform vorliegt, im Hinblick auf den Darstellungs- und
Rezeptionsmodus der Linearität von
Hyperfiction-Literatur? Zweitens: Aus
literaturwissenschaftlicher Perspektive wesentlich
interessanter ist die Frage, wie diese vorgebliche
Nicht-Linearität der Hyperfictions mittels oben
genannter Kriterien den Akt der Rezeption
beeinflußt. Hier spalten sich die Lager.
Netzpuristen wie Idensen oder Bolz sehen durch den Hypertext
die Mythen der Textgesellschaft geschlossener Text,
feststehende Autorenschaft, Legitimation der Poesie im
Kontext der sinnstiftenden Meta-Erzählungen ad
absurdum geführt. Dies klingt provokant und im 21.
Jahrhundert gehört mehr denn je Klappern zum Handwerk.
Auf die empirische Basis hin abgeklopft, kommt derartige
Argumentation erstaunlich schwachbrüstig daher. Unklar
ist eben aufgrund zu weniger empirischer Studien
inwieweit die vernetzte Wissensrepräsentation
den Akt der Rezeption tatsächlich erweitert.
Herauszukristallisieren beginnt sich immerhin, daß die
nicht-lineare Form der Wissensorganisation vor allem jener
Rezipientengruppe zugute kommt, die a) über einen hohen
Stand an Vorwissen in dem digital aufbereiteten
Wissensgebiet verfügt und b) Handlungskompetenz im
Navigieren durch die Datenbasis eines Hypertextes
besitzt. Drittens: Ist nun die
Linearität der Erzählung tatsächlich jener
Fluch, den Hyperfiction nicht schnell genug abschütteln
kann? Entspricht sie nicht eher einem zutiefst
verinnerlichten menschlichen Wahrnehmungmodus? Bedeutet
Verzicht auf lineare Struktur nicht zugleich auch Verzicht
auf die Gabe der Erzählung? Aus hermeneutischer
Perspektive gilt der bekannte Grundsatz, daß
Rezipienteninteresse nur über eine schrittweise Abnahme
der Erkenntnisdifferenz zwischen Text und Rezipient zu
leisten ist. Der Leser unterzieht sich nur dann der
Mühe der Rekonstruktion einer ihm unbekannten
Weltversion, wenn ihm der Text dieses Wechselspiel von
Bekanntem und Unbekanntem, von kontingenten und
kohärenten Bausteinen bietet. Nur Bekanntes langweilt,
nur Codiertes nicht minder. Was sich dazu dem mehrmaligen
Versuch einer Sinnkonstruktion verweigert, wird gnadenlos
weggeklickt, daran wird sich auch oder vor allem
Netzliteratur zu orientieren haben. Bereits Umberto
Eco hat in seiner berühmten Definition des offenen
Kunstwerks darauf aufmerksam gemacht, daß der Versuch,
mehrere Bedeutungsebenen zu konzipieren und den Text dadurch
zu "öffnen", stets mit der Gefahr gekoppelt ist,
über einen zu starken Verzicht auf Linearität, in
diesem Falle einen Kausalnexus innerhalb der Handlung, das
Leserinteresse zum Erlahmen zu bringen. Einfacher ausgedrückt:
Wo wir in der Erzählung mittelfristig keinen roten
Faden finden, werfen wir das Knäuel in die
Ecke. Prognose: Sie sollten mit dem linken
Bein die Chancen des Mediums Computer Multimedia,
Hypertext nutzen. (Ob Interaktivität, also
Mitschreibprojekte als praktizierte Basisdemokratie im Reich
der Ästhetik sich als Qualitätsmerkmal von
Netzliteratur durchsetzen werden, würde ich bezweifeln.
Wenn hundert schmachtende Jünglinge sich zusammentun
und der Tastatur ihre literarischen Phantasien
einbläuen, werden unter Umständen interessante
Dada-Konstruktionen entstehen, sicher aber kein zweiter
Don Carlos.) Das rechte Bein des
Hyperfiction Garde sollte den Boden der guten alten
Erzähltradition zumindest noch berühren. Anders
gesagt: Ich sollte einmal beherrscht haben, womit ich zu
brechen gedenke: Erzählpositionen,
Zeitverhältnisse, Figurenkonstellationen,
Motivgeflechte etc. ...). Allzuoft verbirgt sich hinter dem
revolutionären Gestus, mit jeglicher Form zu brechen,
bei den Netzautoren fehlende Gestaltungskompetenz. Aber das
Medium ist noch jung und der digitale Schiller wird nicht
jede Woche geboren. Ein Bein mit
Bodenberührung, das andere im Hypertext, den Kopf in
den Lüften die Zukunft besteht aus Null und
Eins.
Hyperfictions werden daher wollen Sie eine Zukunft
haben sich einem Spagat unterziehen
müssen.
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Reinhard
Döhl
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