Voraussetzungen
(1)
Zu Beginn des 20.
Jahrhunderts werden für die Künste entscheidende
Weichen gestellt durch
- die Forderung einer
unpersönlichen Dichtkunst durch
Lautréamont;
- Lautréamonts
Prognose eines von den Dichtern in Folge der neuen Medien
cinéma und phonographe zu
schreibenden sichtbaren und hörbaren Buches der
Zukunft;
- eine Tendenz zum
Dialogischen der Künste, zu Gemeinschaftsarbeiten
bis zu Ansätzen kollektiver Kunst;
- Versuche automatischen
Schreibens und
- die Entdeckung des
Zufalls.
Und man sollte diese
Voraussetzungen mitbedenken, wenn man über die Genese
der elektronischen Medien und ihrer Künste sprechen
will.
Voraussetzungen
(2)
Bei Entwicklung der
Künste in 20. Jahrhundert spielen die elektronischen
Medien ihre Rolle in einer Doppelfunktion als Aufzeichnungs-
bzw. Übermittlungssysteme (reproduktiv) ebenso wie
(produktiv) bei Fortschreibung traditioneller und der Genese
neuer >Gattungen<, z.B. des Films, des Hörspiels,
des Hypertextes.
Dabei ist es nach der
historischen Abfolge Mündlichkeit / Schriftlichkeit,
heute zu einem Nebeneinander von Mündlichkeit (Rundfunk
/ akustische Kunst) und Schriftlichkeit (Internet /
Netzkunst) gekommen.
Die Hervorbringungen dieser
neuen Mündlichkeit und Schriftlichkeit haben in der CD
ein gemeinsames Medium gefunden. Die These, eine solche
Aufzeichnungsmöglichkeit spräche gegen die
Originalität eines richtig verstanden nur im und durch
das Netz relevanten Netztextes / relevanter Netzkunst
[u.a. Florian Cramer], schüttet das Kind vor
dem Bade aus.
Der Hypertext ist nicht die
einzige Möglichkeit produktiver Internetnutzung, wohl
aber die noch dominierende literarische Gattung. Solche
Hypertexte ohne Bild, Ton, Animation (im Sinne der von
Michael Joyce und anderen entwickelten Hyperfiction)
zeichnen sich durch eine häufig recht komplexe, oft
nicht-lineare Struktur aus, auf deren Grenzen u.a. von Bernd
Wingert ("Aufmerksamkeitsverschiebung") und Johannes Auer
hingewiesen wurde
Auf der anderen Seite sind
unseren Stuttgarter Experimenten für multimediale
scriptgesteuerte Netzwerke mit gleichen oder aussagebestimmt
wechselnden Anteilen an Text, Bild, Ton, Animation durch die
noch bestehenden technischen Beschränktheiten deutlich
Grenzen gesetzt.
Netztext / Netzkunst in
ihrer ans Medium gebundenen Form sind eine Fortschreibung
von Computertext / Computerkunst. Letztere entstanden, als
man sich einigte, daß es bei den
programmgesteuerten, elektronischen Rechenanlagen nicht
entscheidend sei, was die Maschine tue,
entscheidend dagegen, wie man die Funktion der
Maschine interpretiere [Theo Lutz]. Dieser
Schritt einer Uminterpretation erfolgte, als Ende der 50er
Jahre in Stuttgart das Verfahren der Herstellung von
Wortindices umgekehrt und der Computer angewiesen wurde,
mit Hilfe eines eingegebenen Lexikons und einer Anzahl
von syntaktischen Regeln Texte zu synthetisieren und
auszugeben. Experimente, die sich Ende der 60er Jahre in
ihren Möglichkeiten erschöpften.
Sie hatten ihre Entprechung
in der Etablierung und Diskussion einer konkret-visuellen
Poesie und Kunst, die ebenfalls Ende der 60er / Anfang der
70er Jahre mit den großen (Wander)Ausstellungen in
Zürich, Amsterdam und Stuttgart museal
wurden.
Heute scheint die
Netzliteratur und -kunst diese beiden Ansätze auf einer
neuen Basis zusammenführen und weiterentwickeln zu
können.
Ich muß hier
einschränken, daß Netztext / Netzkunst kein
Spezifikum des Internets sind. Vernetzte Literatur hat es
vor dem Netz gegeben und sie kann außerhalb des Netzes
existieren
- in Form von Netzen, die
ein Autor auswirft und in denen sich der Leser (in dessen
Kopf ja das Buch beim Lesen je neu entsteht) auf
vielfache Weise und oft überraschend neu verstricken
kann (was für die Fußnotenprosa eines Jean
Paul ebenso gilt wie für die Zettelkastenwirtschaft
eines Arno Schmidt).
- oder in Form der
Korrespondenz des zum Renshi mutierten
altehrwürdigen japanischen Kettengedichts oder in
der mail art.
Wir haben deshalb in
Stuttgart auch versucht, auf der Basis von e-mails
Internettexte zu entwickeln, vernetzte Autoren-Projekte
aufzubauen, oder die Spielregeln des Schachspiels für
das Netz produktiv zu machen.
Bei diesen
Versuchen
- ist der Autor nicht
wie immer wieder behauptet oder für die
Zukunft angenommen im Netz verschwunden, er hat
sich vielmehr, vergleichbar wichtigen
Hörspielmachern seit Ende der 60er Jahre, neu
definiert: u.a. als Materiallieferant, Programmierer und
Manipulateur,
- ist auf der anderen
Seite der Leser nicht zum Wreader sondern zum Mitspieler
geworden, der sich als gesteuerter Navigator neu
verstehen lernen muß. Es liegt im Willen des im
Netz agierenden Autors, wie weit er dem Leser freie Hand
geben, einen Dialog mit ihm inszenieren will. Eine Frage,
über die Susanne Berkenheger ausführlich
nachgedacht hat.
Alles ist möglich.
Alles ist erlaubt
Wenn nach der ersten
Aufgeregtheit der >Gründerjahre<, z.B. in den
projezierten Thesen zur heutigen Gesprächsrunde, von
nicht erfüllten Hoffnungen gesprochen wird, geschieht
dies voreilig, wird vergessen, daß es sich beim
Internet und seiner Schreib- und Lesemaschine um ein Medium
in statu nascendi handelt, das sich eigene Gattungen zu
seinen Bedingungen erst einmal entwickeln will. Zwischen
welchen Positionen dies geschehen kann, versuche ich mit
Blick auf das ältere akustische Medium Rundfunk
anzudeuten.
Helmut
Heißenbüttel hat in seinem berühmten
"Horoskop des Hörspiels" 1968 mit der bis dato
gültigen Auffassung des Hörspiels als Literatur
aufgeräumt. Und er hat dabei an ein völlig frei
disponierbares Hörspiel zwischen
Auseinandersetzung, Kritik, Tabuverletzung, Schock usw.
als purem Inhalt auf der einen und an Laut- und
Geräuschpoesie auf der anderen Seite gedacht
eine Poesie, die ja ebenso wie vernetzte Texte oder
konkret-visuelle Poesie ihre Geschichte zunächst
außerhalb des Mediums schrieb.
Was, übersetze ich
Heißenbüttels abschließende These, an
Möglichkeiten des Internettextes heute zeig- und lesbar
gemacht wird, bestimmt, was es darauf aufbauend
künftig an Möglichkeiten überhaupt
geben kann. Denn es kann nur das geben, was zeig- und lesbar
gemacht werden kann. In dem Spannungsfeld zwischen purem
Informationsfluß auf der einen und Hyperfiktion,
animiertem und/oder animierbarem interagierendem und/oder
interagiertem Text zwischen Schrift und Bild in
Bewegung also ist dabei experimentell alles
möglich, ist versuchsweise alles erlaubt.